Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 93 von 103

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Petersburg

Der Privatmann

sahen ihn diese Augen aus einer schwarzen Haarflut an.

Aber kaum hatte er ihnen seinen Blick zugewandt, da sahen sie weg, und es

ertönte der Ruf:

»Ach, ach!«

Sofja Petrowna sah: ihr Gatte, der Offizier, mit schweißbedecktem Gesicht,

bemühte sich krampfhaft, den Überwurf des Nikolai Apollonowitsch

festzuhalten, während dieser ebenfalls mit vor Schweiß feuchter Stirn sich zu

entwinden suchte. Seine Stiefelabsätze stemmten sich gegen den Teppich,

rutschten aus, und der Teppich zog sich in große Falten zusammen.

Hier hatte Ableuchow Sofja Petrowna erblickt; weinerlich rief er ihr zu:

»Bitte, Sofja Petrowna, lassen Sie uns allein; was wir Männer miteinander

. . .«

Da löste sich sein Überwurf von ihm und flog wie ein phantastischer Vogel

auf das Sofa.

Seine Absätze glitschten auf dem Teppich aus, und einen Augenblick verlor er

das Gleichgewicht; balancierend suchte er irgendeinen festen Punkt zu

erhaschen; dieser feste Punkt erwies sich aber als die nichtgeschlossene Tür zu

Lichutins Zimmer; die Tür öffnete sich und wie ein Stein fiel Ableuchow nieder:

das Unbekannte verschlang ihn.

 

Der Privatmann

 

Endlich erhob sich Apollon Apollonowitsch.

Er blickte seltsam unruhig um sich; er riß sich von dem Stoß übereinander

gehäufter Papiere los: von den Notabenen, Paragraphen, Frage- und

Ausrufezeichen; kalt bebte und hüpfte die Hand mit dem Bleistift — über dem

vergilbten Blatt auf dem Perlmuttertischchen; der Stirnknochen wölbte sich in

gewaltsamer Anstrengung: es hieß zu begreifen, um jeden Preis zu begreifen.

Und er — begriff.

Der lackierte Wagen mit dem Wappen wird nicht mehr an die alte, steinerne

Karyatide heransausen; nichts wird sich dort, hinter der Glastür, ihm entgegen,

erheben: weder die achtzigjährige Schulter, noch der Dreimaster und der

kupferköpfige Stab; aus den Ruinen wird nicht Port Arthur entstehen; aber

erheben wird sich China; horch! — tönt nicht ein Stampfen aus der Ferne? Das

sind — die Reiter des Tschingis-Khan.

Apollon Apollonowitsch horchte auf: aus der Ferne kommt das Stampfen; nein, es ist kein Stampfen: Ssemjonytsch schreitet durch die kalt glitzernde

Pracht der Zimmer; herein kommt er, sieht sich um und geht weiter.

Die Schritte des alten Ssemjonytsch verklangen.

Apollon Apollonowitsch liebte seine große Wohnung nicht, mit der ewigen

Perspektive der Newa: eine grünliche Schar zogen dort die Wolken dahin:

zuweilen verdichteten sie sich zu gelblichem Rauch, der sich dann auf die Ufer

legte; die dunkle Wassertiefe schlug mit dem Stahl ihrer Schuppen an den

Granit; Apollon Apollonowitsch sah sich um: diese Wände! Hier wird er

sitzenbleiben, für lange Zeiten, mit der Perspektive auf die Newa. Das ist sein

Familienherd; der öffentliche Dienst ist beendet.

Was ist dabei?

Wände — Schnee und nicht Wände! Ja, gewiß, sie sind etwas kalt . . . Was ist

dabei? Familienleben — schon gut: Familienleben; d. h.: ja gewiß: Nikolai

Apollonowitsch ist ein schrecklicher — ja, sozusagen ein schrecklicher . . . und

dann: Anna Petrowna, die auf ihre alten Tage . . . weiß Gott wozu, sich

gewandelt hat!

Mm — mmä . . .

Apollon Apollonowitsch drückte fest den Kopf mit den Händen; seine Blicke

starrten in die prasselnde Glut des Kamins: müßige Spiele des Gehirns!

Sie liefen weiter — die Gedanken, liefen über, die Grenze des Bewußtseins

hinaus: dort türmten sie sich zu einem Berg chaotischer Bilder; Nikolai

Apollonowitsch tauchte dort auf — klein gewachsen, mit forschend blauen

Blicken und einem Knäuel mannigfachster (das muß man schon zugeben)

geistiger Interessen, bis zum Äußersten verworrener.

Und es tauchte ein Mädchen auf (seitdem sind schon — dreißig Jahre

verflossen); eine Schar Anbeter; unter ihnen ein in besten Jahren stehender Herr,

Apollon Apollonowitsch Ableuchow, bereits ein höherer Beamter und ein

hoffnungslos Verliebter.

Und — die erste Nacht; das Grauen in den Augen der mit ihm allein

gebliebenen Gefährtin — der Ausdruck des Ekels, der Verachtung, verborgen

unter dem ergebenen Lächeln der Duldenden; in jener Nacht hatte Apollon

Apollonowitsch Ableuchow, ein bereits hochgestellter Beamter, einen

verbrecherischen, formell erlaubten Akt begangen: er hatte ein Mädchen

vergewaltigt; diese Vergewaltigungsakte geschahen Jahre hindurch; und in einer

solchen Nacht wurde Nikolai Apollonowitsch gezeugt — zwischen zwei

verschiedenen Lächeln: zwischen dem Lächeln der Wollust und dem der

Ergebenheit; ist es verwunderlich, daß Nikolai Apollonowitsch dann die

Mischung aus Verachtung, Angst und Wollust in sich verkörperte? Sie hätten

sogleich beide an die Aufgabe gehen sollen: das von ihnen gezeugte Grauen zu erziehen, das Grauen zu vermenschlichen.

Sie aber fachten es noch mehr an.

Und nachdem sie selbst dieses Grauen bis zum Äußersten trieben, flüchteten

sie sich alle selbst vor dem Grauen: Apollon Apollonowitsch in die hohe

Verwaltung, in der die Schicksale Rußlands bestimmt wurden; Anna Petrowna

— zur Befriedigung ihrer erwachten Geschlechtstriebe zu Mantalini (dem

italienischen Sänger); Nikolai Apollonowitsch in die Philosophie; und von dort

in die Versammlungen von Abiturienten nicht existierender Hochschulen. Ihr

heimischer Herd verwandelte sich in eine Stätte der Verwüstung.

An diese Stätte wird er jetzt nun wieder zurückkehren; statt Anna Petrowna

wird ihm nur die geschlossene Tür zu ihren Appartements entgegensehen, falls

sie nicht die Lust verspüren wird, in seine Verwüstung zurückzukehren; die

Schlüssel zu diesen Appartements hat er bei sich (zweimal war er in diesen Teil

des kalten Hauses getreten, um dort ein Weilchen zu sitzen; beide Male hatte er

Schnupfen davongetragen).

Statt des Sohnes aber wird er ein Auge erblicken — ein zwinkerndes,

ausweichendes Auge — groß, leer und kalt, von kornblumenblauer Farbe; ein

halb diebisches, halb grenzenlos erschrockenes; in diesem Auge wird sich das

Grauen verbergen — jenes Grauen, das sich in den Augen der Neuvermählten

gemalt hatte, in jener Nacht, da Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der hohe

Beamte, zum erstenmal . . .

Wenn er sich nicht mehr im Staatsdienst befinden wird, können auch die

anderen Paradezimmer geschlossen werden; nur der Korridor wird offenbleiben

mit den anschließenden Räumen für ihn und den Sohn: sein ganzes Leben wird

sich auf den Korridor beschränken; seine Pantoffel werden dort schlürfen; und

dann wird es noch geben: Zeitunglesen, das Verrichten körperlicher Notdürfte,

das unvergleichliche Örtchen und die Fertigstellung der Lebensmemoiren.

Ja, ja, ja!

Und die Tür, die zum Zimmer des Sohnes führt — davor wird er

stehenbleiben und — durchs Schlüsselloch hineingucken, dann aber, bei jedem

verdächtigen Geräusch — zurückspringen; oder nein, er wird an einer passenden

Stelle ein Loch durch die Wand bohren, und — seine Mühe wird belohnt

werden: das Zimmertreiben seines Sohnes wird vor seinen Blicken offenliegen

wie der Mechanismus einer aus dem Gehäuse entfernten Uhr. Von diesem

Beobachtungspunkt aus wird er andere als staatliche Interessen verfolgen

können.

Und doch wird alles nur sein:

»Guten Morgen, Vater!«

»Guten Morgen, Kolenka!«

Und jeder wird dann in sein eigenes Zimmer gehen.

Dann — dann: der Schlüssel wurde umgedreht; er schleicht sich zu der Stelle

an der Wand, wo sie durchbohrt ist, um zu sehen; horchen, zuweilen zittern,

zusammenfahren in Erwartung des sich ihm eröffnenden Geheimnisses; in

welcher Weise wird sich die Vertraulichkeit zwischen Nikolai und jenem, mit

dem Schnurrbärtchen, äußern; in der Nacht wird er dann, die Decke von sich

werfend und den schweißbedeckten Kopf vorstreckend, über das Gehörte

grübeln, wird Oblaten zu sich nehmen, um die schmerzhaften Schläge des

Herzens zu beschwichtigen, und wird zum unvergleichlichen Örtchen rennen:

mit den Pantoffeln durch den Korridor schlürfen . . . bis ein neuer Morgen graut.

»Guten Morgen, Vater!«

»Guten Morgen, Kolenka!«

Das ist das Leben eines Privatmannes.

Ein unüberwindlicher Drang trieb ihn, in das Zimmer des Sohnes zu treten;

schüchtern knarrte die Tür: er war im Empfangszimmer; er blieb an der Schwelle

stehen; ganz klein, greisenhaft; er zupfte an den himbeerroten Schnüren seines

Morgenrockes und betrachtete das Durcheinander, das hier herrschte: den

Vogelkäfig mit den Papageien, das arabische Taburett mit Inkrustation aus

Elfenbein und Kupfer; dann die Geschmacklosigkeit: den roten Domino, dessen

üppige Falten wie Feuergarben oder fließende Hirschgeweihe vom Taburett

herunterquollen, direkt zum Leoparden hinunter, der auf dem Boden mit

fletschendem Maul ausgestreckt lag; Apollon Apollonowitsch stand eine Weile,

kaute mit dem leeren Mund, kratzte sich das wie mit Reif bedeckte Kinn und

wandte sich voll Abscheu ab (er kannte ja die Geschichte mit der Maske).

Apollon Apollonowitsch schien es, als wenn es hier schwül wäre; statt mit

Luft war die Atmosphäre hier mit Blei angefüllt; als wären hier furchtbare,

unerträgliche Gedanken gedacht worden . . . Ein unangenehmes Zimmer! Und

eine unangenehme Atmosphäre! . . .

Da — ein leidvoll lächelnder Mund, kornblumenblaue Augen, wie eine lichte

Aureole die Haare: in eng anliegender Studentenuniform mit sehr schmaler

Taille, weiße Glacéhandschuhe in der Hand, frisch rasiert (vielleicht parfümiert),

den Säbel an der Seite, stand sein Sohn Nikolai Apollonowitsch im Rahmen und

litt: Apollon Apollonowitsch betrachtete einen Augenblick lang aufmerksam das

Porträt, das im vergangenen Frühjahr gemalt worden war, und schritt in das

Nebenzimmer.

Der nicht abgesperrte Schreibtisch zog die Aufmerksamkeit des Senators auf

sich: eine der Schubladen war etwas vorgeschoben; eine instinktive Neugierde

überkam Apollon Apollonowitsch, den Inhalt dieser Lade näher zu untersuchen;

mit raschen Schritten näherte er sich dem Schreibtisch und griff nach einer

darauf liegenden großen Photographie, die eine brünette Dame darstellte . . .

Mechanisch drehte er das Bild in der Hand, ohne es eigentlich zu sehen; denn

seine Gedanken waren weit weg und bewegten sich in der Richtung der

Betrachtungen über seine zurückgelegte eigene Laufbahn und die, die manche

andere (die vulgär Karrieristen genannt zu werden pflegen) noch vor sich haben

. . . Ihn aber möchte man . . .

Was — möchte man ihn?

Durch die Gedanken abgelenkt, merkte er es gar nicht, daß er nicht mehr das

Porträt in der Hand hielt, sondern einen ihm unbekannten schweren Gegenstand,

den er mechanisch aus der offenen Schublade herausgezogen hatte; ein tönender

Laut kam aus diesem Innern: am allerwenigsten dachte der Senator dabei an

einen Abgrund (wir trinken ja oft genug vor einem offenen Abgrund Kaffee mit Sahne); er betrachtete den viereckigen Gegenstand mit den abgerundeten Kanten