Petersburg
Der Privatmann
sahen ihn diese Augen aus einer schwarzen Haarflut an.
Aber kaum hatte er ihnen seinen Blick zugewandt, da sahen sie weg, und es
ertönte der Ruf:
»Ach, ach!«
Sofja Petrowna sah: ihr Gatte, der Offizier, mit schweißbedecktem Gesicht,
bemühte sich krampfhaft, den Überwurf des Nikolai Apollonowitsch
festzuhalten, während dieser ebenfalls mit vor Schweiß feuchter Stirn sich zu
entwinden suchte. Seine Stiefelabsätze stemmten sich gegen den Teppich,
rutschten aus, und der Teppich zog sich in große Falten zusammen.
Hier hatte Ableuchow Sofja Petrowna erblickt; weinerlich rief er ihr zu:
»Bitte, Sofja Petrowna, lassen Sie uns allein; was wir Männer miteinander
. . .«
Da löste sich sein Überwurf von ihm und flog wie ein phantastischer Vogel
auf das Sofa.
Seine Absätze glitschten auf dem Teppich aus, und einen Augenblick verlor er
das Gleichgewicht; balancierend suchte er irgendeinen festen Punkt zu
erhaschen; dieser feste Punkt erwies sich aber als die nichtgeschlossene Tür zu
Lichutins Zimmer; die Tür öffnete sich und wie ein Stein fiel Ableuchow nieder:
das Unbekannte verschlang ihn.
Der Privatmann
Endlich erhob sich Apollon Apollonowitsch.
Er blickte seltsam unruhig um sich; er riß sich von dem Stoß übereinander
gehäufter Papiere los: von den Notabenen, Paragraphen, Frage- und
Ausrufezeichen; kalt bebte und hüpfte die Hand mit dem Bleistift — über dem
vergilbten Blatt auf dem Perlmuttertischchen; der Stirnknochen wölbte sich in
gewaltsamer Anstrengung: es hieß zu begreifen, um jeden Preis zu begreifen.
Und er — begriff.
Der lackierte Wagen mit dem Wappen wird nicht mehr an die alte, steinerne
Karyatide heransausen; nichts wird sich dort, hinter der Glastür, ihm entgegen,
erheben: weder die achtzigjährige Schulter, noch der Dreimaster und der
kupferköpfige Stab; aus den Ruinen wird nicht Port Arthur entstehen; aber
erheben wird sich China; horch! — tönt nicht ein Stampfen aus der Ferne? Das
sind — die Reiter des Tschingis-Khan.
Apollon Apollonowitsch horchte auf: aus der Ferne kommt das Stampfen; nein, es ist kein Stampfen: Ssemjonytsch schreitet durch die kalt glitzernde
Pracht der Zimmer; herein kommt er, sieht sich um und geht weiter.
Die Schritte des alten Ssemjonytsch verklangen.
Apollon Apollonowitsch liebte seine große Wohnung nicht, mit der ewigen
Perspektive der Newa: eine grünliche Schar zogen dort die Wolken dahin:
zuweilen verdichteten sie sich zu gelblichem Rauch, der sich dann auf die Ufer
legte; die dunkle Wassertiefe schlug mit dem Stahl ihrer Schuppen an den
Granit; Apollon Apollonowitsch sah sich um: diese Wände! Hier wird er
sitzenbleiben, für lange Zeiten, mit der Perspektive auf die Newa. Das ist sein
Familienherd; der öffentliche Dienst ist beendet.
Was ist dabei?
Wände — Schnee und nicht Wände! Ja, gewiß, sie sind etwas kalt . . . Was ist
dabei? Familienleben — schon gut: Familienleben; d. h.: ja gewiß: Nikolai
Apollonowitsch ist ein schrecklicher — ja, sozusagen ein schrecklicher . . . und
dann: Anna Petrowna, die auf ihre alten Tage . . . weiß Gott wozu, sich
gewandelt hat!
Mm — mmä . . .
Apollon Apollonowitsch drückte fest den Kopf mit den Händen; seine Blicke
starrten in die prasselnde Glut des Kamins: müßige Spiele des Gehirns!
Sie liefen weiter — die Gedanken, liefen über, die Grenze des Bewußtseins
hinaus: dort türmten sie sich zu einem Berg chaotischer Bilder; Nikolai
Apollonowitsch tauchte dort auf — klein gewachsen, mit forschend blauen
Blicken und einem Knäuel mannigfachster (das muß man schon zugeben)
geistiger Interessen, bis zum Äußersten verworrener.
Und es tauchte ein Mädchen auf (seitdem sind schon — dreißig Jahre
verflossen); eine Schar Anbeter; unter ihnen ein in besten Jahren stehender Herr,
Apollon Apollonowitsch Ableuchow, bereits ein höherer Beamter und ein
hoffnungslos Verliebter.
Und — die erste Nacht; das Grauen in den Augen der mit ihm allein
gebliebenen Gefährtin — der Ausdruck des Ekels, der Verachtung, verborgen
unter dem ergebenen Lächeln der Duldenden; in jener Nacht hatte Apollon
Apollonowitsch Ableuchow, ein bereits hochgestellter Beamter, einen
verbrecherischen, formell erlaubten Akt begangen: er hatte ein Mädchen
vergewaltigt; diese Vergewaltigungsakte geschahen Jahre hindurch; und in einer
solchen Nacht wurde Nikolai Apollonowitsch gezeugt — zwischen zwei
verschiedenen Lächeln: zwischen dem Lächeln der Wollust und dem der
Ergebenheit; ist es verwunderlich, daß Nikolai Apollonowitsch dann die
Mischung aus Verachtung, Angst und Wollust in sich verkörperte? Sie hätten
sogleich beide an die Aufgabe gehen sollen: das von ihnen gezeugte Grauen zu erziehen, das Grauen zu vermenschlichen.
Sie aber fachten es noch mehr an.
Und nachdem sie selbst dieses Grauen bis zum Äußersten trieben, flüchteten
sie sich alle selbst vor dem Grauen: Apollon Apollonowitsch in die hohe
Verwaltung, in der die Schicksale Rußlands bestimmt wurden; Anna Petrowna
— zur Befriedigung ihrer erwachten Geschlechtstriebe zu Mantalini (dem
italienischen Sänger); Nikolai Apollonowitsch in die Philosophie; und von dort
in die Versammlungen von Abiturienten nicht existierender Hochschulen. Ihr
heimischer Herd verwandelte sich in eine Stätte der Verwüstung.
An diese Stätte wird er jetzt nun wieder zurückkehren; statt Anna Petrowna
wird ihm nur die geschlossene Tür zu ihren Appartements entgegensehen, falls
sie nicht die Lust verspüren wird, in seine Verwüstung zurückzukehren; die
Schlüssel zu diesen Appartements hat er bei sich (zweimal war er in diesen Teil
des kalten Hauses getreten, um dort ein Weilchen zu sitzen; beide Male hatte er
Schnupfen davongetragen).
Statt des Sohnes aber wird er ein Auge erblicken — ein zwinkerndes,
ausweichendes Auge — groß, leer und kalt, von kornblumenblauer Farbe; ein
halb diebisches, halb grenzenlos erschrockenes; in diesem Auge wird sich das
Grauen verbergen — jenes Grauen, das sich in den Augen der Neuvermählten
gemalt hatte, in jener Nacht, da Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der hohe
Beamte, zum erstenmal . . .
Wenn er sich nicht mehr im Staatsdienst befinden wird, können auch die
anderen Paradezimmer geschlossen werden; nur der Korridor wird offenbleiben
mit den anschließenden Räumen für ihn und den Sohn: sein ganzes Leben wird
sich auf den Korridor beschränken; seine Pantoffel werden dort schlürfen; und
dann wird es noch geben: Zeitunglesen, das Verrichten körperlicher Notdürfte,
das unvergleichliche Örtchen und die Fertigstellung der Lebensmemoiren.
Ja, ja, ja!
Und die Tür, die zum Zimmer des Sohnes führt — davor wird er
stehenbleiben und — durchs Schlüsselloch hineingucken, dann aber, bei jedem
verdächtigen Geräusch — zurückspringen; oder nein, er wird an einer passenden
Stelle ein Loch durch die Wand bohren, und — seine Mühe wird belohnt
werden: das Zimmertreiben seines Sohnes wird vor seinen Blicken offenliegen
wie der Mechanismus einer aus dem Gehäuse entfernten Uhr. Von diesem
Beobachtungspunkt aus wird er andere als staatliche Interessen verfolgen
können.
Und doch wird alles nur sein:
»Guten Morgen, Vater!«
»Guten Morgen, Kolenka!«
Und jeder wird dann in sein eigenes Zimmer gehen.
Dann — dann: der Schlüssel wurde umgedreht; er schleicht sich zu der Stelle
an der Wand, wo sie durchbohrt ist, um zu sehen; horchen, zuweilen zittern,
zusammenfahren in Erwartung des sich ihm eröffnenden Geheimnisses; in
welcher Weise wird sich die Vertraulichkeit zwischen Nikolai und jenem, mit
dem Schnurrbärtchen, äußern; in der Nacht wird er dann, die Decke von sich
werfend und den schweißbedeckten Kopf vorstreckend, über das Gehörte
grübeln, wird Oblaten zu sich nehmen, um die schmerzhaften Schläge des
Herzens zu beschwichtigen, und wird zum unvergleichlichen Örtchen rennen:
mit den Pantoffeln durch den Korridor schlürfen . . . bis ein neuer Morgen graut.
»Guten Morgen, Vater!«
»Guten Morgen, Kolenka!«
Das ist das Leben eines Privatmannes.
Ein unüberwindlicher Drang trieb ihn, in das Zimmer des Sohnes zu treten;
schüchtern knarrte die Tür: er war im Empfangszimmer; er blieb an der Schwelle
stehen; ganz klein, greisenhaft; er zupfte an den himbeerroten Schnüren seines
Morgenrockes und betrachtete das Durcheinander, das hier herrschte: den
Vogelkäfig mit den Papageien, das arabische Taburett mit Inkrustation aus
Elfenbein und Kupfer; dann die Geschmacklosigkeit: den roten Domino, dessen
üppige Falten wie Feuergarben oder fließende Hirschgeweihe vom Taburett
herunterquollen, direkt zum Leoparden hinunter, der auf dem Boden mit
fletschendem Maul ausgestreckt lag; Apollon Apollonowitsch stand eine Weile,
kaute mit dem leeren Mund, kratzte sich das wie mit Reif bedeckte Kinn und
wandte sich voll Abscheu ab (er kannte ja die Geschichte mit der Maske).
Apollon Apollonowitsch schien es, als wenn es hier schwül wäre; statt mit
Luft war die Atmosphäre hier mit Blei angefüllt; als wären hier furchtbare,
unerträgliche Gedanken gedacht worden . . . Ein unangenehmes Zimmer! Und
eine unangenehme Atmosphäre! . . .
Da — ein leidvoll lächelnder Mund, kornblumenblaue Augen, wie eine lichte
Aureole die Haare: in eng anliegender Studentenuniform mit sehr schmaler
Taille, weiße Glacéhandschuhe in der Hand, frisch rasiert (vielleicht parfümiert),
den Säbel an der Seite, stand sein Sohn Nikolai Apollonowitsch im Rahmen und
litt: Apollon Apollonowitsch betrachtete einen Augenblick lang aufmerksam das
Porträt, das im vergangenen Frühjahr gemalt worden war, und schritt in das
Nebenzimmer.
Der nicht abgesperrte Schreibtisch zog die Aufmerksamkeit des Senators auf
sich: eine der Schubladen war etwas vorgeschoben; eine instinktive Neugierde
überkam Apollon Apollonowitsch, den Inhalt dieser Lade näher zu untersuchen;
mit raschen Schritten näherte er sich dem Schreibtisch und griff nach einer
darauf liegenden großen Photographie, die eine brünette Dame darstellte . . .
Mechanisch drehte er das Bild in der Hand, ohne es eigentlich zu sehen; denn
seine Gedanken waren weit weg und bewegten sich in der Richtung der
Betrachtungen über seine zurückgelegte eigene Laufbahn und die, die manche
andere (die vulgär Karrieristen genannt zu werden pflegen) noch vor sich haben
. . . Ihn aber möchte man . . .
Was — möchte man ihn?
Durch die Gedanken abgelenkt, merkte er es gar nicht, daß er nicht mehr das
Porträt in der Hand hielt, sondern einen ihm unbekannten schweren Gegenstand,
den er mechanisch aus der offenen Schublade herausgezogen hatte; ein tönender
Laut kam aus diesem Innern: am allerwenigsten dachte der Senator dabei an
einen Abgrund (wir trinken ja oft genug vor einem offenen Abgrund Kaffee mit Sahne); er betrachtete den viereckigen Gegenstand mit den abgerundeten Kanten