Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 63 von 103

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Petersburg

Rettungslos verloren

»Ich weiß alles, erstens dank meiner persönlichen Neugierde, dann aber, weil es

meine dienstliche Pflicht von mit fordert . . .«

»Sie stehen im Dienst? . . .«

»Ja, der Polizei . . .«

»Der Polizei?«

»Mein Lieber, warum faßten Sie sich an die Brust, als läge dort ein sehr

gefährliches und sehr diskretes Dokument. . . Ein Gläschen!«

 

Rettungslos verloren

 

Mit ganz neuem, schuldbewußtem Lächeln zog Nikolai Apollonowitsch aus

seiner Seitentasche ein Notizbüchlein heraus.

»A—a—a—a—! Wollen Sie mir gefälligst dieses Büchlein . . . zur Durchsicht

geben . . .«

Nikolai Apollonowitsch wehrte nicht; er fuhr fort, mit demselben

schuldbewußten Lächeln dazusitzen.

Pawel Jakowlewitsch beugte sich über das Büchlein; sein über den Tischrand

sich erhebender Kopf schien nicht am Halse, sondern an den zwei Händen

befestigt zu sein; einen Augenblick lang sah er wie ein wirkliches Ungetüm aus:

Nikolai Apollonowitsch sah in diesem Augenblick vor sich einen scheußlichen

Kopf mit zwinkernden Äuglein, die Haare — wie Wolle, die man einem Hunde

ausgekämmt hatte; mit widerlicher Lachmiene ließ er seine zehn mit gelben

Hautfalten überzogenen, hüpfenden Finger über die Blätter laufen: wie ein

riesenhaftes Insekt sahen sie aus, wie eine zehnbeinige Spinne, deren Pfoten

über knisterndes Papier liefen.

Pawel Jakowlewitsch wollte jedoch Ableuchow bloß erschrecken; es war nur

ein netter Scherz gewesen; mit demselben widerlichen Lachen warf er das

Büchlein Ableuchow über den Tisch zurück.

»Ich bitte; warum eigentlich diese übergroße Zuvorkommenheit . . . Ich habe

ja gar nicht vor, Sie etwa ins Verhör zu nehmen . . . Ängstigen Sie sich doch

nicht, Liebster: ich bin ja bei der Polizei — in direktem Auftrage der Partei tätig

. . . Es war gar nicht nötig, daß Sie sich so aufregten, Nikolai Apollonowitsch,

wahrhaftig nicht . . . Wäre ich wirklich ein Polizeibeamter, Sie wären jetzt sicher

verhaftet; denn Ihre Geste, die war, wissen Sie, sehr bemerkenswert; erst faßten

Sie sich an die Brust mit so erschrecktem Gesichtsausdruck, als befände sich bei

Ihnen ein Dokument . . . Wenn Sie in Zukunft auf einen Spitzel geraten,

wiederholen Sie nicht diese Geste, diese würde Sie verraten . . . Einverstanden? . . . Dann aber erlaube ich mir, Sie auf einen anderen Fehler, den Sie begangen

haben, aufmerksam zu machen: Sie zogen ein harmloses Büchlein aus der

Tasche hervor in einem Augenblick, wo es von Ihnen noch gar nicht gewünscht

wurde; Sie nahmen das Büchlein heraus, um die Aufmerksamkeit von etwas

anderem abzulenken . . .«

»Was bedeutet diese Tortur? Wenn Sie wirklich das sind, wofür Sie sich

ausgeben, — He, Kellner, zahlen! — ist Ihr ganzes Benehmen, sind alle Ihre

Grimassen — unwürdig.«

Beide erhoben sich.

In den weißen, stinkenden Dampfwolken, die aus der Küche herüberdrangen,

stand Nikolai Apollonowitsch — blaß, weiß und wutschnaubend, den roten

Mund ohne jegliches Lächeln weit auseinandergezogen, umgeben vom Kranz

seiner hell-hellen, flachsnebligen Haare; wie ein von Hunden müde gejagtes

Tier; die Zähne fletschend, wandte er sich verächtlich gegen Morkowin,

nachdem er dem Kellner ein Halbrubelstück zugeworfen hatte.

Das Orchestrion spielte nicht mehr; die Nachbartische waren schon längst leer

und das Zwittergeschlecht hatte sich in den Straßen der Wassiljewskij-Insel

verzogen; auf einmal wurde das elektrische Licht überall ausgelöscht; das

gelbrote Licht einer Kerze durchzog die tote Leere; im Halbdunkel zerrannen die

Wände; von einem Tischchen erhob sich der fünfundvierzigjährige Seemann;

einen Augenblick lang sprühten seine Augen grüne Funken um sich; dann

verschwand er im Dunkel.

Mit Zwischenpausen sagte Pawel Jakowlewitsch:

»Lassen Sie es nur sein: mir ist es genau so peinlich wie Ihnen.«

»Und wozu das Versteckenspiel, Genosse . . .«

»Ich kam hierher nicht der Scherze wegen . . .«

»Haben wir uns nicht verabreden wollen? . . .«

 

». . . nun ja: über den Tag, an dem Sie Ihr Versprechen einzulösen gedenken . . .«

Mit ernstem Blick auf Ableuchow fügte er voll Würde hinzu:

»Die Partei erwartet Ihre unverzügliche Antwort, Nikolai Apollonowitsch.«

Nikolai Apollonowitsch stieg schweigend die Treppe hinunter.

Die Restauranttür schlug hinter ihm zu.

Die vieläugigen, hohen Laternen, vom Winde gezerrt, hüpften in seltsamen

Lichtgestalten, indem sie sich für die lange Petersburger Nacht bereit hielten.

»Na, und wenn ich den Auftrag ablehne?«

»Dann verhafte ich Sie . . .«

»Sie? mich? verhaften?«

»Bitte nicht zu vergessen, daß ich . . .«

»Daß Sie ein Konspirator sind?«

»Daß ich Polizeibeamter bin; als Polizeibeamter verhafte ich Sie . . .«

»Was wird die Partei dazu sagen?«

»Die Partei wird mir recht geben.«

»Und wenn ich Sie anzeige?«

»Versuchen Sie es . . .«

Auf der großen eisernen Brücke sah sich Nikolai Apollonowitsch um:

niemand, nichts . . . die nasse Brüstung, das grünliche, von Bazillen wimmelnde

Wasser, die kalten, weinerlich summenden Newawinde; hier an dieser Stelle

hatte er vor zweieinhalb Monaten sein furchtbares Versprechen gegeben. Er

stand an der Newa und sah mit dumpfem Blick in das Grün der Tiefe — oder

nein: sein Blick flog dorthin, wo ganz tief unten die Ufer kauerten; dann ging er

mit raschen, ungelenken Schritten weiter.

Ein phosphoreszierender Fleck sauste, vom Nebel umschleiert, in wildem

Flug dahin; mit phosphoreszierendem Leuchten breitete sich die Ferne über die

Newa dahin. Hinter der Newa erhoben sich jetzt die Riesenhäuser der Inseln, die

mit flimmernden Augen in den Nebel blickten. Oben in der Höhe spreizte eine

schattenhafte Gestalt wild ihre klumpigen Hände; eine Schar nach der anderen.

Vollständig leer war der Kai.

Mit besonderer Neugierde starrte nun Nikolai Apollonowitsch die

Riesengestalt des kupfernen Reiters an.

Plötzlich teilten sich die Wolken, und ein grünlicher Rauchschleier überzog

sie im Mondlicht wie geschmolzenes Kupfer . . . Einen Augenblick lang stand

alles in Flammen: das Wasser, die Dächer, der Granit; das Gesicht des Reiters

blitzte auf, und sein kupferner Lorbeerkranz glänzte; und er streckte befehlend

die vielhundertzentnerschweren Hände direkt gegen Nikolai Apollonowitsch.

Lachend lief Nikolai Apollonowitsch von dem kupfernen Reiter fort:

»Ja, ja, ja . . .«

»Ich weiß, ich weiß . . .«

»Unrettbar verloren . . .«

 

. . . Es hieß sofort etwas beginnen, ohne Zeit zu verlieren — doch was? War es

nicht er, war es nicht er selbst, der von dem Wahnsinn des Mitleids so oft

gepredigt hatte? War es nicht er, der von seiner Verachtung gegen die Adeligen,

gegen die greisen adeligen Ohren, den vogelhaft langgezogenen Hals . . .

Endlich stieß er auf eine verspätete Droschke: die vierstöckigen Häuser fuhren

— sausten nun an ihm vorbei.

Das Admiralitätsgebäude schob seine achtsäulige Ecke vor; es schimmerte

eine Weile mit seiner rosigen Farbe und verschwand; ein weiß-schwarz

gestreiftes Schilderhäuschen lief nach links vorbei; in seinem grauen Mantel

schritt dort ein alter Pawlowscher Grenadier auf und ab.

Da sah plötzlich Nikolai Apollonowitsch eine kleine, ausgemergelte Gestalt, die sich mit eiligen, verspäteten Schritten wie hüpfend auf dem Trottoir bewegte;

diese trockene, winzige Gestalt . . . in dieser trockenen Gestalt . . . er erkannte

diese trockene Gestalt: es war Apollon Apollonowitsch.

Apollon Apollonowitsch, der den Backfisch nach Hause gebracht hatte, eilte

jetzt zur Schwelle des gelben Hauses.

Apollon Apollonowitsch hörte hinter seinem Rücken das Poltern der

Droschke; der alte rasierte Kopf drehte sich in diese Richtung; als die Droschke

den Senator einholte, sah der Senator: dort auf dem Sitz lauerte gekrümmt ein

ältlich, krüppelhaft aussehender Jüngling, in unangenehmster Weise in seinen

Mantel vollständig gehüllt.

Und es schien ihm, daß sich die Augen des unangenehmen Jünglings bei

seinem Anblick zu weiten begannen . . . ja, ja, ja: sie hatten denselben Blick und

weiteten sich mit demselben Glanz; aber schon hatte ihn der Wagen überholt und

hüpfte mit zudringlichem Gepolter über die Steine dahin, während hinten die

weiße Nummer schimmerte: 1095.

Nikolai Apollonowitsch sprang aus der Droschke und lief eilig gegen das

Portal des gelben Hauses.

Nikolai Apollonowitsch zog aus aller Kraft an der Glocke; auf beiden Seiten

des Portals befanden sich Greife mit aufgerissenen Rachen, jetzt rosig von der

Morgenröte, mit ihren Krallen die Stange festhaltend, von der aus an gewissen

Kalendertagen die rotweißblaue Flagge über die Newa flatterte; und unter den

Greifen erblickte Nikolai Apollonowitsch das Wappen: einen federgeschmückten

Ritter mit Rokokolocken, von einem Einhorn durchbohrt. Dieses alte Wappen

gehörte den Ableuchows; aber auch er, Nikolai Apollonowitsch, war durchbohrt

— doch von wem? Von wem?

Und dort, dort auf dem Trottoir sah er im Nebel — jene kleine, trockene

Gestalt, in der . . . die . . . — Apollon Apollonowitsch, der Vater, sah aus — wie

der Tod in einem Zylinderhut.

Inzwischen kam die kleine Gestalt näher; Nikolai Apollonowitsch wurde, wie

immer, ganz verwirrt.

Apollon Apollonowitsch sah nun: sein Sohn, greisenhaft und sonderbar bös

aussehend, lief rasch die Stufen des Portals hinunter und kam eilig und

schuldbewußt, mit zwinkerndem, ausweichendem Blick dem Vater entgegen.

»Guten Morgen, Vater . . .«

Schweigen.

»So eine unerwartete Begegnung: ich komme nämlich von Zukatows.«

»So — so: guten Morgen, Kolenka . . .«

Die Flügeltür flog auf, der ihnen wohlbekannte Geruch ihrer Wohnung schlug

den beiden Ableuchows entgegen.