Petersburg
Rettungslos verloren
»Ich weiß alles, erstens dank meiner persönlichen Neugierde, dann aber, weil es
meine dienstliche Pflicht von mit fordert . . .«
»Sie stehen im Dienst? . . .«
»Ja, der Polizei . . .«
»Der Polizei?«
»Mein Lieber, warum faßten Sie sich an die Brust, als läge dort ein sehr
gefährliches und sehr diskretes Dokument. . . Ein Gläschen!«
Rettungslos verloren
Mit ganz neuem, schuldbewußtem Lächeln zog Nikolai Apollonowitsch aus
seiner Seitentasche ein Notizbüchlein heraus.
»A—a—a—a—! Wollen Sie mir gefälligst dieses Büchlein . . . zur Durchsicht
geben . . .«
Nikolai Apollonowitsch wehrte nicht; er fuhr fort, mit demselben
schuldbewußten Lächeln dazusitzen.
Pawel Jakowlewitsch beugte sich über das Büchlein; sein über den Tischrand
sich erhebender Kopf schien nicht am Halse, sondern an den zwei Händen
befestigt zu sein; einen Augenblick lang sah er wie ein wirkliches Ungetüm aus:
Nikolai Apollonowitsch sah in diesem Augenblick vor sich einen scheußlichen
Kopf mit zwinkernden Äuglein, die Haare — wie Wolle, die man einem Hunde
ausgekämmt hatte; mit widerlicher Lachmiene ließ er seine zehn mit gelben
Hautfalten überzogenen, hüpfenden Finger über die Blätter laufen: wie ein
riesenhaftes Insekt sahen sie aus, wie eine zehnbeinige Spinne, deren Pfoten
über knisterndes Papier liefen.
Pawel Jakowlewitsch wollte jedoch Ableuchow bloß erschrecken; es war nur
ein netter Scherz gewesen; mit demselben widerlichen Lachen warf er das
Büchlein Ableuchow über den Tisch zurück.
»Ich bitte; warum eigentlich diese übergroße Zuvorkommenheit . . . Ich habe
ja gar nicht vor, Sie etwa ins Verhör zu nehmen . . . Ängstigen Sie sich doch
nicht, Liebster: ich bin ja bei der Polizei — in direktem Auftrage der Partei tätig
. . . Es war gar nicht nötig, daß Sie sich so aufregten, Nikolai Apollonowitsch,
wahrhaftig nicht . . . Wäre ich wirklich ein Polizeibeamter, Sie wären jetzt sicher
verhaftet; denn Ihre Geste, die war, wissen Sie, sehr bemerkenswert; erst faßten
Sie sich an die Brust mit so erschrecktem Gesichtsausdruck, als befände sich bei
Ihnen ein Dokument . . . Wenn Sie in Zukunft auf einen Spitzel geraten,
wiederholen Sie nicht diese Geste, diese würde Sie verraten . . . Einverstanden? . . . Dann aber erlaube ich mir, Sie auf einen anderen Fehler, den Sie begangen
haben, aufmerksam zu machen: Sie zogen ein harmloses Büchlein aus der
Tasche hervor in einem Augenblick, wo es von Ihnen noch gar nicht gewünscht
wurde; Sie nahmen das Büchlein heraus, um die Aufmerksamkeit von etwas
anderem abzulenken . . .«
»Was bedeutet diese Tortur? Wenn Sie wirklich das sind, wofür Sie sich
ausgeben, — He, Kellner, zahlen! — ist Ihr ganzes Benehmen, sind alle Ihre
Grimassen — unwürdig.«
Beide erhoben sich.
In den weißen, stinkenden Dampfwolken, die aus der Küche herüberdrangen,
stand Nikolai Apollonowitsch — blaß, weiß und wutschnaubend, den roten
Mund ohne jegliches Lächeln weit auseinandergezogen, umgeben vom Kranz
seiner hell-hellen, flachsnebligen Haare; wie ein von Hunden müde gejagtes
Tier; die Zähne fletschend, wandte er sich verächtlich gegen Morkowin,
nachdem er dem Kellner ein Halbrubelstück zugeworfen hatte.
Das Orchestrion spielte nicht mehr; die Nachbartische waren schon längst leer
und das Zwittergeschlecht hatte sich in den Straßen der Wassiljewskij-Insel
verzogen; auf einmal wurde das elektrische Licht überall ausgelöscht; das
gelbrote Licht einer Kerze durchzog die tote Leere; im Halbdunkel zerrannen die
Wände; von einem Tischchen erhob sich der fünfundvierzigjährige Seemann;
einen Augenblick lang sprühten seine Augen grüne Funken um sich; dann
verschwand er im Dunkel.
Mit Zwischenpausen sagte Pawel Jakowlewitsch:
»Lassen Sie es nur sein: mir ist es genau so peinlich wie Ihnen.«
»Und wozu das Versteckenspiel, Genosse . . .«
»Ich kam hierher nicht der Scherze wegen . . .«
»Haben wir uns nicht verabreden wollen? . . .«
». . . nun ja: über den Tag, an dem Sie Ihr Versprechen einzulösen gedenken . . .«
Mit ernstem Blick auf Ableuchow fügte er voll Würde hinzu:
»Die Partei erwartet Ihre unverzügliche Antwort, Nikolai Apollonowitsch.«
Nikolai Apollonowitsch stieg schweigend die Treppe hinunter.
Die Restauranttür schlug hinter ihm zu.
Die vieläugigen, hohen Laternen, vom Winde gezerrt, hüpften in seltsamen
Lichtgestalten, indem sie sich für die lange Petersburger Nacht bereit hielten.
»Na, und wenn ich den Auftrag ablehne?«
»Dann verhafte ich Sie . . .«
»Sie? mich? verhaften?«
»Bitte nicht zu vergessen, daß ich . . .«
»Daß Sie ein Konspirator sind?«
»Daß ich Polizeibeamter bin; als Polizeibeamter verhafte ich Sie . . .«
»Was wird die Partei dazu sagen?«
»Die Partei wird mir recht geben.«
»Und wenn ich Sie anzeige?«
»Versuchen Sie es . . .«
Auf der großen eisernen Brücke sah sich Nikolai Apollonowitsch um:
niemand, nichts . . . die nasse Brüstung, das grünliche, von Bazillen wimmelnde
Wasser, die kalten, weinerlich summenden Newawinde; hier an dieser Stelle
hatte er vor zweieinhalb Monaten sein furchtbares Versprechen gegeben. Er
stand an der Newa und sah mit dumpfem Blick in das Grün der Tiefe — oder
nein: sein Blick flog dorthin, wo ganz tief unten die Ufer kauerten; dann ging er
mit raschen, ungelenken Schritten weiter.
Ein phosphoreszierender Fleck sauste, vom Nebel umschleiert, in wildem
Flug dahin; mit phosphoreszierendem Leuchten breitete sich die Ferne über die
Newa dahin. Hinter der Newa erhoben sich jetzt die Riesenhäuser der Inseln, die
mit flimmernden Augen in den Nebel blickten. Oben in der Höhe spreizte eine
schattenhafte Gestalt wild ihre klumpigen Hände; eine Schar nach der anderen.
Vollständig leer war der Kai.
Mit besonderer Neugierde starrte nun Nikolai Apollonowitsch die
Riesengestalt des kupfernen Reiters an.
Plötzlich teilten sich die Wolken, und ein grünlicher Rauchschleier überzog
sie im Mondlicht wie geschmolzenes Kupfer . . . Einen Augenblick lang stand
alles in Flammen: das Wasser, die Dächer, der Granit; das Gesicht des Reiters
blitzte auf, und sein kupferner Lorbeerkranz glänzte; und er streckte befehlend
die vielhundertzentnerschweren Hände direkt gegen Nikolai Apollonowitsch.
Lachend lief Nikolai Apollonowitsch von dem kupfernen Reiter fort:
»Ja, ja, ja . . .«
»Ich weiß, ich weiß . . .«
»Unrettbar verloren . . .«
. . . Es hieß sofort etwas beginnen, ohne Zeit zu verlieren — doch was? War es
nicht er, war es nicht er selbst, der von dem Wahnsinn des Mitleids so oft
gepredigt hatte? War es nicht er, der von seiner Verachtung gegen die Adeligen,
gegen die greisen adeligen Ohren, den vogelhaft langgezogenen Hals . . .
Endlich stieß er auf eine verspätete Droschke: die vierstöckigen Häuser fuhren
— sausten nun an ihm vorbei.
Das Admiralitätsgebäude schob seine achtsäulige Ecke vor; es schimmerte
eine Weile mit seiner rosigen Farbe und verschwand; ein weiß-schwarz
gestreiftes Schilderhäuschen lief nach links vorbei; in seinem grauen Mantel
schritt dort ein alter Pawlowscher Grenadier auf und ab.
Da sah plötzlich Nikolai Apollonowitsch eine kleine, ausgemergelte Gestalt, die sich mit eiligen, verspäteten Schritten wie hüpfend auf dem Trottoir bewegte;
diese trockene, winzige Gestalt . . . in dieser trockenen Gestalt . . . er erkannte
diese trockene Gestalt: es war Apollon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch, der den Backfisch nach Hause gebracht hatte, eilte
jetzt zur Schwelle des gelben Hauses.
Apollon Apollonowitsch hörte hinter seinem Rücken das Poltern der
Droschke; der alte rasierte Kopf drehte sich in diese Richtung; als die Droschke
den Senator einholte, sah der Senator: dort auf dem Sitz lauerte gekrümmt ein
ältlich, krüppelhaft aussehender Jüngling, in unangenehmster Weise in seinen
Mantel vollständig gehüllt.
Und es schien ihm, daß sich die Augen des unangenehmen Jünglings bei
seinem Anblick zu weiten begannen . . . ja, ja, ja: sie hatten denselben Blick und
weiteten sich mit demselben Glanz; aber schon hatte ihn der Wagen überholt und
hüpfte mit zudringlichem Gepolter über die Steine dahin, während hinten die
weiße Nummer schimmerte: 1095.
Nikolai Apollonowitsch sprang aus der Droschke und lief eilig gegen das
Portal des gelben Hauses.
Nikolai Apollonowitsch zog aus aller Kraft an der Glocke; auf beiden Seiten
des Portals befanden sich Greife mit aufgerissenen Rachen, jetzt rosig von der
Morgenröte, mit ihren Krallen die Stange festhaltend, von der aus an gewissen
Kalendertagen die rotweißblaue Flagge über die Newa flatterte; und unter den
Greifen erblickte Nikolai Apollonowitsch das Wappen: einen federgeschmückten
Ritter mit Rokokolocken, von einem Einhorn durchbohrt. Dieses alte Wappen
gehörte den Ableuchows; aber auch er, Nikolai Apollonowitsch, war durchbohrt
— doch von wem? Von wem?
Und dort, dort auf dem Trottoir sah er im Nebel — jene kleine, trockene
Gestalt, in der . . . die . . . — Apollon Apollonowitsch, der Vater, sah aus — wie
der Tod in einem Zylinderhut.
Inzwischen kam die kleine Gestalt näher; Nikolai Apollonowitsch wurde, wie
immer, ganz verwirrt.
Apollon Apollonowitsch sah nun: sein Sohn, greisenhaft und sonderbar bös
aussehend, lief rasch die Stufen des Portals hinunter und kam eilig und
schuldbewußt, mit zwinkerndem, ausweichendem Blick dem Vater entgegen.
»Guten Morgen, Vater . . .«
Schweigen.
»So eine unerwartete Begegnung: ich komme nämlich von Zukatows.«
»So — so: guten Morgen, Kolenka . . .«
Die Flügeltür flog auf, der ihnen wohlbekannte Geruch ihrer Wohnung schlug
den beiden Ableuchows entgegen.