Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 42 von 103

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Petersburg

Madame Farnoix

 

Erst in später Stunde beliebte Engel Peri ihre unschuldigen Äuglein

aufzuschlagen; ihre Äuglein wollten durchaus nicht offen bleiben, und im

Köpfchen bohrte ein dumpfer Schmerz; Engel Peri geruhte noch lange im

Halbschlummer dazuliegen; in ihrem Köpfchen schwirrten

Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten durcheinander; der erste volle Gedanke

war der an den bevorstehenden Abend: was wird nun werden? Als sie sich

darüber klar zu werden versuchte, fielen ihre Augen wieder zu, und ihren Kopf

erfüllten wieder Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten. Aus dieser Unklarheit

erhob sich nun das Wort: Pompadour, Pompadour . . . Was war es aber mit dem

Pompadour? Hell erleuchtete dieses Wort ihre Seele: Toilette à la Pompadour —

himmelblaue Seide mit Blümchenmuster, Valencienner Spitzen, silbergraue

Halbschuhe mit Pompons. Über die Toilette à la Pompadour hatte sie mit

Madame Farnoix neulich einen großen Disput; Madame Farnoix wollte

keinesfalls auf die Blondenspitzen verzichten. Es entstand eine

Meinungsverschiedenheit, die so weit ging, daß Madame Farnoix Sofja

Petrowna vorschlug, den Stoff wieder mitzunehmen und sich an Maison

Tricotons zu wenden. Davon wollte aber Sofja Petrowna nichts hören, und so

blieben die Blondenspitzen; ebenso gab Sofja Petrowna in anderen, den Stil

Pompadour betreffenden Punkten nach, z. B. was das leichte Chapeau Bergère

an den Ärmeln betraf.

So war man einig geworden.

Vertieft in Gedanken über Madame Farnoix, Maison Tricotons und

Pompadour, fühlte Sofja Petrowna doch, daß gestern noch etwas geschehen war,

das alles andere verwischen mußte; sie benutzte aber ihren verschlafenen

Zustand unbewußt, die halbentschwundene Erinnerung von dem gestrigen Tage

nicht in sich aufkommen zu lassen; endlich erinnerte sie sich der zwei Worte:

Domino und Brief; sie sprang vom Bett auf und rang in gegenstandsloser

Bangigkeit die Hände; noch ein drittes Wort gab es, mit dem sie gestern auch

eingeschlafen war.

Doch Engel Peri konnte sich dieses dritten Wortes nicht entsinnen; dieses

dritte Wort war von Belang: Gatte, Offizier, Leutnant.

Engel Peri nahm sich vor, an die beiden ersten Worte vor dem Abend nicht zu

denken, das dritte aber vollständig zu ignorieren. Doch gerade dieses dritte drängte sich ihr unerwartet schon sehr bald auf; das kam nämlich so: kaum war

sie aus ihrem überheizten Schlafzimmerchen in den Salon getreten, ihre

schwebenden Schritte weiter ins Zimmer des Gatten lenkend, überzeugt, daß

dieser, wie immer, schon längst aus dem Hause war, um irgendwo dort den

Proviant zu verwalten, als sie zu ihrer Verwunderung die Tür von innen

abgeschlossen fand; entgegen jeder Regel, entgegen der Vernunft, der

Ehrlichkeit, trotz Unbequemlichkeit und enger Wohnung — befand sich

Leutnant Lichutin allem Anschein nach noch in seinem Zimmer.

Da erst fiel ihr die gestrige häßliche Szene ein; und mit schmollendem

Mündchen schlug sie die Tür ihres Schlafzimmers zu (er habe sich eingesperrt,

dann wolle auch sie das gleiche tun). Zugleich aber erblickte sie das

zerschlagene Tischchen.

»Gnädige Frau wünschen den Kaffee ins Zimmer?«

»Nein, nicht.«

 

»Der gnädige Herr wünschen den Kaffee ins Zimmer?«

»Nein, nicht.«

 

»Gnädiger Herr, der Kaffee ist kalt geworden.«

Schweigen.

»Gnädige Frau, es ist jemand da.«

»Von Madame Farnoix?«

»Nein, von der Wäscherin.«

Schweigen.

 

Die Stunde hat sechzig Minuten; die Minute besteht aus lauter kleinen

Sekunden; die Sekunden liefen und bildeten Minuten; schwerfällig wälzten sich

die Minuten; und langsam, langsam gingen die Stunden dahin.

Schweigen.

Während des Tages sprach der Gelbe, Ihrer Majestät Kürassier, Baron

Ommau-Ommergau, vor, mit einer Zwei-Pfund-Bonbonniere mit

Kraftschokolade unter dem Arm. Die Bonbonniere wurde gnädig

entgegengenommen, der Kürassier mußte gehen.

Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte der Blaue, Seiner Majestät Kürassier,

Graf Awen, mit einer Bonbonniere von Ballé in der Hand. Die Bonbonniere

wurde angenommen, er mußte gehen.

Nicht empfangen wurden auch der Leibhusar mit der hohen Pelzmütze; der

Husar schüttelte seinen Sultan hinter dem Busch zitronengelber Chrysanthemen, den er in der Hand hielt; er war unmittelbar nach Graf Awen erschienen.

Dann war Werhefden mit einem Logenbillett für das Mariensche Theater

erschienen; es fehlte nur Lipantschenko.

Endlich, spät am Abend, kam das Laufmädchen von Madame Farnoix mit

einem riesigen Kleiderkarton; sie wurde sofort vorgelassen; als darüber im

Vorzimmer ein Kichern entstand, öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, ein

verweintes Gesichtchen blickte neugierig hervor, und eine Stimme rief erzürnt:

»Rasch damit her!«

Zu gleicher Zeit knackte das Schloß im Herrenzimmer, eine zerwühlte Mähne

erschien einen Augenblick und — verschwand. War es wirklich der Leutnant?

 

Petersburg verkroch sich in die Nacht.

Wer erinnert sich nicht des Abends vor der ereignisvollen Nacht? Wer erinnert

sich nicht des traurigen Hinscheidens dieses Tages?

Die riesengroße Purpursonne lief über der Newa dahin, um sich dann hinter

den Fabrikschloten zu verbergen: die Petersburger Häuser überzogen sich mit

einem feinen Dunstschleier, zerflossen gleichsam und verwandelten sich in eine

leichte, amethystgraue Spitze; die Fensterscheiben warfen allerorts einen

goldigflammenden Schein, und die hohen Turmspitzen leuchteten rubinenrot.

Alles, was sonst schwerfällig hervorstach: die Vorsprünge der Mauern, die

Karyatiden an den Eingängen, die steinernen Balkons, verloren sich in der

brennend roten Flammenhaftigkeit.

Blutrünstig grell lag das rostrote Palais da: dieses alte Palais wurde noch von

Rostrelli erbaut; ein zarter, hellblauer Mauerkörper, umgeben von einer Schar

weißer Säulen, stand damals das Palais; bewundernd pflegte einst die Kaiserin

Elisabeth, Peters Tochter, das Fenster zu öffnen, um in die Newafernen zu

blicken. Zur Zeit Alexanders I. war das alte Palais mit fahlgelber Farbe

bestrichen; unter Alexander II. wurde es wieder renoviert, und von da ab behielt

es seinen rostroten Farbenton, blutigrot gegen Westen.

An diesem ereignisreichen Abend flammte alles und alles, und so flammte

auch das Palais; alles andere aber, was nicht von dem Schein erfaßt war, versank,

langsam, in Dunkel; langsam in Dunkel versanken die Reihen der Linien und

Wände, indessen dort auf dem erlöschenden lila Himmel in den

Perlmutterwölkchen sich langsam sprühende Feuerchen entzündeten; langsam,

langsam leichte duftige Flämmchen aufhüpften.

Du würdest gesagt haben, dort erblickte man die Abendröte der

Vergangenheit.

Eine Dame von kindlicher, nicht allzu großer Gestalt, ganz in Schwarz, die an

der Brücke dort die Droschke verlassen hatte, wandelte schon seit geraumer Zeit vor den Fenstern des gelben Hauses; etwas seltsam zitterten ihre Hände. Die

rundliche Dame war im vorgerückten Alter und sah aus, als litte sie an Asthma;

ihre rundlichen Finger griffen immerzu nach dem Kinn, das erheblich über dem

Kragen hervorhing und einzelne graue Härchen zeigte. Vor den Fenstern des

gelben Hauses stehend, nahm sie plötzlich mit der zitternden Hand und einem

ihrem Alter unentsprechend raschen Griff ein Spitzentaschentuch aus dem

kleinen Handtäschchen heraus, wandte sich gegen die Newa und begann zu

weinen. Die untergehende Sonne beschien dabei ihr Gesicht, und auf ihrer

Oberlippe zeichnete sich deutlich das Schnurrbärtchen; sie legte ihre Hand auf

einen Stein und sah mit kindlichem, nichts sehendem Blick in die nebelhafte,

vielschlotige Ferne und die Tiefe des Wassers.

Endlich näherte sich die Dame erregt dem gelben Haus und läutete.

Die Tür ging auf; ein betreßter Greis streckte durch die Öffnung seinen kahlen

Schädel vor und zwinkerte mit den träumenden Äuglein in den gelben Glanz des

Newasonnenuntergangs.

»Sie wünschen?«

Die ältliche Dame kam in Aufregung: Rührung vielleicht, vielleicht

verborgene Schüchternheit erhellten ihre Züge . . .

»Semjonytsch . . . erkennen Sie mich nicht?«

Da erbebte der kahle Lakaienschädel, und sein Blick fiel auf das kleine

Handtäschchen.

»Mütterchen, gnädige Frau! . . . Anna Petrowna!«

»Ja, Semjonytsch, ich bin’s . . .«

»Aber wieso denn? Woher?«

Rührung, wenn nicht gar verborgene Schüchternheit klang aus der

angenehmen Stimme.

»Aus Spanien, . . Ich wollte nun sehen, wie es euch ohne mich geht.«

»Gnädige Frau, Mütterchen . . . Kommen Sie doch nur herein . . .«

Anna Petrowna schritt über die Treppe, die derselbe Teppich bedeckte wie

damals.

Aber niemand ist zu Hause, weder der junge Herr noch Apollon

Apollonowitsch.

Über der Balustrade erhob sich wie damals die Säule aus weißem Alabaster,

und auf ihr hob wie damals die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel; dieses

Damals überfiel Anna Petrowna (seither sind bereits drei Jahre verstrichen, und

vieles wurde inzwischen erlebt), vor ihr tauchten die schwarzen Augen des

italienischen Kavaliers auf, und wieder spürte sie ihre sorgsam verborgene

Schüchternheit.

»Befehlen gnädige Frau Kaffee oder Schokolade? Oder vielleicht den Samowar?«

Anna Petrowna schüttelte mit Mühe die Vergangenheit von sich (hier war alles

wie früher).

»Also, wie ist es euch all die Jahre gegangen?«

»Es ging eben . . . Aber ich muß der gnädigen Frau sagen: ohne Sie gibt’s

keine Ordnung . . . Sonst aber blieb alles beim alten . . . . Der gnädige Herr hat

. . .«

»Ja, das weiß ich . . .«

»Jawohl, immer neue Auszeichnungen . . . Die Gnade des Kaisers . . . Was ist

da zu sagen: der gnädige Herr bedeuten schon was!«

»Und ist — der Herr — gealtert?«

»Der gnädige Herr kommt — wie es heißt — auf einen verantwortlichen

Posten: er ist so gut wie Minister . . .«

Anna Petrowna schien es plötzlich, daß der Lakai sie ein klein, klein wenig

vorwurfsvoll anblickte; das schien ihr wohl; der Lakai blinzelte nur von dem

blendenden Glanz der untergehenden Sonne, während er ihr die Tür zum Salon

öffnete.

»Und Kolenka?«

»Kolenka? Nikolai Apollonowitsch? O, der ist so gescheit. Macht Fortschritte

in den Wissenschaften; und auch sonst, wie und wo es sich gehört . . . Ein

bildhübscher, junger Herr!«

»Aber was sagen Sie da? Er war doch immer in den Vater . . .«

Sie sagte es, ließ die Augen sinken und machte sich an dem Handtäschchen zu

schaffen.

An den Wänden dieselben hochbeinigen Stühle; zwischen den Stühlen mit den

cremefarbigen Plüschsitzen überall kleine weiße Säulen; und von jeder dieser

Säulen sah sie ein strenger Mann aus kaltem Alabaster vorwurfsvoll an. Und

direkt feindlich funkelte sie das grünliche, alte Spiegelglas an, unter dem sie mit

dem Senator das entscheidende Gespräch hatte; dort weiter — die blaßtönigen

Bilder — die pompejanischen Fresken; diese Fresken brachte ihr der Senator, als

sie seine Braut gewesen war — vor nun dreißig Jahren.

Anna Petrowna wurde wieder von der alten Gastlichkeit des Salons erfaßt;

von dem Lack und äußeren Glanz; wie in alter Zeit bedrückte etwas ihre Brust;

die alte Feindseligkeit wälzte sich nach oben, bis zur Kehle; Apollon

Apollonowitsch wird ihr vielleicht verzeihen; sie ihm aber — nie; im lackierten

Heim entluden sich die Lebensgewitter lautlos, aber ihre Entladungen waren

tötend.

So wurde sie von aufgetauchten, dunklen Gedanken zu feindlichen Ufern

gejagt; zerstreut lehnte sie sich gegen das Fenster und blickte auf die rosigen Wölkchen, die über die Newawellen dahinglitten.