Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 65 von 103

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Petersburg

Ein schlechtes Zeichen

»Wieso — wer? . . . Ihre Frau Mutter . . . Wie sprechen Sie doch nur, lieber

gnädiger Herr, als wären Sie ein Fremder: es ist doch Ihre Mutter . . .«

»?«

»Die gnädige Frau ist aus Hispanien nach Petersburg zurückgekehrt . . .«

 

»Die gnädige Frau schickte erst einen Brief durch einen Boten: sie wäre in

einem Hotel abgestiegen . . . Denn das läßt sich denken . . . Die Lage der

gnädigen Frau ist eine solche . . .«

»?«

»Kaum waren Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, ausgefahren, als

plötzlich — ein Bote, mit einem Brief . . . Na, den Brief legte ich auf den

Schreibtisch hin, und dem Boten gab ich ein Zwanzigkopekenstück . . .«

»Aber kaum war eine Stunde danach vergangen — als . . . du meine Güte! Da

erscheint die gnädige Frau selbst . . . Sie hat jedenfalls ganz sicher gewußt, daß

niemand zu Hause war . . .«

 

»Es läutete also . . . Ich mach’ die Tür auf . . . Vor mir steht eine fremde Dame,

eine sehr würdige Dame; nur einfach gekleidet und — ganz in Schwarz . . . Ich

sage nun: ‚Sie wünschen, Gnädige?‘ Und die Dame zu mir: ‚Aber erkennst du

mich denn nicht, Mitri Ssemjonytsch?‘ — Da habe ich rasch ihr Händchen

geküßt: ‚Mütterchen, Anna Petrowna . . .‘«

 

»Und Anna Petrowna — Gott schenk’ ihr Gesundheit — sah so, sah mich so an

. . . Sie sah mich an — und brach in Tränen aus: ‚Ich will sehen, wie ihr da ohne

mich lebt‘ . . . Das Taschentüchlein hat sie aus dem Täschchen gezogen . . .«

»Ich hatte allerdings strengen Auftrag bekommen, nichts reinzulassen . . .

Aber ich hab’ unsere gnädige Frau doch reingelassen . . . Und sie . . .«

Der Greis machte große Augen; mit weitgeöffnetem Munde blieb er stehen

und dachte bei sich, daß die Herrschaften im lackierten Haus wohl schon längst

den Verstand verloren hatten: statt Freude, Verwunderung oder Bedauern zu

äußern — rannte Nikolai Apollonowitsch ganz einfach, ohne ein Wort zu sagen,

die Treppen hinauf, so daß die roten Atlasenden seines Dominos wunderlich in

der Luft flatterten.

 

Ein schlechtes Zeichen In den Zimmern blitzte schon die Sonne; die Inkrustation an den Tischen schoß

ihre Strahlen in die Luft, und die Spiegel glänzten freudig; ja, sie lachten, die

Spiegel, denn aus dem ersten von ihnen, der im Salon hing, vom Saal aber zu

sehen war, blickte ein weißes, wie mit Mehl bestäubtes Gesicht; das war Nikolai

Apollonowitsch, der unbeabsichtigterweise in den Salon hineinrannte, hier aber

wie angewurzelt stehenblieb . . .

Nikolai Apollonowitsch sah nun, daß sein Vater ihn hier erwartete.

Statt des Sohnes erblickte Apollon Apollonowitsch im Spiegel eine einfache

rote Marionettenpuppe; beim Anblick dieser Marionettenpuppe ging ihm der

Atem aus; die rote Puppe aber blieb in der Mitte des Saals verlegen stehen . . .

Da näherte sich Apollon Apollonowitsch, unerwartet für sich selbst, der Tür

und schloß sie; der Rückzug war abgeschnitten. Das Begonnene mußte erledigt

werden. Das Gespräch über das sonderbare Verhalten des Sohnes betrachtete

Apollon Apollonowitsch als einen schweren chirurgischen Eingriff. Wie der

Chirurg zum Tischchen eilt, auf dem die Messer, Zangen, Feilen zurechtgelegt

sind, so trat Apollon Apollonowitsch, sich die gelben Finger reibend, dicht an

Nikolai heran; er suchte den ausweichenden Blick aufzufangen, nahm

mechanisch das Brillenetui aus der Tasche, drehte es zwischen den Fingern eine

Weile und steckte es wieder ein; er hüstelte behutsam, schwieg einen Augenblick

und sagte:

»So — so: ein Domino.«

Zugleich ging ihm durch den Kopf, daß dieser scheue Jüngling da, dessen

grinsender Mund bis zu den Ohren reichte, der es nicht zustande brachte, einem

gerade ins Gesicht zu sehen — daß dieser scheue Jüngling und der Petersburger

Domino, von dem die judäische Presse voll war — ein und dieselbe Person war;

daß er selbst, Apollon Apollonowitsch, die erstklassige Persönlichkeit und

Träger alten Adels, daß er selbst diesen Jüngling gezeugt hatte; in demselben

Augenblick sagte Nikolai Apollonowitsch etwas verlegen:

»Ja . . . es waren eben viele in Masken . . . da hab’ auch ich mir . . . diesen

Maskenanzug . . .«

Zugleich ging es Nikolai Apollonowitsch durch den Kopf, daß dieses zwei

Arschin lange Körperchen seines Vaters, mit einem Umfang von höchstens

zwölfeinhalb Werschok, das Zentrum und den Kreis eines unsterblichen

Zentrums bilde: des darin sitzenden »Ich«; daß aber ein Ziegelstein, der sich

irgendwo zufällig gelöst hatte, dieses Zentrum vernichten kann, vollständig

vernichten. Vielleicht unter dem Einfluß dieses sich auf ihn übertragenen

Gedankens lief Apollon Apollonowitsch eilig zum allerentferntesten Tischchen

und begann darauf mit zwei Fingern zu trommeln. Inzwischen trat Nikolai Apollonowitsch mit schuldbewußtem Lächeln näher:

»Es war, weißt du, sehr lustig . . . Wir tanzten, weißt du . . .«

Zugleich aber dachte er: Haut, Knochen und Blut, kein einziger Muskel; aber

dieses Hindernis — Haut, Knochen und Blut — muß durch den Willen des

Schicksals in Stücke zerrissen werden . . .

»Dann weißt du, haben wir Petit jeu gespielt.«

Apollon Apollonowitsch sah fest dem Sohn ins Gesicht und antwortete nichts

. . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: einst war diese fremde

Marionettenpuppe ein kleines Körperchen; dieses Körperchen hatte er mit

väterlicher Zärtlichkeit auf den Armen getragen; der blonde kleine Knabe hatte

sich eine Papiermütze aufgesetzt und war ihm auf den Nacken gestiegen.

Apollon Apollonowitsch hatte mit etwas heiserer und zerrissener Stimme

gesungen:

»Kolenka, der dumme Tropf,

Hüpft und tanzet immer;

Mit der Mütze auf dem Kopf

Reitet er durchs Zimmer.«

 

Jetzt aber, jetzt? Nicht ein Körperchen sah Apollon Apollonowitsch vor sich,

sondern einen Körper, und dieser Körper — war groß und fremd . . . War er

fremd? War er . . .?

Apollon Apollonowitsch, begann durchs Zimmer zu zirkulieren, auf und ab:

»Siehst du, Kolenka . . .«

Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen weichen Lehnstuhl nieder.

»Ich muß, Kolenka . . . das heißt, nicht ich muß, sondern — wie ich hoffe —

wir müssen . . . miteinander sprechen: hast du jetzt die nötige Zeit dazu? Die

Sache, die mich aufregt, besteht darin . . .«

Apollon Apollonowitsch stockte, er lief wieder zum Spiegel (in diesem

Augenblick schlug die Turmuhr), und Nikolai Apollonowitsch erblickte im

Spiegel den Tod im Gehrock, sah einen vorwurfsvoll auf sich gerichteten Blick,

hörte, wie Finger trommelten; da sprang mit lautem Lachen der Spiegel: wie ein

Blitz durchschnitt ihn eine schräge Nadel mit lautem Knistern und blieb für

immer im Glas wie ein Silberzickzack stecken.

Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf den Spiegel, und der Spiegel

sprang; Abergläubische würden gesagt haben:

»Es ist ein böses, ein böses Zeichen . . .«

Geschehen, fertig: das Gespräch war nun unausbleiblich.

Mit allen Mitteln hatte Nikolai Apollonowitsch sich bemüht, die

Auseinandersetzung hinauszuschieben; und gerade jetzt erschien sie ihm

überhaupt überflüssig: alles hätte sich ja von selbst bald geklärt. Nikolai Apollonowitsch bedauerte, daß er nicht rechtzeitig aus dem Salon entwichen war

(wie viele Stunden die Agonie schon dauerte: und unter dem Herzen schwoll

ihm etwas, schwoll, schwoll); doch zugleich mit dem Schrecken empfand er eine

seltsame Wollust: er konnte sich von seinem Vater nicht losreißen.

»Ja, Vater, ich habe, aufrichtig gesagt, diese Auseinandersetzung erwartet.«

»Ah, du hast sie erwartet?«

»Ja, ich habe sie erwartet.«

»Hast du jetzt Zeit?«

»Ja, ich bin frei.«

»Dann, Kolenka, geh in dein Zimmer und sammle erst deine Gedanken.

Entdeckst du in dir etwas, was wir zusammen besprechen können, dann komm in

mein Arbeitszimmer.«

»Jawohl, Vater . . .«

»Apropos: leg’ diese Jahrmarktsfetzen ab . . . Aufrichtig gesagt, mir mißfällt

das alles in höchstem Grade . . .«

»?«

»Ja, es mißfällt mir sehr! Es mißfällt mir in höchstem Grade!«

Die Tür fiel ins Schloß.

 

Nikolai Apollonowitsch blieb neben dem Tischchen stehen; sein Blick hüpfte

über die Blätter der Bronze-Inkrustation, über die Nippsachen und die kleinen

Etageren an der Wand. Ja, hier hatte er gespielt: hier war er oft lange gesessen —

in dem Lehnstuhl mit den kleinen Girlanden auf dem blaßblauen Atlasbezug;

und wie jetzt hing auch damals die Kopie vom Bilde Davids: »Distribution des

aigles par Napoléon premier«. Das Bild stellte den großen Kaiser im

Purpurmantel und mit einem Kranz auf dem Haupt dar, wie er den Arm gegen

die Marschallversammlung ausstreckte.

Was wird er seinem Vater sagen? Wieder in qualvoller Weise lügen? Lügen,

wo das Lügen schon nicht mehr nützt? Lügen, wo seine Situation jede Lüge

eigentlich ausschließt? Lügen . . . Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich, wie er

in den fernen Kinderjahren gelogen hatte.

Da ist das Klavier, gelb, stilgemäß; es berührt kaum den Parkettboden mit

seinen feinen Rollbeinchen. Hier pflegte die Mutter, Anna Petrowna, zu sitzen,

die alten Beethoventöne erschütterten die Wände: das unendlich Alte, das in

Tönen rann, rief in seinem kindlichen Herzen dieselbe Sehnsucht hervor wie der

verblassende Mond, der erst rot auftauchend, immer höher über die Stadt seine

blaßgelbe Trauer trägt . . .

Muß er nicht schon gehn, um mit dem Vater zu sprechen?

In diesem Augenblick sah die Sonne in das Zimmer herein; die Sonne, die leuchtende Sonne warf von oben ihre lanzenartigen Lichter; der goldene

tausendarmige Titan der uralten Zeiten überzog die Leere mit seinen leuchtenden

Vorhängen und beleuchtete die Turmspitzen, die Dächer, die Wässer und die

Steine und die an die Fensterscheibe gedrückte, göttlich-blasse Sklerosestirn; der

goldene tausendhändige Titan jammerte dort still über seine Einsamkeit:

»Kommt, kommt zu mir, zur alten Sonne!«

Ihm aber schien die Sonne eine riesige, tausendbeinige Tarantel, die in

wahnsinniger Leidenschaft die Erde überfällt . . .

Und unwillkürlich schloß Nikolai Apollonowitsch die Augen; da alles

plötzlich aufblitzte: der Lampenschirm blitzte auf; der Lampenzylinder wurde

von Amethysten übersät; Funken strahlten auf den Flügeln des goldenen Amors;

die Oberfläche des Spiegels blitzte auf — ja, der Spiegel, der hat einen Sprung

bekommen.

Abergläubische würden gesagt haben:

»Ein böses Zeichen, ein böses Zeichen . . .«

In all dem Hellen und Blitzenden zeichnete sich plötzlich eine dunkle Gestalt

vor Nikolai Apollonowitsch; in all das Stumme hüpfte plötzlich ein

eindringliches Flüstern hinein:

»Und wie soll es nun . . . soll es nun . . .?«

Nikolai Apollonowitsch hob sein Antlitz . . .

»Wie soll es nun mit . . . der gnädigen Frau?«

Vor sich erblickte er den Diener Ssemjonytsch.

Alles Alte kehrt wieder zurück . . . Nein: das Alte kehrt nie wieder.

Alles, alles, alles: das Blitzen der Sonne, die Wände, der Körper, die Seele —

alles wird verschwinden; schon jetzt schwindet alles; und dann: ein Delirium, ein

Abgrund, eine Bombe.

In der Kindheit hatte Kolenka oft phantasiert; nachts begann oft ein

elastisches Kügelchen vor ihm zu hüpfen; das Kügelchen schien bald aus

Gummi zu sein, bald aus einem Stoff aus anderen Welten; den Boden berührend,

gab es einen sonderbaren lackierten Laut von sich: »pépp — pepépp« und

wieder: »pépp — pepépp«. Plötzlich blähte sich das Kügelchen in

erschreckender Weise auf und nahm deutlich die Gestalt eines kugeligen dicken

Herrn an; dieser dicke Herr, der zu einer langweiligen Kugel geworden war,

blähte sich immer mehr auf, immer mehr, immer mehr, so daß er zu zerplatzen

drohte.

Und während er sich dehnte und zu einer Kugel wurde, um dann zu

zerspringen, hüpfte er, wurde rot, sprang in die Luft und ließ einen leisen

lackierten Laut hören:

»Pépp . . .«