Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 11 von 103

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Petersburg

Seltsame Eigenschaften

Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: das Individuum hatte er schon einmal

gesehen.

Das Individuum sah er ein mal — denken Sie — im eigenen Hause.

Er weiß noch: er stieg die Treppe hinab, um zum Empfang zu erscheinen; auf

der Stiege stand Nikolai Apollonowitsch und unterhielt sich, über die Brüstung

gelehnt, mit jemand, der unten stand: Nikolai über seine Bekanntschaften

auszufragen — dazu hielt der Staatsmann sich nicht für befugt; das Taktgefühl

hinderte ihn auch damals geradeheraus zu fragen:

»Sag’ mal, Nikolinka, wer ist es, der dich da besuchte, mein Engel?«

Nikolai hätte die Augen zu Boden geschlagen und hätte gesagt:

»Nun so, Vater, mich besuchen eben . . .«

Damit hätte das Gespräch sein Ende gehabt.

Deswegen hatte auch Apollon Apollonowitsch für die Person des Individuums

im dunklen Mantel, das unten stand, kein Interesse gezeigt. Der Unbekannte

hatte dasselbe schwarze Schnurrbärtchen und dieselben Augen, dieselben

absonderlichen Augen (solchen Augen können Sie nachts in der Moskauer

Kapelle des Märtyrers Panteleymon begegnen: diese Kapelle ist berühmt durch

Heilung Besessener; solche Augen würden Sie auf den Photographien sehen, die

den Lebensbeschreibungen bedeutender Menschen beigegeben sind; und

schließlich: solche Augen sehen Sie in neuropathischen und selbst

psychiatrischen Anstalten).

Schon damals hatten die Augen sich geweitet, zu spielen, zu glänzen

begonnen; also war das schon einmal gewesen und wird sich vielleicht

wiederholen.

»Über alles — ja, ja . . .«

»Notwendig . . .«

»Genaueste Information . . .«

Seine genauesten Informationen bekam aber der Staatsmann nicht auf

direktem, sondern auf verschlungenem Wege.

 

Apollon Apollonowitsch sah durch die Tür seines Arbeitszimmers:

Schreibtische, Schreibtische! Haufen von Akten! Über die Akten gebeugte

Köpfe! Kratzen der Federn! Knistern der umgeschlagenen Blätter! Was für

fieberhaft gigantische papierne Tätigkeit!

Apollon Apollonowitsch versank beruhigt in die Arbeit.

 

Seltsame Eigenschaften Das Gehirnspiel des Trägers diamantener Orden hatte seltsame, sehr seltsame,

höchst seltsame Eigenschaften: Sein Schädel wurde zum Behälter gedanklicher

Bilder, die sofort ihre Verkörperung in dieser Gespensterwelt fanden.

Mit Rücksicht auf diesen seltsamen, sehr seltsamen, höchst seltsamen

Umstand hätte besser Apollon Apollonowitsch keinen seiner müßigen Gedanken

von sich geworfen; denn jeder seiner müßigen Gedanken entwickelte sich

hartnäckig zu einem räumlich-zeitlichen Bilde und setzte seine — jetzt nun

unkontrollierbaren — Handlungen außerhalb des senatorischen Kopfes fort.

Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: aus seinem Kopfe

entstiegen Götter, Göttinnen und Genien. Wir haben es schon gesehen: einer

dieser Genien (der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen), als bloßes

Bild entstanden, begann dann in der gelblichen Newa-Räumlichkeit sein

wirkliches Sein; dabei behauptete er, dieser Räumlichkeit, nicht dem

senatorischen Kopf, entstammt zu sein; nun hatte aber auch der Unbekannte

müßige Gedanken; und auch diese besaßen die gleichen Eigenschaften.

Sie entflohen dem Hirn und wurden zu etwas Festem.

Ein dem Kopfe des Unbekannten entflohener Gedanke war, daß er, der

Unbekannte, wirklich existiere; vom Newskij-Prospekt lief dieser Gedanke

zurück in das Senatorhirn und befestigte in ihm das Bewußtsein, die Existenz

des Unbekannten in diesem Kopfe sei — eine illusorische Existenz.

So schloß sich nun der Kreis.

Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: kaum wurde in

seinem Kopfe die mit einem Paketchen bewaffnete Pallas — der Unbekannte —

geboren, als schon aus ihm eine zweite, ebensolche Pallas hervorstieg.

Diese letzte Pallas war das senatorische Haus.

Das steinerne Ungeheuer war dem Hirn entflohen; und nun öffnet es seine

gastliche Tür — vor uns.

 

Der Lakai stieg die Treppe hinauf; er litt an Asthma; doch ist nicht von ihm jetzt

die Rede, sondern von — der Treppe: einer herrlichen Treppe! Die Stufen: weich

waren sie wie die Windungen des Hirns. Doch diese Treppe zu beschreiben, über

die öfters schon Minister gegangen waren, bleibt dem Autor keine Zeit, denn

nun ist der Lakai schon oben im Saal . . .

Aber auch — der Saal: herrlich! Fenster und Wände: die Wände etwas kalt . . .

Aber der Lakai ist schon im Salon.

Wir betrachteten das schöne Wohnhaus nach jenen allgemeinen Merkmalen,

die der Senator an alle Dinge anzuwenden pflegte. —

So: —

In weiß Gott welcher Zeit einmal in die freie Natur gekommen, erblickte

hier Apollon Apollonowitsch dasselbe wie wir; d. h.: er sah eine

blühende Natur; für uns pflegt sie im Nu in einzelne Teile zu zerfallen:

Veilchen, Butterblumen, Nelken; der Senator aber machte aus der

Geteiltheit wieder eine Einheit. Wir würden natürlich gesagt haben:

»Hier ist ein Gänseblümchen.«

»Hier — ein Vergißmeinnicht . . .«

Apollon Apollonowitsch sagte einfach und kurz:

»Blumen . . .«

»Eine Blume . . .«

Unter uns gesagt: Apollon Apollonowitsch hielt alle Blumen, weiß Gott

warum, für Glöckchen . . .

Mit lakonischer Kürze würde er auch sein eigenes Haus charakterisieren; für

ihn bestand es aus Wänden (die bildeten Quadrate und Kuben), aus

durchgeschlagenen Fenstern, aus Parkettböden, Stühlen, Tischen; weiter kamen

Details . . .

Der Lakai trat ins Vorzimmer . . .

Und da wollen wir uns erinnern: alles, was an uns vorüberglitt (Bilder,

Klavier, Spiegel, Perlmutter-Inkrustation an den Tischchen), kurz alles, was

vorüberglitt an uns — all das konnte keine räumliche Form besitzen: all das war

nur Reizung der Hirnhaut, wenn nicht am Ende ein chronisches Kranksein . . .

des Kleinhirns . . .

Es entstand die Illusion eines Zimmers; sie zerfloß dann aber spurlos, und

hinter der Grenze des Bewußtseins baute sie ihre nebelhaften Flächen; wenn der

Diener die schwere Salontür hinter sich schloß, wenn seine Stiefel laut auf dem

Korridorboden aufschlugen — das alles war nur ein Pochen in den Schläfen:

Apollon Apollonowitsch litt an Blutandrang gegen den Kopf, dessen Ursache die

Hämorrhoiden waren.

Hinter der zugeschlagenen Tür war kein Salon: es war . . . Hirnraum:

Windungen, graue und weiße Hirnmasse, die dicken Wände aber, die aus

funkelnden Pünktchen bestanden (bedingt durch den Blutandrang), diese nackten

Wände waren nur das bleierne Schmerzgefühl in den Nacken-, Stirn-, Schläfen-

und Scheitelknochen, die zu dem würdigen Schädel gehörten.

Das Haus — dieses steinerne Ungeheuer war kein Haus; es war ein

Senatorkopf: Apollon Apollonowitsch saß vor dem Tisch, über den Akten, durch

Migräne bedrückt, mit dem Empfinden: sein Kopf sei sechsmal so groß und

zwölfmal so schwer als er sein sollte.

Seltsame, sehr seltsame, höchst seltsame Eigenschaften.