Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 57 von 103

PDF-Seiten

Petersburg

Begleiter

»Wo wollen Sie hin?«

»Auf die Wassiljewskij-Inseln.«

 

»Sie scheinen nicht genau zu wissen, wo Sie hinwollen,« sagte lächelnd das

kleine Herrchen; »dann machen wir doch zusammen einen Abstecher ins

Restaurant.«

 

Begleiter

 

In grauem Mantel, mit schwarzem Zylinderhut, das Gesicht von der Farbe

grauen, grün überhauchten Wildleders, lief Apollon Apollonowitsch Ableuchow

wie geängstigt die Stufen hinunter und stand nun im durchnäßten glitschrigen

Portal.

Jemand rief seinen Namen, und auf den ehrfurchtsvollen Ruf hin tauchten aus

der Dunkelheit die schwarzen Konturen des Wagens auf, und im Lichtkreis der

Laterne hob sich das Wappen ab: ein Einhorn, einen Ritter durchbohrend. Schon

hob Apollon Apollonowitsch seinen Fuß zum Wagentritt, als er das schäbige

Herrchen, von dem er soeben die wichtige, traurige Wahrheit vernommen hatte,

auf der Straße erblickte.

Apollon Apollonowitsch ließ darauf den im geraden Winkel gehobenen Fuß

wieder sinken, berührte mit dem Handschuh den Rand des Zylinders und gab

dem vor Erstaunen blöd dreinschauenden Kutscher trocken den Befehl: allein

nach Hause zu fahren. Dann beging Apollon Apollonowitsch eine unerhörte Tat:

so was wies die Geschichte seines Lebens in den letzten fünfzehn Jahren nicht

auf: Apollon Apollonowitsch, selbst vor Verwunderung mit den Augen

zwinkernd und die Hand, des Asthmas wegen, an das Herz gedrückt, begab sich

zu Fuß, bemüht, den sich im Nebel verlorenen Rücken des schäbigen Herrchens

einzuholen, auf den Weg; eine wesentliche Tatsache bitte ich in Betracht zu

nehmen: die unteren Extremitäten des ruhmvollen Mannes waren nämlich bis

zum äußersten klein geraten; wenn Sie diese wesentliche Tatsache

berücksichtigen, dann werden Sie es verständlich finden, daß Apollon

Apollonowitsch durch eifriges Bewegen der Arme sich das Gehen zu erleichtern

suchte.

Apollon Apollonowitsch beging also zwei unerhörte Abweichungen von dem

Kodex seiner höchst geregelten Lebensweise, erstens: verschmähte er den

Wagen (in Anbetracht seiner krankhaften Raumangst — eine wirkliche Heldentat); zweitens: flog er in nicht übertragenem, sondern buchstäblich

wahrem Sinne des Wortes in dunkler Nacht durch eine menschenleere Straße. Er

rief dem in die Dunkelheit entfliehenden Rücken zu:

»Mm . . . Hören Sie!«

Doch der Rücken (eigentlich nicht der Rücken, sondern die mitlaufenden

Ohren) hörten nicht.

»Halten Sie doch . . . Pawel Pawlowitsch!«

Der Rücken wandte sich um, blieb stehen und, den Senator erkennend, kam er

ihm entgegen.

»Exzellenz! . . . Apollon Apollonowitsch! Wieso ohne Wagen? . . .«

Aber Apollon Apollonowitsch unterbrach den Gefühlserguß:

»Die Nachtluft ist mit nützlich . . .«

Beide gingen nun in derselben Richtung: das Herrchen bemühte sich, Schritt

mit dem Senator zu halten, was aber in Wirklichkeit nicht leicht war (die

Schrittchen Apollon Apollonowitschs konnte man durch das Mikroskop

betrachten).

Apollon Apollonowitsch hob die Augen auf den Begleiter und sagte — sagte

mit sichtbarer Verwirrung:

»Ich . . . wissen Sie . . .«

»Ja?« horchte das Männchen auf.

»Ich . . . wissen Sie . . . möchte Ihre genaue Adresse haben, Pawel

Pawlowitsch.«

»Pawel Jakowlewitsch«, verbesserte bescheiden der Begleiter.

»Pardon, Pawel Jakowlewitsch, ich habe, wissen Sie, ein schlechtes

Gedächtnis für Namen . . .«

»Macht nichts, bitte, macht absolut nichts, nichts.«

Das schäbige Herrchen dachte inzwischen bei sich:

»Möchte wohl über den Sohn etwas erfahren . . . aber schämt sich zu fragen

. . .«

»Also, Pawel Jakowlewitsch, ich bitte Sie um Ihre Adresse.«

Apollon Apollonowitsch Ableuchow knöpfte den Mantel auf und zog sein, in

das Fell eines gefallenen Nashorn gebundenes Notizbuch hervor; sie blieben

unter einer Laterne stehen.

»Meine Adresse«, sagte, sich gleichsam windend, das Herrchen, »ist

veränderlich. Meist halte ich mich auf der Wassiljewskij-Insel auf: 18. Linie,

Haus Nr. 17; dort habe ich zwei Zimmer beim Schuhmacher Beßmertny; zu

fragen: der Schreiber des Polizeireviers Woronkow.«

»So — so — so: ich werde Sie in diesen Tagen besuchen . . .«

Plötzlich hoben sich die Augenbrauen des Senators und Erstaunen prägte sich in seinem Gesicht:

»Warum?« fragte er, »warum? . . .«

»Warum mein Name Woronkow ist, während ich in Wirklichkeit Morkowin

heiße?«

»Ja — eben.«

»Das kommt daher, Apollon Apollonowitsch, weil ich dort unter falschem

Namen wohne.«

Das Gesicht Apollon Apollonowitschs drückte Ekel aus (im Prinzip war er

gegen solche Erscheinungen).

»Meine eigentliche Wohnung ist auf dem Newskij . . .«

Apollon Apollonowitsch dachte: »Was ist zu machen: solche Erscheinungen

sind in einer Übergangszeit und im Rahmen der Gesetzlichkeit — eine traurige

Notwendigkeit, aber eben eine Notwendigkeit.«

»Ich bin zur Zeit, Exzellenz, mit der Auffindung einer gewissen Spur

beschäftigt: es ist jetzt eine äußerst bedeutsame Zeit.«

»Ja, ja, Sie haben recht«, stimmte Apollon Apollonowitsch bei.

»Es ist ein politisches Verbrechen von besonderer Wichtigkeit in Vorbereitung

. . . Vorsichtig: hier ist eine Pfütze . . . Dieses Verbrechen . . .«

»Soo . . .«

»In nächster Zeit dürfte es uns gelingen, dieses Verbrechen an den Tag zu

bringen . . . Hier ist eine trockene Stelle, darf ich Ihnen die Hand bieten? . . .«

Apollon Apollonowitsch wurde von seiner Angst befallen: sie schritten über

einen großen Platz; unwillkürlich rückte er ganz nahe an den Begleiter heran.

»Soo, soo: sehr gut . . .«

Apollon Apollonowitsch suchte Mut zu fassen, aber der riesige Platz und die

ihm entgegenlaufende Ferne drückten ihn nieder. Einen Augenblick überwand

die Sorge um das bedrohte Rußland die persönlichen Ängste: die Angst um den

Sohn und die Angst vor der Notwendigkeit, diesen riesigen Platz zu

überschreiten.

»Ist ein terroristischer Akt in Vorbereitung?«

»Wie gesagt — ja . . .«

»Und sein Opfer?«

»Soll ein hoher Beamter werden!«

Über das Rückgrat Apollon Apollonowitschs lief es kalt: er hatte vor einigen

Tagen einen Drohbrief erhalten; in diesem Briefe wurde ihm mitgeteilt: falls er

den Posten annehme, würde er von einer Bombe vernichtet werden; Apollon

Apollonowitsch verachtete anonyme Briefe; er warf das Schreiben fort; den

Posten nahm er an.

»Verzeihen Sie, wenn es kein Geheimnis ist: wen haben sie jetzt vor?«

Hier geschah etwas wirklich Seltsames: alle Dinge an dem Senator duckten

sich gleichsam und rückten viel näher heran; auch Herr Morkowin schien kleiner

geworden zu sein und rückte näher heran; ein spöttisches Lächeln spielte um

seine Lippen, als er im Flüsterton, den Kopf gegen den Senator geneigt, sagte:

»Wieso — wen? Sie, Exzellenz, Sie!«

Apollon Apollonowitsch sah: eine Karyatide vor dem Portal: nichts weiter —

eine Karyatide. Doch — nein, nein! Keine Karyatide, so eine hat er nie im Leben

gesehen: diese hängt nur so im Nebel. Dort ist der Giebel eines Hauses: nichts

weiter — ein Giebel; doch — nein, nein: es ist nicht einfach ein Giebel, wie

auch alles andere nicht mehr einfach ist; alles hat sich verschoben, hat sich von

den Wurzeln gelöst; selbst er hat sich von den Wurzeln gelöst; und er stammelte

in die mitternächtliche Dunkelheit:

»Warum aber? . . . Bitte — bitte. Warum? . . .«

Apollon Apollonowitsch konnte es sich durchaus nicht denken, daß diese

behandschuhte Hand, daß diese Beine, daß dieses müde, absolut müde (glaubt es

mir!) Herz — unter der Einwirkung sich verbreitender Gase in irgendeiner

Bombe im Nu sich verwandeln können sollte . . .

»Das heißt, wie meinen Sie das?«

»Aber eben so, Apollon Apollonowitsch — höchst einfach . . .«

Dann aber fügte Herr Morkowin hinzu:

»Sie dürfen sich durchaus nicht fürchten, Exzellenz, denn es sind die

strengsten Maßregeln getroffen worden: wir verhindern es: eine unmittelbare

Gefahr für heute oder morgen besteht nicht . . . In einer Woche aber werden Sie

informiert sein. So lange gedulden Sie sich . . .«

Das ängstlich bebende Gesicht betrachtend, das, vom fahlen Laternenlicht

beschienen, an eine Leiche gemahnte, dachte Herr Morkowin: »Wie alt er doch

ist, die reinste Ruine . . .«

Aber mit kaum merklichem Krächzen wandte Apollon Apollonowitsch dem

Männchen sein bartloses Gesicht zu und lächelte plötzlich, ganz trübe, wodurch

sich unter seinen Augen gewaltige faltige Säcke bildeten.

Einen Augenblick später kam jedoch Apollon Apollonowitsch wieder zu sich,

verjüngte sich, seine Gesichtsfarbe wurde heller: er drückte fest Herrn

Morkowins Hand und schritt, aufrecht wie ein Stock, dem schmutzigen,

herbstlichen Nebel entgegen, im Profil an die Pharaomumie Ramses’ des

Zweiten erinnernd.

Uh! Wie war es feucht, wie faulnaß, wie war die Nacht so bläulich und lila mit

rötlichem Ausschlag von den Laternen, wie entwand sich Apollon

Apollonowitsch dem Lila, um in den Kreis der Laterne zu gelangen, und wie

flog er aus dem Rot der Laterne wieder in das Lila!