Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 58 von 103

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Petersburg

Närrisch

 

Knacks — knacks — knacks: so knacksten die elektrischen Knöpfe, und die

Dunkelheit nahm einen unbeholfen langen Menschen auf, mit allzu scharfen

Gesten. Das war vielleicht gar nicht Leutnant Lichutin?

Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: sich so widerwärtig im Spiegel zu

erblicken, weil irgendein Domino sein ehrliches Haus entehrt hatte, weil, seinem

Offizierswort treu, er jetzt auch seine Frau nicht auf die Schwelle lassen durfte.

Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: es war eben Leutnant Lichutin — er

selbst.

Knacks — knacks — knacks: im zweiten Zimmer knacksten die elektrischen

Knöpfe; ebenso im dritten. Dieser Laut beunruhigte Mawruscha, und als sie mit

schlürfendem Schritt aus der Küche ins Zimmer trat, erstaunte sie über die

völlige Dunkelheit.

Und sie brummte:

»Was ist das nun wieder?«

Aber in der Dunkelheit hüstelte jemand trocken.

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr . . .«

Aus der Ecke schrie jemand zornig mit pfeifender, befehlender Stimme:

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr, ich muß im Zimmer der gnädigen Frau Ordnung

machen . . .«

»Gehen Sie ganz fort . . .«

»Und dann sind auch, Sie wissen, die Betten nicht abgedeckt . . .«

 

»Hinaus! sagte ich.«

Kaum war sie in die Küche getreten, als der Herr ihr dahin folgte:

»Gehen Sie überhaupt weg aus dem Hause . . .«

»Aber warum nur, gnädiger Herr . . .?«

»Fort, gleich fort! . . .«

»Aber wohin soll ich?«

»Wohin Sie wollen: fort mit Ihnen . . .«

»Gnädiger Herr!! . . .«

»Fort mit Ihnen, daß Sie sich nicht zeigen bis morgen.«

»Aber gnäd . . .«

»Fort, fort! . . .«

Er steckte ihr ihren Mantel zu und schob sie aus der Tür hinaus; Mawruscha

brach in Tränen aus; sie erschrak — tödlich: der Herr schien plötzlich nicht ganz

. . . Sie hätte zum Hausmeister und aufs Polizeirevier laufen sollen, statt dessen

lenkte sie ihre Schritte zu einer Freundin.

Ja, Mawruscha . . .

 

Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein

Leben hängt an einer Anzahl gewöhnlicher Gebrauchswörter, an dem Faden

ganz durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er

in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerüstet mit absolut —

ausreichenden Worten und Gesten; läuft aber dieses Fahrzeug auf einen

verborgenen Felsen der Lebensunverständlichkeiten auf — so zerschellt es, und

der einfältige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim kleinsten

Stoß des Lebens verlieren Normalmenschen die Fähigkeit des Verstehens. Nein,

kein Wahnsinniger kennt die Gefahren für das Hirn, die für den Normalen

bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus leichterem Ätherstoff

geschaffen. Für das normale Hirn gibt es völlig undurchdringliche Dinge, die

dem kranken Hirn ohne weiteres klar erscheinen: dem normalen Hirn bleibt

nichts übrig, als sich zu zerstören; und es — zerstört sich.

Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die

schärfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen eine

eiserne Mauer gestoßen wäre; und während er vor der Mauer stand, sah er, daß

es gar keine Mauer gab, daß sie nicht undurchdringlich war und daß es dort,

hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; daß es dort eigene Gesetze des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . . Hier brummte

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schüttelte den Kopf; er fühlte ein

intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er

schüttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich

vollständig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen seiner

untreuen Gattin begonnen und endete damit, daß er sich selbst auf Häßlichkeiten

ertappte.

Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begann es: es kroch heran, zischte;

was ist dieses Es? — Warum kam es? Außer der Verkleidung Nikolai

Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wäre . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmütiger Mensch, stieß mit dem Kopf

an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flächen — das

vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau — das ehrliche

Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls sie zum Ball

gehen würde?

Was also tun? Was tun?

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von

neuem, Streichhölzer zu reiben; rotbraune Flämmchen zuckten auf; rotbraune

Flämmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte er

auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna fortgegangen

war — zwei Stunden, das heißt hundertundzwanzig Minuten; jetzt begann er zu

rechnen, wie viele Sekunden es waren.

»Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch faßte sich an den Kopf:

»Sechzig mal einhundert . . . Nein, eine Sekunde mal einhundert . . .«

Seine Gedanken verwirrten sich: Ssergeij Ssergeijewitsch bewegte sich in

vollständiger Dunkelheit: ta — ta — ta — tönten seine Schritte; Ssergeij

Ssergeijewitsch fuhr fort zu rechnen:

»Einmalhundert mal . . . Und zwei Nullen dazu — macht zusammen

siebentausend zweihundert Sekunden. Ja.«

Erfreut über die Bewältigung dieser komplizierten geistigen Arbeit äußerte er

diese Freude in einer etwas überlauten Weise. Plötzlich fiel ihm ein: sein Gesicht

verfinsterte sich:

»Siebentausendzweihundert Sekunden — seit ihrem Entfliehen:

zweihunderttausend Sekunden — dann ist alles zu Ende!«

Nach den siebentausendzweihundert Sekunden führt die

siebentausendzweihundertunderste in den Zeitraum hinein, in dem sein

Offizierswort Geltung bekommt; siebentausendzweihundert Sekunden durchlebte er gleich siebentausend Jahren; seit der Entstehung der Welt sind ja

bis zum heutigen Tage nicht mehr Jahre vergangen. Es schien Ssergeij

Ssergeijewitsch, als wäre er seit der Entstehung der Welt in diese Finsternis

eingeschlossen gewesen, mit seinen unerträglichen Kopfschmerzen; den

selbsttätigen Gedanken, der Autonomie des Gehirns, das die leidende Person

ausschließt. Ssergeij Ssergeijewitsch begann plötzlich fieberhaft in einer Ecke zu

suchen; er nahm aus einem Schrank einen Strick und versuchte eine Schlinge zu

machen: das wollte ihm aber nicht gelingen. Ganz verzweifelt lief er in sein

Zimmer, den Strick hinter sich herschleifend.

Was tat nun Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin? Suchte er seinem gegebenen

Offizierswort Geltung zu verschaffen? Ach — wo! Er nahm bloß, weiß Gott

wozu, die Seife aus der Seifendose heraus, kauerte sich auf den Fußboden nieder

und begann über einem hingestellten Waschbecken den Strick mit Seife

einzureiben. Kaum war er damit fertig, als seine Handlungen einen wahrhaft

phantastischen Charakter annahmen; man konnte ruhig sagen, nie im Leben

hatte Ssergeij Ssergeijewitsch so originelle Dinge gemacht.

Denken Sie sich nur!

Er stieg, weiß Gott wozu, auf den Tisch (vorerst hatte er die Tischdecke

abgenommen); dann zog er vom Fußboden einen gebogenen Stuhl herauf, den er

ebenfalls auf den Tisch stellte; auf dem Stuhle stehend, nahm er die Lampe vom

Haken und legte sie sich vorsichtig vor die Füße; an Stelle der Lampe aber

befestigte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den von der Seife glitschrigen

Strick; dann schlug er ein Kreuz und blieb unbeweglich einen Augenblick

stehen; und langsam legte er mit beiden Händen die Schlinge über seinen Kopf,

wie jemand, der im Begriff ist, sich aufzuknüpfen.

Aber ein glänzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf:

eigentlich mußte er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren.

Mit diesem glänzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in

sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die

Haare vom Hals zu rasieren.

Endlich war er fertig, zögern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem

Augenblick ertönte im Vorzimmer die Hausglocke; geärgert schlenderte Ssergeij

Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah mit Bedauern

auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und — was tun? Was

tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben zu verschieben; er

konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, daß er überrascht werden würde;

zum zweitenmal ertönte inzwischen die Glocke und verkündete ihm, daß er

keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den Tisch, um die Schlinge vom

Haken zu lösen; aber der glitschrige Strick gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij Ssergeijewitsch wieder herunter und