Petersburg
Unruhe
hinter der Tür (in einem Werschok Entfernung) ganz deutlich: ein keuchendes
Atmen und ein Reiben von Zündhölzern an der Schachtel: Herrgott Jesus
Christus, wer mochte dort keuchen? Sofja Petrowna trat etwas zurück.
Mawruscha? Nein, sie war es nicht. Ssergeij Ssergeijewitsch? Ja, er war es.
Aber warum schwieg er? Warum machte er nicht auf? Warum stand er hinter der
Tür und keuchte?
Böses ahnend begann Sofja Petrowna, verzweifelt, an die filzbeschlagene Tür
zu hämmern; Böses ahnend rief Sofja Petrowna:
»So macht doch auf!«
Hinter der Tür fuhr jemand fort keuchend zu atmen, regelmäßig und hastig:
»Ssergeij Ssergeijewitsch, lassen Sie es doch! . . .«
Schweigen.
»Sind Sie es? Was haben Sie?«
Ta — ta — ta — etwas wälzte sich von der Tür.
»Was ist denn los? Herrgott, ich fürchte mich, ich fürchte mich . . . Machen
Sie doch auf, Liebling!«
Etwas heulte auf hinter der Tür und lief eilig in die inneren Zimmer; man
hörte ein Rumoren, Stühle wurden geschoben; Sofja Petrowna glaubte die
Lampe im Salon klimpern zu hören, dann wurde wieder ein Tisch geschoben.
Einen Augenblick lang war dann alles ruhig.
Aber dann plötzlich hörte man ein furchtbares Krachen; wie wenn die Decke
eingestürzt wäre und der Schutt nach unten fiele; unter den verschiedenen Tönen
vernahm Sofja Petrownas Ohr mit Schrecken: das schwere Niederfallen eines
menschlichen Körpers.
Unruhe
Apollon Apollonowitsch Ableuchow haßte im Grunde genommen das
unvermittelte Sprechen, bei dem man in die Augen des Partners blicken mußte;
das Sprechen mittels der Telephondrähte beseitigte diese Nachteile. Apollon
Apollonowitsch horchte mit Vergnügen auf das Summen des Telephons.
Apollon Apollonowitsch ging zu Zukatows mit dem einzigen Vorhaben, dem
Leiter eines gewissen Amtes einen Schlag zu versetzen. Diesem Amt hatte es in
der letzten Zeit beliebt, mit einer radikalen Partei ein wenig zu kokettieren.
Apollon Apollonowitsch haßte Kompromisse; und er wollte dem Parteileiter
zeigen, wie er, einmal erst auf seinem hohen Posten, sich zum besagten Amtsleiter stellen würde . . .
Deswegen blieb Apollon Apollonowitsch den ganzen Abend bei Zukatows,
vor sich das höchst widerliche Bild: konvulsivisch hüpfende Beine und blutrote,
unangenehm knisternde Stoffe: solche roten Fetzen sah er schon einmal: auf dem
Platze vor der Kathedrale: dort wurden diese Fetzen Fahnen geheißen.
Diese roten Fetzen hier, auf einem Tanzabend, bei dem das Haupt der
Verwaltung anwesend war — schienen ihm ein unschicklicher, unwürdiger,
schmachvoller Scherz, und die konvulsivisch tanzenden Beine riefen in ihm das
Bild einer traurigen (aber unumgänglichen) Maßnahme hervor, durch die
Staatsverbrechen unmöglich wurden.
In offensichtlicher Langeweile, mit kaum zu überwindendem Widerwillen, saß
Apollon Apollonowitsch auf dem Stuhle, aufrecht wie ein Stock, ein kleines
Porzellantäßchen in den winzigen Händchen. Gegen den bunten, bucharischen
Teppich stemmten sich in perpendikulärer Richtung die dünnen Beinchen, deren
untere Teile mit den Schenkeln einen geraden Neunziggradwinkel bildeten;
perpendikulär zu der Brust streckten sich die dünnen Arme nach dem
Porzellantäßchen vor. Apollon Apollonowitsch Ableuchow, die erstklassige
Persönlichkeit, glich einer auf den Teppich gemalten Ägypterfigur — eckig,
breitschulterig, jede anatomische Regel verleugnend.
Die Mitteilung des kleinen, unscheinbaren Herrchens wirkte auf Apollon
Apollonowitsch wie ein Schlag: der blutrote unangenehme Domino, der hirnlose
Narr, der ihm am meisten auf die Nerven fiel — sein leiblicher Sohn . . . Nein,
nein — nein, nein: der Domino sein leiblicher Sohn! . . .
Ist er auch wirklich sein Sohn? Sein leiblicher Sohn kann ja einfach nur der
Sohn Anna Petrownas sein; durch Überwiegen in den Adern des mütterlichen
Blutes. Das mütterliche Blut hat das reine Ableuchowsche Geschlecht
verunreinigt, indem es dem berühmten Manne einen unsauberen Sohn geschenkt
hat. Nur ein unsauberer Sohn, ein Bastard, konnte Dinge treiben wie diese.
Am meisten empört war Apollon Apollonowitsch, daß der widerwärtige, dort
hüpfende Domino (Nikolai Apollonowitsch), wie ihm das kleine Herrchen
berichtete, bereits eine ebenso widerwärtige Vergangenheit hatte, daß über sein
Treiben die jüdische Presse bereits geschrieben hatte; Apollon Apollonowitsch
bedauerte, nicht in die »Tagesneuigkeiten« der Zeitungen hineingesehen zu
haben.
Mit rascher Bewegung erhob sich Apollon Apollonowitsch und lief in das
Nebenzimmer, um dort den Domino ausfindig zu machen; aber aus demselben
kam mit eiligen, eiligen Schritten ein kleiner, glattrasierter Gymnasiast im
Salonrock auf ihn zu, und Apollon Apollonowitsch war nahe daran, ihm aus
Zerstreutheit die Hand zu reichen; der glattrasierte Gymnasiast erwies sich bei näherer Betrachtung als Senator Ableuchow selbst: in der Eile war der Senator