Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 68 von 103

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Petersburg

Sechstes Kapitel

S e c h s t e s K a p i t e l

Er fand wieder den Faden seines Seins

 

Es war ein trüber Petersburger Tag.

Wollen wir nun zu Alexander Iwanowitsch zurückkehren; Alexander

Iwanowitsch erwachte; Alexander Iwanowitsch schlug die Augen auf, doch die

fielen ihm immer wieder zu; die Geschehnisse der Nacht wurden zurück in die

unterbewußte Welt gedrängt; seine Nerven waren zerrüttet: die Nacht war für ihn

ein Ereignis von riesiger Bedeutung.

Wenn er sich zwischen Schlaf und Wachsein befand, war es ihm, als werde er

in eine Tiefe geschleudert: als fiele, stürze er aus einem Fenster des fünften

Stocks; seine Empfindungen zeigten ihm eine Bresche, die in seine Welt

geschlagen wurde; durch diese Bresche flog er in eine andere,

gestaltenwimmelnde Welt hinein, von der es nicht genügt zu sagen, man werde

dort von furienähnlichen Geschöpfen überfallen: in ihr war selbst das

Weltgewebe nichts als Furiengewebe.

Erst gegen Morgen vermochte Alexander Iwanowitsch von sich diese Welt

abzuschütteln; und er versank dann in Wonne; das Erwachen stieß ihn jäh wieder

hinunter: es blieb in ihm ein unbestimmtes Sehnsuchtsgefühl zurück, und sein

ganzer Körper schmerzte.

Im ersten Augenblick nach dem Erwachen merkte er, daß er von Frost

geschüttelt wurde, er hatte die Nacht hindurch gefiebert: etwas ging mit ihm vor

. . . Doch was?

Während der ganzen langen Nacht rannte er im Delirium durch neblige

Straßen oder stieg über Stufen einer geheimnisvollen Treppe; am

wahrscheinlichsten aber war es das Fieber gewesen, das durch — seine Adern

rannte; das Gedächtnis erzählte etwas, aber die Erinnerungen daran entglitten

immer wieder, und er bemühte sich vergeblich, es festzuhalten.

All das war — Fieber.

Ernstlich erschrocken (bei seiner Einsamkeit fürchtete sich Alexander

Iwanowitsch vor Krankheiten), dachte er, es würde gut für ihn sein, wenn er das

Zimmer nicht verließe.

Mit diesem Gedanken begann er einzuschlummern; im Einschlummern aber

dachte er:

»Etwas Chinin sollte ich einnehmen.«

Er schlief ein.

Und beim Erwachen fügte er hinzu:

»Und einen kräftigen Tee . . .«

Und nach einigem Nachdenken fügte er wieder hinzu:

»Mit Himbeersaft . . .«

Es ging ihm durch den Kopf, daß er die letzte Zeit in einer für seine Lage

unerlaubt leichtsinnigen Weise gelebt hatte; dieser Leichtsinn erschien ihm jetzt

um so unverzeihlicher, als ihm ernste und schwere Tage bevorstanden.

Unwillkürlich seufzte er:

»Und dann sollte ich streng das Trinken vermeiden . . . Nicht die Offenbarung

lesen . . . Nicht bei dem Hausmeister unten sitzen . . . Und auch die

Unterhaltungen mit Stjopka, der beim Hausmeister wohnt: ich sollte nicht mit

diesem Stjopka plaudern . . .«

Diese Gedanken an Tee mit Himbeer, an Wodka, an Stjopka, an die

Offenbarung Johanni beruhigten ihn erst, indem sie die Ereignisse der Nacht zu

einer Lappalie machten.

Als er sich aber mit dem eiskalten Wasser aus der Leitung und mit Hilfe eines

Seifenrestes, der in einem seifigen, gelben Brei lag, gewaschen hatte, fühlte

Alexander Iwanowitsch, wie ihn wieder die Ereignisse der Nacht überwältigten.

Er streifte mit dem Blick sein Zwölfrubelzimmer (ein Mansardenraum).

Was für eine traurige Behausung!

Das Hauptmöbelstück des ärmlichen Raumes war das Bett; dieses Bett

bestand aus vier Brettern, die auf zwei Holzböcke gelegt wurden; die Oberfläche

dieser Böcke war mit ekelhaften, dunkelroten, vertrockneten Wanzenspuren

bedeckt, mit denen Alexander Iwanowitsch viele Monate hindurch mit Hilfe

eines Wanzenpulvers einen hartnäckigen Kampf geführt hatte.

Auf den Brettern lag eine mit Holzwolle gefüllte, dünne Matratze; über das

schmutzige Bettuch hatte Alexander Iwanowitsch sorgfältig eine gestickte Decke

gebreitet, deren rote und blaue Streifen mehr vom langjährigen Gebrauch als

vom Schmutz grau aussahen; von dieser Decke, die ein Geschenk von irgend

jemand (vielleicht von der Mutter) gewesen war, zögerte Alexander Iwanowitsch

sich zu trennen; vielleicht auch aus Mangel an Geld (diese Decke hatte ihn auch

nach Sibirien begleitet).

Außer dem Bett . . . — ja: hier muß ich noch erwähnen: über dem Bett hing

ein kleines Heiligenbild, das den heiligen Seraphin im Fichtenwald auf einem

Stein kniend bei seinem tausend Nächte währenden Gebet darstellte.

Außer dem Bett stand dort noch ein glattgehobelter, kleiner Tisch ohne jede

Verzierung: in billigen Landwohnungen gebraucht man solche Tische zum

Aufstellen der Waschschüsseln; solche Tischchen werden überall auf den

Sonntagsmärkten feilgeboten; in der Wohnung Alexander Iwanowitschs war das

Tischchen Schreib-, Speise- und Nachttischchen zugleich; Waschschüssel gab es überhaupt keine: bei seiner Toilette bediente sich Alexander Iwanowitsch der

Wasserleitung, neben der eine Blechdose mit einem in schleimiger

Seifenflüssigkeit schwimmenden Seifenrest hing; außerdem gab es einen

Kleiderrechen, auf dem eine Hose baumelte; eine zerrissene Pantoffelspitze

blickte unter dem Bett hervor. (Alexander Iwanowitsch träumte eines Nachts:

dieser zerrissene Pantoffel wäre ein lebendes Wesen, eine Art Stubengeschöpf,

wie etwa der Hund oder die Katze; es schlürfte selbständig aus einer Stelle des

Zimmers zur anderen, kriechend und in den Ecken rasselnd; als Alexander

Iwanowitsch die schlürfenden Pantoffel mit im Munde aufgeweichtem

Semmelbrot füttern wollte, bissen ihn diese in die Finger, weswegen er

erwachte).

Es stand noch im Zimmer ein brauner Reisekoffer, der längst seine

ursprüngliche Form verloren hatte und Gegenstände von schrecklichster

Bedeutung enthielt.

Doch das ganze Möblement dieses sozusagen Zimmers, trat zurück vor der

Farbe der Tapete, die unangenehm und frech war, von dunkelgelber oder brauner

Nuance, mit riesigen feuchten Flecken; abends kroch langsam bald über den

einen, bald über den andern dieser Flecke ein Tausendfüßler. Das ganze Innere

des Zimmers war von Tabakrauch erfüllt. Alexander Iwanowitsch mußte

unaufhörlich, mindestens zwölf Stunden täglich rauchen, um die farblose

Atmosphäre in eine dunkelgraue, blaue zu verwandeln.

Alexander Iwanowitsch Dudkin betrachtete seine Behausung, und wieder —

wie schon immer — zog es ihn hinaus aus dem vollgerauchten Zimmer, zog es

ihn fort von hier; es zog ihn auf die Straße in den schmutzigen Nebel, wo er mit

den Schultern, den Rücken und grünlichen Gesichtern der Petersburger

Prospekte eins werden konnte, um sich mit ihnen zu einem einzigen

riesengroßen, grauen Gesicht zu verschmelzen.

Am Fenster seines Zimmers klebte der dichte Oktobernebel: Alexander

Iwanowitsch Dudkin empfand das Bedürfnis, sich von dem Nebel durchdringen

zu lassen, alle seine Gedanken von ihm durchdringen zu lassen, alles, was in

seinem Hirn herumspukte, in dem Nebel zu ertränken; durch die Gymnastik der

schreitenden Füße wollte er dieses Spukzeug auflösen; schreiten wollte er,

immer schreiten und schreiten: von Prospekt zu Prospekt, von Straße zu Straße;

schreiten so lange, bis das Hirn gänzlich verstummt ist, dann vor dem Tischchen

der Schenke niedersinken, um sich mit Wodka zu verbrennen. Nur ein solches

zielloses Wandern durch Straßen und krumme Gäßchen, an Laternen, Zäunen

und Fenstern vorbei erstickt die quälenden Gedanken im Hirn.

Während er seinen armseligen Mantel anzog, spürte er wieder, daß es ihn

fröstelte, und er dachte traurig: