Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 14 von 103

PDF-Seiten

Petersburg

Was für Kostümeur?

Der dunkelgelbe Anzug Lipantschenkos erinnerte den Unbekannten an die

dunkelgelbe Tapete seines Zimmers auf der Wassiljewskiinsel — an jene Farbe,

die sich für ihn mit der Schlaflosigkeit der weißen Frühlings- und der düsteren

Herbstnächte verband; und diese böse Schlaflosigkeit war es wohl, die jetzt vor

ihm ein unheilvolles Gesicht mit schmalen, mongolischen Augen, das ihn so oft

von jener gelben Tapete angesehen hatte, hervorrief.

 

»Verzeihung, Lipantschenko, sind Sie Mongole?«

»Warum diese sonderbare Frage?« . . .

»So, mir schien’s . . .«

»In jedem Russen kreist ja mongolisches Blut . . .«

 

Was für Kostümeur?

 

Die Appartements Nikolai Apollonowitschs bestanden aus Schlaf-, Arbeits-

und Empfangszimmer.

Das Schlafzimmer: ein riesiges Bett, darauf eine rote Atlasdecke; ein feiner

Spitzenüberwurf über die hoch aufgeschlagenen Kopfkissen. An den Wänden

des Arbeitszimmers eichene Bücherschränke mit Seidenvorhängen, die leicht auf

ihren Messingringelchen nach links und rechts glitten; eine sorgliche Hand

konnte den Inhalt der Fächer vor dem Beschauer verdecken oder aber eine Reihe

von Einbandrücken sehen lassen, die mit der Aufschrift »Kant« geziert waren.

Die Sitzmöbel hatten dunkelgrünen Bezug, und herrlich war die Büste . . .

eben desselben Kant natürlich.

Seit zwei Jahren stand Nikolai Apollonowitsch nie vor Mittag auf.

Zweieinhalb Jahre vorher pflegte er aber in früherer Stunde zu erwachen: um

neun; und um halb zehn erschien er in geschlossener Studentenuniform beim

Familienfrühstück.

Vor zweieinhalb Jahren spazierte Nikolai Apollonowitsch nicht im

bucharischen Schlafrock im Hause umher; das rote Käppchen hing nicht im

orientalischen Salon; vor zweieinhalb Jahren verließ Anna Petrowna, die Mutter

Nikolai Apollonowitschs, die Gattin Apollon Apollonowitschs, für immer den

häuslichen Herd, inspiriert von einem italienischen Sänger. Nach ihrer Flucht mit

dem Sänger erschien Nikolai Apollonowitsch auf dem Parkett des erkalteten

häuslichen Herdes im bucharischen Schlafrock; die täglichen Begegnungen von

Vater und Sohn beim Morgenkaffee hörten von selbst auf. Den Kaffee bekam

Nikolai Apollonowitsch ins Bett.

Zu erheblich früherer Stunde als der Sohn geruhte Apollon Apollonowitsch

seinen Kaffee zu trinken.

Vater und Sohn trafen sich nur bei Tische; und auch da nur ganz kurz; am

Morgen aber sah man Nikolai Apollonowitsch im Schlafrock; seine Füße staken

in pelzverbrämten, tatarischen Pantöffelchen, auf dem Kopfe aber hatte er ein

rotes Käppchen.

Der glänzende junge Mann wurde zum orientalischen Menschen.

Nikolai Apollonowitsch hatte soeben einen Brief erhalten; einen Brief mit

fremder Schrift; armselige Virsche von erotischer Nuance mit der verblüffenden

Unterschrift: »Die flammende Seele«. Nikolai Apollonowitsch begann, um die

Virsche genauer zu studieren, hilflos durchs Zimmer zu kreisen; nach der Brille

suchend, warf er Bücher, Federhalter und andere Kleinigkeiten durcheinander

und brummte vor sich hin:

»Ah — ah . . . Wo ist doch nur die Brille?«

»Hol’s der Teufel . . .«

»Verloren? . . .«

»Ha?«

»Nein, so was!«

Nikolai Apollonowitsch pflegte ebenso wie Apollon Apollonowitsch mit sich

selber zu sprechen.

Seine Bewegungen waren rasch wie die Bewegungen seines exzellenten

Vaters; wie Apollon Apollonowitsch war er klein von Gestalt, und das stets

lächelnde Gesicht hatte denselben ruhelosen Blick; versank er jedoch in

Betrachtung irgendeines Gegenstandes, dann wurde allmählich dieser Blick

steinern: trocken, klar und kalt zeichneten sich die Linien seines Antlitzes, wie

das eines Heiligenbildes, überraschend durch besonderen, edlen Aristokratismus:

das Edle des Gesichts zeigte sich besonders in der Stirn, die wie gemeißelt war,

mit angeschwollenen Äderchen: das rasche Pulsieren dieser Äderchen war ein

deutliches Voranzeichen frühzeitiger Sklerose.

Diese bläulichen Äderchen entsprachen dem Blau um die riesigen

kornblumenblauen Augen (nur in Augenblicken der Erregung waren diese

Augen durch die erweiterten Pupillen schwarz).

Wir sehen Nikolai Apollonowitsch vor uns mit seinem Käppchen auf dem

Kopf; würde er es abnehmen, erblickten wir eine üppige flachsweiße Mähne, die

den Trotzausdruck dieses kalten, fast rauhen Antlitzes milderte; schwerlich

konnte man bald wieder bei einem Erwachsenen Haare von solcher Farbe

finden; oft finden wir sie nur bei Dorfkindern, besonders in Weißrußland.

Er warf den Brief unachtsam fort und setzte sich vor ein aufgeschlagenes

Buch hin; die gestrige Lektüre, eine Abhandlung, entstand deutlich vor ihm. Er erinnerte sich des Kapitels und der Seite, des lenksamen Ganges der Gedanken

und der am Rand des Buches gemachten Notizen; sein Gesicht, noch immer

streng und klar, wurde lebhaft von Gedanken belebt.

Hier in seinem Zimmer wuchs Nikolai Apollonowitsch in Wahrheit zu einem

sich selbst überlassenen Zentrum; er wandelte sich in eine Serie aus dem

Zentrum entstammender, logischer, für Gedanken und Seele vorbestimmender

Voraussetzungen, und dieser Tisch da: er war hier das einzige Zentrum des Alls

— des denkbaren und undenkbaren, alle Äonen der Zeit zyklisch durchlaufend.

Aber kaum gelang es heute Nikolai Apollonowitsch, sich den Kleinlichkeiten

des Lebens zu entziehen, dem Wirbel allmöglicher Unvernehmbarkeiten,

genannt Leben und Welt; kaum gelang es ihm, sich zu sich selbst zu erheben, als

eine dieser Unvernehmbarkeiten sich in seine Welt gedrängt hat:

Nikolai Apollonowitsch riß sich von seinem Buche los, es wurde geklopft.

»Na? . . .«

»Was ist?«

Hinter der Tür antwortete eine dumpfe, ehrfurchtsvolle Stimme:

»Dort . . .«

». . . fragt jemand nach Ihnen . . .«

Wenn Nikolai Apollonowitsch sich auf einen Gedanken konzentrierte, sperrte

er die Tür seines Arbeitszimmers ab: dann begann es ihm zu scheinen, als

verwandelten sich augenblicklich er selbst und die Gegenstände des Zimmers

aus Dingen der realen Welt in nur gedanklich erfaßbare Symbole rein logischer

Konstruktionen; der Zimmerraum und sein eigener Körper, der die

Gefühlsfähigkeit verlor, wurden zum einzigen Sein-Chaos, von ihm das All

genannt; sein Bewußtsein aber, abgesondert vom Körper, verband sich

unmittelbar mit der elektrischen Lampe des Schreibtisches, von ihm genannt

»Sonne des Bewußtseins«. So hinter der abgesperrten Tür, Schritt für Schritt

seine zur Systemeinheit geschlossenen Sätze überdenkend, fühlte er seinen

Körper sich in das »All«, d. h. ins Zimmer, ergießen; der Kopf dieses Körpers

aber fand seinen Platz im dickbäuchigen kleinen Zylinder der elektrischen

Lampe mit dem zierlichen Schirm.

Und so sich in einen anderen Raum versetzend, wurde Nikolai

Apollonowitsch ein wahrhaft schöpferisches Wesen.

Das ist es, warum er es liebte, sich einzusperren: eine Stimme, ein Schritt oder

ein fremdes Geräusch verwandelte das All in ein Zimmer, das Bewußtsein in eine

Lampe und zerstörte in Nikolai Apollonowitsch den willkürlichen Bau der

Gedanken.

So auch jetzt.

»Was ist’s?«