Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 8 von 103

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Petersburg

Und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glänzen . . .

Dunkles, Schweres starrte von dort aus kämpfendem Chaos; starrte mit

steinernem Blick und schlug in wahnsinnigem Flug mit seinen

Fledermausflügeln; und peitschte mit schwerwiegendem Wort die Armut der

Inseln, und aus dem Nebel traten Schädel und Ohren hervor: so war nämlich vor

kurzem auf dem Titelblatt eines Gassenblättchens jemand abgebildet gewesen.

Der Unbekannte dachte daran und drückte in der Tasche seine Faust fest

zusammen; er dachte an ein von jemand gesagtes grausames Wort, und er dachte

noch, daß die Blätter an den Bäumen schon fielen.

 

Unsererseits sagen wir aber: O, ihr russischen Leute, ihr russischen Leute: Laßt

nicht die Scharen der aus den Inseln gleitenden Schatten an euch heran! Fürchtet

die Insulaner! Sie haben das Recht, sich frei im Reiche zu siedeln: sind nicht

deswegen Brücken, schwarze und graue, über die lethischen Gewässer zu den

Inseln gespannt? Abbrechen sollte man sie . . .

Zu spät . . .

Die Polizei dachte nicht daran, die Nikolajewsche Brücke fortzuschaffen; nun

wälzten sich dunkle Schatten über die Brücke; unter diesen Schatten spannte

sich auch der düstere des Unbekannten. In der Hand dieses Schattens wiegte sich

gleichmäßig ein nicht ganz kleines und doch nicht allzu großes Paket.

 

Und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu

leuchten, zu glänzen . . .

 

In der grünlichen Beleuchtung des Petersburger Morgens, im rettenden »Als

ob« zirkulierte vor dem Senator Ableuchow auch das übliche Phänomen: der

Strom von Menschen; wortstumm wurden hier die Menschen; ihre Wogen, wie

die ans Ufer schlagenden Wellenfluten — dröhnten, brüllten; das gewöhnliche

Ohr aber begriff es nicht im geringsten, daß jene donnernden Wogen

menschliche Wogen waren.

Mit der vorderst flutenden Menge verkehrte der greise Senator mit Hilfe der

Drähte (der Telegraphen- und Telephondrähte), und der Schattenstrom prägte

sich in seinem Bewußtsein wie die ruhig fließende Kunde aus einer hinter

Fernen liegenden Welt.

Apollon Apollonowitsch dachte: an die Sterne, an die Unfaßlichkeit der

dahinrollenden Donnerwogen; und sich auf seinem schwarzen Polster wiegend,

stellte er Berechnungen an über die Stärke der vom Saturn herüberströmenden Lichtkraft.

Plötzlich . . .

— faltete sich sein Gesicht und wurde von einem Zucken entstellt; krampfhaft

rollten die steinernen, von Blau umränderten Augen; die mit schwarzem

Wildleder bekleideten Hände flogen bis zur Höhe der Brust, als sollten diese

Hände ihn schützen. Sein Oberkörper sank zurück und der Zylinder fiel, an die

Wand aufschlagend, auf die Knie unter den entblößten Kopf . . .

Die vorübergleitenden Silhouetten betrachtend (Mützen, Hüten, Federn),

erblickte Apollon Apollonowitsch unter den Mützen, Hüten, Federn in der Ecke

— ein paar wahnsinnige Augen: die Augen zeigten eine unerhörte Eigenschaft;

die Augen erkannten den Senator; und indem sie ihn erkannten, wurden sie

wahnsinnig; vielleicht hatten die Augen an der Ecke gelauert; und indem sie ihn

erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glänzen.

Dieser wahnsinnige Blick war ein bewußt geworfener Blick und gehörte

einem unbestimmten Individuum mit schwarzem Schnurrbärtchen, in einem

Mantel mit aufgeschlagenem Kragen; wenn sich Apollon Apollonowitsch später

in die Einzelheiten des Geschehnisses vertiefte, kam er — eher durch

Überlegung als durch Erinnerung — auf noch einen Umstand: in der rechten

Hand hielt das Individuum ein in ein nasses Tuch gewickeltes Paket.

Die Sache war ja so einfach: der Strom der Droschken hielt den Wagen an der

Straßenkreuzung auf (dort hob eben der Schutzmann sein weißes Stäbchen in die

Höhe); die vorbeiziehende Woge von Individuen, gedrängt von den Droschken,

die quer den Newskij durchschnitten, diese Woge wurde ganz einfach an den

Wagen des Senators gedrängt und zerstört? die Illusion: wenn er, Apollon

Apollonowitsch, über den Newskij raste, war er Milliarden von Werst weit weg

von dem menschlichen Tausendfüßler, der dieselbe Straße beschritt; beunruhigt

rückte Apollon Apollonowitsch dicht an das Fenster heran und sah, daß ihn nur

eine dünne Wand und ein vier Werschok breiter Raum von der Menge trennte;

hier hatte er das Individuum erblickt; und begann es ruhig zu betrachten; es war

etwas Bemerkenswertes in seiner ganzen unansehnlichen Gestalt; und sicher

wäre ein Physiognomiker, zufällig in der Straße auf diese Figur stoßend,

überrascht stehengeblieben und würde später bei seinen Geschäften an das

gesehene Gesicht denken; die Besonderheit des Gesichtes lag nur in der

Schwierigkeit, seinen Ausdruck unter irgendeine Kategorie zu bringen — in

nichts anderem . . .

Diese Betrachtung wäre durch den Kopf des Senators gehuscht, wenn er auch

nur eine Sekunde lang beobachtet hätte; doch es dauerte keine Sekunde. Der

Unbekannte hob die Augen und — hinter den Spiegelscheiben des Wagens, in

vier Werschok Entfernung von sich, erblickte er — nicht ein Gesicht, sondern . . . einen Totenschädel im Zylinder und ein riesiges blaßgrünes Ohr.

In derselben Viertelsekunde erblickte der Senator in den Augen des

Unbekannten — jene Unbegrenztheit des Chaos, aus der die neblige,

vielschlotige Ferne und die Wassiljewskij-Insel schon seit jeher zum Haus des

Senators hinüberschielte.

Da eben war es, wo sich die Augen des Unbekannten weiteten, zu leuchten, zu

glänzen begannen; und da eben flogen hinter dem Wagenfenster, in vier

Werschok Entfernung, die Hände des Senators in die Höhe und bedeckten die

Augen.

Verschwunden ist der Wagen; mit ihm entschwand auch Apollon

Apollonowitsch in die feuchten Fernen; dorthin, wo an klaren Tagen herrlich die

goldene Spitze, die Wolken und der purpurne Sonnenuntergang glänzten, wo

aber heute schmutzige Wolkenschwärme zogen . . .

Apollon Apollonowitsch litt an Herzerweiterung.

Einen kurzen Augenblick nur hatte all dies gedauert.

Apollon Apollonowitsch setzte mechanisch den Zylinder wieder auf und

drückte den wildledernen schwarzen Handschuh ans hüpfende Herz, dann nahm

er sein geliebtes Betrachten der Kuben auf, um sich über das Geschehene ruhige

und klare Rechnung zu geben.

Apollon Apollonowitsch sah wieder aus dem Fenster des Wagens: was er jetzt

sah, verwischte das Frühere: eine nasse, glitschrige Straße, nasse, glitschrige

Pflastersteine, die fiebernd glänzten im septemberlichen Tag!

 

Die Pferde hielten. Der Polizist salutierte. Hinter dem Fenster des Vestibüls,

unter dem die Säulen des kleinen Balkons stützenden bärtigen Karyatiden

dasselbe Schauspiel wie immer: die schwerköpfige Messingkeule glänzte in der

Hand des Portiers; die achtzigjährige Schulter drückte ein dunkler Dreimaster;

ein achtzigjähriger Portier schlummerte über dem »Börsenkurier«. So

schlummerte er schon vorgestern, gestern. So schlummerte er in jenen

verhängnisvollen fünf Jahren . . . So wird er auch weitere fünf Jahre

schlummern.

Fünf Jahre sind es her, seit dem Tag, an dem Apollon Apollonowitsch als

unverantwortliches Haupt eines Amtes im Amt erschienen war; seit dieser Zeit

sind fünf Jahre verstrichen. Und Ereignisse hat es gegeben: China revoltierte,

Port Arthur war gefallen. Doch unverändert blieben die Visionen der Zeiten:

achtzigjährige Schultern, Livreetressen, ein Dienerbart.

 

Die Flügeltüre flog auf: die Messingkeule klopfte. Durch die Wagentür trug Apollon Apollonowitsch seinen steinernen Blick in das breite Vestibül hinüber.