Petersburg
Und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glänzen . . .
Dunkles, Schweres starrte von dort aus kämpfendem Chaos; starrte mit
steinernem Blick und schlug in wahnsinnigem Flug mit seinen
Fledermausflügeln; und peitschte mit schwerwiegendem Wort die Armut der
Inseln, und aus dem Nebel traten Schädel und Ohren hervor: so war nämlich vor
kurzem auf dem Titelblatt eines Gassenblättchens jemand abgebildet gewesen.
Der Unbekannte dachte daran und drückte in der Tasche seine Faust fest
zusammen; er dachte an ein von jemand gesagtes grausames Wort, und er dachte
noch, daß die Blätter an den Bäumen schon fielen.
Unsererseits sagen wir aber: O, ihr russischen Leute, ihr russischen Leute: Laßt
nicht die Scharen der aus den Inseln gleitenden Schatten an euch heran! Fürchtet
die Insulaner! Sie haben das Recht, sich frei im Reiche zu siedeln: sind nicht
deswegen Brücken, schwarze und graue, über die lethischen Gewässer zu den
Inseln gespannt? Abbrechen sollte man sie . . .
Zu spät . . .
Die Polizei dachte nicht daran, die Nikolajewsche Brücke fortzuschaffen; nun
wälzten sich dunkle Schatten über die Brücke; unter diesen Schatten spannte
sich auch der düstere des Unbekannten. In der Hand dieses Schattens wiegte sich
gleichmäßig ein nicht ganz kleines und doch nicht allzu großes Paket.
Und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu
leuchten, zu glänzen . . .
In der grünlichen Beleuchtung des Petersburger Morgens, im rettenden »Als
ob« zirkulierte vor dem Senator Ableuchow auch das übliche Phänomen: der
Strom von Menschen; wortstumm wurden hier die Menschen; ihre Wogen, wie
die ans Ufer schlagenden Wellenfluten — dröhnten, brüllten; das gewöhnliche
Ohr aber begriff es nicht im geringsten, daß jene donnernden Wogen
menschliche Wogen waren.
Mit der vorderst flutenden Menge verkehrte der greise Senator mit Hilfe der
Drähte (der Telegraphen- und Telephondrähte), und der Schattenstrom prägte
sich in seinem Bewußtsein wie die ruhig fließende Kunde aus einer hinter
Fernen liegenden Welt.
Apollon Apollonowitsch dachte: an die Sterne, an die Unfaßlichkeit der
dahinrollenden Donnerwogen; und sich auf seinem schwarzen Polster wiegend,
stellte er Berechnungen an über die Stärke der vom Saturn herüberströmenden Lichtkraft.
Plötzlich . . .
— faltete sich sein Gesicht und wurde von einem Zucken entstellt; krampfhaft
rollten die steinernen, von Blau umränderten Augen; die mit schwarzem
Wildleder bekleideten Hände flogen bis zur Höhe der Brust, als sollten diese
Hände ihn schützen. Sein Oberkörper sank zurück und der Zylinder fiel, an die
Wand aufschlagend, auf die Knie unter den entblößten Kopf . . .
Die vorübergleitenden Silhouetten betrachtend (Mützen, Hüten, Federn),
erblickte Apollon Apollonowitsch unter den Mützen, Hüten, Federn in der Ecke
— ein paar wahnsinnige Augen: die Augen zeigten eine unerhörte Eigenschaft;
die Augen erkannten den Senator; und indem sie ihn erkannten, wurden sie
wahnsinnig; vielleicht hatten die Augen an der Ecke gelauert; und indem sie ihn
erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glänzen.
Dieser wahnsinnige Blick war ein bewußt geworfener Blick und gehörte
einem unbestimmten Individuum mit schwarzem Schnurrbärtchen, in einem
Mantel mit aufgeschlagenem Kragen; wenn sich Apollon Apollonowitsch später
in die Einzelheiten des Geschehnisses vertiefte, kam er — eher durch
Überlegung als durch Erinnerung — auf noch einen Umstand: in der rechten
Hand hielt das Individuum ein in ein nasses Tuch gewickeltes Paket.
Die Sache war ja so einfach: der Strom der Droschken hielt den Wagen an der
Straßenkreuzung auf (dort hob eben der Schutzmann sein weißes Stäbchen in die
Höhe); die vorbeiziehende Woge von Individuen, gedrängt von den Droschken,
die quer den Newskij durchschnitten, diese Woge wurde ganz einfach an den
Wagen des Senators gedrängt und zerstört? die Illusion: wenn er, Apollon
Apollonowitsch, über den Newskij raste, war er Milliarden von Werst weit weg
von dem menschlichen Tausendfüßler, der dieselbe Straße beschritt; beunruhigt
rückte Apollon Apollonowitsch dicht an das Fenster heran und sah, daß ihn nur
eine dünne Wand und ein vier Werschok breiter Raum von der Menge trennte;
hier hatte er das Individuum erblickt; und begann es ruhig zu betrachten; es war
etwas Bemerkenswertes in seiner ganzen unansehnlichen Gestalt; und sicher
wäre ein Physiognomiker, zufällig in der Straße auf diese Figur stoßend,
überrascht stehengeblieben und würde später bei seinen Geschäften an das
gesehene Gesicht denken; die Besonderheit des Gesichtes lag nur in der
Schwierigkeit, seinen Ausdruck unter irgendeine Kategorie zu bringen — in
nichts anderem . . .
Diese Betrachtung wäre durch den Kopf des Senators gehuscht, wenn er auch
nur eine Sekunde lang beobachtet hätte; doch es dauerte keine Sekunde. Der
Unbekannte hob die Augen und — hinter den Spiegelscheiben des Wagens, in
vier Werschok Entfernung von sich, erblickte er — nicht ein Gesicht, sondern . . . einen Totenschädel im Zylinder und ein riesiges blaßgrünes Ohr.
In derselben Viertelsekunde erblickte der Senator in den Augen des
Unbekannten — jene Unbegrenztheit des Chaos, aus der die neblige,
vielschlotige Ferne und die Wassiljewskij-Insel schon seit jeher zum Haus des
Senators hinüberschielte.
Da eben war es, wo sich die Augen des Unbekannten weiteten, zu leuchten, zu
glänzen begannen; und da eben flogen hinter dem Wagenfenster, in vier
Werschok Entfernung, die Hände des Senators in die Höhe und bedeckten die
Augen.
Verschwunden ist der Wagen; mit ihm entschwand auch Apollon
Apollonowitsch in die feuchten Fernen; dorthin, wo an klaren Tagen herrlich die
goldene Spitze, die Wolken und der purpurne Sonnenuntergang glänzten, wo
aber heute schmutzige Wolkenschwärme zogen . . .
Apollon Apollonowitsch litt an Herzerweiterung.
Einen kurzen Augenblick nur hatte all dies gedauert.
Apollon Apollonowitsch setzte mechanisch den Zylinder wieder auf und
drückte den wildledernen schwarzen Handschuh ans hüpfende Herz, dann nahm
er sein geliebtes Betrachten der Kuben auf, um sich über das Geschehene ruhige
und klare Rechnung zu geben.
Apollon Apollonowitsch sah wieder aus dem Fenster des Wagens: was er jetzt
sah, verwischte das Frühere: eine nasse, glitschrige Straße, nasse, glitschrige
Pflastersteine, die fiebernd glänzten im septemberlichen Tag!
Die Pferde hielten. Der Polizist salutierte. Hinter dem Fenster des Vestibüls,
unter dem die Säulen des kleinen Balkons stützenden bärtigen Karyatiden
dasselbe Schauspiel wie immer: die schwerköpfige Messingkeule glänzte in der
Hand des Portiers; die achtzigjährige Schulter drückte ein dunkler Dreimaster;
ein achtzigjähriger Portier schlummerte über dem »Börsenkurier«. So
schlummerte er schon vorgestern, gestern. So schlummerte er in jenen
verhängnisvollen fünf Jahren . . . So wird er auch weitere fünf Jahre
schlummern.
Fünf Jahre sind es her, seit dem Tag, an dem Apollon Apollonowitsch als
unverantwortliches Haupt eines Amtes im Amt erschienen war; seit dieser Zeit
sind fünf Jahre verstrichen. Und Ereignisse hat es gegeben: China revoltierte,
Port Arthur war gefallen. Doch unverändert blieben die Visionen der Zeiten:
achtzigjährige Schultern, Livreetressen, ein Dienerbart.
Die Flügeltüre flog auf: die Messingkeule klopfte. Durch die Wagentür trug Apollon Apollonowitsch seinen steinernen Blick in das breite Vestibül hinüber.