Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 88 von 103

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Petersburg

Siebentes Kapitel

S i e b e n t e s K a p i t e l

Kohlensäureoblaten

 

Die grünliche Helle des Morgens sah bereits zum Fenster herein, aber der alte

Ssemjonytsch hatte noch kein Auge geschlossen! Er stöhnte fortwährend in

seiner Kammer, wälzte sich von einer Seite auf die andere; bald überfiel ihn ein

Gähnen, bald mußte er sich jucken, dann wieder — verzeih uns, Herr, unsere

Sünden! — kam das Niesen über ihn; und bei alledem noch die verschiedensten

Gedanken und, was dergleichen mehr ist:

»Aus Hischpanien kam sie, unser Mütterchen, Anna Petrowna, aus

Hischpanien . . .«

Und er erzählte sich selber:

»Ja—a . . . Ich mache also auf . . . Eine Dame steht da, eine unbekannte . . .

Eine unbekannte Dame, auf ausländische Art gekleidet . . . Sie aber sagt also zu

mir . . .«

»Aaaa . . .«

»Sie aber sagt zu mir . . .«

»Herr, vergib uns unsere Sünden! . . .«

Wieder das verdammte Gähnen.

Schon hat bereits die Teturinsche Fabrik ihre Sirene singen lassen; die kleinen

Dampfer an der Newa pfiffen; das elektrische Licht an der Brücke — pfüit! —

weg ist es . . . Ssemjonytsch warf die Decke von sich und erhob sich, seine große

Zehe bohrte sich in das Geflecht des Bettvorlegers.

Er flüsterte mit sich selber.

»Ich sag’ zu ihm: so und so, Exzellenz . . . Er aber — ja, also . . .«

»Nicht das geringste Interesse . . .«

»Und auch der junge Herr . . . kaum den Windeln entwachsen . . . So ein —

Herr, verzeih uns unsere Sünden! — so ein junger Hund; noch feucht hinter den

Ohren . . .«

»Es sind keine Herrschaften . . . Chamlete sind es . . .«

So brummte Ssemjonytsch vor sich hin; und — steckte wieder den Kopf unter

das Kissen; langsam zogen die Stunden vorbei; blaßrosa Wölkchen, im

Sonnenschein reifend, liefen hoch über dem reif werdenden Glanz der Newa . . .

Durchwärmt von der Decke lag Ssemjonytsch und brummte vor sich hin und

flüsterte trauernd:

»Es sind keine Herrschaften . . . es sind — einfach Chemiker . . .«

Ei, wie knackte auf einmal die Korridortür! Vielleicht Diebe!

Erst neulich waren Diebe beim Kaufmann Awdiew gewesen. Bestohlen haben

sie den Kaufmann Awdiew.

Auch Chacha, den Moldauer, hatte man einmal umbringen wollen.

Er warf die Decke ab und streckte den dunstgebadeten Kopf vor; rasch

schlüpfte er in die Unterhose und sprang mit ernstlich beleidigter Miene und

kauendem Unterkiefer aus dem durchwärmten Bett; barfüßig patschte er in den

von Geheimnissen erfüllten Raum: den dunkel gähnenden Korridor.

Und nun?

Der Riegel an der . . . Wasserklosettür knackte: Seine Exzellenz, Apollon

Apollonowitsch, der gnädige Herr, geruhte von dort in sein Schlafgemach

zurückzukehren.

Das Blau des dunklen Korridors wurde bereits von Grau durchzogen, die

Zimmer aber leuchteten im Hell; die Kristallanhängsel funkelten: halb acht; die

kleine Bulldogge kraute sich, strich, mit der Pfote kratzend, über das Halsband

und langte dann mit der Schnauze, der tigerähnlichen, nach dem eigenen

Rücken.

»Herrgott, Herrgott!«

»Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Awdiew, der Kaufmann,

war bestohlen worden! . . . Chacha, den Provisor, hat man umbringen wollen!

. . .«

 

Wild ausgelassen ergossen sich die Strahlen vom blauen, klingenden, vom

kristallblitzenden Himmel.

Mit ungelenken Bewegungen, über die himbeerfarbene Quastenschnur

stolpernd, zog Apollon Apollonowitsch seinen wattierten, ein wenig

abgeschabten, mausgrauen Schlafrock an; aus den grellhimbeerfarbenen Revers

sah sein unrasiertes Kinn hervor (das gestern übrigens noch glatt gewesen war),

mit nadelscharfen, dichten, ganz weißen Stoppeln wie frisch in der Nacht

gefallener Reif; das Dunkel der Augen- und Backenhöhlenknochen, die — wie

wir von uns sagen können — sich über Nacht bedeutend vertieft hatten,

zeichneten sich dabei besonders scharf.

Mit geöffnetem Mund und entblößter, behaarter Brust saß er auf seinem Bett,

zog langsam die Luft ein, die jedoch, von der Lunge nicht aufgenommen,

stoßweise rasch wieder herauskam; er tastete immerzu nach seinem Puls und

beobachtete die Uhr.

Ihn schien ein unausgelöstes Aufstoßenbedürfnis zu quälen.

Er dachte weder an die Serie alarmierender Depeschen, die ihn von allen

Seiten eilig zu erreichen suchten, noch an den wichtigen Staatsposten, der ihm

für immer zu entschlüpfen drohte, noch an — an Anna Petrowna; wahrscheinlich dachte er nur daran, woran man, vor einer offenen Schachtel kohlensaurer

Oblaten sitzend, zu denken pflegt.

Das heißt — er dachte daran, daß das Aufstoßen, die unregelmäßigen

Herzschläge, der Luftmangel (der Luftdurst), auch diesmal wie immer von

Stichen und Kitzeln in den Handinnenflächen begleitet, bei ihm nicht vom

Herzen komme, sondern eine Folge der Entwicklung von Gasen sei.

An die ziehenden Schmerzen im linken Arm, an das schmerzhafte Zucken in

der linken Schulter bemühte er sich jetzt nicht zu denken.

»Wissen Sie — das alles kommt einfach vom Magen!«

So hatte ihm eines Tages der achtzigjährige Kammerherr Ssaposchkow, der

kürzlich an einer Herz-Angina dahingegangen ist, all diese Beschwerden

klarzumachen gesucht.

»Die Gase, wissen Sie, drücken auf die Magenwände und verursachen ein

Zusammenziehen des Zwerchfells . . . Daher das Aufstoßen, die Herzschläge . . .

Es kommt alles von der Gasentwicklung . . .«

Vor kurzem wurde Apollon Apollonowitsch im Senat bei der Entgegennahme

eines Berichtes von einem Unwohlsein befallen; er wurde blau, begann zu

keuchen und mußte hinausgeführt werden; auf das dringende Zureden, einen

Arzt zu Rate zu ziehen, erklärte er den Anwesenden:

»Wissen Sie, es ist nichts als die Entwicklung von Gasen . . . daher die

Schläge . . .«

Die schwarzen trockenen Pastillen, die Gase absorbieren, pflegten ihm

zuweilen Erleichterung zu bringen; nicht immer übrigens.

 

»Ja, das sind die Gase« — und er begab sich . . . Es war gegen halb neun.

Das war der Lärm, der Ssemjonytsch so beunruhigt hat.

Bald daraus knallte eine Tür im Korridor; Apollon Apollonowitsch nahm den

gestreiften Plaid von den frierenden Knien, erhob sich wieder, trat an die Tür

seines Schlafgemachs, öffnete diese und steckte sein schweißbedecktes Gesicht

vor, um — auf ein ebensolches schweißbedecktes Gesicht zu stoßen.

»Sie sind’s?«

»Jawohl — ich, Exzellenz . . .«

»Was wollen Sie?«

»Ich habe nur so nachgesehen . . .«

»Ah, ja, ja . . . Warum so zeitig . . .?«

»Es muß überall nachgesehen werden . . .«

»?«

»Ein Laut . . .«

»Welcher Laut?«

»Es hat geklopft . . .«

»Ach, das da . . .«

Hier erfaßte Ssemjonytsch den Rand der viel zu weiten Unterhose und

schüttelte bedenklich den Kopf.

»Es wird nichts weiter sein . . .«

 

Die Sache war, daß zehn Minuten vorher Ssemjonytsch zu seiner großen

Verwunderung bemerkt hatte: aus der Zimmertür des jungen Herrn war der

hellblonde Kopf hervorgetaucht, hatte sich nach rechts, dann nach links

umgesehen und war wieder verschwunden.

Einen Augenblick darauf aber war der junge Herr wie ein Heupferdchen an

die Tür des alten gnädigen Herrn herangesprungen.

Da war er stehengeblieben, atmete, schüttelte den Kopf und drehte sich

wieder, ohne Ssemjonytsch, der in der Ecke stand, bemerkt zu haben; er blieb

wieder eine Weile stehen, atmete und drückte seinen Kopf an die Türspalte, aus

der ein Lichtschein kam; ja, so stand er, den Kopf fest an die Türleibung

gedrückt! Solche Neugierde bei einem jungen Herrn vornehmster Art! . . . nein,

das war nichts für einen jungen Herrn, der nicht nur so einer war . . .

Hinter der Tür spähen? Nein, das ist kein würdiges Benehmen.

Wenn es wenigstens bei einem Fremden gewesen wäre — aber der eigene

Vater, sein eigenes Fleisch und Blut; es wäre ja nichts dagegen zu sagen, wenn

der Sohn, um des Vaters Gesundheit besorgt, gespäht hätte; aber nein man fühlt

schon, daß es hier nicht um die kindliche Sorge geht, daß es einfach nur so

geschieht, aus müßiger Neugierde. Dafür gibt es nur ein Wort: ein Tunichtgut.

Du bist doch nicht irgendein Lakai, sondern der Sohn eines Generals, hast

französische Erziehung genossen.

Hier begann Ssemjonytsch »hm — hm« zu machen.

Ei, wie er zusammenfuhr, der junge Herr!

»Meinen Gehrock bitte rasch abzubürsten«, warf er dem Alten geärgert zu.

Und fort war er von Vaters Tür in das eigene Zimmer: ein wahrhaftiger

Tunichtgut.

»Zu Befehl!« brachte Ssemjonytsch mit kritischer Note durch die Zähne; bei

sich dachte er aber:

»Die Mutter ist zurückgekehrt — und er in aller Herrgottsfrühe: ‚Putzen Sie

meinen Gehrock ab.‘«

»Das ist kein schönes Benehmen, kein würdiges!«

»Chamlete sind es einfach . . . Gott steh uns bei . . . An der Tür horchen . . .«

All das ging dem Alten durch den Kopf, während er, seine Unterhose

festhaltend, bedenklich den Schädel schüttelte und leise vor sich hinbrummte:

»Aää? . . . Was das ist? . . . Geklopft hat es: das stimmt . . .«

»Was aber hat geklopft, wer?«

»Nichts Besonderes: der gnädige Herr braucht sich deswegen nicht zu

beunruhigen . . .«

»?«

»Es ist nur Nikolai Apollonowitsch . . .«

»Ha?«

»Der junge Herr hat die Tür zugeschlagen: er ist heute früh ausgegangen.«

Apollon Apollonowitsch sah Ssemjonytsch an und wollte dann etwas fragen,

aber er gab es auf und kaute nur greisenhaft mit dem Mund; er erinnerte sich der

kurz vorher stattgehabten verunglückten Auseinandersetzung mit dem Sohn (es

war ja der Morgen nach dem Ball bei Zukatows); mit dem Ausdruck des

Verletztseins senkten sich seine Mundwinkel und bildeten hängende

Hautsäckchen. Der zurückgebliebene Eindruck war für Apollon Apollonowitsch

peinlich genug, und er jagte ihn von sich.

Schüchtern, bittend sah er Ssemjonytsch an.

»Der Alte hat Anna Petrowna gesehen . . . Hat immerhin mit ihr gesprochen

. . .«

Zudringlich blieb dieser Gedanke haften.

»Verändert haben mochte sie sich schon, Anna Petrowna . . . Ist wohl mager

geworden, hat abgenommen; hat vielleicht auch graue Haare bekommen; auch

mehr Falten im Gesicht . . . Könntest ihn vorsichtig, auf Umwegen fragen . . .«

»Doch — nein, nein!«

Plötzlich zerfloß das Gesicht des achtundsechzigjährigen alten Herrn

unnatürlich in Falten, der fletschende Mund reichte bis zu den Ohren.

Und der Sechzigjährige war jetzt — ein Tausendjähriger; und mit künstlich

erhobener Stimme, die fast wie ein Schreien klang, versuchte die grauhaarige

Ruine aus sich ein Anekdotchen herauszupressen.

»A . . . m—m—ä . . . Ssemjonytsch . . . Sie sind . . . m—m—mä . . . barfuß.«

Der alte Diener fuhr beleidigt zusammen.

»Entschuldigen, Erzell . . .«

»Das . . . m—m—mä . . . meine ich gar nicht«, strengte sich Apollon

Apollonowitsch an, um zu seiner Anekdote zu gelangen.

Aber das Anekdotchen wollte ihm nicht gelingen, und er stand mit in die

Leere geheftetem Blick da; ganz flüchtig ließ er sich dann nieder und brach mit

dem Unsinn los:

»A . . . sagen Sie . . .«

»?«

»Sie haben gelbe Fersen?«

Ssemjonytsch war beleidigt.

»Ich habe keine gelben Fersen; das haben nur die langzöpfigen Chinesen . . .«

»Hi — hi — hi . . . Dann vielleicht rosafarbige?«

»Mit Verlaub — menschliche . . .«

»Nein — gelbe, gelbe . . .«

Und Apollon Apollonowitsch, der Tausendjährige, Zitternde, Kleine, stampfte

mit dem Pantoffel auf den Boden auf.

»Auch Fersen, jawohl . . . Aber vor allem sind’s die Hühneraugen, Exzellenz

. . . Sobald ich den Schuh angezogen habe, da beginnen sie zu brennen und zu

stechen, ja, Herr . . .«

Bei sich aber dachte er:

»Ach was — Fersen? . . . Es handelt sich bei dir nicht um die Fersen . . . Hast

wohl auch, alter Pilz, die ganze Nacht kein Auge geschlossen . . . Und die

Gemahlin befindet sich in der nächsten Nähe, in erwartendem Zustand . . . Und

der Sohn, dieser Chamletist . . . Aber nein, der muß von den Fersen reden! . . .

Gelbe . . . Vielleicht hast du selbst gelbe Fersen . . . Auch eine —

‚Persönlichkeit‘! . . .«

Und er fühlte sich ganz und gar beleidigt.

Aber wie immer zeigte Apollon Apollonowitsch (wenn es gerade über ihn

kam) in Anekdoten, in dummen Scherzen, in allerlei Späßchen eine geradezu

klettenhafte Zudringlichkeit: um sich selbst aufzumuntern, spielte der Senator

(der Wirkliche Geheime Rat, Professor und Träger der Brillantenorden) den

Springinsfeld, den Tunichtgut, den lustigen Bösewicht; er war da für die anderen

wie die Fliegen, die an gewitterschweren, schwülen Tagen einem zudringlich

bald in die Augen, bald in die Nase, bald ans Ohr fliegen; wie die Fliegen, die

man an gewitterschweren, schwülen Tagen, wenn graurötliche Wolken schwer

und tief über den Linden hängen, zu Dutzenden auf den Händen, auf dem

Schnurrbart umbringt.

»Das Fräulein aber — hi—hi—hi . . . Das Fräulein . . .«

»Was meint der gnädige Herr?«

»Das Fräulein hat . . .«

So ein Tunichtgut!

»Was hat das Fräulein?«

»Rosige Fersen . . .«

»Das kann ich nicht wissen . . .«

»Da geben Sie nur acht . . .«

»Spaßig sind Sie, gnädiger Herr . . .«

»Das kommt von den Strümpfchen, wenn das Füßchen vom — Schweiß . . .«

Und ohne den Satz zu vollenden, schritt Apollon Apollonowitsch Ableuchow

— der Wirkliche Geheime Rat, Professor, Haupt eines hohen Amtes — mit den

Pantoffeln schlürfend, weiter, in sein Schlafzimmer; und — knacks: die Tür

abgesperrt.

Drinnen hinter der Tür ließ er sich auf einen Stuhl nieder, wurde still, weich.

Und er sah mit hilflosen Blicken um sich: ei, wie klein wurde er! Ei, wie sich

sein Rücken krümmte! Seine Schultern schienen ungleich hoch (als wäre eine

hinuntergeschlagen). Die Hand griff unwillkürlich nach der hüpfenden,

schmerzenden Seite.

 

Ja—a! . . .

Alarmierende Nachrichten aus der Provinz . . . Und, wissen Sie, der Sohn, der

Sohn! . . . Dem eigenen Vater solche Schmach zu bereiten . . . Eine schreckliche

Lage, wissen Sie . . .

Die alte Gans, Anna Petrowna, ausgeplündert: ein schuftiger Hohlkopf, mit

einem Schnurrbart wie bei einer Küchenschabe . . . Nun ist sie zurückgekehrt . . .

Macht nichts! . . . Es wird schon irgendwie gehen! . . .

Aufruhr, Rußlands Untergang . . . Sie sammeln sich schon: Attentat! Irgendein

Abiturient mit Schnurrbärtchen erlaubt sich, in ein altadeliges, geachtetes Haus

. . .

Dann aber — die Gase, die Gase! . . .

Hier schluckte er eine Oblate hinunter . . .

 

Die Feder verliert ihre Elastizität, wenn sie zu stark gespannt ist; es gibt eine

Grenze für die Elastizität; für den menschlichen Willen gibt es auch eine Grenze;

auch der eiserne Wille schmilzt; im Alter verdünnt sich das menschliche Hirn.

Heute kommt ein Frost, und der feste Schneehaufen sprüht helleuchtende

Funken; und du modellierst aus den frostigen Schneesternchen eine funkelnde

menschliche Gestalt.

Raunend und flüsternd zieht das Tauwetter daher, der Schneehaufen wird

unterwässert: er schrumpft zusammen, wird glitschrig und zerfällt.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte schon in der Kindheit gefroren: er

hatte gefroren und seine Kräfte gestählt; in der frostigen Petersburger Nacht

schien seine funkelnde Gestalt derber, fester, gewaltiger, diese selbstleuchtende,

funkelnde Gestalt, die in der nordischen Nacht gerade am mächtigsten geragt, als

der faule Wind eingesetzt hatte, der seinen Freund vernichtete; dieser Wind, der

jetzt zu einem Sturm ausgeartet ist.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte sich bis zum Losbrechen des

Sturmes noch immer auf der Höhe gehalten; ja, auch nachher.

Einsam und stolz, stand lange, vom Sturm umbraust, Apollon Apollonowitsch

Ableuchow — selbstleuchtend froststeif und stark; aber es ist allem eine Grenze

gesetzt: schmilzt doch selbst Platina.

Über Nacht gab Apollon Apollonowitsch nach, über Nacht fiel er zusammen

und ließ seinen großen Kopf hängen; auch er, der federnd Elastische, knickte

zusammen. Früher aber? Es ist noch nicht lange her, da hatten in dem faltenlosen

Profil, das herausfordernd dem Himmel zugekehrt war, rote Flämmchen gezuckt,

die . . . ganz Rußland . . . in Flammen . . . versetzen konnten . . .

Eine einzige Nacht lag dazwischen.

Und an Stelle des starken, goldwamsigen Mannes stand im feurigen Fond des

brennenden Rußlands — ein an Hämorrhoiden leidender Greis, im Morgenrock

mit Quasten, mit kurz atmender, offener, haariger Brust, unrasiert, schwitzend —

der konnte natürlich nicht den Lauf unseres ins Wanken geratenen Staatsrades

(über die holprigen, schlecht befahrbaren Wege) leiten! . . .

Fortuna hat ihn verlassen.

Sicher sind es doch nicht die intimen privaten Ereignisse, nicht der

ausgemachte Schuft von einem Sohn, nicht die Angst, wie ein gemeiner Krieger

im Felde von einer Bombe getroffen zu werden, nicht das Erscheinen Anna

Petrownas, dieser wenig bedeutenden Person, die nirgends, rein nirgends Glück

hatte — sicher war es nicht das Erscheinen dieser Anna Petrowna (im schwarzen

gestopften Kleid mit schwarzem Täschchen in der Hand); sicher endlich war es

auch nicht der rote Lappen auf der Straße, die den Träger der brillantenen Orden

in einen mürben Schneehaufen verwandelt haben.

Nein — die Zeit war es.