Petersburg
Siebentes Kapitel
S i e b e n t e s K a p i t e l
Kohlensäureoblaten
Die grünliche Helle des Morgens sah bereits zum Fenster herein, aber der alte
Ssemjonytsch hatte noch kein Auge geschlossen! Er stöhnte fortwährend in
seiner Kammer, wälzte sich von einer Seite auf die andere; bald überfiel ihn ein
Gähnen, bald mußte er sich jucken, dann wieder — verzeih uns, Herr, unsere
Sünden! — kam das Niesen über ihn; und bei alledem noch die verschiedensten
Gedanken und, was dergleichen mehr ist:
»Aus Hischpanien kam sie, unser Mütterchen, Anna Petrowna, aus
Hischpanien . . .«
Und er erzählte sich selber:
»Ja—a . . . Ich mache also auf . . . Eine Dame steht da, eine unbekannte . . .
Eine unbekannte Dame, auf ausländische Art gekleidet . . . Sie aber sagt also zu
mir . . .«
»Aaaa . . .«
»Sie aber sagt zu mir . . .«
»Herr, vergib uns unsere Sünden! . . .«
Wieder das verdammte Gähnen.
Schon hat bereits die Teturinsche Fabrik ihre Sirene singen lassen; die kleinen
Dampfer an der Newa pfiffen; das elektrische Licht an der Brücke — pfüit! —
weg ist es . . . Ssemjonytsch warf die Decke von sich und erhob sich, seine große
Zehe bohrte sich in das Geflecht des Bettvorlegers.
Er flüsterte mit sich selber.
»Ich sag’ zu ihm: so und so, Exzellenz . . . Er aber — ja, also . . .«
»Nicht das geringste Interesse . . .«
»Und auch der junge Herr . . . kaum den Windeln entwachsen . . . So ein —
Herr, verzeih uns unsere Sünden! — so ein junger Hund; noch feucht hinter den
Ohren . . .«
»Es sind keine Herrschaften . . . Chamlete sind es . . .«
So brummte Ssemjonytsch vor sich hin; und — steckte wieder den Kopf unter
das Kissen; langsam zogen die Stunden vorbei; blaßrosa Wölkchen, im
Sonnenschein reifend, liefen hoch über dem reif werdenden Glanz der Newa . . .
Durchwärmt von der Decke lag Ssemjonytsch und brummte vor sich hin und
flüsterte trauernd:
»Es sind keine Herrschaften . . . es sind — einfach Chemiker . . .«
Ei, wie knackte auf einmal die Korridortür! Vielleicht Diebe!
Erst neulich waren Diebe beim Kaufmann Awdiew gewesen. Bestohlen haben
sie den Kaufmann Awdiew.
Auch Chacha, den Moldauer, hatte man einmal umbringen wollen.
Er warf die Decke ab und streckte den dunstgebadeten Kopf vor; rasch
schlüpfte er in die Unterhose und sprang mit ernstlich beleidigter Miene und
kauendem Unterkiefer aus dem durchwärmten Bett; barfüßig patschte er in den
von Geheimnissen erfüllten Raum: den dunkel gähnenden Korridor.
Und nun?
Der Riegel an der . . . Wasserklosettür knackte: Seine Exzellenz, Apollon
Apollonowitsch, der gnädige Herr, geruhte von dort in sein Schlafgemach
zurückzukehren.
Das Blau des dunklen Korridors wurde bereits von Grau durchzogen, die
Zimmer aber leuchteten im Hell; die Kristallanhängsel funkelten: halb acht; die
kleine Bulldogge kraute sich, strich, mit der Pfote kratzend, über das Halsband
und langte dann mit der Schnauze, der tigerähnlichen, nach dem eigenen
Rücken.
»Herrgott, Herrgott!«
»Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Awdiew, der Kaufmann,
war bestohlen worden! . . . Chacha, den Provisor, hat man umbringen wollen!
. . .«
Wild ausgelassen ergossen sich die Strahlen vom blauen, klingenden, vom
kristallblitzenden Himmel.
Mit ungelenken Bewegungen, über die himbeerfarbene Quastenschnur
stolpernd, zog Apollon Apollonowitsch seinen wattierten, ein wenig
abgeschabten, mausgrauen Schlafrock an; aus den grellhimbeerfarbenen Revers
sah sein unrasiertes Kinn hervor (das gestern übrigens noch glatt gewesen war),
mit nadelscharfen, dichten, ganz weißen Stoppeln wie frisch in der Nacht
gefallener Reif; das Dunkel der Augen- und Backenhöhlenknochen, die — wie
wir von uns sagen können — sich über Nacht bedeutend vertieft hatten,
zeichneten sich dabei besonders scharf.
Mit geöffnetem Mund und entblößter, behaarter Brust saß er auf seinem Bett,
zog langsam die Luft ein, die jedoch, von der Lunge nicht aufgenommen,
stoßweise rasch wieder herauskam; er tastete immerzu nach seinem Puls und
beobachtete die Uhr.
Ihn schien ein unausgelöstes Aufstoßenbedürfnis zu quälen.
Er dachte weder an die Serie alarmierender Depeschen, die ihn von allen
Seiten eilig zu erreichen suchten, noch an den wichtigen Staatsposten, der ihm
für immer zu entschlüpfen drohte, noch an — an Anna Petrowna; wahrscheinlich dachte er nur daran, woran man, vor einer offenen Schachtel kohlensaurer
Oblaten sitzend, zu denken pflegt.
Das heißt — er dachte daran, daß das Aufstoßen, die unregelmäßigen
Herzschläge, der Luftmangel (der Luftdurst), auch diesmal wie immer von
Stichen und Kitzeln in den Handinnenflächen begleitet, bei ihm nicht vom
Herzen komme, sondern eine Folge der Entwicklung von Gasen sei.
An die ziehenden Schmerzen im linken Arm, an das schmerzhafte Zucken in
der linken Schulter bemühte er sich jetzt nicht zu denken.
»Wissen Sie — das alles kommt einfach vom Magen!«
So hatte ihm eines Tages der achtzigjährige Kammerherr Ssaposchkow, der
kürzlich an einer Herz-Angina dahingegangen ist, all diese Beschwerden
klarzumachen gesucht.
»Die Gase, wissen Sie, drücken auf die Magenwände und verursachen ein
Zusammenziehen des Zwerchfells . . . Daher das Aufstoßen, die Herzschläge . . .
Es kommt alles von der Gasentwicklung . . .«
Vor kurzem wurde Apollon Apollonowitsch im Senat bei der Entgegennahme
eines Berichtes von einem Unwohlsein befallen; er wurde blau, begann zu
keuchen und mußte hinausgeführt werden; auf das dringende Zureden, einen
Arzt zu Rate zu ziehen, erklärte er den Anwesenden:
»Wissen Sie, es ist nichts als die Entwicklung von Gasen . . . daher die
Schläge . . .«
Die schwarzen trockenen Pastillen, die Gase absorbieren, pflegten ihm
zuweilen Erleichterung zu bringen; nicht immer übrigens.
»Ja, das sind die Gase« — und er begab sich . . . Es war gegen halb neun.
Das war der Lärm, der Ssemjonytsch so beunruhigt hat.
Bald daraus knallte eine Tür im Korridor; Apollon Apollonowitsch nahm den
gestreiften Plaid von den frierenden Knien, erhob sich wieder, trat an die Tür
seines Schlafgemachs, öffnete diese und steckte sein schweißbedecktes Gesicht
vor, um — auf ein ebensolches schweißbedecktes Gesicht zu stoßen.
»Sie sind’s?«
»Jawohl — ich, Exzellenz . . .«
»Was wollen Sie?«
»Ich habe nur so nachgesehen . . .«
»Ah, ja, ja . . . Warum so zeitig . . .?«
»Es muß überall nachgesehen werden . . .«
»?«
»Ein Laut . . .«
»Welcher Laut?«
»Es hat geklopft . . .«
»Ach, das da . . .«
Hier erfaßte Ssemjonytsch den Rand der viel zu weiten Unterhose und
schüttelte bedenklich den Kopf.
»Es wird nichts weiter sein . . .«
Die Sache war, daß zehn Minuten vorher Ssemjonytsch zu seiner großen
Verwunderung bemerkt hatte: aus der Zimmertür des jungen Herrn war der
hellblonde Kopf hervorgetaucht, hatte sich nach rechts, dann nach links
umgesehen und war wieder verschwunden.
Einen Augenblick darauf aber war der junge Herr wie ein Heupferdchen an
die Tür des alten gnädigen Herrn herangesprungen.
Da war er stehengeblieben, atmete, schüttelte den Kopf und drehte sich
wieder, ohne Ssemjonytsch, der in der Ecke stand, bemerkt zu haben; er blieb
wieder eine Weile stehen, atmete und drückte seinen Kopf an die Türspalte, aus
der ein Lichtschein kam; ja, so stand er, den Kopf fest an die Türleibung
gedrückt! Solche Neugierde bei einem jungen Herrn vornehmster Art! . . . nein,
das war nichts für einen jungen Herrn, der nicht nur so einer war . . .
Hinter der Tür spähen? Nein, das ist kein würdiges Benehmen.
Wenn es wenigstens bei einem Fremden gewesen wäre — aber der eigene
Vater, sein eigenes Fleisch und Blut; es wäre ja nichts dagegen zu sagen, wenn
der Sohn, um des Vaters Gesundheit besorgt, gespäht hätte; aber nein man fühlt
schon, daß es hier nicht um die kindliche Sorge geht, daß es einfach nur so
geschieht, aus müßiger Neugierde. Dafür gibt es nur ein Wort: ein Tunichtgut.
Du bist doch nicht irgendein Lakai, sondern der Sohn eines Generals, hast
französische Erziehung genossen.
Hier begann Ssemjonytsch »hm — hm« zu machen.
Ei, wie er zusammenfuhr, der junge Herr!
»Meinen Gehrock bitte rasch abzubürsten«, warf er dem Alten geärgert zu.
Und fort war er von Vaters Tür in das eigene Zimmer: ein wahrhaftiger
Tunichtgut.
»Zu Befehl!« brachte Ssemjonytsch mit kritischer Note durch die Zähne; bei
sich dachte er aber:
»Die Mutter ist zurückgekehrt — und er in aller Herrgottsfrühe: ‚Putzen Sie
meinen Gehrock ab.‘«
»Das ist kein schönes Benehmen, kein würdiges!«
»Chamlete sind es einfach . . . Gott steh uns bei . . . An der Tür horchen . . .«
All das ging dem Alten durch den Kopf, während er, seine Unterhose
festhaltend, bedenklich den Schädel schüttelte und leise vor sich hinbrummte:
»Aää? . . . Was das ist? . . . Geklopft hat es: das stimmt . . .«
»Was aber hat geklopft, wer?«
»Nichts Besonderes: der gnädige Herr braucht sich deswegen nicht zu
beunruhigen . . .«
»?«
»Es ist nur Nikolai Apollonowitsch . . .«
»Ha?«
»Der junge Herr hat die Tür zugeschlagen: er ist heute früh ausgegangen.«
Apollon Apollonowitsch sah Ssemjonytsch an und wollte dann etwas fragen,
aber er gab es auf und kaute nur greisenhaft mit dem Mund; er erinnerte sich der
kurz vorher stattgehabten verunglückten Auseinandersetzung mit dem Sohn (es
war ja der Morgen nach dem Ball bei Zukatows); mit dem Ausdruck des
Verletztseins senkten sich seine Mundwinkel und bildeten hängende
Hautsäckchen. Der zurückgebliebene Eindruck war für Apollon Apollonowitsch
peinlich genug, und er jagte ihn von sich.
Schüchtern, bittend sah er Ssemjonytsch an.
»Der Alte hat Anna Petrowna gesehen . . . Hat immerhin mit ihr gesprochen
. . .«
Zudringlich blieb dieser Gedanke haften.
»Verändert haben mochte sie sich schon, Anna Petrowna . . . Ist wohl mager
geworden, hat abgenommen; hat vielleicht auch graue Haare bekommen; auch
mehr Falten im Gesicht . . . Könntest ihn vorsichtig, auf Umwegen fragen . . .«
»Doch — nein, nein!«
Plötzlich zerfloß das Gesicht des achtundsechzigjährigen alten Herrn
unnatürlich in Falten, der fletschende Mund reichte bis zu den Ohren.
Und der Sechzigjährige war jetzt — ein Tausendjähriger; und mit künstlich
erhobener Stimme, die fast wie ein Schreien klang, versuchte die grauhaarige
Ruine aus sich ein Anekdotchen herauszupressen.
»A . . . m—m—ä . . . Ssemjonytsch . . . Sie sind . . . m—m—mä . . . barfuß.«
Der alte Diener fuhr beleidigt zusammen.
»Entschuldigen, Erzell . . .«
»Das . . . m—m—mä . . . meine ich gar nicht«, strengte sich Apollon
Apollonowitsch an, um zu seiner Anekdote zu gelangen.
Aber das Anekdotchen wollte ihm nicht gelingen, und er stand mit in die
Leere geheftetem Blick da; ganz flüchtig ließ er sich dann nieder und brach mit
dem Unsinn los:
»A . . . sagen Sie . . .«
»?«
»Sie haben gelbe Fersen?«
Ssemjonytsch war beleidigt.
»Ich habe keine gelben Fersen; das haben nur die langzöpfigen Chinesen . . .«
»Hi — hi — hi . . . Dann vielleicht rosafarbige?«
»Mit Verlaub — menschliche . . .«
»Nein — gelbe, gelbe . . .«
Und Apollon Apollonowitsch, der Tausendjährige, Zitternde, Kleine, stampfte
mit dem Pantoffel auf den Boden auf.
»Auch Fersen, jawohl . . . Aber vor allem sind’s die Hühneraugen, Exzellenz
. . . Sobald ich den Schuh angezogen habe, da beginnen sie zu brennen und zu
stechen, ja, Herr . . .«
Bei sich aber dachte er:
»Ach was — Fersen? . . . Es handelt sich bei dir nicht um die Fersen . . . Hast
wohl auch, alter Pilz, die ganze Nacht kein Auge geschlossen . . . Und die
Gemahlin befindet sich in der nächsten Nähe, in erwartendem Zustand . . . Und
der Sohn, dieser Chamletist . . . Aber nein, der muß von den Fersen reden! . . .
Gelbe . . . Vielleicht hast du selbst gelbe Fersen . . . Auch eine —
‚Persönlichkeit‘! . . .«
Und er fühlte sich ganz und gar beleidigt.
Aber wie immer zeigte Apollon Apollonowitsch (wenn es gerade über ihn
kam) in Anekdoten, in dummen Scherzen, in allerlei Späßchen eine geradezu
klettenhafte Zudringlichkeit: um sich selbst aufzumuntern, spielte der Senator
(der Wirkliche Geheime Rat, Professor und Träger der Brillantenorden) den
Springinsfeld, den Tunichtgut, den lustigen Bösewicht; er war da für die anderen
wie die Fliegen, die an gewitterschweren, schwülen Tagen einem zudringlich
bald in die Augen, bald in die Nase, bald ans Ohr fliegen; wie die Fliegen, die
man an gewitterschweren, schwülen Tagen, wenn graurötliche Wolken schwer
und tief über den Linden hängen, zu Dutzenden auf den Händen, auf dem
Schnurrbart umbringt.
»Das Fräulein aber — hi—hi—hi . . . Das Fräulein . . .«
»Was meint der gnädige Herr?«
»Das Fräulein hat . . .«
So ein Tunichtgut!
»Was hat das Fräulein?«
»Rosige Fersen . . .«
»Das kann ich nicht wissen . . .«
»Da geben Sie nur acht . . .«
»Spaßig sind Sie, gnädiger Herr . . .«
»Das kommt von den Strümpfchen, wenn das Füßchen vom — Schweiß . . .«
Und ohne den Satz zu vollenden, schritt Apollon Apollonowitsch Ableuchow
— der Wirkliche Geheime Rat, Professor, Haupt eines hohen Amtes — mit den
Pantoffeln schlürfend, weiter, in sein Schlafzimmer; und — knacks: die Tür
abgesperrt.
Drinnen hinter der Tür ließ er sich auf einen Stuhl nieder, wurde still, weich.
Und er sah mit hilflosen Blicken um sich: ei, wie klein wurde er! Ei, wie sich
sein Rücken krümmte! Seine Schultern schienen ungleich hoch (als wäre eine
hinuntergeschlagen). Die Hand griff unwillkürlich nach der hüpfenden,
schmerzenden Seite.
Ja—a! . . .
Alarmierende Nachrichten aus der Provinz . . . Und, wissen Sie, der Sohn, der
Sohn! . . . Dem eigenen Vater solche Schmach zu bereiten . . . Eine schreckliche
Lage, wissen Sie . . .
Die alte Gans, Anna Petrowna, ausgeplündert: ein schuftiger Hohlkopf, mit
einem Schnurrbart wie bei einer Küchenschabe . . . Nun ist sie zurückgekehrt . . .
Macht nichts! . . . Es wird schon irgendwie gehen! . . .
Aufruhr, Rußlands Untergang . . . Sie sammeln sich schon: Attentat! Irgendein
Abiturient mit Schnurrbärtchen erlaubt sich, in ein altadeliges, geachtetes Haus
. . .
Dann aber — die Gase, die Gase! . . .
Hier schluckte er eine Oblate hinunter . . .
Die Feder verliert ihre Elastizität, wenn sie zu stark gespannt ist; es gibt eine
Grenze für die Elastizität; für den menschlichen Willen gibt es auch eine Grenze;
auch der eiserne Wille schmilzt; im Alter verdünnt sich das menschliche Hirn.
Heute kommt ein Frost, und der feste Schneehaufen sprüht helleuchtende
Funken; und du modellierst aus den frostigen Schneesternchen eine funkelnde
menschliche Gestalt.
Raunend und flüsternd zieht das Tauwetter daher, der Schneehaufen wird
unterwässert: er schrumpft zusammen, wird glitschrig und zerfällt.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte schon in der Kindheit gefroren: er
hatte gefroren und seine Kräfte gestählt; in der frostigen Petersburger Nacht
schien seine funkelnde Gestalt derber, fester, gewaltiger, diese selbstleuchtende,
funkelnde Gestalt, die in der nordischen Nacht gerade am mächtigsten geragt, als
der faule Wind eingesetzt hatte, der seinen Freund vernichtete; dieser Wind, der
jetzt zu einem Sturm ausgeartet ist.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte sich bis zum Losbrechen des
Sturmes noch immer auf der Höhe gehalten; ja, auch nachher.
Einsam und stolz, stand lange, vom Sturm umbraust, Apollon Apollonowitsch
Ableuchow — selbstleuchtend froststeif und stark; aber es ist allem eine Grenze
gesetzt: schmilzt doch selbst Platina.
Über Nacht gab Apollon Apollonowitsch nach, über Nacht fiel er zusammen
und ließ seinen großen Kopf hängen; auch er, der federnd Elastische, knickte
zusammen. Früher aber? Es ist noch nicht lange her, da hatten in dem faltenlosen
Profil, das herausfordernd dem Himmel zugekehrt war, rote Flämmchen gezuckt,
die . . . ganz Rußland . . . in Flammen . . . versetzen konnten . . .
Eine einzige Nacht lag dazwischen.
Und an Stelle des starken, goldwamsigen Mannes stand im feurigen Fond des
brennenden Rußlands — ein an Hämorrhoiden leidender Greis, im Morgenrock
mit Quasten, mit kurz atmender, offener, haariger Brust, unrasiert, schwitzend —
der konnte natürlich nicht den Lauf unseres ins Wanken geratenen Staatsrades
(über die holprigen, schlecht befahrbaren Wege) leiten! . . .
Fortuna hat ihn verlassen.
Sicher sind es doch nicht die intimen privaten Ereignisse, nicht der
ausgemachte Schuft von einem Sohn, nicht die Angst, wie ein gemeiner Krieger
im Felde von einer Bombe getroffen zu werden, nicht das Erscheinen Anna
Petrownas, dieser wenig bedeutenden Person, die nirgends, rein nirgends Glück
hatte — sicher war es nicht das Erscheinen dieser Anna Petrowna (im schwarzen
gestopften Kleid mit schwarzem Täschchen in der Hand); sicher endlich war es
auch nicht der rote Lappen auf der Straße, die den Träger der brillantenen Orden
in einen mürben Schneehaufen verwandelt haben.
Nein — die Zeit war es.