Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 34 von 103

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Petersburg

Drittes Kapitel

D r i t t e s K a p i t e l

Die Feier

 

Es hieß an einer sehr hohen Stelle zu erscheinen; das Erscheinen sollte sich

gestalten, d. h. — es gestaltete sich hochfeierlich.

Aus diesem Anlaß fanden sich außerordentliche Persönlichkeiten mit

außerordentlich ernsten Gesichtern, in goldgestickten Uniformen, an besagter

Stelle ein.

Es war ein Tag des Außerordentlichen. Dieser Tag war natürlich hell. In den

frühesten Stunden schon funkelte am Himmel die Sonne: und alles funkelte, was

nur zu funkeln vermochte: die Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die

Petersburger Kuppeln.

In der Ferne fielen Kanonenschüsse.

Hätten Sie Muße genug, um einen Blick auf jene wichtige Stelle zu werfen,

Sie hätten nur Lack, nur Glanz gesehen: Glanz lag auf den Spiegelscheiben; und

selbstverständlich — hinter den Spiegelscheiben; Glanz waren die Säulen; Glanz

das Parkett; vor der Einfahrt ebenfalls Glanz; kurz: Lack, Schimmern und Glanz!

Es war ein Tag des Außerordentlichen; und er sollte natürlich in Glanz

vergehen; und — er verging natürlich in Glanz.

Vom frühen Morgen schon war jede Dunkelheit gewichen, und es war ein

Leuchten, heller als das der Elektrizität, ein Leuchten des Tages; in dieser

Helligkeit funkelte alles, was zu funkeln vermochte: die Petersburger Dächer, die

Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln.

In der Mittagssonne donnerten Kanonenschüsse.

An diesem außerordentlichen, leuchtenden Morgen sprang aus dem Bett mit

blendend weißen Bettlaken, im blendenden Schlafzimmer, ein kleines weißes

Figürchen; dieses Figürchen erinnerte, weiß Gott weshalb, an einen Zirkusreiter.

Nach einer heiligen Tradition alter Zeiten begann dieses Figürchen durch

schwedische Gymnastik seinen Körper zu stärken; es streckte die Arme und

Beine und machte zwölf (und mehr) Kniebeugen. Nach dieser nützlichen Übung

rieb das Figürchen den nackten Schädel und die Hände mit Eau de Cologne.

Weiter, nachdem Schädel, Hände, Ohren und Hals mit kaltem Wasser erfrischt

waren und der Kaffee, für den außerordentlichen Tag ins Schlafzimmer gebracht,

eingenommen war, warf sich Apollon Apollonowitsch Ableuchow (wie die

anderen hochgestellten Greise an diesem Tag) in das gestärkte Linnen; er steckte

durch die Öffnung des panzerartigen Hemdes zwei überraschend große Ohren

und den lackglänzenden Schädel. Dann holte Apollon Apollonowitsch Ableuchow aus dem Schrank die rotlackierten Schächtelchen, unter deren

Deckel, in weichem Samt gebettet, seltene, kostbare Orden lagen. Wie den

anderen hochgestellten Greisen, wurde auch ihm eine glänzende Uniform mit

vergoldeter Brust gereicht; dazu eine Hose aus weißem Tuch, ein Paar weiße

Handschuhe, eine Schachtel von besonderer Form, eine schwarze Säbelscheide,

deren Griff mit silbernen Fransen verziert war; unter des gelben Nagels Druck

flogen alle zehn rotlackierten Deckelchen auf, und hervorgeholt wurden: der

Weiße Adler mit entsprechendem Stern und blauem Band und viele andere

Orden, endlich auch die Brillantenzeichen; das alles legte sich auf die

goldgestickte Brust. Apollon Apollonowitsch stand vor dem Spiegel, weißgoldig

(ganz Schimmern und Schauer!), mit der Linken den Säbel an die Seite

drückend, die Rechte mit dem pleureusengeschmückten Dreimaster und den

weißen Handschuhen — an der Brust. In dieser Schauer einflößenden

Ausstattung lief Apollon Apollonowitsch den Korridor entlang.

Im Salon machte der Senator etwas verwirrt einen Augenblick halt; die

außerordentliche Blässe und das nachlässige Aussehen des Sohnes versetzten

den Senator in Erstaunen.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich an diesem Tage ungewöhnlich früh;

nebenbei gesagt, hatte Nikolai Apollonowitsch diese Nacht überhaupt nicht

geschlafen: am Abend rollte ein Wagen an das gelbe Haus heran; Nikolai

Apollonowitsch sprang aus dem Wagen und begann kräftig zu läuten; als ihm

der graue, goldbetreßte Lakai aufgemacht hatte, lief Nikolai Apollonowitsch,

ohne den weiten Mantel abgenommen zu haben, die leere Zimmerflucht entlang

und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Bald darauf begannen vor dem gelben

Hause unbekannte Schatten zu spazieren. Nikolai Apollonowitsch wanderte in

seinem Zimmer auf und ab; um zwei Uhr in der Nacht, dann um halb drei, selbst

um vier hörte man noch immer seine Schritte.

Ungewaschen und übernächtig, saß Nikolai Apollonowitsch im bunten

Schlafrock düster vor dem Kamin. Apollon Apollonowitsch, ganz Schimmer und

Schauer, blieb unwillkürlich stehen, und auf dem glatten Parkett spiegelte sich

sein Glanz; er stand vor einem Trumeau, umgeben von pausbackigen Putten;

seine Finger trommelten leise auf der Inkrustation eines Tischchens. Nikolai

Apollonowitsch sprang, plötzlich wie zu sich gekommen, auf, wandte sich um

und schloß unwillkürlich die Augen: auch ihn blendete der weißgoldene Greis.

Der weißgoldene Greis war ihm Vater; doch verspürte Nikolai

Apollonowitsch in diesem Augenblick nicht die geringsten verwandtschaftlichen

Gefühle; er empfand im Gegenteil etwas ganz anderes, dasselbe vielleicht, was

er schon in seinem Zimmer empfunden hatte; in seinem Zimmer übte nämlich

Nikolai Apollonowitsch terroristische Akte an sich selbst: — Nummer eins übte terroristische Akte an Nummer zwei, der Sozialist an dem Edelmann, der Tote an

dem Verliebten; in seinem Zimmer verfluchte Nikolai Apollonowitsch sein

irdisches Wesen, und da er das Ebenbild seines Vaters war, verfluchte er

denselben logischerweise. Es war klar, daß seine Gottähnlichkeit ihn dazu

bewog, seinen Vater zu hassen; liebte aber sein irdisches Wesen dennoch den

Vater? Dies würde Nikolai Apollonowitsch sich kaum gestanden haben. Lieben?

. . . Ich weiß nicht, ob dieses Wort hier am Platz ist; Nikolai Apollonowitsch

kannte seinen Vater gewissermaßen mit den eigenen Sinnen, kannte ihn bis zu

den verborgensten Seelenwindungen, bis zum Beben der unaussprechlichen

Gefühle; noch mehr: er glich, seinen Sinnen nach, dem Vater vollständig; am

meisten wunderte es ihn, daß er psychisch nicht wußte, wo er selbst aufhörte und

wo in ihm der Geist des Senators begann, des Trägers jenes funkelnden

Brillantenordens unter anderen, die jetzt schimmerten auf der goldgestickten

Brust. Er stellte sich im Augenblick vor (vielmehr er fühlte sich selbst in dieser

prunkvollen Uniform): was hätte er empfunden, angesichts eines solchen

unrasierten Kumpans im bunten bucharischen Schlafrock wie er? Es mußte ihm

als Verletzung des guten Tones erscheinen. Nikolai Apollonowitsch begriff, daß

er Ekel empfunden hätte, daß diesen Ekel jetzt sein Vater empfand. Er begriff

auch, daß es ein Gemisch von Haß und Scham war, das ihn bewogen hatte, vor

dem weißgoldenen Greis emporzuspringen:

»Guten Morgen, Vater.«

Der Senator aber fuhr fort, mit den Sinnen, instinktiv vielleicht, in dem Sohne

das zu sehen, was ihm selbst nicht uneigen war; seinerseits dachte er sich

absichtlich im Negligé, den Sohn dagegen als Karrieristen und Emporkömmling

ganz weißgolden vor ihn tretend, und — er zwinkerte ängstlich mit den Augen

und erwiderte mit äußerst übertriebener Naivität, lustig und besonders familiär:

»Guten Tag.«

Der Träger der Brillantenzeichen schien seine eigene Endentwicklung in der

Psychik des Sohnes nicht zu erkennen. In beiden war die Psychik zu sehr durch

Logik verdrängt. Ihre Psychik erschien ihnen als Chaos, aus dem nur

Überraschungen hervorgingen: wenn sie sich aber psychisch berührten, so waren

sie wie zwei gegeneinander gerichtete, in einen Abgrund führende Luftlöcher,

und vom Abgrund zum Abgrund lief ein höchst unangenehmer Luftzug; diesen

Luftzug verspürten jetzt beide; und die Gedanken der beiden mischten sich, so

daß der Sohn sicher die Gedanken des Vaters hätte weiterdenken können.

Beide ließen die Augen sinken.

Die undefinierbare Empfindung des Verwandtseins glich am allerwenigsten

der Liebe; wenigstens kannte das Bewußtsein Nikolai Apollonowitschs diese

Liebe nicht. Dieses undefinierbare Verwandtsein empfand er als schmachvollen physiologischen Akt; in diesem Augenblick würde er das Hervortreten