Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 95 von 103

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Petersburg

Das kleine Patiencespiel

hielt. Apollon Apollonowitsch sah vor sich aufgerissene Münder und eine

Holzstange, von der, wellenartig die Luft durchschlagend, mit leichtem

pfeifenden Geräusch ein rotes Tuch flatterte; aus der Menge ertönte es plötzlich:

»He, Hut ab!«

Apollon Apollonowitsch nahm seinen Zylinder ab und begann eilig, Wagen

und Kutscher verlassend, sich durch die Menge zu drücken, um das Trottoir zu

erreichen; bald lief er dann mit kleinen Schrittchen in die entgegengesetzte

Richtung, von der Menge fort; aus den Läden, Häusern, Wirtshäusern,

Seitengassen strömten schwarze Gestalten und versperrten den Weg; er arbeitete

sich mit allen Kräften durch und erreichte — endlich — eine leere Seitenstraße,

aus der eine . . . Abteilung Kosaken . . . dorthin . . . sprengte . . .

 

Verschwunden waren die Kosaken; die Straße war leer; man sah in der Ferne

noch die Rücken der Reiter; und in der anderen Richtung den Rücken eines

alten, eilig dahintrottenden Mannes mit hohem Zylinder auf dem Kopfe.

 

Das kleine Patiencespiel

 

Der Samowar dampfte auf dem Tisch; ein neuer, schön geputzter Samowar

glänzte in der Ecke auf der Etagere; der aber, der auf dem Tische stand, war

ungeputzt und schmutzig; der neue Samowar wurde nur aufgestellt, wenn

Besuch da war; war man allein, dann kam das verbogene Ungetüm auf den

Tisch; es keuchte und schnarchte laut; hie und da schossen rote Funken aus ihm

hervor. Irgendeine schlecht erzogene Hand hatte Kugeln aus Weißbrot gerollt,

die jetzt, platt gedrückt, an der Tischdecke klebten; unsauber — grau hob sich

ein feuchter Fleck unter einem nicht ganz geleerten Teeglas ab; auf einem Teller

lag der Rest eines Kotelettes und ein wenig kaltes Kartoffelpüree.

Wo sind die üppigen Haare der Soja Sacharowna? Statt ihrer war nur ein

kleines Zöpfchen zu sehen.

Wahrscheinlich trug Soja Sacharowna eine Perücke — natürlich wenn Besuch

da war; nebenbei wahrscheinlich schminkte sie sich ausgiebig, denn wir hatten

sie immer als üppige Brünette mit glatter, emaillierter Haut gesehen; jetzt aber

saß eine einfache, ältliche Frau da mit schwitzender Nase und einem

Mäuseschwanzzöpfchen; sie trug eine eben nicht gerade saubere Nachtjacke.

Lipantschenko saß halb abgewandt vom Teetisch, den viereckigen Rücken

Soja Sacharowna und dem Samowar zugekehrt. Vor ihm lagen die aufgeschlagenen Karten; er hatte nach dem Abendbrot seine

Lieblingsbeschäftigung, das Patiencespiel, aufgenommen, das so sehr

beruhigend auf die Nerven wirkte; aber er war gestört worden; durch ein langes

Gespräch mit Soja Sacharowna, bei dem er die Karten, den Tee und alles andere

beiseite ließ.

Nach dem Gespräch hatte er sich abgewandt: er hatte dem Gespräch den

Rücken zugewandt.

Er saß ohne Kragen, ohne Rock, mit aufgeschnalltem Hosengürtel, der ihm

wahrscheinlich den Leib zu sehr gedrückt hatte.

Gerade hatte ihn ein verdächtiger schwarzer Fleck an der Wand neben der Uhr

gefesselt, der unzweifelhaft eine Küchenschabe war (es gab ihrer reichlich in

dem Landhaus), als er wieder durch seine Lebensgefährtin aufgeschreckt wurde.

Soja Sacharowna schob so laut das Teetablett von sich, daß Lipantschenko

zusammenfuhr.

»Na, und was ist eigentlich dabei? . . . Was ist dabei? . . .«

»Was denn?«

»Darf denn nicht eine Frau, eine treue Frau, eine vierzigjährige Frau, die

Ihnen ihr Leben gewidmet hat, — eine Frau wie ich, eine . . .«

Ihre Ellbogen fielen auf den Tisch.

»Was murmeln Sie dort, meine Liebe? Sprechen Sie deutlicher . . .«

»Darf denn nicht eine Frau wie ich . . . eine bejahrte Frau . . . darf sie nicht

fragen . . .«

Lipantschenko drehte sich in seinem Lehnstuhl um.

Die Worte schienen in ihm etwas geweckt zu haben; für einen Augenblick

blitzte etwas wie Reue in seinem Gesicht auf; halb schüchtern, halb kindlich

kapriziös zwinkerte er mit den Äuglein; er schien etwas sagen zu wollen, aber

getraute sich doch nicht; er dachte langsam über etwas nach: vielleicht darüber

— wie seine Lebensgefährtin ein Geständnis von ihm aufgenommen hätte; sein

Kopf senkte sich; er keuchte und blickte verstohlen von unten herauf.

Aber die Anwandlung von Aufrichtigkeit verging bald; die Aufrichtigkeit

selbst fiel zurück auf den dunkeln Grund der Seele. Er wandte sich wieder

seinem Kartenspiel zu.

»Hm, ja, ja . . . Zu der roten die schwarze . . . Und wo ist nun die Dame? . . .

hier ist die Dame . . . Jetzt kommt der Bub . . .«

Plötzlich warf er Sofja Sacharowna einen prüfenden, mißtrauischen Blick zu;

seine kurzen, mit goldig glänzenden Haaren bedeckten Finger hoben die Karten

ab.

»Das soll ein Spiel sein . . .« murmelte er zornig und legte die Karten

reihenweise auf den Tisch.

Soja Sacharowna trug die saubergewischte Tasse zum Schrank, mit den

Pantoffeln schlürfend.

»Und warum nur gleich böse sein?«

Die Pantoffel schlürften weiter im Zimmer:

»Ich bin gar nicht böse, Mütterchen« — und wieder warf er ihr einen

prüfenden Blick zu; sie kreuzte die Arme über dem Leib, der, vom Korsett nicht

beengt, sich behäbig rundete; ihr herunterhängendes Doppelkinn wiegte sich

beim Gehen; sie näherte sich leise dem Sitzenden und berührte sanft seine

Schulter:

»Sie hätten sich doch lieber erkundigen sollen, wieso ich darauf gekommen

bin, Sie auszufragen? . . . Weil ich eben selbst von anderen gefragt werde . . . Die

Leute zucken mit den Achseln . . . Da dacht ich mir, es ist doch besser, ich weiß

alles . . .«

Lipantschenko biß sich auf die Lippen und fuhr fort, mit unruhiger

Geschäftigkeit die Karten in Reihen zu legen.

Lipantschenko wußte, daß der morgige Tag für ihn von größter Wichtigkeit

ist; gelingt es ihm nicht, sich reinzuwaschen, gelingt es ihm nicht, die Wucht der

belastenden Dokumente irgendwie zu beseitigen — dann hat er ausgespielt: Er

wußte das alles und pfiff jetzt nur ein wenig durch die Nase:

»Hm: ja—ja . . . Hier ist noch ein freier Platz . . . Nichts zu machen: der König

muß hierher . . .«

Aber er hielt es nicht aus:

»Die Leute fragen Sie aus, sagen Sie?«

»Das dürfen Sie mir schon glauben — ja . . .«

»Kommen also Leute her, wenn ich nicht zu Hause bin? . . .«

»Freilich kommen sie und zucken mit den Achseln . . .«

Lipantschenko warf die Karten von sich:

»Es kommt doch heute nichts heraus!«

Er war sichtlich aufgeregt.

Plötzlich kam ein klirrender Laut aus dem Nebenraum, in dem

Lipantschenkos Schlafzimmer war; als wäre dort das Fenster aufgemacht

worden. Beide wandten die Köpfe in die Richtung des Schlafzimmers, beide

schwiegen vorsichtig: was mochte das sein?

Wahrscheinlich Tom, der Bernhardiner.

»Aber begreifen Sie doch, komisches Frauenzimmer, daß Ihre Fragen . . .« —

er erhob sich ächzend, sei’s, um nach der Ursache des Lärms zu sehen, sei’s, um

einer Antwort auszuweichen.

». . . daß Ihre Fragen« — er trank einen Schluck ganz kalten Tee — »gegen

die — Parteidisziplin verstoßen . . .« Er schritt gegen die offene Türe des Nebenzimmers, in die Dunkelheit . . .

»Aber was für Disziplin — mir gegenüber, Kolenka!« — Soja Sacharowna

stützte das Gesicht mit den Händen und beugte den Kopf nach unten . . .

»Bedenken Sie es doch . . .«

»Früher hatte es zwischen uns keine Geheimnisse gegeben . . .«

Das sagte sie zu sich selbst, denn Lipantschenko befand sich im dunkeln

Schlafzimmer.

Aber bald erschien er wieder in der Tür und sie fuhr fort:

»Das hatten Sie mir nie gesagt, daß wir uns miteinander nicht unterhalten

dürfen, daß Sie vor mir Geheimnisse haben . . .«

»Nichts weiter: es ist niemand im Schlafzimmer«, unterbrach er sie.

»Ich werde belästigt: man kommt mir mit Fragen, mit Anspielungen . . . Und

diese Blicke oft . . .«

Pause.

»Sollte ich da nicht fragen? . . . Warum schrien Sie mich so an? Was hab’ ich

gemacht, Kolenka? . . . Liebe ich Sie denn nicht? Respektiere ich Sie denn

nicht?«

Sie schlang ihre Arme um seinen dicken Hals und schluchzte:

»Ich bin ein treues Weib, ein ergebenes Weib . . .«

»Lassen Sie es nur . . . Lassen Sie es nur . . . Schon gut . . . Soja Sacharowna,

lassen Sie mich los . . . Sie wissen doch, daß ich an Atemnot leide . . .«

Er umfaßte mit den Fingern ihre Hände und entfernte sie vom Halse; dann ließ

er sich in den Sessel nieder; er atmete schwer.

»Sie wissen ja, daß ich ein weicher und schwachnerviger Mensch bin . . . Jetzt

bin ich schon wieder . . .«

Beide schwiegen.

In tiefem, schwerem Schweigen, das sich nach einem langen, erregenden

Gespräch einstellt, wenn alles gesagt ist, wenn die Angst vor Worten schon

erlebt war und nur noch dumpfe Resignation zurückblieb — in diesem tiefen

Schweigen trocknete Sofja Sacharowna die Teetassen und die Löffel ab.

Er aber saß halb vom Tisch abgewandt und kehrte Sofja Sacharowna und dem

schmutzigen Samowar den viereckigen Rücken zu.

Zeit, was hast du gemacht?

Die hellgrauen Augen, die Augen voll Humor und schlauer Lustigkeit — wie

hast du sie in den fünfundzwanzig Jahren in die Höhlen hineingedrückt, mit

einem gefährlichen Schleier, mit einem Dunst allermöglichen häßlichen

Atmosphären überzogen . . . Fünfundzwanzig Jahre ist wohl eine lange Frist, und

doch: so zu verfallen, so zu verwelken . . . Diese dicken Säcke unter den Augen,

dieses fleischige Doppelkinn? Die damals rosige Gesichtsfarbe — gelb, ölig, welk, mit der grauen Blässe einer Leiche; die Stirn mit Haaren bewachsen, die