Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 4 von 103

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Petersburg

Brief mit spanischer Marke

 

Auf dem Tisch erhob sich eine kalte, langbeinige Bronze; des Lampenschirms

rosig-violette Farbe schimmerte nicht: verloren hat das neunzehnte Jahrhundert

das Geheimnis dieser Farbe; das Glas dunkelte ab von der Zeit, und ebenso die

feine Zeichnung.

Die goldenen Trumeaus zwischen den Fenstern verschlangen überall mit dem

Grün ihrer Spiegelflächen den Salon; Perlmuttertischchen schimmerten neben

jedem Trumeau.

Sich mit der Hand auf die fein geschliffene Kristallklinke stützend, öffnete

Apollon Apollonowitsch rasch die Tür; seine Schritte hallten auf dem

glänzenden Parkett; überall an allen Ecken standen Haufen kleiner Nippsachen

aus Porzellan; diese Nippsachen brachten sie mit aus Venedig, er und Anna

Petrowna, vor — vor nun dreißig Jahren.

Seine Augen glitten zum Klavier hinüber.

Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: eine weiße Petersburger Nacht; hinter

den Fenstern ein breiter Fluß; der Mond stand oben, und es rauschte eine

Roulade von Chopin: ja, er weiß es noch; Chopin (nicht Schumann) hatte Anna

Petrowna gespielt . . .

Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen Empiresessel nieder, wo auf dem

blaßblauen Atlas des Sitzes Kränzchen sich wanden, seine Hand griff nach dem

chinesischen kleinen Tablett, auf dem ein Paket uneröffneter Briefe lag; sein

kahler Kopf neigte sich über die Briefe. In Erwartung des Kammerdieners mit

der Meldung: »Der Wagen wartet« vertiefte er sich in die Morgenpost.

Die Kuverte wurden erbrochen, eins nach dem anderen.

»Hm . . . So—o, so—o— so—o: schön . . .«

Und eines der Kuverte wurde sorgfältig eingesteckt.

»Hm . . . Bittgesuch . . .«

»Bittgesuch, Bittgesuch . . .«

Ein Umschlag aus massivem grauen Papier, versiegelt, mit Wappenzeichen,

ohne Marke, mit Siegellackpetschaft.

»Hm . . . Graf Dublwe . . . Was mag’s wohl sein? Bittet, im Bureau zu

empfangen . . . Persönliche Angelegenheit . . .«

»Hm . . . Aha! . . .«

Graf Dublwe, das jetzige Oberhaupt des neunten Departements, war der

Gegner des Senators.

Weiter . . . Ein blaßrotes Miniaturkuvert; die Hand des Senators erbebte, Anna

Petrownas Schrift; er besah sich die spanische Marke, brach aber das Kuvert nicht auf:

»Hm . . . Geld? . . .«

»Geld war ja abgeschickt?«

»Es wird geschickt werden!! . . .«

»Hm . . . notieren . . .«

In der Meinung, einen Bleistift aus der Tasche gezogen zu haben, hielt er ein

beinernes Nagelbürstchen in der Hand und wollte gerade die Notiz:

»Zurücksenden« machen, als . . .

»— ? . . .«

»Der Wagen wartet . . .«

Apollon Apollonowitsch hob den kahlen Kopf und schritt hinaus aus dem

Zimmer.

 

An den Wänden hingen Bilder, deren ölig schimmernde Leinwand nur mit Mühe

Französinnen unterscheiden ließ, die wie Griechinnen aussahen, in engen

Direktoire-Tuniken und riesenhohen Frisuren.

Über dem Klavier hing eine verkleinerte Kopie des Bildes von David:

»Distribution des aigles par Napoléon premier.«

Kalt war die Pracht des Salons wegen des vollständigen Mangels an

Teppichen; der Parkettboden glänzte; würde ihn die Sonne einen Augenblick

bescheinen, die Augen würden von selbst sich geschlossen haben. Kalt war

dieses Gastzimmers Gastfreundschaft.

Senator Ableuchow aber hat diese Kälte zum Prinzip erhoben.

Sie prägte sich: im Wirt, in den Bronzen, in den Dienern, selbst in der

tigerähnlichen, dunkelfarbigen Bulldogge, die irgendwo in der Nähe der Küche

lebte.

Mit der Abreise Anna Petrownas verstummte der Salon; der Deckel des

Klaviers klappte zu, keine Roulade erklang mehr.

Ja, was Anna Petrowna betrifft — oder einfacher gesagt, was den Brief aus

Spanien betrifft: kaum war Apollon Apollonowitsch hinausgeschritten, begannen

zwei Lakaien miteinander zu plappern:

»Er las den Brief nicht . . .«

»I wo: fällt ihm nicht ein, ihn zu lesen . . .«

»Wird er ihn zurückschicken?«

»Wahrscheinlich ja.«

»So ein Stein von einem Menschen, Gott sei mir gnädig.«

»Ich will Ihnen was sagen: Sie sollten delikater in Ihren Ausdrücken sein.« Während Apollon Apollonowitsch ins Vorzimmer schritt, sah der grauhaarige