Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 13 von 103

PDF-Seiten

Petersburg

Und dabei glänzte fettig sein Gesicht

»In seiner Art . . .«

»Wie?«

»Nichts: ich kuriere mich mit Talglicht.«

Die Figur zog ein ganz durchnäßtes Taschentuch hervor und begann sich

wieder zu räuspern.

»Ich spreche ja von der Sache. Sie können es so ausrichten: Nikolai

Apollonowitsch hat das Versprechen gegeben . . .«

»Talglicht ist ein sehr gutes Mittel gegen Schnupfen . . .«

»Richten Sie bitte alles aus, was ich Ihnen sagte: die Sache ist organisiert . . .«

»Du reibst abends die Nase ein — und am Morgen ist der Schnupfen

verschwunden . . .«

»Ich sage nochmals, die Sache ist organisiert wie ein Uhrwerk . . .«

»Die Nase ist dann frei, du kannst wieder atmen . . .«

»Wie ein Uhrmechanismus! . . .«

»Ha?«

»Wie ein Uhr—mecha—nismus, zum Teufel.«

»Meine Ohren sind belegt, kann kaum hören.«

»Uhr—en—mech . . .«

»Apschi! . . .«

Das Taschentüchlein spazierte wieder unter die Warze: zwei Schatten verloren

sich wieder in naßkaltem Grau. Bald tauchte der Schatten mit der

Ohrenklappenmütze aus dem Nebel auf, blickte zerstreut auf die Spitze der

Petropawlowschen Festung hinüber.

Und trat ins Restaurant ein.

 

Und dabei glänzte fettig sein Gesicht

 

Leser!

Du kennst das »Plötzlich«. Warum versteckst du dann wie der Vogel Strauß

den Kopf in die Federn, wenn du das verhängnisreiche, unabwendbare

»Plötzlich« nahen siehst?

Höre also . . . Dein »Plötzlich« schleicht hinter deinem Rücken; du fühlst dich

sehr beunruhigt: im Rücken entsteht eine unangenehme Empfindung, als wälzte

sich gegen ihn wie gegen eine offene Tür eine Schar Unsichtbarer; du wendest

dich und bittest die Wirtin:

»Gnädige Frau, gestatten Sie, daß ich die Tür schließe; ich ertrag’s nicht, mit

dem Rücken gegen eine offene Tür zu sitzen.«

Dein »Plötzlich« nährt sich vom Spiel deines Hirns; gern frißt es wie ein

Hund die Gemeinheit deiner Gedanken; es schwillt an, du aber schmilzt dann

wie ein Licht; sind deine Gedanken gemein und erfaßt dich ein Zittern, dann

beginnt das »Plötzlich«, vollgefressen an allerhand Gemeinheit, wie ein

gemästeter, unsichtbarer Köter vor dir her zu laufen, und ein Fremder bekommt

den Eindruck, als seiest du durch eine schwarze unsichtbare Wolke vor den

Blicken verdeckt.

 

Wir verließen unseren Unbekannten im kleinen Restaurant. Plötzlich wandte sich

der Unbekannte rasch um: es schien ihm, als kröche ein widerwärtig-schleimiges

Etwas ihm hinter den Kragen und über das Rückgrat hinweg. Hinter seinem

Rücken war aber nichts; düster gähnte die Türöffnung des Einganges, und durch

die Tür wälzte sich das Unsichtbare.

Da wurde es ihm klar: die von ihm erwartete Person schritt jetzt die Treppe

herauf; gleich, sofort wird sie eintreten; aber sie ist noch nicht eingetreten; in der

Tür hat sich noch niemand gezeigt.

Doch während mein Unbekannter sich von der Tür abwandte, trat auch schon

der unangenehme Dicke herein; während er sich dem Unbekannten näherte,

knarrte der Fußboden unter seinen Füßen; sein gelbliches, rasiertes, leicht zur

Seite geneigtes Gesicht schwamm gemächlich in dem eigenen Doppelkinn, und

dabei glänzte fettig sein Gesicht.

Da wandte sich mein Unbekannter um; die Person winkte ihm freundlich mit

der Ohrenklappenmütze:

»Alexander Iwanowitsch . . .«

»Lipantschenko!«

»Ich bin’s . . .«

»Sie ließen auf sich warten.«

An dem Tische des Unbekannten Platz nehmend, rief die Person

selbstzufrieden aus:

»Kaffee . . . Und — hören Sie — einen Kognak: meine Flasche haben Sie dort

mit meinem Namen vermerkt.«

Und um sie herum hörte man:

»Hast du mitgetrunken?«

»Jawohl . . .«

»Mitgegessen?«

»Jawohl . . .«

»Was bist du dann, mit Verlaub, für ein Schwein . . .«

»Vorsichtig!« rief mein Unbekannter: der Dicke, den der Unbekannte mit

Lipantschenko ansprach, wollte seinen Arm auf den Zeitungsfetzen legen, der

über dem Paket lag.

»Was denn?« Da hob Lipantschenko den Zeitungsfetzen, sah das nasse

Paketchen, und seine Lippen erbebten.

»Das . . . das . . . ist es?«

»Ja, das — ist es . . .«

Lipantschenkos Lippen bebten noch immer.

»Wie sind Sie doch unvorsichtig, Alexander Iwanowitsch.«

Lipantschenko streckte seine hölzernen Finger aus; die falschen Steine seiner

Ringe funkelten auf diesen geschwollenen Fingern mit den abgebissenen Nägeln

(auf den Nägeln sah man Spuren derselben braunen Farbe, die seine Haare

zeigten; ein aufmerksamer Beobachter würde daraus schließen: die Haare der

Person waren gefärbt).

»Eine Bewegung nur (hätte ich den Ellbogen darauf gelegt), dann wäre es zu

. . . einer Katastrophe gekommen . . .«

Und mit außerordentlicher Vorsicht legte die Person das Paket auf den Stuhl.

»Ha, wir wären dann, beide«, witzelte unangenehm der Unbekannte. — »Wir

würden beide . . .«

Er schien sich zu weiden an der Verlegenheit der Person, die er — wie wir von

uns hinzufügen — haßte.

»Nicht meinetwegen, natürlich, sondern . . .«

»Gewiß, Ihretwegen nicht, sondern . . .«

 

Und um sie herum hörte man:

»Mit ‚Schwein‘ haben Sie mich nicht zu beschimpfen . . .«

»Aber ich schimpfte ja doch gar nicht.«

»Freilich schimpften Sie: Sie warfen es mir vor, daß Sie gezahlt haben . . .

Was ist dabei? Neulich haben Sie gezahlt, heute zahl’ ich . . .«

»Laß dich küssen, Freund, für diese Tat . . .«

»Essen Sie nur, essen Sie, das wird schon richtiger sein.«

»Na, das ‚Schwein‘ nicht übelnehmen und essen — essen tu’ ich auch so

schon . . .«

 

»Wissen Sie, Alexander Iwanowitsch, wissen Sie, mein Lieber, nehmen Sie

dieses Paketchen,« — Lipantschenko schielte hinüber — »und tragen Sie’s

gleich zu Nikolai Apollonowitsch.«

»Ableuchow?«

»Eben: zu ihm; zur Aufbewahrung.«

»Aber gestatten Sie, aufbewahrt kann das Paket auch bei mir werden.«

»Das ist ungeschickt: Sie kann man abfassen; dort aber ist es sicher.

Immerhin: das Haus des Senators Ableuchow . . . Übrigens, haben Sie schon von

dem letzten Wort des ehrenvollen Alterchens gehört?«

Da neigte sich der Dicke zum Unbekannten und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Sch—sch—sch . . .«

»Ableuchow?«

»Sch . . .«

»Ableuchow?«

»Sch—sch—sch . . .«

»Mit Ableuchow?«

»Jawohl, nicht mit dem Senator, sondern mit des Senators Sohn: wenn Sie ihn

besuchen, übergeben Sie ihm gefälligst zugleich mit dem Paket auch dieses

Briefchen: da ist’s . . .«

Lipantschenkos schmalstirniger Kopf wälzte sich wie eine Last gegen das

Gesicht des Unbekannten; in ihren Höhlen lauerten prüfend zwei bohrende

Äuglein; die Lippe bebte leicht und sog an der Luft. Der Unbekannte mit dem

Schnurrbärtchen horchte aufmerksam und suchte im Lärm der Stimmen den

Inhalt des Geflüsterten genau zu erfassen. Kaum hörbar flüsterten die

widerwärtigen Lippen, und es schien, als läge darin ein furchtbarer Inhalt, als

flüsterten sie von Welten und Planeten; bei genauem Zuhören aber erwies sich

der Inhalt von einfachster Alltäglichkeit.

»Sie übergeben ihm das Briefchen . . .«

»Wie, steht denn Nikolai Apollonowitsch selbst in Beziehungen?«

Die Person zwinkerte mit den Äuglein und schnalzte mit der Zunge.

»Ich dachte, nur durch mich wird der Verkehr mit ihm vermittelt . . .«

»Sie sehen nun — das stimmt nicht . . .«

 

Um sie herum hörte man:

»Iß, Freund, iß . . .«

»Hau’ mir ein Stück vom Aspikfleisch herunter.«

»Im Essen liegt die Wahrheit . . .«

»Was ist die Wahrheit?«

»Wahrheit ist das Eßbare . . .«

»Das weiß ich auch . . .«

»Wenn du’s weißt — dann ist’s gut. Gib den Teller her und iß . . .«