Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 25 von 103

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Petersburg

Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit

»Komm, kehre zurück — Gott!«

Ihr zur Antwort schlug unten die Tür zu. Nikolai Apollonowitsch lief zu der

großen Petersburger Brücke. Wir werden weiter sehen, daß er an dieser Brücke

den wichtigen Beschluß gefaßt hatte, durch eine Tat sein eigenes Leben von sich

zu werfen. Zu tief hatte ihn das Wort »roter Narr« getroffen.

Nie wieder hat ihn Sofja Petrowna gesehen . . .

Dafür kamen um so öfter Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Werhefden

und selbst Lipantschenko; sie lachte mit ihnen ohne Unterlaß; dann hielt sie im

Lachen inne und fragte neckisch:

»Nicht wahr, ich bin eine Puppe?«

Sie antworteten mit einer »Fifka« nach der anderen und warfen Silbermünzen

in die Sammelbüchse. Lipantschenko aber machte ihr zum Geschenk eine Puppe

mit gelbem Gesicht.

Als sie das vor ihrem Gatten Ssergeij Ssergeijewitsch aussprach, sagte er

nichts und tat, als ginge er schlafen; in seinem Zimmer aber setzte er sich hin

und schrieb an Nikolai Apollonowitsch einen kurzen Brief; in seinem Briefchen

schrieb er Ableuchow, daß er, Ssergeij Ssergeijewitsch, sich erlaube, ihn um

folgendes zu bitten: Er wolle sich aus prinzipiellen Gründen nicht in die

Beziehungen Ableuchows zu seiner unendlich geliebten Gattin mischen, doch

bitte er dringend (dringend war dreimal unterstrichen), ihrem Hause für immer

fernzubleiben, da die Nerven seiner geliebten Gattin angegriffen seien. Sein

Benehmen veränderte Ssergeij Ssergeijewitsch nicht im geringsten: er verwaltete

— irgendwo — das Proviantamt.

Ssergeij Ssergeijewitsch war groß von Gestalt, trug einen hellblonden Bart,

besaß Nase, Mund, Ohren, Haare und wundervoll glänzende Augen: leider trug

er eine dunkelblaue Brille, und niemand kannte die Farbe dieser Augen und auch

nicht ihren herrlichen Ausdruck.

 

Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit

 

In diesen frostreichen Oktobertagen befand sich Sofja Petrowna in

ungewöhnlicher Aufregung; blieb sie allein in ihrem Treibhäuschen, dann

runzelte sich ihr Stirnchen, und ihr Gesicht wurde purpurn; sie trat ans Fenster

und wischte mit ihrem Taschentüchlein aus zartem Batist die schweißbedeckten

Scheiben, das Glas begann zu quieken, und öffnete einen Augenblick auf den

Kanal und auf einen vorübergehenden Herrn mit Zylinder — nichts weiter; als wäre sie in ihren Ahnungen getäuscht, begann Engel Peri ihr angefeuchtetes

Taschentuch mit den Zähnchen zu beißen und zu zerren, dann lief sie hinaus, zog

ihren schwarzen Plüschmantel an, setzte die Mütze aus ebensolchem Plüsch auf

(Sofja Petrowna kleidete sich sehr bescheiden) und ging fort, um, die Nase in

den Pelzmuff vergraben, zwischen der Moikastraße und dem Kai zu schlendern.

Und einmal, während Lipantschenko da war, ergriff sie ihre Hutnadel und

stach sich ins kleine Fingerchen.

»Sehen Sie, es schmerzt nicht, und es kommt kein Blut: ich bin aus Wachs . . .

eine Puppe.«

Lipantschenko lachte und sagte:

»Sie sind keine Puppe, Herzchen.«

Erbost jagte ihn Engel Peri von sich. Er ergriff seine Ohrenklappenmütze und

ging.

Sie aber fuhr fort, ruhelos durchs Treibhäuschen zu wandern, runzelte das

Stirnchen, errötete, wischte die Scheiben; es eröffnete sich der Ausblick auf den

Kanal und auf eine vorüberfahrende Droschke — nichts weiter.

Was aber weiter?

Die Sache war so: vor einigen Tagen kehrte Sofja Petrowna von der Baronin

R. R. nach Hause zurück. Bei der Baronin R. R. hatte es an diesem Abend

»geklopft«; weißliche Funken waren über die Wand gelaufen, und einmal hatte

der Tisch einen Sprung getan: sonst nichts; aber Sofja Petrownas Nerven waren

äußerst gespannt, und die Treppe zu ihrer Wohnung war nicht beleuchtet (in

Häusern mit billigen Wohnungen werden die Treppen bekanntlich nicht

beleuchtet): und im Dunkel der Stiege sah Sofja Petrowna ganz deutlich einen

noch schwärzeren Fleck, der sie wie eine schwarze Maske anstarrte. Sofja

Petrowna zog mit aller Kraft an der Glocke. Als sich die Tür geöffnet und ein

Lichtstrahl die Treppe beleuchtete, schrie das Dienstmädchen Mawruscha auf

und schlug die Hände zusammen: Sofja Petrowna sah nichts, denn sie rannte in

die Wohnung hinein: Mawruscha aber hatte gesehen: hinter dem Rücken der

gnädigen Frau stand ein roter Atlasdomino mit schwarzer Maske, die von einem

Fächer aus ebenso schwarzen Spitzen umrahmt war; der rote Domino streckte

Mawruscha seinen blutigen Ärmel entgegen, aus dem eine Visitenkarte

hervorlugte; und als die Tür vor dem ausgestreckten Arm zugeschlagen ward,

erblickte auch Sofja Petrowna die Karte, die wahrscheinlich durch die Spalte

hereinflog; was war aber auf der Karte? An Stelle eines Wappens — ein Schädel

mit Knochen und darunter in modernem Schriftsatz die Worte: »Ich erwarte Sie

auf dem Maskenball« — Ort, Datum und weiter die Unterschrift »Der rote

Narr«.

Den ganzen Abend war Sofja Petrowna in größter Erregung. Wer mochte sich als roter Domino verkleidet haben? Er natürlich, Nikolai Apollonowitsch: so