Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 60 von 103

PDF-Seiten

Petersburg

Der Bürger

sie fühlte, wie der beginnende Tag sie anhauchte; sie krümmte sich.

Hinter den Fenstern begannen plötzlich leichte Flammen zu sprühen, und alles

wurde durchleuchtet; ein rosa schimmerndes Netz aus Perlmutterschuppen

breitete sich dort, und durch die Lücken dieses Netzes blickte ein zart-zartes

Blau; ganz zart war das Blau, alles erfüllte sich mit bebender Unsicherheit; alles

erfüllte sich mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch?

Scheine ich denn nicht mehr?« Durch Sofja Petrownas Seele gingen plötzlich

hauchend leichte Stimmen; und alles leuchtete für sie auf, als ein blasser Strahl

auf die Schlinge des Strickes fiel. Ihr Herz erfüllte sich mit plötzlichem Schauer

und mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Warum

hab’ ich vergessen?«

Sofja Petrowna Lichutina neigte sich gegen den Boden und streckte die Hand

zum Stricke aus. Sofja Petrowna Lichutina küßte den Strick und begann leise zu

weinen: eine vergessene und, wieder aufgelebte Gestalt aus ihrer Kindheit (die

Gestalt war doch nicht völlig vergessen — wo habe ich sie nur gesehen: kürzlich

erst, heute?). Diese Gestalt hob sich langsam, und jetzt stand sie hinter ihrem

Rücken. Als sie sich umwandte, sah sie: hinter ihrem Rücken stand ihr Mann,

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, schlank, lang und traurig; er hielt seinen

hellblauen, sanften Blick auf sie gerichtet:

»Du mußt mir verzeihen, Sonjuscha!«

Sie fiel, weiß Gott warum, zu seinen Füßen, umarmte sie und weinte:

»Du Armer, Armer, Geliebter! . . .«

Was sie noch miteinander flüsterten — weiß der Himmel: das blieb unter

ihnen; bei der Morgenröte aber sah man ihn seine mageren Arme über sie

breiten:

»Gott wird dir verzeihen . . . Gott wird dir verzeihen . . .«

Das rasierte Gesicht lachte glücklich: wer konnte auch jetzt nicht lachen,

angesichts des lachenden Himmels, an dem leichte, schimmernde Wölkchen

dahinflogen?

 

Der Bürger

 

Weit dehnten sich und liefen die Gäßchen, Gassen, Straßen und vornehmen

Prospekte auseinander; aus dem Dunkel trat bald die hochragende Ecke eines

Hauses hervor, eines schweren Ziegelsteinbaus, zusammengesetzt aus lauter

Wuchtigkeiten; bald gähnte im Dunkel ein Portal, vor dem zwei steinerne Ägypter den steinernen Vorsprung eines Balkons trugen. Mitten im Petersburger

Nebel, aus dem Dunkel in das Dunkel, schritt Apollon Apollonowitsch weiter, an

dem hochragenden Haus vorbei, an der steinernen Ecke, an all den Hunderten

zentnerschweren Wuchtigkeiten vorbei, er ging und ging, alle Schwierigkeiten

überwindend: nun erreichte er einen niederen, grauen, ein wenig moderigen

Bretterzaun.

Da ging plötzlich eine niedrige Tür auf, die dann offen stehen blieb; weißer

Dampf wälzte sich aus der Türöffnung, scheltende Stimmen, das Klimpern einer

armseligen Balalaika und Gesang drangen nach außen.

So ist also der Bürger? Apollon Apollonowitsch empfand plötzlich Interesse

für diesen Bürger, und es gab da einen Augenblick, wo ihn der Wunsch packte,

an die erste beste Tür zu pochen und den Bürger zu suchen; aber da fiel ihm ein,

daß eben dieser Bürger ihm einen schmachvollen Tod wünschte: sein

Zylinderhut rutschte auf die Seite, und die müden Schultern sanken:

— Ja, ja, ja: sie hatten ihn in Stücke zerrissen; nicht ihn selbst, aber seinen

besten Freund, einen Freund, wie ihn das Schicksal einem Menschen nur einmal

im Leben sendet; einen Augenblick lang sah Apollon Apollonowitsch deutlich

vor sich einen grauen Schnurrbart, die grünliche Tiefe der auf ihn gerichteten

Augen, während sie beide über der Reichskarte gebeugt dasaßen und ihr seltsam

jugendhaftes Greisenalter sich in heißen Träumen erging (das geschah gerade

einen Tag, bevor . . .). Aber die Bürger hatten auch diesen einzigen Freund

zerfleischt, den ersten unter den ersten . . . Man sagt, das dauert nur eine

Sekunde, dann aber ist — rein gar nichts . . . Was ist nun zu machen? Ein

Staatsmann ist nun einmal ein Held; aber doch — brr — brr . . .

Apollon Apollonowitsch Ableuchow richtete den Zylinderhut zurecht, hob

wieder die Schultern hoch und schritt weiter durch den faulen Nebel und das

nicht weniger faule Leben des Bürgers dahin — durch das Netz schleimig-

feuchter, modriger, halbeingesunkener Mauern, Tore, Bretterzäune — durch den

ekligen, stinkenden, leeren, allgemeinen Abort. Und es schien ihm auf einmal,

als werde auch er von dem Haß jenes modrigen Zauns und jener blinden Mauer

verfolgt. Aus Erfahrung wußte Apollon Apollonowitsch, daß sie ihn haßten;

doch wer waren diese sie? Ein armseliges, wie alles andere stinkendes Häuflein?

Das Gehirnspiel Apollon Apollonowitschs baute vor seinem Blick neblige

Flächen; die Riesenkarte Rußlands erschien ihm winzig klein: War das der

Feind? Die ungeheure Zusammenhäufung von Völkern, die auf dieser Fläche

wohnen: hundert Millionen. Nein, mehr . . .

Was? Er wird gehaßt? . . . Nein, Rußland liegt gedehnt vor ihm. Ihn selbst

aber . . . ihn will man . . . will man . . . Nein, brr — brr . . . Müßiges Spiel des

Gehirns.

Mit wem sollte er nun durch das Leben gehen? Mit dem Sohn? Aber sein

Sohn ist ja ein ausgemachter Schuft. Mit dem Bürger? Aber der Bürger will ihn

. . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich, daß er einst vorhatte, mit Anna

Petrowna durchs Leben zu gehen; nach Beendigung seiner Laufbahn ein

Landhaus in Finnland zu beziehen . . . Aber nun — Anna Petrowna hatte ihn

verlassen, ja, verlassen!

Apollon Apollonowitsch sah plötzlich ein, daß er keinen Lebenskameraden

besaß (bis zu diesem Augenblick hatte er darüber nie nachgedacht), und ein Tod,

der ihn auf dem Posten ereilt, erschien ihm als eine eigentliche Verschönerung

seines dahingegangenen Lebens. Und kindliche Trauer überkam ihn und Ruhe

und Behaglichkeit. Er hörte nur das Säuseln des dahinfließenden Rinnenwassers,

als betete jemand, betete immer um dasselbe, um das eine: um das, was nie war,

was aber auch nie sein wird . . .

Das Grauschwarz, das ihn die ganze Nacht bedrückt hatte, begann sich

langsam zu dehnen. Die Häusermauern verschmolzen matt mit der

entschwindenden Nacht. Die rotgelben Laternen, die soeben noch rotgelbe

Flammen von sich warfen, begannen gleichsam zu schwinden — und

entschwanden allmählich vollständig. Die fiebernden Lichter auf den Mauern

erloschen. Die Laternen verwandelten sich schließlich in dunkle Punkte, die

verwundert in den trüben Nebel blinkten. Einen Augenblick lang schien es, als

wäre die graue Zusammenhäufung von Linien, Turmspitzen, Mauern mit den

huschenden Flächen der Schatten und der unendlich vielen Fenster — daß das

alles keine Zusammenhäufung von Steinen, sondern ein in die Luft sich

erhebendes Spitzengeflecht von feinster Arbeit, durch dessen Muster die Sonne

zaghaft hervorblickte.

Plötzlich tauchte vor Apollon Apollonowitsch ein armgekleidetes, etwa

fünfzehn Jahre altes Mädchen mit einem Tuch auf dem Kopfe auf; hinter ihr her

zeichnete sich im nebligen Morgengrau die Gestalt eines Mannes; die Gestalt

schien mit niedrigen Vorschlägen an das Mädchen herangekommen zu sein.

Apollon Apollonowitsch hielt sich für einen Ritter; unerwartet für sich selbst

lüftete er den Zylinder.

»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und Sie nach Hause bringen? In dieser

späten Stunde ist es für junge Personen von Ihrem Geschlecht nicht

ungefährlich, allein durch die Straßen zu gehen.«

Sie gingen in tiefem Schweigen; alles erschien näher, als es in der

Wirklichkeit war; naß und alt schien sich alles in die Jahrhunderte zu entfernen;

all das hatte Apollon Apollonowitsch auch schon früher aus der Ferne gesehen.

Aber jetzt — jetzt war es unmittelbar vor ihm: kleine Häuschen, Mauern,

niedrige Tore und an seinen Arm ängstlich gedrückt dieser Backfisch, für den er, Apollon Apollonowitsch, kein Schuft, kein Senator war, sondern einfach nur so

ein unbekannter gütiger Greis.

Sie kamen bis zum grünen Häuschen mit schiefem Tor und morschen Stufen;

hier lüftete der Senator wieder den Zylinderhut und verabschiedete sich vom

Backfisch; als die Tür sich hinter dem Mädchen schloß, verzog sich traurig der

greisenhafte Mund; die toten Lippen begannen zu kauen; in diesem Augenblick

ertönten in der Ferne Laute wie von einem Violinbogen: es war die Stimme des

Petersburger Gockels, der etwas verkündete, das nicht existierte, jemand weckte,

der nicht vorhanden war.

 

Ende des vierten Kapitels.