Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 36 von 103

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Petersburg

Edel, schlank und blaß! . . .

Daß sie »ihn« morgen auf dem Ball bei Zukatows sehen, mit ihm sprechen, ihm

 

den Brief hier übergeben wird — all das war beängstigend und schmerzhaft:

Schicksalschweres lag darin — nein, nicht denken, nicht denken!

Eine trotzige, schwarze Haarsträhne fiel auf den Nacken.

»Ja, der Brief.« Auf dem Brief stand deutlich zu lesen: An Nikolai

Apollonowitsch Ableuchow. Sonderbar war nur dies: diese Schrift war die

Schrift Lipantschenkos . . .

Welcher Unsinn!

Nun ist sie schon in ihrem Wollkleid, das am Rücken geknöpft war.

»Also gehen wir, gehen wir . . . Übrigens, dieser Brief . . . von wem ist er?

. . .«

»?«

»Ach so, dann nicht, nicht: ich bin fertig.«

Warum wollte sie durchaus zum Meeting? Um unterwegs auszufragen,

auszuforschen?

Wonach aber forschen?

Beim Tor stießen sie auf den Kleinrussen Lipantschenko.

»So, so, wohin?«

Sofja Petrowna winkte geärgert mit der Hand und mit dem Plüschmuff.

»Ich gehe zum Meeting, zum Meeting.«

Der schlaue Kleinrusse aber gab nicht nach.

»Schön, ich gehe mit Ihnen.«

Warwara Ewgrafowna errötete, blieb stehen: sie starrte den Kleinrussen an.

»Ich glaube, ich kenne Sie: Sie wohnen im Zimmer bei . . .«

Der schamlose Kleinrusse geriet hierüber in größte Verwirrung: begann zu

schnaufen, trat zurück, lüftete verwirrt seine Mütze und ging fort.

»Wer ist, bitte, dieses unangenehme Subjekt?«

»Lipantschenko.«

»Das stimmt nicht. Nicht Lipantschenko, sondern ein Grieche aus Odessa:

Mawrokordato; er kommt öfters ins Zimmer, das hinter meiner Wand ist: ich rate

Ihnen nicht, ihn zu empfangen.«

Doch Sofja Petrowna hörte nicht zu. Mawrokordato, Lipantschenko — das

war ganz gleich . . . Der Brief nur, der Brief . . .

 

Edel, schlank und blaß! . . .

Sie gingen über die Moikastraße.

Links von ihnen bebte das letzte Gold der Baumblätter; träte man näher, man

würde die Meisen hüpfen sehen; aus dem Garten aber zog sich, resigniert am

Boden liegend, bis zu den Steinfliesen hin, ein knisternder Faden, der sich vor

den Füßen des Fußgängers wirbelte, sich an seine Füße hängte und flüsternd

gelbrote Worte aus Blättern flocht.

»Uuuu — uuuu — uuuu?«

»Haben Sie gehört?«

»Was denn?«

 

Plötzlich tauchte auf dem feuerroten Fond eine Silhouette auf: Flügeln gleich

flatterte im Winde der weite graue Mantel; im Wachsgesicht mit den

vorstehenden Lippen ein nachlässiger Ausdruck; die Augen schienen nach

irgend etwas in den bläulichen Newafernen zu suchen, fanden es aber nicht und

glitten über alles Nahe hinweg: so sah er weder Sofja Petrowna noch Warwara

Ewgrafowna: die Augen sahen nur die Tiefe, das grünliche Blau. Vor der

Silhouette aber lief keuchend die tigerartig gestreifte Bulldogge, die silberne

Reitpeitsche des Herrn in den Zähnen.

An die beiden näher herangekommen, blinzelte Ableuchow, zu sich

kommend, mit den Augen und berührte grüßend seine Mütze; er sagte nichts und

ging weiter: dorthin, wo im Feuerrot die Häuser badeten.

Sofja Petrowna, mit schielenden Augen, verbarg ihr Gesichtchen in den Muff

und nickte unbeholfen seitlich mit dem Kopfe, nicht ihm, sondern der Bulldogge

zu. Warwara Ewgrafowna aber blieb mit starrem Blick an ihm hängen.

»Ableuchow —«

»Ja . . . ich glaube.«

Nach dieser bejahenden Antwort (sie selbst war kurzsichtig) murmelte

Warwara Ewgrafowna erregt vor sich hin:

Edel, schlank und blaß,

Wie Flachs der blonde Schopf;

Reich an Geist und arm an Herz:

N. A. A. — Kennt ihr diesen Kopf?

Sofja Petrowna wandte sich plötzlich unerwartet für sie selbst um und sah, wie

dort in der Ferne in den letzten grellroten Strahlen der Newasonne, ihr

zugewandt, Nikolai Apollonowitsch stand; seltsam vornübergebeugt, das Gesicht

in den Kragen vergraben, stand er und lächelte, wie es ihr schien, in

unangenehmster Weise; er gab eine höchst komische Figur ab: in seinen weiten

Mantel gehüllt, sah er bucklig und wie seiner Arme beraubt aus; vor diesem Anblick wandte sie eilig ihr Köpfchen ab.