Petersburg
Das Hohe Amt
Maske war Nikolai Apollonowitsch . . .
Sein Blut ist vorzeitig in Zersetzung übergegangen.
Es ist vorzeitig in Zersetzung übergegangen: das ist es wohl, warum er in
anderen zuweilen Ekel auslöste; das war der Grund, warum er auf der Straße so
sonderbar aussah.
Dieses morsche, armselige Gefäß mußte zerbrechen: und langsam geschah es.
Das Hohe Amt
Das Hohe Amt.
Irgend jemand hatte es geschaffen; seit dieser Zeit bestand es; bis dahin hatte
es nur eine Zeit gegeben, die man mit »dazumal« bezeichnet. So berichtet uns
das »Archiv«.
Das Hohe Amt.
Irgend jemand hatte es geschaffen, bis dahin gab es nur Dunkelheit, jemand
schwebte über dem Dunkel; und es entstand Licht — ein Zirkular unter Nummer
eins; das Zirkular der letzten fünf Jahre trug die Unterschrift: »Apollon
Ableuchow«: im Jahre neunzehnhundertfünf war Apollon Apollonowitsch
Ableuchow die Seele aller Zirkulare.
Das Licht scheint im Dunkel; die Dunkelheit hat es nicht verschlungen.
Das Hohe Amt.
Und die bockbeinige Karyatide. Seit dem Tage, an dem der von zwei Rappen
gezogene schwarzlackierte Wagen zum erstenmal an das Portal herangesaust war
und sich von den Trauerkissen erhebend die Statue mit dem Pergamentgesicht
den Fuß auf den Granit gesetzt hatte, seit dem Tage, an dem zum erstenmal die
schwarzbehandschuhte Hand auf die vielen Verbeugungen hin den Rand des
Zylinders berührt hatte, seit diesem Tag waltete über dem Hohen Amt, das seine
feste Macht über ganz Rußland ausbreitete, ein noch festerer Machtdruck.
Längst im Staub begrabene Paragraphen waren auferstanden.
Der Paragraph — das ist ein Papierfresser, er ist die Papierreblaus; an dem
dunklen Abgrund der Willkür saugt sich wie ein Blutegel der Paragraph fest; und
wahrhaftig: es ist etwas Mystisches an dem Paragraphen: er ist: das dreizehnte
Zeichen des Zodiakus.
Über einem ungeheuren Teil Rußlands erhob sich der Paragraph als schwarzer
Gehrock ohne Kopf; durch die weißsäuligen, ungeheizten Säle, über die rotbespannten Freitreppen zirkulierte der kopflose Paragraph, und über diese
Zirkulation waltete Apollon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch ist der populärste Beamte Rußlands, ausgenommen
. . . Konschin (dessen unveränderliches Autogramm ihr überall mit euren
Banknoten herumtragt).
Das Hohe Amt existiert. Und in ihm haust Apollon Apollonowitsch; vielmehr:
er hatte gehaust, denn er ist gestorben . . .
— Ich war vor kurzem an seinem Grab: über einem
schweren, schwarzmarmornen Block erhebt sich ein schwarzmarmornes,
achteckiges Kreuz; unter dem Kreuz ein deutliches Hautrelief, das einen
Riesenkopf darstellt, aus dessen tiefen Augenhöhlen zwei leere Pupillen
sich in den Beobachter bohren; ein dämonischer, mephistophelischer
Mund! Tiefer unten eine Aufschrift mit Riesenlettern: »Apollon
Apollonowitsch Ableuchow, Senator« . . .
Geburtsjahr, Todesjahr . . . Ein einsam verlorenes Grab! . . . —
— Er existiert, Apollon Apollonowitsch: im Direktorzimmer: täglich ist
er da zu sehen, ausgenommen die Hämorrhoidentage.
Es gibt außerdem im Hohen Amt Räume der . . . Nachdenklichkeit.
Und dann gibt es einfach Zimmer; am meisten aber Säle; in jedem Saal stehen
einige Tische. Vor den Tischen sitzen Schreiber: zwei vor jedem; jeder von ihnen
hat vor sich ein Tintenzeug, eine Feder und einen respektablen Stoß mit Papier;
die Feder in der Hand des Schreibers knarrt, die Papierblätter knistern; so knarrt
der faule, herbstliche Wind durch die Wälder, durch Schluchten; so knistert der
Sand — in den Wüsten, in den salzigen Steppen von Orenburg, Ssaratow,
Ssamara; — mit einem Wort: es existiert das Hohe Amt.
Im Direktorzimmer sitzt täglich Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit dick
geschwollener Ader an der Schläfe, die Beine übereinandergelegt, die sehnige
Hand hinter die Rockborte geschoben; im Kamin prasseln die Holzscheite, der
achtundsechzigjährige Greis atmet den Paragraphenbazillus ein; und dieser Atem
verbreitet sich dann über das ganze, ungeheure Rußland: täglich wird ein zehnter
Teil unserer Heimat von dem Flügelungetüm dieser Wolke bedeckt. Von einem
glücklichen Einfall erleuchtet sitzt Apollon Apollonowitsch, die Beine
übereinandergekreuzt, die Hand hinter die Rockborte geschoben, und bläht (so
ist nun einmal seine Gewohnheit) seine Wangen ganz dick auf; es ist, als ob er
blasen würde; ein kühler Wind zieht dann durch die ungeheizten Säle;
Wirbelstürme aus mannigfachen Papieren erheben sich; in Petersburg erhebt sich
der Wind, an irgendeinem entlegenen Ende Rußlands verdichtet er sich zum
Sturm.
Apollon Apollonowitsch sitzt in seinem Arbeitszimmer und . . . bläst.
Und die Rücken der Schreiber beugen sich tiefer über die Tische; und das
Papier knistert: so laufen die Winde durch die rauhen Wipfel der Fichten . . .
Dann zieht er seine Wangen wieder ein; und nun knistert alles: ein trockener
Papierschwarm, wie der unheimliche Blätterfall im Herbst, jagt von Petersburg
. . . bis zum Ochotskimeer.
Norden, du mein geliebter Norden! . . .
Apollon Apollonowitsch ist ein Städter par excellence und ein gut erzogener
Herr: er sitzt ruhig in seinem Arbeitssessel, während sein Schatten, den Stein der
Wände durchdringend . . . die Menschen auf den Landstraßen überfällt: er zieht
pfeifend wie ein lustiger Mordgeselle durch die weiten Flächen von Ssamara,
Tambow, Ssaratow — durch die sandigen Gründe, das Gestrüpp, den wilden
Klee; er zerrt an den Getreidehaufen, facht ein verdächtiges Feuerchen in den
Ställen an; der rote Hahn in den Dörfern hat in ihm seinen Urheber; er ist es, der
die reinen Quellenbrunnen unsauber macht; wenn er als schädlicher Tau über die
Kornfelder fällt, dann verdirbt die Saat; das Rind krankt hin . . .
Er vermehrt die Zahl der Gräber und macht sie tiefer.
Spaßvögel würden sagen: nicht Apollon Apollonowitsch, sondern — Aquilon
Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch ist einsam.
Er kommt nicht mehr nach. Der Pfeil seiner Zirkulare dringt nicht mehr in die
Provinzkreise: seine Spitze bricht schon vorher ab. Aus dem Palmyra: Sankt
Petersburg eröffnet Apollon Apollonowitsch immer von neuem seine
Papierkanonade, aber die Schüsse gehen (in der letzten Zeit) unheimlich oft fehl.
Diese Kugeln und Pfeile hat der Staatsbürger schon seit langem —
Seifenblasen getauft.
Vergeblich sandte immer wieder der Gewaltige seine zackigen Apolloblitze;
das Blatt der Geschichte hat sich gewendet: der Glaube an alte Mythen ist
verschwunden; Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist nicht mehr der Gott
Apollo: er ist einfach — Apollon Apollonowitsch, ein Beamter in Petersburg.
In den letzten Tagen war die Papierzirkulation geringer geworden: es wehte
ein ungünstiger Wind.
Zugleich zeigte sich in Petersburg selbst, auf dem Newskij-Prospekt, die
dunkle Provinz in Gestalt der mandschurischen Mütze; die Träger dieser Mütze
scharten sich zu einer Kompaktheit und zogen durch die Prospekte; hier reizten
sie die Vorübergehenden durch einen flatternden roten Fetzen (so einen Tag hat
es gegeben): an diesem Tag war auch kein Rauch aus den Schloten des
Fabrikringes hervorgestiegen.
Wie Sisyphus wälzte Apollon Apollonowitsch seit fünf Jahren das Rad des
Riesenmechanismus unaufhörlich hinauf den steilen Abhang der Geschichte; die
machtvollen Muskeln zerrissen; immer häufiger blickte hinter den
Machtmuskeln ein fremdes Skelett: Apollon Apollonowitsch Ableuchow,
wohnhaft am Englischen Kai.
Wahrhaftig, er fühlte sich als ein Skelett, von dem sich das Fleisch — Rußland
— gelöst hatte.
Aufrichtig gesagt war Apollon Apollonowitsch schon vor dieser unheimlichen
Nacht manchem seiner hochbeamteten Beobachter wie von etwas angebohrt, wie
von einer verborgenen Krankheit befallen erschienen; mit einem rabenschwarzen
Mantel bekleidet, mit rabenschwarzem Zylinder auf dem Kopf warf er sich
täglich stöhnend in die Polster seines rabenschwarzen Wagens; zwei
rabenschwarze Rosse trugen den bleichen Pluto davon.
Über die Wellen des Phlegethon trugen sie ihn in den Tartarus: hier kämpfte er
mit den Wellen.
Endlich nach vielen kleinen Katastrophen schlugen die papiernen
Phlegethonwellen in das vom Senator getriebene Rad der großen Maschine ein:
das Hohe Amt zeigte eine Bresche; das Hohe Amt, deren es wahrhaftig wenige
in Rußland gibt.
Als dieser unvergleichliche Skandal ausgebrochen war, verließ — wie man
später erzählte — in vierundzwanzig Stunden der Genius die irdische Hülle des
Brillantenordenträgers; manche befürchteten sogar, er wäre um seinen Verstand
gekommen. In vierundzwanzig Stunden — nein, eigentlich in zwölf — zwischen
Mitternacht und Mitternacht — ist Apollon Apollonowitsch Ableuchow die
Stufen seiner Beamtenkarriere hinuntergesaust.
Er ist in der Meinung vieler gefallen.
Später wurde behauptet, der Skandal mit seinem Sohn wäre die Ursache des
Sturzes gewesen; ja: auf dem Ball bei den Zukatows war noch ein Mann von
hoher staatlicher Bedeutung erschienen; als aber bekannt wurde, wie sein Sohn
aus dem Ballsaal geflüchtet war, da wurde auch plötzlich der Fehler des Senators
gedacht, angefangen von seinen Überzeugungen bis zu seiner mehr als kleinen
Figur; und als am frühen Morgen die druckfeuchten Zeitungen erschienen waren
und die Verkäufer mit dem Ruf: »Das Geheimnis des roten Dominos« durch die
Straßen rannten, da war jeder Zweifel gewichen.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow war endgültig aus der Liste der
Kandidaten für den äußerst wichtigen Staatsposten gestrichen worden.
Jene verhängnisvolle Zeitungsnotiz . . . Doch übrigens hier ihr Wortlaut: »Der
Geheimpolizei ist es gelungen, festzustellen, daß die in der letzten Zeit vielfach
aufgetauchten Gerüchte von einem roten Domino, der sich in den Straßen Petersburgs herumtreibt, auf Tatsachen beruhen; es gelang, auf die Spur des
Mystifikators zu kommen: verdächtig ist der Sohn eines hohen Beamten, der
einen wichtigen administrativen Posten bekleidet; die Polizei hat die nötigen
Maßnahmen ergriffen.«
Mit diesem Tage begann der Untergang des Senators Ableuchow.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow wurde im Jahre
achtzehnhundertsiebenunddreißig geboren (im Todesjahr Puschkins); seine
Kindheit war auf dem alten adligen Gut im Gouvernement Nischrod verflossen;
im Jahre achtzehnhundertachtundfünfzig hatte er seine Ausbildung als Hörer der
Rechte auf der Hochschule abgeschlossen; achtzehnhundertsiebzig wurde er zum
Professor für das Lehrfach F . . . P . . . an der Sankt Petersburger Universität
ernannt; seit achtzehnhundertfünfundachtzig war er Vizedirektor und seit
achtzehnhundertneunzig Direktor des N. N.-Departements; ein Jahr darauf war
er durch einen Allerhöchsten Ukas zum Mitglied des Regierenden Senats
befördert; seit dem Jahre neunzehnhundert stand er an der Spitze des Hohen
Amtes.
Das ist sein Curriculum vitae.
Ende des sechsten Kapitels.