Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 87 von 103

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Petersburg

Das Hohe Amt

Maske war Nikolai Apollonowitsch . . .

Sein Blut ist vorzeitig in Zersetzung übergegangen.

Es ist vorzeitig in Zersetzung übergegangen: das ist es wohl, warum er in

anderen zuweilen Ekel auslöste; das war der Grund, warum er auf der Straße so

sonderbar aussah.

Dieses morsche, armselige Gefäß mußte zerbrechen: und langsam geschah es.

 

Das Hohe Amt

 

Das Hohe Amt.

Irgend jemand hatte es geschaffen; seit dieser Zeit bestand es; bis dahin hatte

es nur eine Zeit gegeben, die man mit »dazumal« bezeichnet. So berichtet uns

das »Archiv«.

Das Hohe Amt.

Irgend jemand hatte es geschaffen, bis dahin gab es nur Dunkelheit, jemand

schwebte über dem Dunkel; und es entstand Licht — ein Zirkular unter Nummer

eins; das Zirkular der letzten fünf Jahre trug die Unterschrift: »Apollon

Ableuchow«: im Jahre neunzehnhundertfünf war Apollon Apollonowitsch

Ableuchow die Seele aller Zirkulare.

Das Licht scheint im Dunkel; die Dunkelheit hat es nicht verschlungen.

 

Das Hohe Amt.

Und die bockbeinige Karyatide. Seit dem Tage, an dem der von zwei Rappen

gezogene schwarzlackierte Wagen zum erstenmal an das Portal herangesaust war

und sich von den Trauerkissen erhebend die Statue mit dem Pergamentgesicht

den Fuß auf den Granit gesetzt hatte, seit dem Tage, an dem zum erstenmal die

schwarzbehandschuhte Hand auf die vielen Verbeugungen hin den Rand des

Zylinders berührt hatte, seit diesem Tag waltete über dem Hohen Amt, das seine

feste Macht über ganz Rußland ausbreitete, ein noch festerer Machtdruck.

Längst im Staub begrabene Paragraphen waren auferstanden.

Der Paragraph — das ist ein Papierfresser, er ist die Papierreblaus; an dem

dunklen Abgrund der Willkür saugt sich wie ein Blutegel der Paragraph fest; und

wahrhaftig: es ist etwas Mystisches an dem Paragraphen: er ist: das dreizehnte

Zeichen des Zodiakus.

Über einem ungeheuren Teil Rußlands erhob sich der Paragraph als schwarzer

Gehrock ohne Kopf; durch die weißsäuligen, ungeheizten Säle, über die rotbespannten Freitreppen zirkulierte der kopflose Paragraph, und über diese

Zirkulation waltete Apollon Apollonowitsch.

Apollon Apollonowitsch ist der populärste Beamte Rußlands, ausgenommen

. . . Konschin (dessen unveränderliches Autogramm ihr überall mit euren

Banknoten herumtragt).

Das Hohe Amt existiert. Und in ihm haust Apollon Apollonowitsch; vielmehr:

er hatte gehaust, denn er ist gestorben . . .

— Ich war vor kurzem an seinem Grab: über einem

schweren, schwarzmarmornen Block erhebt sich ein schwarzmarmornes,

achteckiges Kreuz; unter dem Kreuz ein deutliches Hautrelief, das einen

Riesenkopf darstellt, aus dessen tiefen Augenhöhlen zwei leere Pupillen

sich in den Beobachter bohren; ein dämonischer, mephistophelischer

Mund! Tiefer unten eine Aufschrift mit Riesenlettern: »Apollon

Apollonowitsch Ableuchow, Senator« . . .

Geburtsjahr, Todesjahr . . . Ein einsam verlorenes Grab! . . . —

— Er existiert, Apollon Apollonowitsch: im Direktorzimmer: täglich ist

er da zu sehen, ausgenommen die Hämorrhoidentage.

Es gibt außerdem im Hohen Amt Räume der . . . Nachdenklichkeit.

Und dann gibt es einfach Zimmer; am meisten aber Säle; in jedem Saal stehen

einige Tische. Vor den Tischen sitzen Schreiber: zwei vor jedem; jeder von ihnen

hat vor sich ein Tintenzeug, eine Feder und einen respektablen Stoß mit Papier;

die Feder in der Hand des Schreibers knarrt, die Papierblätter knistern; so knarrt

der faule, herbstliche Wind durch die Wälder, durch Schluchten; so knistert der

Sand — in den Wüsten, in den salzigen Steppen von Orenburg, Ssaratow,

Ssamara; — mit einem Wort: es existiert das Hohe Amt.

 

Im Direktorzimmer sitzt täglich Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit dick

geschwollener Ader an der Schläfe, die Beine übereinandergelegt, die sehnige

Hand hinter die Rockborte geschoben; im Kamin prasseln die Holzscheite, der

achtundsechzigjährige Greis atmet den Paragraphenbazillus ein; und dieser Atem

verbreitet sich dann über das ganze, ungeheure Rußland: täglich wird ein zehnter

Teil unserer Heimat von dem Flügelungetüm dieser Wolke bedeckt. Von einem

glücklichen Einfall erleuchtet sitzt Apollon Apollonowitsch, die Beine

übereinandergekreuzt, die Hand hinter die Rockborte geschoben, und bläht (so

ist nun einmal seine Gewohnheit) seine Wangen ganz dick auf; es ist, als ob er

blasen würde; ein kühler Wind zieht dann durch die ungeheizten Säle;

Wirbelstürme aus mannigfachen Papieren erheben sich; in Petersburg erhebt sich

der Wind, an irgendeinem entlegenen Ende Rußlands verdichtet er sich zum

Sturm.

Apollon Apollonowitsch sitzt in seinem Arbeitszimmer und . . . bläst.

Und die Rücken der Schreiber beugen sich tiefer über die Tische; und das

Papier knistert: so laufen die Winde durch die rauhen Wipfel der Fichten . . .

Dann zieht er seine Wangen wieder ein; und nun knistert alles: ein trockener

Papierschwarm, wie der unheimliche Blätterfall im Herbst, jagt von Petersburg

. . . bis zum Ochotskimeer.

Norden, du mein geliebter Norden! . . .

Apollon Apollonowitsch ist ein Städter par excellence und ein gut erzogener

Herr: er sitzt ruhig in seinem Arbeitssessel, während sein Schatten, den Stein der

Wände durchdringend . . . die Menschen auf den Landstraßen überfällt: er zieht

pfeifend wie ein lustiger Mordgeselle durch die weiten Flächen von Ssamara,

Tambow, Ssaratow — durch die sandigen Gründe, das Gestrüpp, den wilden

Klee; er zerrt an den Getreidehaufen, facht ein verdächtiges Feuerchen in den

Ställen an; der rote Hahn in den Dörfern hat in ihm seinen Urheber; er ist es, der

die reinen Quellenbrunnen unsauber macht; wenn er als schädlicher Tau über die

Kornfelder fällt, dann verdirbt die Saat; das Rind krankt hin . . .

Er vermehrt die Zahl der Gräber und macht sie tiefer.

Spaßvögel würden sagen: nicht Apollon Apollonowitsch, sondern — Aquilon

Apollonowitsch.

 

Apollon Apollonowitsch ist einsam.

Er kommt nicht mehr nach. Der Pfeil seiner Zirkulare dringt nicht mehr in die

Provinzkreise: seine Spitze bricht schon vorher ab. Aus dem Palmyra: Sankt

Petersburg eröffnet Apollon Apollonowitsch immer von neuem seine

Papierkanonade, aber die Schüsse gehen (in der letzten Zeit) unheimlich oft fehl.

Diese Kugeln und Pfeile hat der Staatsbürger schon seit langem —

Seifenblasen getauft.

Vergeblich sandte immer wieder der Gewaltige seine zackigen Apolloblitze;

das Blatt der Geschichte hat sich gewendet: der Glaube an alte Mythen ist

verschwunden; Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist nicht mehr der Gott

Apollo: er ist einfach — Apollon Apollonowitsch, ein Beamter in Petersburg.

In den letzten Tagen war die Papierzirkulation geringer geworden: es wehte

ein ungünstiger Wind.

Zugleich zeigte sich in Petersburg selbst, auf dem Newskij-Prospekt, die

dunkle Provinz in Gestalt der mandschurischen Mütze; die Träger dieser Mütze

scharten sich zu einer Kompaktheit und zogen durch die Prospekte; hier reizten

sie die Vorübergehenden durch einen flatternden roten Fetzen (so einen Tag hat

es gegeben): an diesem Tag war auch kein Rauch aus den Schloten des

Fabrikringes hervorgestiegen.

Wie Sisyphus wälzte Apollon Apollonowitsch seit fünf Jahren das Rad des

Riesenmechanismus unaufhörlich hinauf den steilen Abhang der Geschichte; die

machtvollen Muskeln zerrissen; immer häufiger blickte hinter den

Machtmuskeln ein fremdes Skelett: Apollon Apollonowitsch Ableuchow,

wohnhaft am Englischen Kai.

Wahrhaftig, er fühlte sich als ein Skelett, von dem sich das Fleisch — Rußland

— gelöst hatte.

Aufrichtig gesagt war Apollon Apollonowitsch schon vor dieser unheimlichen

Nacht manchem seiner hochbeamteten Beobachter wie von etwas angebohrt, wie

von einer verborgenen Krankheit befallen erschienen; mit einem rabenschwarzen

Mantel bekleidet, mit rabenschwarzem Zylinder auf dem Kopf warf er sich

täglich stöhnend in die Polster seines rabenschwarzen Wagens; zwei

rabenschwarze Rosse trugen den bleichen Pluto davon.

Über die Wellen des Phlegethon trugen sie ihn in den Tartarus: hier kämpfte er

mit den Wellen.

Endlich nach vielen kleinen Katastrophen schlugen die papiernen

Phlegethonwellen in das vom Senator getriebene Rad der großen Maschine ein:

das Hohe Amt zeigte eine Bresche; das Hohe Amt, deren es wahrhaftig wenige

in Rußland gibt.

Als dieser unvergleichliche Skandal ausgebrochen war, verließ — wie man

später erzählte — in vierundzwanzig Stunden der Genius die irdische Hülle des

Brillantenordenträgers; manche befürchteten sogar, er wäre um seinen Verstand

gekommen. In vierundzwanzig Stunden — nein, eigentlich in zwölf — zwischen

Mitternacht und Mitternacht — ist Apollon Apollonowitsch Ableuchow die

Stufen seiner Beamtenkarriere hinuntergesaust.

Er ist in der Meinung vieler gefallen.

Später wurde behauptet, der Skandal mit seinem Sohn wäre die Ursache des

Sturzes gewesen; ja: auf dem Ball bei den Zukatows war noch ein Mann von

hoher staatlicher Bedeutung erschienen; als aber bekannt wurde, wie sein Sohn

aus dem Ballsaal geflüchtet war, da wurde auch plötzlich der Fehler des Senators

gedacht, angefangen von seinen Überzeugungen bis zu seiner mehr als kleinen

Figur; und als am frühen Morgen die druckfeuchten Zeitungen erschienen waren

und die Verkäufer mit dem Ruf: »Das Geheimnis des roten Dominos« durch die

Straßen rannten, da war jeder Zweifel gewichen.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow war endgültig aus der Liste der

Kandidaten für den äußerst wichtigen Staatsposten gestrichen worden.

Jene verhängnisvolle Zeitungsnotiz . . . Doch übrigens hier ihr Wortlaut: »Der

Geheimpolizei ist es gelungen, festzustellen, daß die in der letzten Zeit vielfach

aufgetauchten Gerüchte von einem roten Domino, der sich in den Straßen Petersburgs herumtreibt, auf Tatsachen beruhen; es gelang, auf die Spur des

Mystifikators zu kommen: verdächtig ist der Sohn eines hohen Beamten, der

einen wichtigen administrativen Posten bekleidet; die Polizei hat die nötigen

Maßnahmen ergriffen.«

Mit diesem Tage begann der Untergang des Senators Ableuchow.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow wurde im Jahre

achtzehnhundertsiebenunddreißig geboren (im Todesjahr Puschkins); seine

Kindheit war auf dem alten adligen Gut im Gouvernement Nischrod verflossen;

im Jahre achtzehnhundertachtundfünfzig hatte er seine Ausbildung als Hörer der

Rechte auf der Hochschule abgeschlossen; achtzehnhundertsiebzig wurde er zum

Professor für das Lehrfach F . . . P . . . an der Sankt Petersburger Universität

ernannt; seit achtzehnhundertfünfundachtzig war er Vizedirektor und seit

achtzehnhundertneunzig Direktor des N. N.-Departements; ein Jahr darauf war

er durch einen Allerhöchsten Ukas zum Mitglied des Regierenden Senats

befördert; seit dem Jahre neunzehnhundert stand er an der Spitze des Hohen

Amtes.

Das ist sein Curriculum vitae.

 

Ende des sechsten Kapitels.