Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 2 von 103

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Petersburg

Erstes Kapitel

E r s t e s K a p i t e l

Apollon Apollonowitsch Ableuchow

 

Apollon Apollonowitsch Ableuchow war von höchst würdiger Abstammung:

er hatte Adam zum Vorfahren gehabt. Das war aber die Hauptsache nicht: viel

wichtiger war, daß sein edelst geborener Ahne Sem gewesen war, also der

eigentliche Ahnherr der semitischen, chetitischen und farbigen Völker.

Hier wollen wir aber zu den Vorfahren weniger ferner Epochen einen

Übergang tun.

Diese Vorfahren lebten im kirgiskaijsakischen Hordenstaat, und von da aus

trat Mirsa Ab-Lai, Ururgroßvater des Senators, der in der christlichen Taufe den

Vornamen Andreij und den Rufnamen Uchow bekommen hatte, zur

Regierungszeit Anna Joannownas ruhmvoll in den russischen Dienst ein. So

berichtet über dieses Hervorgehen aus den Tiefen einer mongolischen Rasse des

Russischen Reiches Wappenkalender. Dann wurde der Kürze wegen Ab-Lai-

Uchow in Ableuchow verwandelt.

Dieser Ururgroßvater wurde, der Überlieferung nach, zum Urquell des ganzen

Geschlechts.

 

Ein mit Goldtressen geschmückter, grauer Lakai staubte mit einem Federbusch

den Schreibtisch ab; in der offenen Tür zeigte sich die Papiermütze des Kochs.

»Er ist schon auf, was?«

»Reibt sich mit Eau de Cologne ab, wird gleich zum Kaffee erscheinen.«

»Morgens sagte der Briefbote, für den gnädigen Herrn sei ein Briefchen aus

Hispanien gekommen: mit hispanischer Marke.«

»Ich mache Sie aufmerksam: Sie sollten Ihre Nase weniger in die Briefsachen

stecken.«

»Anna Petrowna ist also . . .«

»Na ja: also . . .«

»Aber ich — ich meine es nur so . . . Was bin ich: nichts . . .«

Des Kochs Kopf verschwand im Nu: Apollon Apollonowitsch Ableuchow

schritt in sein Arbeitszimmer herein.

 

Ein auf dem Tisch liegender Bleistift fesselte die Aufmerksamkeit Apollon

Apollonowitschs. Er faßte einen Beschluß: dem Ende des Bleistiftes eine spitze

Form zu geben. Rasch näherte er sich dem Schreibtisch und griff nach . . . einem

Briefbeschwerer, den er lange in tiefer Nachdenklichkeit in der Hand drehte, ehe er bemerkte, daß er einen Briefbeschwerer und nicht einen Bleistift in der Hand

hielt.

Die Zerstreutheit kam daher, daß ein tiefer Gedanke ihn im selben Augenblick

erleuchtete; und sogleich, zur ganz ungeeigneten Zeit (Apollon Apollonowitsch

mußte eilig ins Amt), entwickelte sich der Gedanke zu einem fortlaufenden

Gedankengang. In dem Tagebuch, das im Jahr seines Todes zu erscheinen hatte,

war eine neue Seite dazugekommen.

Nachdem er den Gedankengang eilig aufgeschrieben, dachte Apollon

Apollonowitsch: »Jetzt ist es Zeit in den Dienst.« Und er schritt weiter in das

Speisezimmer, um seinen Kaffee zu sich zu nehmen.

Vorerst begann er mit peinlicher Beharrlichkeit den alten Kammerdiener

auszuforschen:

»Ist Nikolai Apollonowitsch schon auf?«

»Nein, der junge Herr sind noch nicht aufgestanden.«

»Ä — ä . . . sagen Sie: wann eigentlich . . . sagen Sie, wann pflegt Nikolai

Apollonowitsch sozusagen . . .«

»Ja, der junge Herr stehen ein wenig spät auf . . .«

»Na, wie denn, ein wenig spät?«

Und sogleich, ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er, nachdem er einen

Blick auf die Uhr geworfen hatte, weiter, um seinen Kaffee zu trinken.

Es war genau halb zehn.

Um zehn fuhr er, der Alte, ins Regierungsamt. Nikolai Apollonowitsch aber,

der Jüngling, erhob sich aus dem Bett — zwei Stunden später. Jeden Morgen

erkundigte sich der Senator nach der Aufstehzeit des Jüngeren. Und jeden

Morgen faltete er unzufrieden das Gesicht.

Nikolai Apollonowitsch war des Senators Sohn.

Kurz, er war das Haupt eines Regierungsamtes . . .

Apollon Apollonowitsch Ableuchow zeichnete sich durch ruhmvolle Taten

aus; mehr als ein Stern ist auf seine goldbestickte Brust niedergefallen: der Stern

des Stanislaus und der Anna sogar: sogar der Stern des Weißen Adlers.

Und vor kurzem erglänzten an dem Wohnsitz patriotischer Gefühle die

Strahlen des Diamantzeichens, nämlich: das Ordenszeichen — des Alexander

Newski.

Wie war nun die gesellschaftliche Stellung der aus dem Nichts hier ins Leben

gerufenen Persönlichkeit?

Ganz Rußland kannte Ableuchow wegen der ungemeinen Länge der von ihm

gehaltenen Reden; diese Reden glänzten und spritzten geräuschlos Gifte auf die

feindliche Partei; das Resultat dessen war, daß die Anträge dieser feindlichen

Partei an den Stellen, auf die es ankam, abgelehnt zu werden pflegten. Mit der Einsetzung Ableuchows auf den verantwortlichen Posten hörte die Tätigkeit des