Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 39 von 103

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Petersburg

Es winselte ein toller Hund

»Tatam-tam-tam! . . . Tatam-tam-tam!«

Nun stand sie wieder da; ihre Lippen öffneten sich, das Fingerchen hob sich in

die Höhe:

»Tatam-tam-tam! . . . Tamtam-tam-tam!«

Plötzlich hörte sie Schritte, die sich ihr rasch näherten. Sie sah sich um — und

schrie nicht einmal auf: hinter der Palaisecke erschien der rote Domino, lief wie

suchend bald hin, bald her und stürzte, die Frauengestalt auf der Brücke

entdeckend, ihr entgegen; er stolperte vom Laufen und hielt die Maske weit vor

sich, der kalte Newawind aber spielte mit dem schwarzen breiten Spitzenfächer.

Sofja Petrowna Lichutina hatte angesichts der laufenden Maske kaum Zeit, sich

klar darüber zu werden — daß der rote Domino eine Narrenmaske sei, daß ein

geschmackloser Witzbold (und wir wissen, wer es war) mit ihr einfach einen

Scherz machen wollte, daß hinter der Samtmaske sich ein menschliches Gesicht

verbarg — Sofja Petrowna dachte (sie hatte ja so eine winzige Stirn), daß die

Welt ein sonderbares Loch bekommen habe und daß sich auf sie aus diesem

Loch, keinesfalls aber aus der umgebenden Welt, ein teuflischer Spaßvogel

stürzte; wer dieser teuflische Spaßvogel sei, das hätte sie kaum zu erklären

vermocht.

Als die schwarze Spitzenmaske stolpernd die Brücke erreichte, riß ein

Windstoß an dem roten Narrenanzug so heftig, daß seine Flügel übers Geländer

in die dunkelfarbige Nacht flogen; zum Vorschein kam ein wohlbekannter

Anzug, und der furchtbare Domino verwandelte sich einfach in den armseligen

Witzbold; in diesem Augenblick rutschte der Witzbold aus und fiel mit der

ganzen Wucht seines Körpers zu Boden; über ihm aber klang jetzt lautes,

unbändiges Lachen:

»Kleiner Frosch, Scheusal — roter Narr! . . .«

Ein flinker kleiner Frauenfuß stieß zornig gegen den Narren.

Längst des Kanals eilten inzwischen bärtige Männer daher, aus der Ferne

ertönte das Polizeisignal; der Narr sprang auf; der Narr stürzte zur Droschke;

man sah aus der Ferne, wie in der Droschke sich hilflos eine Gestalt bewegte,

bemüht, den Mantel wieder über die Schulter zu ziehen. Sofja Petrowna begann

zu weinen und verließ im Laufschritt die verruchte Stelle. Vom Kanal her lief

bellend in der Richtung der Droschke die stumpfnasige Bulldogge: ihre kurzen

Beine flitzten nur so dahin, und hinterher raste ein Gefährt, in dem zwei

Schutzleute saßen.

 

Es winselte ein toller Hund Sofja Petrowna lief gekränkt auf die andere Seite; gekränkt vergoß sie Tränen

in ihren Muff; an das schreckliche, für sie ewig schmachvolle Geschehnis konnte

sie nicht denken. Hätte Nikolai Apollonowitsch sie nur in anderer Weise

beleidigt, hätte er sie lieber geschlagen, hätte er sich in seinem roten Domino

übers Geländer gestürzt — sie würde ihr ganzes weiteres Leben mit grausigem

Beben an ihn gedacht haben. Jetzt aber Rache, Rache!

Wie ein Sturm lief Sofja Petrowna in ihre Wohnung. Im hellen Vorzimmer

hing ein Offiziersmantel mit Kappe: ihr Mann war also zu Hause. Ohne

abzulegen, flog Sofja Petrowna ins Zimmer des Gatten; sie riß mit derber,

prosaischer Geste die Tür auf, flog hinein: mit zerzauster Boa, weichem Muff

und flammendem, flammendem Gesichtchen, das so unschön geschwollen war:

flog hinein und blieb stehen.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schien sich zum Schlafengehen

fertigzumachen; seine graue Joppe hing bescheiden auf dem Kleiderstock, er

selbst aber in schneeweißem Hemd und Hosenträgern — lag auf den Knien,

einer regungslosen, wie gebrochenen Silhouette gleich; er hatte ein matt

glänzendes Heiligenbild vor sich, mit knisterndem Öllämpchen davor. Blaß

zeichnete sich im Halbdunkel des Öllämpchens das Gesicht des Offiziers mit

spitzem, blau erscheinendem Bärtchen und der zur Stirn gehobenen, blauen

Hand; Hand, Gesicht, Bart und weiße Brust schienen wie geschnitzt aus festem,

duftendem Holz; kaum merkbar bewegte Ssergeij Ssergeijewitsch die Lippen,

kaum merkbar neigte er seine Stirn gegen das blaue Lichtchen, und kaum

merkbar rührten sich die aneinandergepreßten blauen Finger an der Stirn, das

Kreuz schlagend.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin drückte erst die bläulichen Finger auf die

Brust und auf beide Schultern, verneigte und wandte sich dann wie gegen seinen

Willen um. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin erschrak nicht, wurde nicht

verlegen; sich vom Fußboden erhebend begann er gewissenhaft

hängengebliebene Stäubchen von den Knien zu entfernen. Nach dieser etwas

langsam vollführten Handlung fragte er ruhig:

»Was hast du, Ssonjuschka?«

Die gleichmütige Ruhe des Gatten reizte und beleidigte sogar Sofja Petrowna,

ebenso wie das blaue Lichtchen dort in der Ecke. Mit einem scharfen Ruck fiel

sie auf einen Stuhl, ihr Gesicht mit dem Muff deckend, und begann laut zu

weinen.

»Aber Sonja . . . Nun beruhige dich doch . . . Beruhige dich doch, mein Kind!

Kindchen, Kindchen! . . .«

»Lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . .«

»Was ist geschehen? Sag’! . . . Wir wollen uns beide ruhig darüber beraten.«

»Nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . . Nichts . . . lassen Sie mich! Sie

scheinen kaltes . . . aaaa . . . Fischblut zu haben . . .«

Verletzt trat Ssergeij Ssergeijewitsch beiseite, blieb einen Augenblick

unschlüssig stehen und ließ sich dann ebenfalls in einen Sessel nieder.

»Aaaa . . . Seine Frau so im Stich zu lassen! . . . Er verwaltet irgendwo dort

den Proviant! . . . Geht fort! . . . Weiß nichts! . . .«

»Es ist nicht richtig, Ssonjuschka, wenn du glaubst, ich wüßte gar nichts . . .

Sieh mal . . .«

 

»Sieh mal, Liebling: seit der Zeit, wo ich . . . in dieses Zimmer übersiedelte . . .

Kurz, auch ich habe mein Selbstgefühl; dich aber will ich in deiner Freiheit, das

mußt du wissen, nicht stören . . . Noch mehr: ich kann dich in deiner Freiheit

nicht stören: ich verstehe dich; ich weiß, Liebling, sehr gut, daß es dir nicht

leicht ist . . . Ich lebe, Ssonjuschka, in einer Hoffnung: vielleicht wird einmal

wieder . . . Na, nicht, nicht! Aber verstehe mich auch: meine Fremdheit, meine,

wie soll ich es nennen, Gleichgültigkeit kommt keinesfalls von Kälte . . . Nein,

nicht, nicht! . . .«

 

»Du möchtest vielleicht Nikolai Apollonowitsch Ableuchow sehen? Es ist etwas

zwischen euch vorgefallen, wie mir scheint! Erzähl’ mit doch alles: erzähle alles,

ohne etwas zu verheimlichen: wir wollen dann beide über deine Situation

nachdenken.«

»Sie dürfen nicht von ihm sprechen! . . . Er ist ein Schuft, ein Schuft. Ein

anderer Mann würde ihn längst erschossen haben . . . Ihre Frau wird verfolgt,

verhöhnt . . . Und Sie? . . . Nein, lassen Sie mich.«

Und verworren, erregt, mit auf die Brust gesenktem Köpfchen erzählte sie

alles, alles.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin war ein einfacher Mensch. Einfache

Menschen sind aber von einer unverständlichen, sinnlosen Tat mehr überrascht

als von einer Gemeinheit, als von Mord und tierischer Bluttat. Ein Mensch kann

Verrat, Verbrechen und Schmach menschlich verstehen. Verstehen aber heißt ja

beinahe — rechtfertigen; wie ist es aber zu begreifen, wenn ein Mann aus guten

Gesellschaftskreisen und, wie man annehmen konnte, ein durchaus ehrlicher

Mensch, auf den absurden, sinnlosen Gedanken kommt, sich an der Schwelle

eines Salons auf alle viere hinzustellen und die Falten seines Fracks in der Luft

zu bewegen? Dies wäre, wie ich aussprechen muß, eine völlige Schufterei! Die

Unbegreiflichkeit, die Zwecklosigkeit einer solchen schuftigen Handlungsweise kann keine Rechtfertigung finden, ebensowenig wie eine Gotteslästerung,

Kirchenschändung oder ähnliche sinnlose Bosheiten. Nein, mag ein ehrlicher

Mensch lieber straflos Staatsgelder veruntreuen, als sich auf alle viere stellen,

denn durch eine Handlung wie die letztere wird alles geschändet.

Zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin deutlich vor, wie der

Harlekindomino im unbeleuchteten Stiegenhaus ausgesehen habe und . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch begann zu erröten, bis er purpurn wurde: das Blut stieg

ihm zu Kopfe. Er hatte ja schon als Kind mit Nikolai Ableuchow gespielt; später

bewunderte er oft seine philosophischen Fähigkeiten; edelmütig erlaubte er

Nikolai Apollonowitsch, sich zwischen ihn und seine Gattin zu stellen, weil er

ihn für einen Mann aus guter Gesellschaft, für einen ehrlichen Mann hielt, und

nun . . . zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch den grimassierenden

roten Domino im unbeleuchteten Stiegenhaus vor. Er erhob sich und begann

erregt durchs winzige Zimmer zu schreiten; er ballte die Hand zu einer Faust und

schwang sie bei den scharfen Kurven wuterfüllt in die Luft; wenn Ssergeij

Ssergeijewitsch außer sich war (und das war zwei-, dreimal in seinem Leben

geschehen), kam diese Geste immer wieder zum Vorschein; Sofja Petrowna

verstand wohl diese Geste; sie fürchtete sich ein wenig: sie fürchtete sich immer

— nicht vor der Geste, doch vor dem Schweigen, das die Geste ausdrückte.

»Was . . . was haben Sie?«

»Nichts . . . nichts weiter.«

Und Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schritt durch das winzige Zimmer auf

und ab, die Hand zu einer Faust geballt.

Der rote Domino! . . . Ekel, Ekel, Ekel! Dort stand er hinter der Eingangstür

— ha?! . . .

Leutnant Lichutin empfand Ekel und Grauen . . . Seinen Brief unbeachtet

lassen, ihn, den Offizier, durch eine harlekinische Missetat zu entehren, durch

eine giftige Grimasse seine geliebte Frau zu beleidigen!!! . . . Ssergeij

Ssergeijewitsch gab sich das ehrliche Offizierswort, diese Schlange zu zertreten,

zu zertreten; nach diesem Entschluß fuhr er fort, auf und ab durchs Zimmer zu

spazieren, mit krebsrotem Gesicht, die Hände zu Fäusten geballt, den

muskulösen Arm bei den scharfen Kurven in der Luft schwingend; selbst Sofja

Petrowna war ängstlich geworden: ebenfalls rot, mit halb offenen Lippen, die

ungetrockneten Tränen an den Wangen, verfolgte sie aufmerksam die

Bewegungen ihres Gatten.

»Was haben Sie?«

Rauh klang jetzt die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. In ihr lag jetzt

Drohung und unterdrückte Wut.

»Nichts . . . nur so . . .«

Aufrichtig gesagt, Ssergeij Ssergeijewitsch empfand in diesem Augenblick

auch gegen seine geliebte Frau so etwas wie Ekel, als wäre auch sie an der

schmachvollen harlekinischen Tat des roten Dominos beteiligt.

»Geh in dein Zimmer: leg’ dich schlafen . . . überlaß alles mir.«

Und Sofja Petrowna Lichutina erhob sich folgsam und suchte leise ihr

Zimmer auf.

Allein geblieben, spazierte Ssergeij Ssergeijewitsch noch lange auf und ab und

hüstelte. Von Zeit zu Zeit schwang er die eichene Faust über ein Tischchen, und

es schien, als müßte es in Stücke zerfallen.

Doch die Faust löste sich.

Endlich begann er sich rasch auszuziehen; dann kroch er unter seine Decke;

doch einen Augenblick später flog die Decke auf den Boden; Ssergeij

Ssergeijewitsch setzte sich auf, starrte in die Dunkelheit und sagte vernehmlich

flüsternd:

»Ah, Ah! Was sagen Sie dazu. Ich erschieße ihn wie einen Hund . . .«

Da ertönte hinter der Wand ein weinerliches, lautes Stimmchen.

»Was haben Sie?«

 

»Nichts . . . nur so . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch stieg wieder in sein Bett, zog die Decke über den

Kopf und seufzte, flüsterte, drohte . . .

 

Sofja Petrowna rief nicht nach dem Mädchen. Sie entkleidete sich selbst und

stand bald ganz in Weiß unter einer Fontäne von Kleidungsstücken, die sie in

drei, vier Minuten um sich zu bilden verstand; dann warf sie sich ins Bett; jetzt

saß sie, die Beine übereinandergeschlagen, das erboste Gesichtchen mit den

vorstehenden Lippen und dem deutlich gezeichneten Schnurrbärtchen auf beide

Arme gestützt.

Sofja Petrowna horchte auf die Laute hinter der Wand, dann horchte sie auf

das Klavierspiel, das heute wie allabendlich über ihrem Kopfe tönte; dort wurde

die Melodie einer Masurka gespielt; nach ihr hatte sie schon als zweijähriges

Kind lachend mit ihrer Mutter getanzt. Durch die alten, ahnungslosen Töne legte

sich Sofja Petrownas Zorn, verwandelte sich in Müdigkeit, in Apathie; sie

begann sich über den Mann zu ärgern, in dem sie selbst die Eifersucht, wie sie es

nannte, gegen den Andern geweckt hatte. Sofja Petrowna sah plötzlich ein, daß

ihr Mann mit dem ganzen Vorfall nichts zu tun hatte; dieser Vorfall sollte ein

Geheimnis zwischen ihr und dem Andern bleiben. Die Hinzuziehung des Gatten

gestaltete die Angelegenheit in eine für sie beleidigende Form: Ssergeij Ssergeijewitsch würde aus diesem Geschehnis sicher ganz unzutreffende

Schlüsse ziehen; vor allem würde er das Ganze keinesfalls verstehen: weder ihre

süß-bangenden Gefühle noch die Verkleidungskomödie des Andern. Sofja

Petrowna horchte auf die Töne der alten Masurka und auf das peinliche

Geräusch hinter der Wand; aus der Fülle der schwarzen Haare blickte geängstigt

das perlenfarbige Gesichtchen mit den dunkelblauen, jetzt matt schimmernden

Augen.

Plötzlich fiel ihr Blick auf ihren Toilettenspiegel; dort lag der Brief, den sie

ihm auf dem Ball übergeben sollte (sie hatte diesen Brief ganz vergessen). Im

ersten Augenblick beschloß Sofja Petrowna, das Schreiben am nächsten Tag an

Warwara Ewgrafowna zurückzusenden. Wie durfte man es wagen, sie mit

Aufträgen an ihn zu belästigen! Sie würde ihn ohne Zweifel zurückschicken,

wenn sich nicht ihr Mann in die Angelegenheit gemischt hätte (wenn er doch

endlich einschlafen würde!); jetzt ärgerte sie sich über die Einmengung anderer,

während sich in ihr ein Gefühl des Protestes erhob: schließlich war es ihre

persönliche Angelegenheit, und sie hatte auch das vollständige Recht, den Brief

zu öffnen, um den Inhalt zu erfahren; wie wagte er es überhaupt, Geheimnisse

vor ihr zu haben?). Mit einem Sätze war Sofja Petrowna am Tischchen; doch

kaum hatte sie den Brief in Händen, als sie ein wütendes Flüstern hinter der

Wand vernahm.

»Was haben Sie?«

Hinter der Wand antwortete man ihr:

»Nichts . . . nur so . . .«

Das Bett krachte, dann wurde alles still. Mit zitternder Hand brach Sofja

Petrowna das Kuvert auf . . . und je weiter sie las, um so größer wurden ihre

Augen. Der matte Ausdruck verschwand aus ihnen und verwandelte sich in

schimmernden Glanz: das blasse Gesichtchen bekam erst das Rosa der

Apfelblätter, dann wurde es rosarot und schließlich, als sie mit dem Lesen fertig

war — einfach purpurn.

Jetzt war Nikolai Apollonowitsch ganz in ihrer Hand; sie erbebte bei der

Vorstellung an den furchtbaren Schlag, den sie ihm jetzt für ihre zweimonatige

Qual versetzen konnte; von diesen, ihren Händchen würde er diesen Schlag

bekommen. Er hatte sie durch eine dumme Maskerade erschrecken wollen; doch

dieselbe mißlang ihm und wurde zu einer Reihe von Blödigkeiten; nun sollte er

jetzt das sühnen, was er in ihr hervorgerufen hatte! Ja, ja, ja: sie würde sich

rächen durch die einfache Übergabe des geöffneten Briefes von so furchtbarem

Inhalt. Einen Augenblick lang empfand sie Schwindel vor dem Weg, den sie,

verleitet durch den roten Domino, betrat. Doch mag es geschehen: mag es der

blutige Weg für den blutigen Domino werden!

Die Tür knarrte: Sofja Petrowna hatte kaum Zeit, den Brief zu verbergen, als

sich auf der Schwelle ihr Gatte zeigte; er war ganz in Weiß: in weißem Hemd

und Unterhose. Das Erscheinen eines ihr völlig fremden Menschen in so

ungenierter Weise versetzte sie in Wut.

»Sie hätten sich doch wenigstens anziehen sollen.«

Ssergeij Ssergeijewitsch wurde verlegen und trat rasch aus dem Zimmer, einen

Augenblick später aber erschien er wieder, mit einem Schlafrock bekleidet.

Einfach, doch mit unangenehmer, bei ihm ungewohnten Schärfe sagte er ihr:

»Sophie . . . Sie müssen mir versprechen, ich bitte Sie sehr darum, morgen

nicht zu den Zukatows zum Ball zu gehen . . .«

Schweigen.

»Ich hoffe, Sie versprechen mir das; die Vernunft wird es Ihnen selbst sagen:

ersparen Sie mir weitere Erklärungen.«

Schweigen.

»Ich möchte, daß Sie selbst die Unmöglichkeit einsehen, nach dem

Vorgefallenen diesen Ball zu besuchen.«

Schweigen.

»Wenigstens gab ich selbst für Sie das Offizierswort, daß Sie nicht auf dem

Ball sein werden.«

Schweigen.

»Ich werde sonst genötigt, es Ihnen einfach zu verbieten.«

»Ich werde auf dem Ball sein . . .«

»Nein, Sie werden nicht dort sein!!«

Sofja Petrowna war überrascht von der hölzernen Stimme, mit der er es sagte.

»Nein, ich werde dort sein . . .«

Es entstand eine drückende Stille; man hörte nur ein seltsames Röcheln in der

Brust des Offiziers. Er griff sich nervös an den Hals und bewegte den Kopf, wie

bemüht, eine schwere Entscheidung abzuschütteln; mit übermenschlicher Kraft

unterdrückte er einen drohenden Ausbruch; er ließ sich still auf einen Stuhl

nieder und blieb stockgerade sitzen; mit unnatürlich leiser Stimme begann er:

»Sehen Sie: ich habe Sie nicht mit Fragen belästigt. Sie selbst haben mich

zum Zeugen des Vorgefallenen gemacht.«

Ssergeij Ssergeijewitsch konnte das Wort »roter Domino« nicht aussprechen;

instinktiv fühlte er sich vor einem Lasterabgrund, dem seine Frau, auf

abschüssigem Wege, entgegenrannte; wo in diesem sinnlosen Treiben das

Lasterhafte lag, konnte sich Ssergeij Ssergeijewitsch nicht sagen, doch er fühlte,

daß es sich hier nicht um einen einfachen Roman, nicht um Untreue, selbst nicht

um einen Fall handelte. Nein, nein, nein; hier schwebte über dem Ganzen das

Aroma satanischer Erzesse, die wie Blausäure für immer die Seele seiner Frau zu vergiften drohten, er wußte: wird seine Frau morgen bei Zukatows