Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 26 von 103

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Petersburg

Ein ganz verräuchertes Gesicht

hatte sie ihn ja einmal genannt . . . Der rote Narr war also gekommen. Wie war

aber eine solche Handlungsweise einer wehrlosen Frau gegenüber zu nennen?

War das nicht eine Gemeinheit?

Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit.

Wäre doch nur schon der Gatte gekommen, der Offizier. Er würde es dem

Unverschämten gezeigt haben. Sofja Petrowna errötete, biß und zerrte ihr

Taschentüchlein und begann zu schwitzen. Wär’ doch nur jemand gekommen.

Es kam jedoch niemand.

Aber vielleicht war er es nicht? Sofja Petrowna fühlte sich merklich

beunruhigt: es tat ihr leid, den Gedanken fallen lassen zu müssen: der Narr sei —

er; in diesen Gedanken flocht sich zugleich mit dem Zorn das süße, bekannte

bange Empfinden; sie schien zu wünschen, er hätte sich als vollendeter Schuft

entpuppt.

Nein — nicht er; er ist doch kein Schuft, kein dummer Knabe! — Und ihr

Herz stand still: nicht er.

Unter ihren sozusagen Besuchern, die von Revolution — Evolution sprachen,

befand sich einer, der Zeitungsreporter war und Neintelpfein hieß. Sofja

Petrowna schätzte ihn hoch, und ihm eröffnete sie sich: er begleitete sie darauf

zum Maskenball; dort gab es Harlekine, Italienerinnen, Spanierinnen und

orientalische Frauen, die einander durch die schwarzen Masken in böser Weise

zublinzelten. Gestützt auf Neintelpfeins Arm schritt Sofja Petrowna bescheiden

in ihrem schwarzen Domino mit schwarzer Maske, jemand suchend, unstet

durch die Säle.

Da eben war es, wo Sofja Petrowna mit der nötigen Vorsicht, Neintelpfein von

dem geheimnisvollen Vorfall erzählte. Der kleine Neintelpfein war

Zeitungsreporter und bekam fünf Kopeken für die Zeile: von diesem Abend ging

es an. Jeden Tag eine Notiz in der »Tagesschau«, »der rote Domino« und wieder

»der rote Domino«!

Man sprach über den Domino, debattierte und ereiferte sich unglaublich; die

einen erblickten darin einen revolutionären Terror; die anderen schwiegen und

zuckten die Achseln.

 

Ein ganz verräuchertes Gesicht

 

Nikolai Apollonowitsch lehnte über die Treppenbalustrade und warf auf alle

Seiten irisierenden Glanz, der ganz im Gegensatz zu der Säule stand und zum Alabaster, von dem aus die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel hob.

Über das Geländer gebeugt, rief Nikolai Apollonowitsch etwas hinunter, doch

auf seinen Ruf erwiderte erst nur die Stille; dann aber antwortete mit

übertriebener Deutlichkeit eine Fistelstimme:

»Sie hatten mich sicher für jemand anders gehalten . . . Ich bin es — ich . . .«

Unten stand der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen, im Mantel

mit aufgeschlagenem Kragen.

Nikolai Apollonowitsch verzog darauf das Gesicht in ein unangenehmes

Lächeln:

»Sie sind es, Alexander Iwanowitsch? . . . Höchst angenehm!«

Dann fügte er heuchlerisch hinzu:

»Ich erkannte Sie ohne Brille nicht . . .«

 

Das unangenehme Empfinden überwindend, das in ihm die Anwesenheit des

Unbekannten im lackierten Haus hervorrief, fuhr Nikolai Apollonowitsch fort,

mit dem Kopfe nach unten zu winken:

»Ich bin eigentlich gerade aus dem Bette gekommen, deshalb auch noch im

Schlafrock.« (Dies wie nebenbei erwähnend, wollte Nikolai Apollonowitsch

dem Besucher zu verstehen geben, daß er zur ungeeigneten Zeit gekommen sei;

wir fügen von uns hinzu: Nikolai Apollonowitsch hatte all die letzten Nächte

außer dem Hause verbracht.)

Auf dem reichen Fond des Ornaments aus altertümlichen Waffen machte der

Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen eine recht klägliche Figur,

doch nahm er sich zusammen und begann eifrig Nikolai Apollonowitsch zu

beruhigen:

»Das macht gar nichts, Nikolai Apollonowitsch, daß Sie gerade aus dem Bette

sind . . . Ich versichere Sie, es hat gar nichts zu bedeuten. Sie sind ja keine

Dame, und auch ich bin’s nicht . . . Ich selbst bin nämlich auch erst jetzt

aufgestanden . . .«

Vor der Eichentür zum Arbeitszimmer drehte sich Nikolai Apollonowitsch

plötzlich zu dem Unbekannten; über beide Gesichter flog ein Lächeln: beide

sahen einander erwartungsvoll an.

»Also bitte, . . . Alexander Iwanowitsch!«

»Nur ja keine Umstände . . .«

Der Salon Nikolai Apollonowitschs war der vollständige Gegensatz zu der

Strenge seines Arbeitszimmers: er war bunt. Wie . . . der bucharische Schlafrock.

Der Schlafrock Nikolai Apollonowitschs setzte sich gewissermaßen in allen

Gegenständen des Zimmers fort; so im niederen Sofa, das einem orientalischen

Ruhebett aus bunten Geweben glich; der bucharische Schlafrock setzte sich weiter fort im Taburett von verschiedenen Tönen; das Dunkelbraun inkrustiert

mit Streifchen aus Elfenbein und Perlmutter; der Schlafrock fand seine

Fortsetzung auch in einem Negerschild aus der dicken Haut eines einst erlegten

Nashorns, dann im sudanischen, verrosteten Pfeil mit massivem Griff, der —

weiß Gott warum — hierher gehängt wurde; endlich setzte sich der Schlafrock in

dem gestreiften Pelz eines Leoparden fort, der mit aufgesperrtem Rachen auf den

Boden geworfen ward; eine dunkelblaue, türkische Wasserpfeife stand auf dem

Taburett und dabei ein dreibeiniges, goldenes Rauchzeug, gebildet aus einer

durchlöcherten Kugel, über der ein Halbmond schwebte; das Wunderlichste aber

war ein bunter Käfig, in dem von Zeit zu Zeit kleine, grüne Papageien mit den

Flügeln zu schlagen begannen.

Nikolai Apollonowitsch reichte dem Besucher das bunte Taburett: der

Unbekannte mit dem Schnurrbärtchen setzte sich auf den Rand und zog ein

billiges Zigarettenetui aus der Tasche.

»Sie gestatten?«

»Bitte.«

»Sie rauchen nicht?«

»Nein, ich habe diese Gewohnheit nicht.« Und verlegen setzte er sofort hinzu:

»Übrigens, wenn andere rauchen . . .«

»Machen Sie das Fenster auf?«

 

Verteidigen Sie den Tabak nicht, Nikolai Apollonowitsch. Ich sage es Ihnen aus

eigener Erfahrung . . . Der Rauch durchsetzt den grauen Hirnstoff. Die

Hemisphären des Hirns werden verstopft: eine allgemeine Mattigkeit ergießt sich

in den Organismus . . .

Der Unbekannte zwinkerte Nikolai Apollonowitsch familiär zu.

»Sehen Sie mein Gesicht?«

Ohne die Brille gefunden zu haben, näherte Nikolai Apollonowitsch seine

Augen dem Gesicht des Unbekannten.

»Sehen Sie das Gesicht?«

»Ja, das Gesicht . . .«

»Das Gesicht ist blaß . . .«

»Ja, es ist etwas blaß —« Ableuchows Wangen wurden von

Höflichkeitswellen in verschiedenen Nuancen überströmt.

»Ein ganz grünes, verändertes Gesicht«, unterbrach ihn der Unbekannte, »Das

Gesicht eines Rauchers.«

Nikolai Apollonowitsch spürte schon längst eine beunruhigende Schwere, als

füllte das Zimmer sich nicht mit Rauch, sondern eher mit Blei; Nikolai

Apollonowitsch fühlte, wie sich die Hemisphären seines Hirns verstopften und eine allgemeine Mattigkeit seinen Körper durchzog; er dachte aber nicht an die

Wirkungen des Tabakrauches — er dachte vielmehr daran, wie er sich mit

Würde aus der peinlichen Lage zurückziehen könnte; er dachte, was er wohl im

bedenklichen Fall tun sollte, wenn der Unbekannte . . . wenn . . .

Diese bleierne Schwere kam nicht von der billigen Zigarette; sie kam

vielmehr von der gedrückten Stimmung des Wirtes. Er erwartete von Sekunde zu

Sekunde, daß sein unruhiger Besucher nun das Geschwätz abbräche, dessen

eigenster Zweck zu sein schien — ihn durch Erwartung zu quälen; ja: daß er es

abbrechen würde, um ihn daran zu erinnern, daß er, Nikolai Apollonowitsch,

seinerzeit durch ihn, den sonderbaren Unbekannten — wie es nur deutlicher

aussprechen? . . .

Kurz, daß er seinerzeit die für ihn furchtbare Verpflichtung übernommen

hatte, der gerecht zu werden, ihm nicht bloß die Ehre gebot; dieses furchtbare

Versprechen aber hatte Nikolai Apollonowitsch damals nur aus Verzweiflung

gegeben; ein Mißerfolg hatte ihn dazu bewogen; die Spuren dieses Mißerfolges

verwischten sich nun allmählich. Das furchtbare Versprechen müßte, schien es

ihm, von selbst weggefallen sein; doch es blieb bestehen; es blieb schon

deswegen bestehen, weil es nicht zurückgenommen ward; aufrichtig gestanden

hatte es Nikolai Apollonowitsch einfach gründlich vergessen; und so blieb dieses

Versprechen bestehen und lebte im Kollektivbewußtsein einer gewissen Partei

fort, während in ihm selbst die Empfindung von der Bitternis des Seins

entschwunden war; und er sein Versprechen gern als ein scherzhaftes betrachtet

hätte.

Das Erscheinen des Individuums mit dem Schnurrbärtchen erfüllte Nikolai

Apollonowitsch mit Angst.

Warum denn aber — warum hatte er sein Versprechen gegeben? — Und das

wäre nicht das Wichtigste: warum hatte er aber sein furchtbares Versprechen

einer leichtfertigen Partei gegeben?

Die Antwort wäre einfach: Nikolai Apollonowitsch, beschäftigt mit der

Methodik der sozialen Erscheinungen, hatte die Welt dem Feuer und Schwert

preisgegeben.

»Wissen Sie, Nikolai Apollonowitsch,« (Nikolai Apollonowitsch fuhr

erschreckt auf) »ich kam eigentlich nicht zu Ihnen wegen des Tabaks . . . das

heißt das mit dem Tabak war ganz zufällig . . .«

»Ich verstehe schon.«

»Der Tabak ist eine Sache für sich; ich kam aber nicht wegen des Tabaks,

sondern einer Sache wegen . . .«

»Sehr angenehm . . .«

»Eigentlich ist es auch gar keine Sache; es handelt sich nur um eine Gefälligkeit — und diese Gefälligkeit werden Sie mir sicher erweisen . . .«