Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 35 von 103

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Petersburg

Auf dem Meeting

verwandtschaftlicher Gefühle als eine natürliche Absonderung seines

Organismus betrachtet haben: Absonderungen dieser Art aber pflegt man weder

zu lieben noch zu hassen: man ekelt sich einfach vor ihnen.

Ein kraftloser Froschausdruck erschien auf seinem Gesichte.

»Sie sind heute in Gala?«

Finger berührten Finger und sprangen zurück. Apollon Apollonowitsch

wollte, schien es, den Grund seiner feierlichen Ausstattung erklären; auch wollte

er nach der Ursache der unnatürlichen Blässe des Sohnes fragen wie seines

Erscheinens in so ungewohnter Stunde. Die angefangenen Worte blieben ihm

jedoch in der Kehle stecken und gingen in ein Husten über. In diesem

Augenblick meldete der eintretende Diener, daß der Wagen warte. Gleichsam

erfreut winkte Apollon Apollonowitsch dankbar dem Lakai zu:

»So—o, schön.«

Apollon Apollonowitsch, ganz Schauer und Glanz, rauschte an seinem Sohn

vorbei; bald verklangen seine Schritte in der Ferne. —

Nikolai Apollonowitsch spähte seinem Vater nach; auf seinem übernächtigen

Gesichte erschien wieder ein Lächeln: der Abgrund hatte sich vom Abgrund

abgewandt; der Luftzug wehte nicht mehr. Nikolai Apollonowitsch Ableuchow

dachte an das letzte Zirkular des Apollon Apollonowitsch, das im vollständigen

Gegensatz zu seinen eigenen Plänen stand; Nikolai Apollonowitsch kam zu dem

Schluß, daß sein Vater, Apollon Apollonowitsch, ganz einfach — ein

ausgemachter Schuft war.

 

Auf dem Meeting

 

Nach dem naßkalten Schmutz der ersten Oktobertage badeten eines Tages die

Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln im

blendenden Glanz der Oktobersonne. Engel Peri blieb an diesem Tag allein; der

Gatte war abwesend; er verwaltete — irgendwo dort — den Proviant; der

unfrisierte Engel schwebte in seinem rosa Kimono zwischen den Vasen mit

Chrysanthemen und dem Berg Fujiyama. Die Falten des Kimonos flatterten wie

Atlasflügel, und der besagte Engel biß unter der Hypnose eines Gedankens bald

sein Taschentüchlein, bald das Ende des schwarzen Zopfes. Nikolai

Apollonowitsch blieb natürlich nach wie vor der schuftigste Schuft, aber auch

der Zeitungsreporter Neintelpfein — so einer! — war auch — ein Vieh. Die

Gefühle des Engels waren bis zum Äußersten aufgewühlt.

Um ein wenig die aufgewühlten Gefühle ins Gleichgewicht zu balancieren,

kauerte sich Engel Peri mit untergeschlagenen Beinen auf ihre Chaiselongue hin

und schlug das Büchlein von: Henri Besançon »Der Mensch und sein Körper«

auf. Dieses Büchlein hatte Engel Peri schon des öfteren aufgeschlagen, aber . . .

(und noch einmal aber): das Büchlein fiel ihr jedesmal aus den Händen, die

Augen schlossen sich im Nu, im kleinen Näschen entstand ein stürmisches

Leben: es pfiff darin und schnaufte.

Nein, heute wird sie nicht einschlafen: Baronin R. R. hatte sich schon einmal

nach dem Büchlein erkundigt; als sie hörte, daß es bereits gelesen ist, fragte sie

schelmisch: »Na, und was meinen Sie dazu, ma chère?« Aber »ma chère«

erwiderte gar nichts; und Baronin R. R. drohte ihr mit dem Fingerchen: Doch

nicht umsonst hatte sie auf die Titelseite des Büchleins geschrieben: »meiner

devanchanischen Freundin« und als Unterschrift: »Baronin R. R. — eine

irdische Hülle, doch mit buddhistischen Funken.«

Aber gestatten Sie: was ist es: »devanchanische Freundin«, »Hülle«,

»buddhistischer Funken«? Das sollte ihr nun Henri Besançon jetzt erklären. Und

Sofja Petrowna wollte sich diesmal in ihn vertiefen; aber kaum hatte sie das

Näschen in Henri Besançon gesteckt, als die Glocke ertönte und, einem Sturme

gleich, die Kursistin Warwara Ewgrafowna ins Zimmer hereinflog. Engel Peri

hatte nicht Zeit, das kostbare Büchlein zu verstecken und wurde bei der Tat

ertappt.

»Was ist das?« rief streng Warwara Ewgrafowna, setzte den Zwicker auf die

Nase und beugte sich über das Büchlein . . .

»Was haben Sie da? Wer hat’s Ihnen gegeben?«

»Die Baronin R. R.«

»Na, freilich . . . Und was ist das?«

»Henri Besançon . . .«

»Sie wollen sagen: Anni Besant . . . Der Mensch und sein Körper? . . . So ein

Unsinn . . .«

Die blauen Äuglein zwinkerten ängstlich, während die roten Lippen sich

schmollend zusammenzogen.

»Die Bourgeoisie, ihr Ende fühlend, warf sich auf die Mystik: überlassen wir

den Himmel den Spatzen, und bauen wir aus dem Reich der Notwendigkeiten

das Reich der Freiheit.«

Und Warwara Ewgrafowna übergoß den Engel mit sieghaftem Blick: die

Äuglein des Engels aber zwinkerten noch hilfloser; Engel Peri achtete Warwara

Ewgrafowna und Baronin R. R. in gleicher Weise, und nun sollte sie zwischen

ihnen wählen. Zum Glück machte Warwara Ewgrafowna aus der Sache keine

Affäre; die Beine übereinandergeschlagen, wischte sie den Zwicker.

»Es handelt sich um folgendes . . . Sie werden sicher auf dem Ball bei den

Zukatows sein . . .«

»Ja«, erwiderte schuldbewußt der Engel.

»Es handelt sich also darum: auf diesem Ball wird, wie ich erfahren habe,

auch unser gemeinsamer Bekannter sein: Ableuchow.«

Der Engel errötete.

»Nun also, Sie übergeben ihm hier diesen Brief.« — Warwara Ewgrafowna

streckte dem Engel ein Kuvert entgegen.

»Übergeben Sie ihn, weiter nichts: werden Sie es tun?«

»Ich werde . . . ich werde ihn übergeben.«

»Schön also. Ich habe augenblicklich leider wenig Zeit, ich muß zu einem

Meeting . . .«

»Liebste Warwara Ewgrafowna, nehmen Sie mich mit.«

»Aber fürchten Sie sich denn nicht? Es kann zu einer Schlägerei kommen.«

»Nein, Liebste, nehmen Sie mich mit.«

»Dann bitte, kommen Sie. Aber Sie werden erst noch Toilette machen müssen,

sich pudern und so weiter . . . Machen Sie es rasch . . .«