Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 15 von 103

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Petersburg

Feuchter Herbst

»Ich höre nicht . . .«

Aus den Fernen des Raumes antwortete des Lakaien Stimme:

»Jemand ist hier.«

 

Das Gesicht Nikolai Apollonowitschs bekam den Ausdruck der Zufriedenheit.

»Ah, das ist wohl der Kostümeur? Er brachte mir das Kostüm.«

Was ist es nur für ein Kostümeur?

Nikolai Apollonowitsch ging hinaus, bog sich über die Brüstung der Treppe

und rief hinunter:

»Sind Sie’s?«

»Der Kostümeur?«

»Vom Kostümeur?«

»Hat er das Kostüm geschickt?«

Und wieder fragen wir von uns aus: Was ist das nur für ein Kostümeur?

 

Im Zimmer Nikolai Apollonowitschs lag nun ein Karton. Er sperrte die Tür ab;

geschäftig zerschnitt er die Kordel; hob den Deckel; dann zog er aus dem

Karton: erst eine kleine Maske mit schwarzem Bart aus Spitzen, dann folgte ein

hellroter prächtiger Domino mit rauschenden Falten.

Bald stand er, ganz in Atlas und Rot, vor dem Spiegel, die Maske über dem

Gesicht hochhaltend, die schwarze Spitze des Bartes verschob sich und fiel auf

die Schultern, rechts und links, wie zwei phantastische Flügel; und zwischen den

schwarzen Spitzenflügeln blickte aus dem Spiegel qualvoll-seltsam im

Halbdunkel des Zimmers das Eigentliche: das Gesicht, sein Gesicht, sein

eigenes; Sie würden sagen, dort im Spiegel sah Nikolai Apollonowitsch nicht

sich selbst, sondern einen unbekannten, blassen, sehnsuchtskranken — Dämon

des Raumes.

Nach dieser Maskerade packte Nikolai Apollonowitsch mit ungemein

zufriedenem Gesicht erst den roten Domino, dann auch die Maske in den Karton.

 

Feuchter Herbst

 

Der feuchte Herbst lagerte über Petersburg, und traurig glomm der

septemberliche Tag.

Wie ein grünlicher Schwarm zogen Wolkenflocken dahin, und verdichtet zum

gelblichen Rauch, fielen sie auf die Dächer wie eine Drohung nieder.

Über den Himmel einen Trauerbogen spannend, erhob sich ein dunkler Rußstreifen von den Rauchfängen der Dampfer, der seinen Schwanz in die Newa

versenkte.

Und die Newa dröhnte, stieß durch die Pfeife des kleinen Dampfers gellende

Schreie aus, ihre stählernen Wasserschuppen zerbrachen an den steinernen

Pfeilern; und ihre Zungen leckten den Granit; mit ihren kalten Newawinden

überfiel sie und zerrte an Mützen, Schirmen, Mänteln. Und überall in der Luft

lagerte die fahlgraue Fäulnis; von dort aber, wo auf dem Felsen3) der nasse

Reiter steht, blinkte das gelbe, grünüberzogene Kupfer zur Newa, in die

fahlgraue Fäulnis hinüber.

Auf diesem düsteren Fond des schwänzigen, überhängenden Rußes der

feuchten Kaisteine, die Augen auf das bazillenerfüllte, trübe Newawasser

gerichtet, zeichnete sich deutlich die Silhouette Nikolai Apollonowitschs im

grauen Studentenmantel und seitlich sitzender Studentenmütze ab. Langsam

bewegte sich Nikolai Apollonowitsch gegen die graue, dunkle Brücke.

Vor der großen schwarzen Brücke blieb er stehen.

Ein unangenehmes Lächeln erleuchtete für einen Augenblick sein Gesicht und

erlosch gleich wieder; die Erinnerung an eine unglückliche Liebe hatte ihn

erfaßt, und er wurde von ihr wie vom Aufbrausen eines kalt-kalten Windes

bedrängt; Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich einer nebligen Nacht; in dieser

Nacht hatte er sich übers Brückengeländer gebeugt; er hatte sich umgewandt und

gesehen, daß niemand ihm zusah; er hatte den Fuß hochgehoben, und sein glatt-

blanker Gummischuh hatte sich übers Geländer geschwungen und — so war er

— mit hochgehobenem Fuß stehengeblieben; es sollte scheinen, daß daraus

weitere Folgen sich ergeben müßten; doch . . . Nikolai Apollonowitsch war mit

hochgehobenem Fuß stehengeblieben.

Einige Augenblicke später hatte er seinen Fuß wieder zurückgezogen.

Damals eben reifte in ihm der unüberlegte Plan: einer leichtsinnigen Partei ein

furchtbares Versprechen zu geben.

Dieser unglücklichen Tat jetzt gedenkend, lächelte Nikolai Apollonowitsch in

unangenehmster Weise. So bog er auf den Newskij-Prospekt ein; es begann zu

dämmern; in den Auslagen blinkten bald da, bald dort Lichter auf.

»Ein schöner Mann«, hörte Nikolai Apollonowitsch immer wieder sagen.

»Eine antike Maske . . .«

»Apollo vom Belvedere.«

»Ein schöner Mann . . .«

So sprachen die ihm begegnenden Damen wohl von ihm.

»Dieses blasse Gesicht . . .«

»Dieses marmorne Profil . . .«

»Göttlich . . .«

Die ihm Begegnenden sagten es zueinander. Wäre Nikolai Apollonowitsch

aber mit einer der Damen ins Gespräch gekommen, sie würde für sich gedacht

haben:

»Scheusal . . .«

Dort, vor einer Einfahrt, wo zwei melancholische Löwen spöttisch die Tatzen

auf die grauen Granitplatten legten, dort, an diesem Platz, blieb Nikolai

Apollonowitsch stehen und sah verwundert in den Rücken eines vor ihm

schreitenden Offiziers. Er holte diesen ein:

»Ssergeij Ssergeijewitsch!«

Der Offizier wandte sich um und sah mit einem Schatten des Ärgers durch die

blauen Brillengläser, wie, sich ihm nähernd, die kleine Figur im Studentenmantel

von der Einfahrt herkam, wo zwei melancholische Löwen mit glatten

Granitmähnen spöttisch die Tatzen übereinander gelegt haben. Für einen kurzen

Augenblick wurde das Gesicht des Offiziers von einem Gedanken erleuchtet; das

leichte Beben der Lippen ließ vermuten, daß er erregt war; als schwankte er:

erkennen oder nicht.

»Ah, guten Abend! Wohin?«

»Ich gehe zur Pantelemonstraße«, log Nikolai Apollonowitsch, um mit dem

Offizier durch die Moika zu gehen.

»Gehen wir zusammen, bitte.«

»Wohin gehen Sie?« log wieder Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier

durch die Moika zu gehen.

»Ich — nach Hause.«

»Dann haben wir denselben Weg.«

Beide schienen das Berühren einer schweren Vergangenheit vermeiden zu

wollen, und sie leiteten sogleich das Gespräch auf anderes über: sie sprachen

vom Wetter, dann davon, daß die Unruhe der letzten Tage ungünstig auf die

philosophischen Arbeiten Nikolai Apollonowitsch’ gewirkt, von den

Schwindeleien, die der Offizier in der Proviantierungskommission (er versorgte

dort irgendein Amt) aufgedeckt haben wollte.

So unterhielten sie sich während des ganzen Weges.

Und nun kam die Moikastraße.

»Adieu, also . . . Sie gehen ja weiter?«

Das Herz Nikolai Apollonowitschs begann eifrig zu pochen; etwas wollte er

sagen; und doch, nein: er sagte es nicht; einsam stand er nun vor der

zugeschlagenen Tür; ihn packte die Erinnerung an eine verunglückte Liebe,

vielmehr — an einen sinnlichen Trieb — und blau pulsierten die Äderchen an

den Schläfen; er sann jetzt über seine Rache; er sann über die boshafte

Verhöhnung seiner Gefühle von seiten der, die hinter diesem Vestibül wohnte; schon seit nahezu einem Monat sann er über seine Rache; doch — jetzt kein