Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 49 von 103

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Petersburg

Das Verhängnisvolle

Vor ihr stand ihr Gatte, der Offizier; aber wieder lächelte sie verächtlich, hob

leicht ihren spitzenverzierten Panierrock an den Festons und schritt knicksend

zurück; ein leichter Zephir hob sie vor ihm auf seinen Schwingen davon, und ihr

Reifrock wiegte sich gleichmäßig wie eine Glocke und rauschte in süßem

Zephirhauch; in der Tür wandte sie ihm das Gesicht zu und machte dem Offizier

mit der Hand, die die schwarze Maske hielt, schelmisch lächelnd, eine lange

Nase; hinter der Tür hörte man dann lautes Lachen und den lauten wie sonst

ausgesprochenen Befehl:

»Marwruscha, den Mantel!«

Da lief Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, Leutnant des Gr. Göreischen, Seiner

Majestät Regiment, blaß wie der Tod, doch ganz ruhig, mit ironischem Lächeln

der graziösen Maske vor, schlug die Sporen aneinander und blieb ehrfurchtsvoll

wartend, mit dem befohlenen Mantel in der Hand vor seiner Gattin stehen; mit

noch größerer Ehrfurcht warf er ihr den Pelz um, riß weit die Flügeltür vor ihr

auf, mit verbindlichem Lächeln mit der Hand nach außen zeigend, in die farblose

Dunkelheit; und wie sie rauschend, mit hochgehobener Stirn, an dem ergebenen

Diener vorbeischritt — schlug Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin nochmals die

Sporen aneinander und machte wieder eine tiefe Verbeugung. Die dunkelfarbene

Finsternis ergoß sich über sie — von allen Seiten ergoß sie sich: Lange, lange

noch hörte man das Rauschen auf der Treppe, denn fiel unten die Tür zu;

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin aber kehrte in die Wohnung zurück und

begann mit denselben übertriebenen scharfen Bewegungen überall die

elektrischen Lichter zu löschen.

 

Das Verhängnisvolle

 

Komm mit mir!« bedrängte eine Madame Pompadour Nikolai Apollonowitsch,

und da er Madame Pompadour nicht erkannte, gab er nur unwillig den Arm;

unmerklich spöttisch sah sie ihren roten Kavalier an, und mit zurückgeworfenem

Kopfe legte sie eine Hand in seinen Arm, indessen die andere den Rocksaum aus

hellblau flatterndem Duft hielt und ein reizvolles, silbernes Schuhchen

hervorlugen ließ.

Und nun begann man zu tanzen:

Eins — zwei — drei — und die Taille bog sich, das Füßchen lugte hervor . . .

»Erkennst du mich?«

»Nein.«

»Du scheinst jemand zu suchen?«

Eins — zwei — drei — und wieder ein Wiegen der Taille wie ein Vorschieben

des Füßchens.

»Ich habe einen Brief für dich.«

Dem ersten Paar — Domino und Marquise — folgten Harlekine,

Spanierinnen, perlmutterblasse Fräuleins, Juristen, Husaren und willenlose

Mullgeschöpfe: Nackte Schultern, silberige Rücken und Schärpen.

Allmählich legte sich die eine Hand des roten Dominos um ihre hellblaue

Taille, und während er mit der zweiten die der Dame ergriff, ließ diese den Brief

in seine Hand übergleiten; und im gleichen Augenblick legten sich dunkelgrüne,

schwarze und husarenrote Arme aller anderen Kavaliere um die schlanken,

weißen, heliotropfarbenen, seidenknisternden Gewänder, und alles begann sich

im Tanze zu drehen.

Der weißbärtige Wirt aber brüllte:

»A vos places!«

Und hinter ihm her flog ein willenloser Backfisch.