Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 45 von 103

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Petersburg

Der Ball

»Ach, wie interessant: erzählen Sie bitte . . .«

Und er sagte, sich tief in den Lehnstuhl versenkend:

»Ja, meine Herrschaften, so ist es.«

Durch die offenen Türen der dazwischenliegenden zwei Räume sahen sie aus

der Ferne den Saal, erfüllt von Glanz und Flimmern. Man hörte das donnernde:

»Rrrekulé . . .«

»Balances vos dames! . . . «

Und wieder:

»Rrrekulé! . . .«

 

Der Ball

 

Was ist der Salon während eines lustigen Walzers? Er ist nur eine Zugabe zum

Tanzsaal und die Zufluchtsstätte für Mütter. Aber die kluge Lubow Aleksejewna

benutzte die Gutmütigkeit ihres Gatten (er besaß keinen einzigen Feind) sowie

ihr mitgebrachtes, riesiges Vermögen, schließlich auch den Umstand, daß ihr

Haus gegen alles außer Tanzen höchst gleichgültig war und so ein neutrales

Zentrum für alle bildete — dies alles benutzte die kluge Lubow Aleksejewna,

um, — dem Gatten das Dirigieren im Tanzsaal überlassend — selbst die

Begegnungen der verschiedensten Persönlichkeiten zu vermitteln; bei ihr trafen

sich die Führer der verschiedensten Parteien; der Publizist mit dem

Departementsverwalter; der Demagoge mit dem Antisemiten. In ihrem Hause

verkehrte, speiste sogar Apollon Apollonowitsch.

Und während Nikolai Petrowitsch im Tanzsaal das Contredance durch neue

Figuren verwickelte — verwickelte und entwickelte sich zur gleichen Zeit in

dem gegen alles gleichgültig freundlichen Salon manche Konjunktur.

Auch hier tanzte man, wenn auch in anderer Weise.

Der zweite, der sich in den Salon schlich, war ein Mann von wahrhaft

vorsintflutlichem Äußern, mit erschreckend zerstreutem Gesichtsausdruck. Die

Schöße seines Rockes, auf dem stellenweise weiße Federchen hingen, waren

hinten etwas geöffnet und ließen eine höchst primitive Hosenschnalle sehen; es

war ein Professor der Statistik; an seinem Kinn hing in Büscheln ein gelblicher

Vollbart, und über die Schultern fielen ihm Haarsträhnen, die aussahen, als

kämen sie selten mit einem Kamm in Berührung. Unheimlich wirkte seine

blutrote hängende Lippe, die sich gleichsam vom Munde loszulösen schien.

In den prunkvollen Salon eingetreten, wurde der Professor verwirrt: der Glanz

und das Flimmern schien ihn geblendet zu haben; mit gutmütigen Blicken betrachtete er den feierlichen Saal, trippelte eine Weile auf ein und derselben

Stelle, blieb verlegen stehen, zog sein gefaltetes Taschentuch hervor, um die auf

dem Schnurrbart hängende Feuchtigkeit von der Straße abzutrocknen; er

zwinkerte den Paaren zu, die einen Augenblick, zwischen zwei Quadrillefiguren,

stillstanden.

Endlich gelangte er in den von bläulichem, elektrischem Licht beschienenen

Salon, als ihn die Stimme des Redakteurs an der Schwelle zurückhielt.

»Verstehen Sie jetzt, meine Gnädige, den Zusammenhang zwischen dem

japanischen Krieg, den Hebräern, der uns drohenden Mongoleninvasion und der

Revolution? Das jüdische Auftreten und die Treibereien der großen Fäuste in

China stehen in engster und deutlichster Verbindung miteinander.«

»Ich verstehe es jetzt, ich verstehe.«

Es war die Stimme der Lubow Aleksejewna. Der Professor blieb entsetzt

stehen; denn er war durch und durch liberal und ein Anhänger sozusagen

humaner Reformen; er erschien zum erstenmal in diesem Hause, in der

Hoffnung, hier Apollon Apollonowitsch zu treffen; doch dieser schien nicht da

zu sein — und anwesend war nur der Redakteur des konservativen Blattes;

derselbe Redakteur, der soeben gerade die fünfundzwanzigjährige, reine

Tätigkeit des Sammelns statistischer Daten — human ausgedrückt — in

unanständigster Weise mit Schmutz beworfen hatte. Der Professor begann

plötzlich zu keuchen, zwinkerte gegen den Redakteur und pfiff leise verächtlich

in seinen struppigen Bart.

»Begreifen Sie jetzt, meine Gnädige, das jüdisch-freimaurerische Treiben?«

»Jetzt begreife ich es; jetzt habe ich es begriffen.«

Und dort, dort . . .

Mit einer Hand auf die Baßtasten aufschlagend, schloß der Tapeur dort elegant

das Tanzstück, während er mit der anderen mit meisterhafter Schnelligkeit das

Notenblatt umwandte, und dann, die Hand in der Luft und die Finger

ausdrucksvoll zwischen Klaviatur und Noten gespreizt, drehte er seinen Körper

erwartungsvoll dem Wirt zu, wobei seine blendend weißen Zähne schimmerten.

Die Geste des Tapeurs beantwortete Nikolai Petrowitsch Zukatow durch eine

aufmunternd anerkennende Bewegung des glatt rasierten Kinns zwischen dem

stürmisch wallenden Backenbart; dann mit nach vorn gebeugtem Kopf, wie mit

der Stirn gegen die Luft stoßend, glitt er eilig über das blinkende Parkett

zwischen den Paaren durch, mit zwei Fingern ein Endchen des grauen Bartes

drehend; und willenlos schwebte hinter ihm das engelhafte Wesen her, hinter ihr

flatternd eine heliotropfarbene Schärpe; inspiriert durch den Flug seiner

Tanzphantasie, flog Nikolai Petrowitsch Zukatow blitzartig in die Richtung des

Tapeursitzes und brüllte wie ein Löwe durch den Saal: