Petersburg
Ich weiß, was ich tue
Haben Sie schon einmal berühmte, aber bereits in Kindheit verfallene Männer
gesehen, Greise, die ein halbes Jahrhundert jedem Anprall standhielten —
weißlockige (öfters noch kahlköpfige) mit dem Eisen des Kampfes gepanzerte
Führer?
Ich habe solche gesehen.
In Versammlungen, bei Sitzungen, bei Kongressen, stiegen sie in ihrer
blendend weißen Stärke, in tadellosen Fracks mit den ausgestopften Schultern;
rückengekrümmte Greise mit herunterhängenden Kiefern, falschen Zähnen
— ich sah sie —
wie sie, noch gewohnheitsmäßig sich auf der Tribüne aufraffend, in alter
Weise die Herzen zu erobern versuchten und eroberten.
Und ich sah sie dann zu Hause.
Mit schwachsinniger Geschäftigkeit flüsterten sie mir kranke, schlechte Witze
ins Ohr; sie trippelten in ihr Arbeitszimmer und zeigten mit schmatzendem
Mund auf das Bücherfach mit den in Schweinsleder gebundenen »gesammelten
Werken«, die auch ich einst gelesen hatte, mit denen sie einst mich und sich
selbst bewirtet hatten.
Trauer überkommt mich!
Um zehn Uhr hat es an der Haustür geläutet; es war nicht Ssemjonytsch, der
aufgemacht hat; jemand kam, ging in das Zimmer des Nikolai Apollonowitsch,
saß dort, ließ einen Zettel zurück.
Ich weiß, was ich tue
Punkt zehn Uhr war Apollon Apollonowitsch mit dem Kaffee fertig.
Ins Speisezimmer pflegte er — wie wir wissen — immer kalt, streng, frisch
rasiert, Eau-de-Cologne-Duft weit ausstrahlend, hineinzukommen, um seinen
Kaffee nach dem Chronometer zu erledigen; heute aber war er unrasiert,
unparfümiert, im Morgenrock, mit den Hauspantoffeln schlürfend, zum
Frühstück erschienen.
Von halb neun bis zehn Uhr blieb er allein vor dem Tisch.
Er hatte die Korrespondenz unbeachtet gelassen, den devoten Morgengruß der
Diener gegen alle Tradition nicht beantwortet, und wie die Bulldogge ihre
speichelnde Schnauze auf die Knie des Herrn gelegt hat, hat sich dieser an dem
Kaffee verschluckt, und seine rhythmisch schmatzenden Lippen riefen:
»He . . . wer ist da? Nehmt den Hund fort . . .«
Die Hand bröselte und knetete das französische Frühstücksbrötchen, während
der versteinerte Blick unverwandt in den schwarzen Kaffeesatz auf dem Boden
der Tasse starrte.
Um halb zwölf erinnerte sich gleichsam Apollon Apollonowitsch an etwas,
fuhr unruhig-geschäftig auf seinem Platz auf und nieder; die Augen irrten hin
und her und erinnerten an eine graue Maus; er sprang auf und lief mit perlenden
Schrittchen, ein wenig zitternd in sein Arbeitszimmer, wobei der
zurückgeschlagene Vorderschoß des Morgenrockes seine nur halb zugeknöpfte
Unterhose sehen ließ.
Bald darauf trat auch der Diener ins Arbeitszimmer, um zu melden, daß der
Wagen warte; wie angewurzelt blieb er aber an der Schwelle stehen.
Erstaunt sah er zu, wie sein Herr die massive Leiter über die weichen
Samtteppiche rollte, von Bücherschrank zu Bücherschrank, wie er ächzend,
stolpernd, keuchend, schwitzend, mit Gefahr für sein hohes Leben die Sprossen
hinaufkletterte, um mit den Fingern die Bücher auf Staub zu untersuchen; den
Diener erblickend, kaute er ein wenig verächtlich mit dem leeren Mund, ohne
auf die Mitteilung über den unten wartenden Wagen etwas zu erwidern.
Mit der Hand über die Rückeneinbände klopfend, verlangte er nach einem
Staubtuch.
Zwei Diener brachten ihm zwei Staubtücher; auf seinen Wunsch wurden ihm
diese an einem Besenstiel hinaufgereicht; jeder der zwei Diener nahm eine
Stearinkerze in die Hand; jeder der zwei Diener stellte sich — rechts und links
— neben die Leiter hin und streckte den bald steif gewordenen Arm mit der
Kerze nach oben.
»Höher mit dem Licht! . . . Nicht so . . . Nein, anders . . . Aber höher doch . . .
noch etwas höher . . .«
Über den hohen Gebäuden jenseits der Newa ballten sich inzwischen
rauchige, bauschige Wolken zusammen und hingen wie Knäuel aus Filz in der
Luft; der Wind schlug gegen die Fenster; im grünlich-düsteren Zimmer herrschte
Halbdämmerung; draußen heulte der Wind; und immer höher, höher streckten
sich zwei Stearinkerzen an beiden Seiten der Leiter, die fast bis zur
Zimmerdecke lief; dort ganz oben bewegten sich die Schöße des mausgrauen
Morgenrockes hin und her und baumelten himbeerrote Quasten.
»Exzell . . .«
»Ist es eine Arbeit für Sie, Exzellenz . . .«
»Wozu mühen Sie sich nur selbst ab? . . .«
»Erlauben, Exzell . . . So was Unerhörtes . . .«
Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der Wirkliche Geheime Rat, der oben in der Staubwolke stand, der konnte ja gar nicht hören. Ach wo: alles in der Welt
vergessend, wischte er mit dem Staublappen die Einbandrücken, klopfte mit den
Deckeln an die Leiter, bis er schließlich heftig zu niesen begann:
»Staub, Staub, Staub . . .«
»So was . . . So was . . .«
»Na, wartet nur, bis ich mit dem Lappen an euch herankomme!«
»So, sehr schön . . .«
Und er warf sich, mit dem Lappen bewaffnet, über den Staub her.
Ein unruhiges Knattern der Telephonglocke: das hohe Amt läutete; aber auf
das unruhige Geläute wurde aus dem gelben Hause geantwortet:
»Exzellenz? . . . Ja . . . Geruht Kaffee zu trinken . . . Es wird ausgerichtet
werden . . . Ja . . . Der Wagen wartet schon . . .«
Auch auf das dritte, diesmal wütende Klingeln, wurde geantwortet:
»Noch nicht . . .«
»In seinem Arbeitszimmer . . .«
»Ist mit Ordnen der Bibliothek beschäftigt . . .«
»Der Wagen?«
»Der Wagen wartet . . .«
Die Pferde wurden endlich in den Stall zurückgebracht; der Kutscher spuckte
aus: schimpfen traute er sich nicht.
»Sauber wisch’ ich euch!«
»Ei, ei, ei! . . . Sieh mal einer her!«
»Abschi! . . .«
Und die zitternden, gelben Hände schlugen auf die dicken Bände.
Ein schepperndes Klingeln im Vorzimmer: ein schepperndes, zerrissenes
Klingeln; das Sprechen des Schweigens zwischen einem und dem folgenden
Klingeln; als Erinnerung an etwas, lief dieses Schweigen durch die Räume der
lackierten Zimmer — als Erinnerung an etwas Vergessenes; und trat ungebeten
ins Arbeitszimmer; hier stand es, alt, alt, und stieg über die Sprossen der Leiter
nach oben.
Ein Ohr streckte sich aus dem Staub; der Kopf wandte sich.
»Hören Sie?«
Wer es sein konnte?
Es konnte — Nikolai Apollonowitsch sein, der Schuft, der Taugenichts und
Lügner; es konnte ein — Herman Hermanowitsch sein, der mit den Papieren
kam; oder ein Kotosch — Kotoschinski; oder vielleicht Graf Nolden; es kann übrigens — mm — mmä — auch Anna Petrowna sein . . .
Es schepperte.
»Hören Sie denn nicht?«
»Gewiß, Exzellenz; es wird aber dort schon aufgemacht . . .«
Jetzt erst antworteten die Diener: versteinert waren sie noch immer gestanden
und hatten geleuchtet.
Ssemjonytsch allein schlenderte durch den Korridor (immer war er von etwas
bedrückt, immer murmelte er etwas vor sich hin) und wiederholte aus
Langeweile die auswendig gelernten Abteilungen der herrschaftlichen
Kleiderchiffonniere:
»Nordost: schwarze und weiße Krawatten . . . Kragen und Manschetten — im
Osten . . . Uhren — im Norden« — nur Ssemjonytsch, im Korridor wandernd,
horchte auf, wurde unruhig, schärfte das Ohr und trippelte gegen das
Arbeitszimmer des Herrn.
»Ich gestatte mir, aufmerksam zu machen: es hat geläutet.«
Die Diener antworteten nicht.
Jeder hielt seine Kerze in der hoch nach oben gestreckten Hand; auf der
oberen Sprosse der Leiter ragte der kahle Kopf des Senators aus der Staubwolke
hervor; eine unruhige, zerrissene Stimme sagte:
»Ja, auch ich hab’ es gehört.«
Apollon Apollonowitsch riß sich von einem dicken Band los:
»Ja, ja, ja . . .«
»Es läutet . . . Hören Sie, es läutet . . .«
Beide verspürten zugleich ein unaussprechliches, aber ihnen deutliches Etwas,
denn beide fuhren zusammen: rasch, rasch, beeilet euch! . . .
»Es ist die gnädige Frau . . .«
»Es ist Anna Petrowna!«
Rennet, geschwind, sputet euch: es hat wieder gescheppert!
Geschwind stellten die Diener ihre Kerzen auf den Tisch und eilten in den
dunkelnden Korridor (als erster trippelte Ssemjonytsch voran). Im grünlichen
Licht des Petersburger Morgens begannen die Augen des Apollon
Apollonowitsch oben unter der Zimmerdecke unruhig hin und her zu laufen;
nach Luft schnappend, ächzend, die haarige Brust, die Schulter und das borstige
Kinn gegen die Sprossen gedrückt, stieg er die Leiter hinunter und begann
plötzlich mit trippelnden Schrittchen gegen das Vestibül zu rennen, den
Staublappen in der Hand, die Schöße des Morgenrockes wie phantastische
Dreiecke in der Luft flatternd. Er stolperte leicht, blieb stehen und tastete kurz
atmend mit dem Finger nach dem Puls.