Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 89 von 103

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Petersburg

Ich weiß, was ich tue

Haben Sie schon einmal berühmte, aber bereits in Kindheit verfallene Männer

gesehen, Greise, die ein halbes Jahrhundert jedem Anprall standhielten —

weißlockige (öfters noch kahlköpfige) mit dem Eisen des Kampfes gepanzerte

Führer?

Ich habe solche gesehen.

In Versammlungen, bei Sitzungen, bei Kongressen, stiegen sie in ihrer

blendend weißen Stärke, in tadellosen Fracks mit den ausgestopften Schultern;

rückengekrümmte Greise mit herunterhängenden Kiefern, falschen Zähnen

— ich sah sie —

wie sie, noch gewohnheitsmäßig sich auf der Tribüne aufraffend, in alter

Weise die Herzen zu erobern versuchten und eroberten.

Und ich sah sie dann zu Hause.

Mit schwachsinniger Geschäftigkeit flüsterten sie mir kranke, schlechte Witze

ins Ohr; sie trippelten in ihr Arbeitszimmer und zeigten mit schmatzendem

Mund auf das Bücherfach mit den in Schweinsleder gebundenen »gesammelten

Werken«, die auch ich einst gelesen hatte, mit denen sie einst mich und sich

selbst bewirtet hatten.

Trauer überkommt mich!

 

Um zehn Uhr hat es an der Haustür geläutet; es war nicht Ssemjonytsch, der

aufgemacht hat; jemand kam, ging in das Zimmer des Nikolai Apollonowitsch,

saß dort, ließ einen Zettel zurück.

 

Ich weiß, was ich tue

 

Punkt zehn Uhr war Apollon Apollonowitsch mit dem Kaffee fertig.

Ins Speisezimmer pflegte er — wie wir wissen — immer kalt, streng, frisch

rasiert, Eau-de-Cologne-Duft weit ausstrahlend, hineinzukommen, um seinen

Kaffee nach dem Chronometer zu erledigen; heute aber war er unrasiert,

unparfümiert, im Morgenrock, mit den Hauspantoffeln schlürfend, zum

Frühstück erschienen.

Von halb neun bis zehn Uhr blieb er allein vor dem Tisch.

Er hatte die Korrespondenz unbeachtet gelassen, den devoten Morgengruß der

Diener gegen alle Tradition nicht beantwortet, und wie die Bulldogge ihre

speichelnde Schnauze auf die Knie des Herrn gelegt hat, hat sich dieser an dem

Kaffee verschluckt, und seine rhythmisch schmatzenden Lippen riefen:

»He . . . wer ist da? Nehmt den Hund fort . . .«

Die Hand bröselte und knetete das französische Frühstücksbrötchen, während

der versteinerte Blick unverwandt in den schwarzen Kaffeesatz auf dem Boden

der Tasse starrte.

Um halb zwölf erinnerte sich gleichsam Apollon Apollonowitsch an etwas,

fuhr unruhig-geschäftig auf seinem Platz auf und nieder; die Augen irrten hin

und her und erinnerten an eine graue Maus; er sprang auf und lief mit perlenden

Schrittchen, ein wenig zitternd in sein Arbeitszimmer, wobei der

zurückgeschlagene Vorderschoß des Morgenrockes seine nur halb zugeknöpfte

Unterhose sehen ließ.

Bald darauf trat auch der Diener ins Arbeitszimmer, um zu melden, daß der

Wagen warte; wie angewurzelt blieb er aber an der Schwelle stehen.

Erstaunt sah er zu, wie sein Herr die massive Leiter über die weichen

Samtteppiche rollte, von Bücherschrank zu Bücherschrank, wie er ächzend,

stolpernd, keuchend, schwitzend, mit Gefahr für sein hohes Leben die Sprossen

hinaufkletterte, um mit den Fingern die Bücher auf Staub zu untersuchen; den

Diener erblickend, kaute er ein wenig verächtlich mit dem leeren Mund, ohne

auf die Mitteilung über den unten wartenden Wagen etwas zu erwidern.

Mit der Hand über die Rückeneinbände klopfend, verlangte er nach einem

Staubtuch.

Zwei Diener brachten ihm zwei Staubtücher; auf seinen Wunsch wurden ihm

diese an einem Besenstiel hinaufgereicht; jeder der zwei Diener nahm eine

Stearinkerze in die Hand; jeder der zwei Diener stellte sich — rechts und links

— neben die Leiter hin und streckte den bald steif gewordenen Arm mit der

Kerze nach oben.

»Höher mit dem Licht! . . . Nicht so . . . Nein, anders . . . Aber höher doch . . .

noch etwas höher . . .«

Über den hohen Gebäuden jenseits der Newa ballten sich inzwischen

rauchige, bauschige Wolken zusammen und hingen wie Knäuel aus Filz in der

Luft; der Wind schlug gegen die Fenster; im grünlich-düsteren Zimmer herrschte

Halbdämmerung; draußen heulte der Wind; und immer höher, höher streckten

sich zwei Stearinkerzen an beiden Seiten der Leiter, die fast bis zur

Zimmerdecke lief; dort ganz oben bewegten sich die Schöße des mausgrauen

Morgenrockes hin und her und baumelten himbeerrote Quasten.

»Exzell . . .«

»Ist es eine Arbeit für Sie, Exzellenz . . .«

»Wozu mühen Sie sich nur selbst ab? . . .«

»Erlauben, Exzell . . . So was Unerhörtes . . .«

Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der Wirkliche Geheime Rat, der oben in der Staubwolke stand, der konnte ja gar nicht hören. Ach wo: alles in der Welt

vergessend, wischte er mit dem Staublappen die Einbandrücken, klopfte mit den

Deckeln an die Leiter, bis er schließlich heftig zu niesen begann:

»Staub, Staub, Staub . . .«

»So was . . . So was . . .«

»Na, wartet nur, bis ich mit dem Lappen an euch herankomme!«

»So, sehr schön . . .«

Und er warf sich, mit dem Lappen bewaffnet, über den Staub her.

Ein unruhiges Knattern der Telephonglocke: das hohe Amt läutete; aber auf

das unruhige Geläute wurde aus dem gelben Hause geantwortet:

»Exzellenz? . . . Ja . . . Geruht Kaffee zu trinken . . . Es wird ausgerichtet

werden . . . Ja . . . Der Wagen wartet schon . . .«

Auch auf das dritte, diesmal wütende Klingeln, wurde geantwortet:

»Noch nicht . . .«

»In seinem Arbeitszimmer . . .«

»Ist mit Ordnen der Bibliothek beschäftigt . . .«

»Der Wagen?«

»Der Wagen wartet . . .«

Die Pferde wurden endlich in den Stall zurückgebracht; der Kutscher spuckte

aus: schimpfen traute er sich nicht.

 

»Sauber wisch’ ich euch!«

»Ei, ei, ei! . . . Sieh mal einer her!«

»Abschi! . . .«

Und die zitternden, gelben Hände schlugen auf die dicken Bände.

 

Ein schepperndes Klingeln im Vorzimmer: ein schepperndes, zerrissenes

Klingeln; das Sprechen des Schweigens zwischen einem und dem folgenden

Klingeln; als Erinnerung an etwas, lief dieses Schweigen durch die Räume der

lackierten Zimmer — als Erinnerung an etwas Vergessenes; und trat ungebeten

ins Arbeitszimmer; hier stand es, alt, alt, und stieg über die Sprossen der Leiter

nach oben.

Ein Ohr streckte sich aus dem Staub; der Kopf wandte sich.

»Hören Sie?«

Wer es sein konnte?

Es konnte — Nikolai Apollonowitsch sein, der Schuft, der Taugenichts und

Lügner; es konnte ein — Herman Hermanowitsch sein, der mit den Papieren

kam; oder ein Kotosch — Kotoschinski; oder vielleicht Graf Nolden; es kann übrigens — mm — mmä — auch Anna Petrowna sein . . .

Es schepperte.

»Hören Sie denn nicht?«

»Gewiß, Exzellenz; es wird aber dort schon aufgemacht . . .«

Jetzt erst antworteten die Diener: versteinert waren sie noch immer gestanden

und hatten geleuchtet.

Ssemjonytsch allein schlenderte durch den Korridor (immer war er von etwas

bedrückt, immer murmelte er etwas vor sich hin) und wiederholte aus

Langeweile die auswendig gelernten Abteilungen der herrschaftlichen

Kleiderchiffonniere:

»Nordost: schwarze und weiße Krawatten . . . Kragen und Manschetten — im

Osten . . . Uhren — im Norden« — nur Ssemjonytsch, im Korridor wandernd,

horchte auf, wurde unruhig, schärfte das Ohr und trippelte gegen das

Arbeitszimmer des Herrn.

»Ich gestatte mir, aufmerksam zu machen: es hat geläutet.«

Die Diener antworteten nicht.

Jeder hielt seine Kerze in der hoch nach oben gestreckten Hand; auf der

oberen Sprosse der Leiter ragte der kahle Kopf des Senators aus der Staubwolke

hervor; eine unruhige, zerrissene Stimme sagte:

»Ja, auch ich hab’ es gehört.«

Apollon Apollonowitsch riß sich von einem dicken Band los:

»Ja, ja, ja . . .«

»Es läutet . . . Hören Sie, es läutet . . .«

Beide verspürten zugleich ein unaussprechliches, aber ihnen deutliches Etwas,

denn beide fuhren zusammen: rasch, rasch, beeilet euch! . . .

»Es ist die gnädige Frau . . .«

»Es ist Anna Petrowna!«

Rennet, geschwind, sputet euch: es hat wieder gescheppert!

Geschwind stellten die Diener ihre Kerzen auf den Tisch und eilten in den

dunkelnden Korridor (als erster trippelte Ssemjonytsch voran). Im grünlichen

Licht des Petersburger Morgens begannen die Augen des Apollon

Apollonowitsch oben unter der Zimmerdecke unruhig hin und her zu laufen;

nach Luft schnappend, ächzend, die haarige Brust, die Schulter und das borstige

Kinn gegen die Sprossen gedrückt, stieg er die Leiter hinunter und begann

plötzlich mit trippelnden Schrittchen gegen das Vestibül zu rennen, den

Staublappen in der Hand, die Schöße des Morgenrockes wie phantastische

Dreiecke in der Luft flatternd. Er stolperte leicht, blieb stehen und tastete kurz

atmend mit dem Finger nach dem Puls.