Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 67 von 103

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Petersburg

Pépp, Péppowitsch, Pépp

»Ich weiß wahrhaftig nicht, Kolenka, ich denke aber . . . Übrigens ist es mir so

schwer, dir das zu erklären, besonders, wenn ich deine natürlichen Gefühle

berücksichtige, die . . .«

Nikolai Apollonowitsch erbebte bei dem Blick, mit dem sich der Senator an

ihn wandte, und — ganz merkwürdig: er fühlte plötzlich eine Aufwallung von

— was glauben Sie? Liebe? — ja, Liebe zu diesem alten Despoten, der verurteilt

war, in Stücke zerrissen zu werden.

Unter dem Einfluß dieses Gefühls machte er eine ruckhafte Bewegung in die

Richtung seines Vaters: einen Augenblick noch, und er wäre vor seinem Vater

niedergekniet, um ihm alles zu bekennen und ihn um Vergebung anzuflehen;

aber der Alte, als er die Bewegung des Sohnes wahrgenommen hatte, zog wieder

die Lippen fest zusammen, trippelte etwas eilig beiseite und begann mit einer

Miene des Ekels mit den Händen zu fuchteln:

»Nein, nein, nein! Ich bitte Sie, es zu unterlassen . . . Ich weiß, was Sie

wollen! . . . Sie haben mich gehört: bitte mich jetzt allein zu lassen.«

Zwei Finger klopften herrisch über den Tisch; die erhobene Hand zeigte auf

die Tür:

»Sie halten mich zum besten; mein Herr, Sie sind nicht mein Sohn, mein Herr,

Sie sind ein schrecklicher Schuft.«

Das alles sprach Apollon Apollonowitsch nicht, sondern schrie es heraus;

unerwartet für ihn selbst brach es aus ihm hervor.

 

Pépp, Péppowitsch, Pépp

 

Nikolai Apollonowitsch rannte beinahe mit der Stirn gegen die Tür seines

Zimmers; er drehte das elektrische Licht auf (Wozu? Die Sonne, ja, die Sonne

blickte schon durch die Fenster) und lief in die Richtung seines Schreibtisches,

wobei er unterwegs einen Stuhl zu Boden warf.

»Ah — ah — ah . . . Wo mag nur der Schlüssel sein?«

— — ?

— — !

»Ah! . . .«

»Na, also . . .«

»Schön . . .«

Ebenso wie sein Vater pflegte Nikolai Apollonowitsch mit sich selbst zu

reden.

Und — ja: er wollte sich beeilen . . . Er bemühte sich, die widerspenstige

Schublade herauszuziehen; er entnahm ihr einige mit Bändchen versehene

Bündel mit Briefen; dann eine große Photographie; sein Blick streifte das Bild,

und von diesem blickten ihm zwei Augen einer hübschen Frau entgegen — mit

spöttischem Lächeln sahen sie ihn an; er schleuderte das Bild von sich; unter

dem Bild befand sich das in ein Tuch gewickelte Paket; mit gemachter

Gleichgültigkeit legte er es auf die Handfläche und prüfte sein Gewicht: es war

etwas Schweres darin; er legte das Paket wieder rasch auf den Tisch.

Mit geschäftigen Bewegungen begann er nun, das Paket von dem Tuch, in das

es gewickelt war, zu befreien. Sein Erstaunen war grenzenlos:

»Eine Bonbonniere . . .«

»Ah . . .«

»Ein Bändchen . . .«

»Nein, schau mal einer her . . .«

Wie sein Vater hatte Nikolai Apollonowitsch die Gewohnheit, mit sich selbst

Gespräche zu führen.

Als er aber das Bändchen aufgeknüpft hatte, waren seine Hoffnungen

zerschmettert (er hatte doch auf etwas gehofft), denn drin — in der mit einem

rosa Bändchen zugeschnürten Bonbonniere — befand sich nicht Konfekt von

Balé, sondern eine einfache Blechbüchse; sein Finger empfand in

unangenehmster Weise die Kälte des Deckels.

Da bemerkte er zugleich den Uhrenmechanismus, der seitlich an der Büchse

angebracht war: man brauchte nur den Schlüssel zu drehen, um den schwarzen

Zeiger auf die vorgemerkte Stunde zu bringen.

Nikolai Apollonowitsch hatte eine dumpfe Überzeugung, die seine Schwäche

und Charakterlosigkeit dokumentierte: er fühlte, daß er nie imstande war, diesen

Schlüssel umzudrehen, denn es gab kein Mittel, den einmal in Bewegung

gesetzten Mechanismus zum Stillstand zu bringen. Um sich den Rückzug von

vornherein unmöglich zu machen, faßte Nikolai Apollonowitsch sofort den

Schlüssel mit den Fingern: sei’s, daß seine Finger in diesem Augenblick zu

zittern begannen, sei’s, daß er in einem Schwindelanfall in den Abgrund stürzte,

dem er mit aller Kraft auszuweichen suchte — der Schlüssel machte eine

Drehung um eine Stunde, dann um zwei . . . Nikolai Apollonowitsch machte

unwillkürlich einen kunstvollen Sprung auf die Seite; nach dem Seitensprung

schielte er wieder zum Tisch hinüber: noch immer stand die Blechbüchse, die

früher Sardinen enthalten hatte, auf dem Tische (er hatte sich einmal mit

Sardinen übergessen, seither hatte er sie nie mehr gegessen); eine gewöhnliche

Sardinenbüchse wie jede andere: glänzend, mit abgerundeten Ecken . . .

Nein — nein — — nein —!

Wohl war es eine Sardinenbüchse, doch eine Sardinenbüchse mit furchtbarem

Inhalt!

Der metallene Schlüssel hatte sich schon um zwei Stunden weitergedreht, und

in der Sardinenbüchse begann das seltsame, mit dem Verstand nicht zu

kapierende Leben; die Sardinenbüchse war dieselbe und doch wieder nicht

dieselbe; in ihrem Innern krochen die Zeiger: der Stunden- und der

Minutenzeiger; der geschäftige Sekundenzeiger hüpfte im Kreise; er wird nun

weiterhüpfen, bis zu dem Augenblick (der ist nicht mehr fern) — bis zu dem

Augenblick, bis zu dem Augenblick, an dem . . .

— der schauerliche Inhalt der Sardinenbüchse sich häßlich aufbläht; sich

maßlos dehnt; und da — und da: zerspringt die Sardinenbüchse . . .

— Teile des schauerlichen Inhalts rasen im Kreise umher, zerreißen mit

donnerndem Gepolter den Tisch; der vielfach gespalten zusammenfällt;

und auch sein Körper wird in Stücke zerreißen: zusammen mit den

Holzspänen, mit den sich nach allen Seiten ausbreitenden Gasen wird er

als eine blutige, schmutzige, leblose Masse an den kalten steinernen

Wänden hängenbleiben . . .

— in dem hundertsten Teil einer Sekunde wird das alles geschehen: in

dem hundertsten Teil einer Sekunde werden die Wände einstürzen und

der schauerliche Inhalt wird, sich dehnend, dehnend, dehnend —

zugleich mit den Holzsplittern, Blut und Steinen gegen den dunkeln

Himmel emporfliegen.

Draußen stiegen bauschige Rauchwolken nach oben, ihre Schwänze in die

Newa tauchend.

Was hat er nun getan, was hat er getan?

Die Blechbüchse stand noch immer auf dem Tisch; hat er nun den Schlüssel

umgedreht, dann müsse er unverzüglich die Büchse an die richtige Stelle bringen

(zum Beispiel: unter das Kissen in dem weißen Schlafgemach); oder sie mit dem

Fuße zerstampfen. Aber sie an die richtige Stelle zu bringen, unter das

hochaufgeschlagene Kopfkissen des Vaters, damit der alte, kahle Kopf, ermüdet

von dem soeben Vorgefallenen, mit aller Wucht auf die Bombe niederfällt —

nein, nein, nein: dazu konnte er sich nicht hergeben; das wäre Verrat.

Mit dem Fuße zerstampfen?

Doch bei diesem Gedanken fühlte er etwas, was auf seine Ohren wie ein

unglaublicher Druck einwirkte: er fühlte eine so heftige Übelkeit (dank den acht

Branntweingläsern, die er getrunken hatte), als hätte er die Bombe wie eine Pille

heruntergeschluckt.

Nie wird er sie zerstampfen können, nie.

Es bleibt noch: sie in die Newafluten zu werfen; aber dazu hatte es noch Zeit: er braucht ja nur noch etwa zwanzigmal den Schlüssel umzudrehen; dann ist eine

Frist gewonnen; hat er einmal den Schlüssel umgedreht, da heißt es nur eine

Frist, so lange wie nur möglich, zu gewinnen; doch er zögerte, indem er sich,

ganz entkräftet, in den Lehnstuhl niederließ; Übelkeit, furchtbare Schwäche,

Schläfrigkeit überwältigten ihn; das mattgewordene Denken aber, vom Körper

losgelöst, baute vor ihm häßliche, sinnlose Arabesken . . . und er schlummerte

ein.

 

Im Schlaf, des Körpers beraubt, fühlte er doch diesen gleichsam als ein

unsichtbares Zentrum, das früher ein Bewußtsein und ein »Ich« besessen hatte

und so hatte das »Ich« Nikolai Apollonowitschs noch immer eine körperliche

Gestalt, wiewohl es auch kein Körper mehr war; und in diesem Nicht-Körper

lebte ein fremdes »Ich«, das vom Saturnus herabgeflogen kam und sich zum

Saturnus wieder hinaufschwang.

Er saß vor seinem Vater (wie er schon früher zu sitzen pflegte) — doch

körperlos; hinter den Fenstern seines Zimmers aber, in der vollständigen

Dunkelheit, tönte es unaufhörlich halblaut: turn — turn — turn.

Es waren die Jahreszahlen, die nach rückwärts liefen.

»Bei welcher Jahreszahl sind wir nun?«

Laut auflachend antwortete Apollon Apollonowitsch:

»Bei keiner, Kolenka, bei keiner: die Jahreszahl, mein Lieber, ist Null . . .«

Der grauenhafte Seeleninhalt Nikolai Apollonowitschs bewegte sich unruhig

(dort, wo die Stelle des Herzens war), wie ein summender Kreisel: er blähte und

dehnte sich; es war, als ob der grauenhafte Seeleninhalt zu einer marternden

Kugel würde.

Es war das Jüngste Gericht.

»Ei — ei: was ist das ‚ich bin?‘«

»Ich bin? — eine Null . . .«

»Und — was ist die Null?«

»Die Null ist eine Bombe, Kolenka . . .«

Nikolai Apollonowitsch begriff nun, daß er eine Bombe war, nichts weiter;

diese Bombe war explodiert, und an jener Stelle, wo im Lehnstuhl die Hülle des

Nikolai Apollonowitsch (einer Eierschale gleich) saß — zuckte ein Blitz auf und

tauchte in die schwarzen Äonenwellen unter.

 

Da erwachte Nikolai Apollonowitsch halb; schaudernd merkte er, daß sein Kopf

auf der Sardinenbüchse lag.

Und er sprang in die Höhe: ein schrecklicher Traum . . . Was war es aber? Er konnte sich des Traums nicht entsinnen; der Alpdruck, der ihn in seiner Kindheit

zu quälen pflegte, stellte sich ein: Pépp, Péppowitsch, Pépp, ein Kügelchen, das

sich zu einer Riesenkugel aufbläht; die alten Kinderdelirien kehrten wieder

zurück, denn — Pépp, Péppowitsch Pépp, das Kügelchen von schauerlichem

Inhalt, ist nichts als eine Bombe; dort steht sie und summt unhörbar mit ihren

Zeigern und dem Härchen; Pépp, Péppowitsch, Pépp wird sich dehnen, dehnen,

dehnen; Pépp, Péppowitsch, Pépp wird dann explodieren: alles, alles wird

zerspringen . . .

»Was? Phantasiere ich?«

Mit rasender Schnelligkeit ging es durch seinen Kopf: Was tun? Es bleibt nur

noch eine Viertelstunde übrig: den Schlüssel wieder umdrehen?

Er drehte zwanzigmal den Schlüssel um; und zwanzigmal ächzte etwas

drinnen in der Blechbüchse: die alten Delirien kehrten für einige Zeit zurück,

damit der Morgen — Morgen, der Tag — Tag und der Abend — Abend bleibe;

am Ende der Nacht aber wird keine Umdrehung des Schlüssels die Frist zu

verlängern vermögen: es wird etwas geschehen, was die Wände zum Umstürzen

bringen, den purpur erleuchtenden Himmel in Stücke zerreißen und ihn

zusammen mit dem verspritzten Blut zum finsteren Urchaos verwandeln wird.

 

Ende des fünften Kapitels.