Petersburg
Mama
Was — alles? Es war ja nichts gewesen; Ermordungsplan? Es gab ja keinen
Ermordungsplan; er, Nikolai Apollonowitsch, bestreitet einen solchen Plan auf
das entschiedenste: es ist eine niedere Verleumdung — wenn behauptet wird, ein
solcher Plan habe existiert.
Es bleibt aber die Tatsache der gefundenen Bombe bestehen.
Wenn ihn der Vater ruft, wenn seine Mutter — nein, er kann’s nicht wissen: er
hat die Bombe nicht aus dem Zimmer fortgetragen. Auch die Diener . . . Diesen
hätte man es gleich angemerkt. Doch niemand zeigte was. Nein, sie wissen
nichts von der Bombe. Aber wo ist sie, wo? Hat er sie wirklich im Schreibtisch
versteckt; hat er sie nicht irgendwo unter dem Teppich verborgen, zufällig,
mechanisch: so was passierte ihm manchmal.
In einer Woche wird sich alles von selbst aufklären . . . Doch nein; die Bombe
wird ihre Anwesenheit schon heute anzeigen — durch ein furchtbares Gepolter
(das Poltern konnten die Ableuchows absolut nicht vertragen).
Ihre Anwesenheit — unter dem Teppich, in irgendeinem Schrank, unter einem
Kissen — sie wird sie anzeigen; sie wird zu poltern beginnen und wird dann
platzen; er müsse die Bombe finden; nun habe er jetzt aber keine Zeit dazu: die
Mutter ist da.
Und dann ein weiterer Gedanke: man hat ihn beleidigt; das war sein zweiter
Gedanke; und der dritte: ja, dieses widerliche kleine Männchen, Pawel
Jakowlewitsch! Er glaube ihn jetzt wieder, gerade wie er nach Hause fuhr,
gesehen zu haben; und schließlich — Pepp Peppowitsch Pepp: Pepp, das ist die
furchtbare Ausbreitung des Körpers, das Sichdehnen der Adern, das Sieden im
Kopf . . .
Ach: nun ist alles durcheinandergeraten; der Wirbel der Gedanken flog mit
unmenschlicher Schnelligkeit durch den Kopf und rauschte in den Ohren, so daß
es gar keine Gedanken waren: es war eine einzige Sinnlosigkeit.
Mama
Er öffnete die Salontür.
Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das Gesicht
seiner Mutter und zwei Hände, die sich ihm aus dem Lehnstuhl
entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hände zitterten im
durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade draußen hinter den Fenstern
angezündet wurden.
Und er hörte eine Stimme:
»Kolenka, mein geliebter, mein teuerer!«
Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen.
»Bist du’s, mein Junge . . .«
Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er umschlang
krampfhaft ihre Taille: er drückte sein Gesicht in ihren Schoß und brach in
Weinen aus; er weinte — weiß Gott warum: ohne sich darüber Rechenschaft zu
geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten Schultern bebten
(bedenken wir doch, daß Nikolai Apollonowitsch in den letzten drei Jahren keine
Liebkosung kannte).
»Mama, Mama . . .«
Auch sie weinte.
Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dämmerung der Fensternische;
er berührte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der
Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dämmerung der
Nische heraus; er hüstelte leise; mit kleinen Schrittchen näherte er sich dem
weinenden Paar, und plötzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus:
»Beruhigt euch, meine Lieben!«
Er hatte eigentlich solche Gefühle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem
kalten, in sich verschlossenen Sohne, an dessen Gesicht er in diesen zweieinhalb
Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis zu den Ohren
breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte sich Apollon
Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer — um etwas zu holen.
»Mama . . . Mama . . .«
Die Angst, die Demütigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das
Verschwinden der Sardinenbüchse, das Gefühl der völligen eigenen
Unzulänglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken durch
sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens:
»Mein Knabe, mein geliebter . . .«
Die eisige Berührung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich:
»Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser.«
Als er sein verweintes Gesicht vom Schoß der Mutter hob, sah er vor sich die
Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjährigen Greises: der kleine Apollon
Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine Finger
tanzten; er tätschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai Apollonowitsch über
Rücken, Wange und Schulter zu tätscheln; plötzlich strich er mit der Hand über
die flachsweißen Haare. Anna Petrowna lachte; ganz unnötigerweise richtete sie
ihren Kragen am Halse zurecht; ihre glückberauschten Blicke übertrug sie von Nikolenka auf Apollon Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka.
Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien:
»Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . .«
»Es war nur die Überraschung . . .«
»Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . .«
Und er schluckte ein wenig Wasser herunter.
Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und
plötzlich begann er — zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen
Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoßen; zwei
altbekannte, liebe Gesichter!
»Soo . . .«
»Soo . . .«
»Sooo . . .«
Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem
goldbackigen Amor oben gekrönt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer-
und Rosengewinde durch Fackelflammen; plötzlich flog wie ein Blitz durch sein
Gehirn: die Sardinenbüchse! . . .
Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefühlswallung wurde jäh
abgebrochen.
»Ich muß einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder.«
»Was hast du, Liebling?«
»Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir,
Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fünf Minuten . . . Ja,
weißt du . . . Und dann — komm wieder . . .«
Den Gefühlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai
Apollonowitsch leicht, ließ theatralisch das Gesicht in die Hände fallen: wie
etwas Totes schimmerten die flachsweißen Haare in der Dämmerung des
Zimmers. Wackelnd ging er hinaus.
Verwundert sah der Vater die glückliche Mutter an.
»Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefühle —«
Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . »Diese, diese . . .
Gefühle« — er streichelte sich über den kleinen Backenbart.
»Sie zeugen« — er machte eine scharfe Wendung, hob die Fußspitzen ein
wenig vom Fußboden, balancierte einen Moment lang auf den Absätzen und
machte dann mit dem ganzen Körper einen Ruck nach vorne, den den Fußboden
berührenden Fußspitzen nach —
»Sie zeugen« — er kreuzte die Hände auf dem Rücken und lief auf und ab
durch den Salon:
»Sie zeugen von natürlichen Gefühlen und sozusagen« — er zuckte mit den
Achseln — »von guten Charaktereigenschaften . . .«
»Ich habe es keinesfalls erwartet . . .«
Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des
Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfaßt, sie in symetrische Lage zu dem
danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er plötzlich mit
rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf dem
Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern zu
drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben Augenblick
ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint
weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna
Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl saß, bemerkte mit
Überzeugung:
»Ich habe immer gesagt . . .«
»Ja, weißt du . . .«
Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fußspitzen, dann lief er vom Tisch
zum Fenster:
». . . Wissen Sie . . .«
Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke:
»Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt — mich
hat sein Benehmen — beruhigt« — er zog die Stirn in Falten — »in bezug auf
. . . in bezug auf« — er nahm die Hand vom Rücken und trommelte über das
Tischchen:
»Mja! . . .«
Plötzlich unterbrach er sich scharf:
»Macht nichts!«
Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten
sich; sie lächelten einander zu.
Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem Blick das
arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und Perlmutter.
Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Fluß hin; ein Kahn schaukelte
auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit; die Stille des
Zimmers wurde plötzlich von Klavierklängen erhellt, die aus der Ferne, aus dem
Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch früher zu spielen, unter diesen Klängen
pflegte er über den Büchern einzuschlafen.
Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstände
stehen und dachte qualvoll nach:
»Was bedeutet das . . . Wie ist das möglich . . . Wo konnte ich sie hingetan haben? . . .«