Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 101 von 103

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Petersburg

Mama

Was — alles? Es war ja nichts gewesen; Ermordungsplan? Es gab ja keinen

Ermordungsplan; er, Nikolai Apollonowitsch, bestreitet einen solchen Plan auf

das entschiedenste: es ist eine niedere Verleumdung — wenn behauptet wird, ein

solcher Plan habe existiert.

Es bleibt aber die Tatsache der gefundenen Bombe bestehen.

Wenn ihn der Vater ruft, wenn seine Mutter — nein, er kann’s nicht wissen: er

hat die Bombe nicht aus dem Zimmer fortgetragen. Auch die Diener . . . Diesen

hätte man es gleich angemerkt. Doch niemand zeigte was. Nein, sie wissen

nichts von der Bombe. Aber wo ist sie, wo? Hat er sie wirklich im Schreibtisch

versteckt; hat er sie nicht irgendwo unter dem Teppich verborgen, zufällig,

mechanisch: so was passierte ihm manchmal.

In einer Woche wird sich alles von selbst aufklären . . . Doch nein; die Bombe

wird ihre Anwesenheit schon heute anzeigen — durch ein furchtbares Gepolter

(das Poltern konnten die Ableuchows absolut nicht vertragen).

Ihre Anwesenheit — unter dem Teppich, in irgendeinem Schrank, unter einem

Kissen — sie wird sie anzeigen; sie wird zu poltern beginnen und wird dann

platzen; er müsse die Bombe finden; nun habe er jetzt aber keine Zeit dazu: die

Mutter ist da.

Und dann ein weiterer Gedanke: man hat ihn beleidigt; das war sein zweiter

Gedanke; und der dritte: ja, dieses widerliche kleine Männchen, Pawel

Jakowlewitsch! Er glaube ihn jetzt wieder, gerade wie er nach Hause fuhr,

gesehen zu haben; und schließlich — Pepp Peppowitsch Pepp: Pepp, das ist die

furchtbare Ausbreitung des Körpers, das Sichdehnen der Adern, das Sieden im

Kopf . . .

Ach: nun ist alles durcheinandergeraten; der Wirbel der Gedanken flog mit

unmenschlicher Schnelligkeit durch den Kopf und rauschte in den Ohren, so daß

es gar keine Gedanken waren: es war eine einzige Sinnlosigkeit.

 

Mama

 

Er öffnete die Salontür.

Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das Gesicht

seiner Mutter und zwei Hände, die sich ihm aus dem Lehnstuhl

entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hände zitterten im

durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade draußen hinter den Fenstern

angezündet wurden.

Und er hörte eine Stimme:

»Kolenka, mein geliebter, mein teuerer!«

Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen.

»Bist du’s, mein Junge . . .«

Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er umschlang

krampfhaft ihre Taille: er drückte sein Gesicht in ihren Schoß und brach in

Weinen aus; er weinte — weiß Gott warum: ohne sich darüber Rechenschaft zu

geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten Schultern bebten

(bedenken wir doch, daß Nikolai Apollonowitsch in den letzten drei Jahren keine

Liebkosung kannte).

»Mama, Mama . . .«

Auch sie weinte.

Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dämmerung der Fensternische;

er berührte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der

Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dämmerung der

Nische heraus; er hüstelte leise; mit kleinen Schrittchen näherte er sich dem

weinenden Paar, und plötzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus:

»Beruhigt euch, meine Lieben!«

Er hatte eigentlich solche Gefühle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem

kalten, in sich verschlossenen Sohne, an dessen Gesicht er in diesen zweieinhalb

Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis zu den Ohren

breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte sich Apollon

Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer — um etwas zu holen.

»Mama . . . Mama . . .«

Die Angst, die Demütigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das

Verschwinden der Sardinenbüchse, das Gefühl der völligen eigenen

Unzulänglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken durch

sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens:

»Mein Knabe, mein geliebter . . .«

 

Die eisige Berührung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich:

»Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser.«

Als er sein verweintes Gesicht vom Schoß der Mutter hob, sah er vor sich die

Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjährigen Greises: der kleine Apollon

Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine Finger

tanzten; er tätschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai Apollonowitsch über

Rücken, Wange und Schulter zu tätscheln; plötzlich strich er mit der Hand über

die flachsweißen Haare. Anna Petrowna lachte; ganz unnötigerweise richtete sie

ihren Kragen am Halse zurecht; ihre glückberauschten Blicke übertrug sie von Nikolenka auf Apollon Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien:

»Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . .«

»Es war nur die Überraschung . . .«

»Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . .«

Und er schluckte ein wenig Wasser herunter.

Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und

plötzlich begann er — zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen

Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoßen; zwei

altbekannte, liebe Gesichter!

»Soo . . .«

»Soo . . .«

»Sooo . . .«

Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem

goldbackigen Amor oben gekrönt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer-

und Rosengewinde durch Fackelflammen; plötzlich flog wie ein Blitz durch sein

Gehirn: die Sardinenbüchse! . . .

Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefühlswallung wurde jäh

abgebrochen.

»Ich muß einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder.«

»Was hast du, Liebling?«

»Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir,

Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fünf Minuten . . . Ja,

weißt du . . . Und dann — komm wieder . . .«

Den Gefühlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai

Apollonowitsch leicht, ließ theatralisch das Gesicht in die Hände fallen: wie

etwas Totes schimmerten die flachsweißen Haare in der Dämmerung des

Zimmers. Wackelnd ging er hinaus.

Verwundert sah der Vater die glückliche Mutter an.

 

»Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefühle —«

Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . »Diese, diese . . .

Gefühle« — er streichelte sich über den kleinen Backenbart.

»Sie zeugen« — er machte eine scharfe Wendung, hob die Fußspitzen ein

wenig vom Fußboden, balancierte einen Moment lang auf den Absätzen und

machte dann mit dem ganzen Körper einen Ruck nach vorne, den den Fußboden

berührenden Fußspitzen nach —

»Sie zeugen« — er kreuzte die Hände auf dem Rücken und lief auf und ab

durch den Salon:

»Sie zeugen von natürlichen Gefühlen und sozusagen« — er zuckte mit den

Achseln — »von guten Charaktereigenschaften . . .«

»Ich habe es keinesfalls erwartet . . .«

Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des

Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfaßt, sie in symetrische Lage zu dem

danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er plötzlich mit

rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf dem

Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern zu

drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben Augenblick

ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint

weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna

Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl saß, bemerkte mit

Überzeugung:

»Ich habe immer gesagt . . .«

»Ja, weißt du . . .«

Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fußspitzen, dann lief er vom Tisch

zum Fenster:

». . . Wissen Sie . . .«

Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke:

»Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt — mich

hat sein Benehmen — beruhigt« — er zog die Stirn in Falten — »in bezug auf

. . . in bezug auf« — er nahm die Hand vom Rücken und trommelte über das

Tischchen:

»Mja! . . .«

Plötzlich unterbrach er sich scharf:

»Macht nichts!«

Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten

sich; sie lächelten einander zu.

 

Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem Blick das

arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und Perlmutter.

Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Fluß hin; ein Kahn schaukelte

auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit; die Stille des

Zimmers wurde plötzlich von Klavierklängen erhellt, die aus der Ferne, aus dem

Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch früher zu spielen, unter diesen Klängen

pflegte er über den Büchern einzuschlafen.

Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstände

stehen und dachte qualvoll nach:

»Was bedeutet das . . . Wie ist das möglich . . . Wo konnte ich sie hingetan haben? . . .«