Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 41 von 103

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Petersburg

Viertes Kapitel

V i e r t e s K a p i t e l

Der Sommergarten

 

Nüchtern, vereinsamt liefen die Wege des Sommergartens auseinander; mit

eiligen Schritten durchquerte sie der düster dreinschauende Passant, um sich

dann in der hoffnungslosen Ödigkeit des Marsfeldes zu verlieren.

Verstimmt lag der Sommergarten da.

Die Sommerstatuen flüchteten sich unter die Holzverschläge; die großen

Bretter glichen in ihrer Längsseite, der Form nach, einem Sarg; diese Särge

umstanden die schmalen Gartenwege; in diesen Särgen verbargen sich Nymphen

und Satyre, damit der Zahn der Zeit nicht an ihnen mit Regen, Schnee und Frost

nagen konnte; denn die Zeit — sie zernagt alles mit ihrem eisernen Zahn; sie

zernagt in gleicher Weise den Körper wie die Seele und selbst die Steine. —

Mit dem Verschwinden der alten Zeiten verödete der Garten, er wurde grau,

schrumpfte zusammen; die Grotte zerfiel, die Springbrunnen murmelten nicht

mehr, die Sommergalerie war zerstört, der Wasserfall ausgetrocknet;

zusammengeschrumpft lag der Garten geduckt hinter dem Gitterzaunwerk.

Peter selbst war es, der den Garten angelegt hat; mit seiner eigenen Gießkanne

begoß er die Pflanzen; er ließ Zedern aus Solikamsk, Sauerdorn aus Danzig und

Apfelbäume aus Schweden herbeibringen; er errichtete Wasserspiele, und ihre

Sprühregen glitzerten zuweilen wie leichtes Spinngewebe auf den roten

Kamisolen der allerhöchsten Persönlichkeiten, mit gepuderten Locken,

schwarzen Arabergesichtern und den eleganten Hofdamen in kostbaren Roben;

gestützt auf den geschliffenen Griff des schwarzen, goldverzierten Stockes,

führte der grauhaarige Kavalier seine Dame an das Bassin, wo vom

dunkelgrünen, schäumenden Grund, prustend, der Seehund seine Schnauze

hervorstak; ein geängstigtes »Ach!« von seiten der Dame, indessen der Kavalier

scherzhaft lächelte und seinen Stock dem schwarzen Monstrum entgegenhielt.

Damals zog sich der Sommergarten weit hin, und das Marsfeld mußte ein

ordentliches Stück seiner Fläche für die Alleen des Gartens hergeben, jenen

Alleen, die dem kaiserlichen Herzen so nahelagen; riesige Muscheln aus

indischen Gewässern streckten hier von den rauhen Steinen der Grotte ihre

rosafarbigen Fühler in die Luft, und die hohe Persönlichkeit näherte, den

pleureusengeschmückten Hut abnehmend, neugierig das Ohr der rosigen

Öffnung: ein chaotisches Summen drang ihr entgegen; inzwischen labten sich

andere hohe Persönlichkeiten vor der Grotte an Fruchtsaftwasser.

Auch in späteren Zeiten hörte man öfters Lachen, Seufzer und Flüstern vor der Statue, die in malerischer Pose ihre Hände in den dämmernden Tag

vorstreckte; dabei glänzten die Perlen der Hoffräulein. Im Frühling war es, am

Pfingsttag; die Abendluft verdichtete sich; plötzlich wurde sie von Orgeltönen

erschüttert, die aus einer Gruppe schlummernder Ulmen hervorbrachen; und von

derselben Ecke aus breitete sich plötzlich spaßiges grünes Licht aus; von diesem

grünen Licht beschienen, bliesen grellrote Jägermusikanten in ihre Hörner, und

von den melodischen Tönen erzitterte die Luft, die Seelen der Zuhörer in ihren

Tiefen aufwühlend; hast du das sehnsuchtsvolle Weinen der in die Luft

emporgehobenen Hörner nicht vernommen?

Das war alles einmal gewesen; jetzt ist es vorbei; jetzt laufen düster verstimmt

die Wege des Sommergartens auseinander; eine schwarze, ruhelose Vogelschar

kreiste über dem Peterhäuschen; unerträglich war ihr Gezwitscher und das

Aufschlagen der vielen Flügel; die schwarze, ruhelose Schar ließ sich störend

auf die Zweige niederfallen.

Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, schritt, in seinen

Wintermantel gehüllt, über den hartgefrorenen Weg; sein Kopf sank auf den

Pelz, und die Augen glänzten eigentümlich. Er hatte gerade beschlossen, sich in

Arbeit zu vertiefen, als ihm ein Zettelchen überreicht wurde; mit unbekannter

Schrift lud ihn jemand zu einem Stelldichein in den Sommergarten ein; die

Unterschrift war ein »S«. Wer mochte sich hinter dem geheimnisvollen »S«

verbergen? »S« ist — Sofja (sie hat wohl ihre Schrift verändert). Nikolai

Apollonowitsch, frisch rasiert und parfümiert, schritt über den hartgefrorenen

Weg weiter.

Er sah aufgeregt aus; er hatte in diesen Tagen keinen Appetit, keinen Schlaf

gehabt; eine dünne Staubschicht legte sich ungehindert auf die aufgeschlagene

Seite des Kant. Ein Strom süßer Gefühle zog durch die Seele Nikolai

Apollonowitschs; Ähnliches hatte er auch schon früher empfunden. — Dumpf,

fern. Aber seit er durch sein eigenes Vorgehen in Sofja Petrowna die

unbestimmten Schauer geweckt hatte, war auch er von diesem Schauer erfaßt;

als hatte er in ihm selbst schlummernde Kräfte in unergründeten Tiefen geweckt;

als wäre in ihm eine Äolssaite gesprungen und anderer Leidenschaften —

Kinder hätten ihn durch die Lüfte in andere Länder getragen. Sollten auch das

nur die wiedergekehrten, rein sinnlichen Empfindungen sein? Oder war es am

Ende — die Liebe? Aber die Liebe verneinte er.

Er sah sich bewegt um nach der bekannten Gestalt im Pelzmantel mit kleinem,

schwarzem Muff; doch niemand war auf den Wegen zu sehen. Auf einer nahen

Bank saß eine nachlässig gekleidete Frauensperson. Diese erhob sich plötzlich,

trippelte erst eine Weile an der Bank herum und ging dann auf ihn zu.

»Sie haben mich . . . nicht erkannt?«

»Ach ja, guten Tag!«

»Sie scheinen mich auch jetzt nicht zu erkennen? Ich bin — Solowjowa.«

»Aber natürlich erkannte ich Sie, Warwara Ewgrafowna!«

»Dann wollen wir hier auf der Bank Platz nehmen . . .«

Nikolai Apollonowitsch ließ sich gequält neben ihr nieder; in dieser selben

Allee war ihm das Stelldichein gegeben, und nun kam diese unglückliche

Begegnung! Nikolai Apollonowitsch überlegte, wie er das Mädchen loswerden

konnte; in Erwartung der anderen sah er sich fortwährend verlegen um, doch es

kam niemand.

Vor ihren Füßen lagen Haufen dunkelbrauner, wurmstichiger Blätter; ein

dunkles Netz von Zweigen zog sich vor ihnen, matt den Horizont

durchschneidend, hin; von Zeit zu Zeit begann dieses Netz zu ächzen; von Zeit

zu Zeit begann sich dieses Netz zu bewegen.

»Haben Sie meinen Zettel bekommen?«

»Welchen Zettel?«

»Den Zettel mit ‚S‘ gezeichnet?«

»Was, den haben Sie geschrieben?«

»Aber gewiß doch . . .«

»Wieso dann ‚S‘?«

»Wieso? Ich heiße doch Solowjowa.«

Alles stürzte vor ihm zusammen. Und er, und er — was hatte er sich nicht

schon alles ausgemalt! Die unbestimmten Schauer, die ihn trugen, versanken in

jähe Tiefe.

»Womit kann ich dienen?«

»Ich . . . ich wollte, ich dachte . . . haben Sie einmal ein Gedicht mit der

Unterschrift ‚Die flammende Seele‘ bekommen?«

»Nein.«

»Wie ist das möglich? Ach, wie ärgerlich! Ohne diese Verse ist es mir

eigentlich schwer, Ihnen zu erklären . . . Ich wollte Sie über den Sinn des Lebens

fragen . . .«

 

»Verzeihen Sie, Warwara Ewgrafowna, ich habe gar keine Zeit.«

»Wieso? Ach, wieso denn?«

»Auf Wiedersehen! Ich bitte vielmals um Verzeihung: wir werden dieses

Gespräch ein anderes Mal aufnehmen. Nicht wahr?«

Warwara Ewgrafowna machte einen schüchternen Versuch, ihn

zurückzuhalten, doch er erhob sich entschlossen und reichte ihr seine

parfümierte Hand. Ihr fiel im Augenblick nichts ein, wodurch sie ihn zu bleiben

bewegen konnte; er aber lief ganz verärgert, das Gesicht stolz und gekränkt in den Pelzmantel vergraben, von dannen.