Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 94 von 103

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Petersburg

Die verunglückte Auseinandersetzung

mit der größten Aufmerksamkeit und horchte auf das Ticken der Uhr in seinem

Innern: ein Uhrmechanismus — in einer schweren Sardinenbüchse . . . In der Tat

. . .

Der Gegenstand gefiel ihm nicht . . .

Er trug den Gegenstand, um ihn eingehender zu untersuchen, über den

Korridor in den Salon. Mit seinem über den Gegenstand geneigten Kopf

erinnerte er an ein Häufchen grauer Mäuse; seine Gedanken waren noch immer

mit jenem Typus der Staatsmänner beschäftigt, wie er ihn gerade heute vor sich

gehabt hatte; die Leute von diesem Typus pflegen, um jede Verantwortung von

sich zu wälzen, zu den ödesten Phrasen Zuflucht zu nehmen; wie zum Beispiel:

»Es ist bekannt, daß . . .«, während keinesfalls etwas bekannt ist; oder: »Die

Wissenschaft sagt uns . . .«, während die Wissenschaft uns nichts sagt.

Apollon Apollonowitsch lief mit dem Gegenstand bis zu der Stelle des Salons,

wo das mit Inkrustation verzierte Tischchen stand und hochmütig-steif sich eine

langbeinige Bronze in die Höhe streckte; er legte den schweren Gegenstand auf

ein kleines chinesisches Lacktablett, sein kahler Kopf war nach unten gebeugt;

über ihm aber breitete sich der Lampenschirm aus blaßviolettem, fein bemaltem

Glas.

Doch das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und abgedunkelt war auch die

seine Malerei.

 

Die verunglückte Auseinandersetzung

 

Trotz des Schmerzes, den ihm das Fallen verursachte, erhob sich Nikolai

Apollonowitsch sofort vom Parkettboden des Lichutinschen Arbeitszimmers und

sah sich ängstlich nach einem Verteidigungspunkt um; diesen entdeckte er in

einem schweren eichenen Lehnstuhl, der vor dem Schreibtisch stand, und hinter

diesen flüchtete er; er sah komisch genug aus mit dem bebenden Kinn, den

deutlich zitternden Fingern, von dem einzigen, instinktiven Streben erfüllt —

noch rechtzeitig das Ziel zu erreichen: sich an den Lehnstuhl zu klammern. Hier

würde er dem herannahenden Feinde ausweichen können; nach links, nach

rechts, je nachdem von welcher Seite der Angriff nahen würde.

Oder: er könnte den Lehnstuhl als Waffe benützen; den Feind durch einen

Stoß mit den Stuhlbeinen zu Boden werfen und, ehe dieser sich aufrichtet, das

Fenster erreichen . . .

Schwer atmend und hinkend gelangte er an den Lehnstuhl.

Doch kaum hatte er ihn erfaßt, als er auf seinem Halse den sengenden Atem

des Offiziers verspürte; er drehte sich um und erblickte ein verzerrtes Gesicht

sowie eine gehobene Hand, deren fünf Finger auf seine Schulter niederzufallen

bereit waren; das vor Wut gerötete Gesicht des Rächers starrte ihn mit

versteinertem Blick an; niemand hätte in dieser Physiognomie das harmlose

Gesicht des Offiziers wiedererkannt, der ehedem gleichmütig ein

Zwanzigkopekenstück nach dem anderen als Strafe für dumme Witze an die

Kasse seiner Gattin zahlte. Es war nicht eine Hand mit fünf Fingern, sondern

eine Tatze, die die Schulter zermalmen müßte, wenn sie auf diese niederhieb.

Behende sprang Ableuchow über den Lehnstuhl hinüber.

Die fünffingerige Tatze fiel auf den Lehnstuhl.

Ein Krachen ertönte; der Lehnstuhl stürzte um; eine unmenschliche, gellende

Stimme drang an Ableuchows Ohr:

». . . denn da wird eine Menschenseele vernichtet!«

Eine ungelenke Gestalt jagte hinter der kleinen davoneilenden Figur her; aus

dem geöffneten speichelnden Mund kamen heisere, gurgelnde Laute, wie ein

dünnes Krähen, stimmlos und rot:

»Ich habe mich eingemengt . . . weil . . . verstehen Sie? . . . Diese ganze Sache

. . . Diese Sache . . . das ist . . . Verstehen Sie es? . . . Das ist so etwas . . . Mich

geht es persönlich nichts an . . . Ich bin ein Unbeteiligter . . . Aber — verstehen

Sie? . . .«

Der irrsinnig gewordene Offizier hob über seinem Opfer die nervös zitternden

Fäuste, und während es eine klatschende Ohrfeige erwartete, fuchtelte er mit

ihnen in der Luft; der zu einem Häufchen Muskeln zusammengeschrumpfte

Ableuchow wand und krümmte sich; aus seinem feige fletschenden Munde

kamen stoßweise Worte:

»Ich verstehe es . . . Ich verstehe schon, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .

Beruhigen Sie sich, aber . . . Ich bitte Sie, nicht so laut . . .«

Er glitt in die Ecke und kauerte dort von Schweiß übergossen nieder.

Am liebsten hätte er die Augen geschlossen und sich die Ohren zugestopft,

um ja nicht das halbwahnsinnige, rote Gesicht zu sehen und die krähende,

tonlose Stimme hören zu müssen:

»Aah . . . Eine solche Sache . . . da muß jeder anständige Mensch . . . aah . . .

jeder anständige Mensch . . . muß da eingreifen . . . ohne auf seine Stellung . . .

ohne auf die Etikette zu achten . . .«

Nikolai Apollonowitsch dachte:

»Soll ich jemand zu Hilfe rufen?

Aber wen? Nein, es ist zu spät: noch ein Augenblick, und alles wird zu Ende sein!«

Er öffnete die Augen — und erblickte über sich (er kauerte ja noch immer am

Boden) zwei weit auseinander gespreizte Beine; ohne sich lange zu besinnen,

entschloß er sich: mit fletschendem, gleichsam lachendem Mund, mit flachsweiß

wehenden Haaren schwang er sich zwischen den zwei Beinen hindurch und

rannte wie ein Pfeil zur Tür; doch . . . fünf Finger erfaßten ihn schmachvoll beim

Schoß seines Rockes; sie klammerten sich fest und — knackend riß der kostbare

Stoff entzwei.

»Bleiben Sie doch . . . bleiben Sie doch . . . Ich . . . ich . . . ich . . . töte Sie

doch nicht . . . Bleiben Sie doch . . . Es drohen Ihnen keine Gewalttätigkeiten

. . .?«

Durch einen groben Stoß wurde Nikolai Apollonowitsch wieder in die Ecke

geschoben, so daß er mit dem Rücken an die Wand anschlug; dort in der Ecke

blieb er stehen, schwer atmend, fast weinend über die Garstigkeit der Szene; er

begriff nun: es war nicht Lichutin, der von ihm beleidigte Offizier, der hier tobte,

ja nicht einmal ein von Rachegefühlen gepeitschter Feind, sondern ein

Geistesgestörter, mit dem man nicht reden kann; noch hatte sich der Irrsinnige,

der ja als solcher kolossale Muskelkraft besitzt, nicht über ihn gestürzt; aber er

wird es gleich tun, sicherlich.

Der Irrsinnige aber wandte sich um; ging auf den Fußspitzen zur Tür, und

knacks — wurde der Schlüssel umgedreht; jenseits der Tür hörte man unruhige

Laute, als weine jemand. Dann war alles still. Ein Rückzug war nicht mehr

möglich; außer durchs Fenster.

Schwer atmeten zwei im abgesperrten Zimmer: ein Vatermörder und ein

Halbwahnsinniger.

 

Das Zimmer mit dem abgefallenen Stuck an der Decke war leer; vor der Tür

zum Zimmer des Hausherrn lag ein breiträndiger weicher Hut, von der

Chaiselongue hing ein Stück des phantastischen Überwurfes herunter; als aber

aus dem Arbeitszimmer des Gatten ein Laut wie vom Aufschlagen mit etwas

Schwerem ertönte, öffnete sich die Tür aus Sofja Petrownas Zimmer, und Sofja

Petrowna in Hauspantöffelchen, die Haare wie eine schwarze Kaskade über den

Rücken gleiten lassend, trat hervor, ihr schmales Stirnchen war sichtlich in

Falten gelegt.

Sie näherte sich ganz leise der Tür, kauerte nieder und sah durch das

Schlüsselloch; sie sah: zwei Paar Beine, die sich gegen die Zimmerecke wälzten;

dann sah sie die Beine nicht mehr, wohl aber vernahm sie eine aus der Ecke

kommende, seltsam gurgelnde, krähende, rollend-flüsternde Stimme; und wieder

zeigten sich zwei Beine, die sich gegen die Tür bewegten, dann drehte sich, direkt vor Sofja Petrownas Augen, der Schlüssel um.

Sofja Petrowna begann zu weinen und sprang von der Tür fort; da erblickte

sie eine weiße Schürze und eine Schmetterlingshaube: es war Marwruscha, die

hinter ihrem Rücken stehend sich das schneeweiße Schürzchen vor das Gesicht

hielt und — weinte:

»Was geht denn dort vor? . . . Liebe, gnädige Frau . . .«

»Ich weiß nicht . . . Ich weiß gar nichts . . . Was ist das nur? Was machen sie

dort, Marwruscha?«

 

Der Halbwahnsinnige fuhr fort mit den Händen in der Luft herumzufuchteln; er

flüsterte ununterbrochen etwas und schritt in Diagonalrichtung durch das

schwüle Zimmerchen, von einer Ecke zur anderen. Nikolai Apollonowitsch,

noch immer an der Wand in der Ecke stehend, beobachtete seinen wahnsinnigen

Feind, der ja jeden Augenblick zu einem wilden Tier werden konnte.

Jedesmal wenn die Hand oder der Ellbogen des Wahnsinnigen eine scharfe

Kurve machte, fuhr der an der Wand Stehende zusammen. Aber der besessene

Offizier verfolgte ihn nicht mehr, er ließ sich in den Lehnstuhl nieder und kehrte

seinem Opfer den Rücken zu; seine Ellbogen auf die Knie stützend, den Rücken

gekrümmt, den Kopf tief in den Schultern vergraben, seufzte er und versank in

tiefe Nachdenklichkeit.

Auf einmal stöhnte er:

»Allmächtiger Gott!«

Und wieder ein Stöhnen:

»Steh uns bei und beschütze uns!«

Nikolai Apollonowitsch benutzte dieses stille Delirium.

Er schob sich ein wenig vor und streckte sich; der Offizier wandte sich nicht

um: der Paroxismus schien den Höhepunkt überschritten zu haben und war jetzt

im Abnehmen; lautlos humpelte nun Nikolai Apollonowitsch zum Schreibtisch;

er sah komisch genug aus in elegantem Gehrock mit abgerissenem Schoßteil, mit

glänzenden Gummischuhen an den Füßen und herunterbaumelndem

Kragenschal um den Hals.

Er erreichte den Schreibtisch: hier blieb er einen Augenblick stehen und

horchte auf den Atem und das murmelnde Beten des Geisteskranken; dann

streckte er vorsichtig den Arm und suchte den Briefbeschwerer zu ergreifen; wie

fatal: über dem Briefbeschwerer lag ein ganzer Stoß mit Briefbogen.

Wenn sein Ärmel nur diese nicht streifte!

Aber tückischerweise hat der Ärmel doch das Papier gestreift; die

Papierbogen fuhren auseinander und knisterten verräterisch; das riß den

Leutnant aus seiner Nachdenklichkeit; sein Kopf wandte sich und erblickte Nikolai Apollonowitsch mit vorgestrecktem Arm, den Briefbeschwerer in der

Hand; Nikolai Apollonowitsch blieb das Herz stehen; er sprang vom Tisch

zurück und drückte den Briefbeschwerer fest in der Hand — für alle Fälle.

In zwei Sprüngen war Ssergeij Ssergeijewitsch neben Ableuchow, ließ seine

Hand auf dessen Schulter fallen: »So — nun geht es wieder an.«

»Ich muß Sie um Verzeihung bitten . . . Ich war etwas aufgeregt:

entschuldigen Sie . . .«

»Beruhigen Sie sich . . .«

»Die Sache war aber zu ungewöhnlich . . . Aber um Gottes willen, fürchten

Sie sich doch nicht . . . Warum zittern Sie? . . . Mir scheint, ich flöße Ihnen

Angst ein . . . Ich . . . ich . . . habe Ihnen den Rockschoß abgerissen: das . . .

geschah ohne meinen Willen . . . weil Sie, Nikolai Apollonowitsch, sich vor der

Unterredung drücken wollten . . . Begreifen Sie doch, daß Sie mir in der Sache

eine Erklärung schuldig sind . . .«

»Aber ich bin ja bereit«, empörte sich Nikolai Apollonowitsch. »Über den

Domino sagte ich Ihnen schon auf der Treppe; ich wollte Ihnen gern alles

erklären, aber Sie ließen mich nicht dazu kommen . . .«

»Hmm . . . ja, ja . . .«

»Glauben Sie mir: die Geschichte mit dem Domino liegt nur an der

Übermüdung meiner Nerven; ich habe das Ihnen gegebene Versprechen nicht

überschritten: es war nicht mein freier Wille, daß ich plötzlich im Stiegenhaus

erschien, es war . . .«

»Also wegen des Rockes entschuldigen Sie«, unterbrach ihn Lichutin wieder

und zeigte hiermit aufs neue, daß er einfach ein unzurechnungsfähiger Mensch

war . . . »Der Rockschoß wird Ihnen angenäht; ich mache es, wenn Sie wollen,

selbst: ich habe eine Nadel und Zwirn . . .«

»Das fehlte noch!« Ableuchow sah forschend den Offizier an: der Paroxysmus

schien doch wirklich vorüber zu sein.

»Aber das, Ssergeij Ssergeijewitsch, ist eigentlich . . . Das ist eine Lappalie

. . .«

»Ja, ja: das ist weiter nichts . . .«

»Was unser Thema betrifft: daß ich mich im Stiegenhaus einfand . . .«

»Aber es handelt sich doch gar nicht um das Stehen im Stiegenhaus!« wehrte

geärgert der Offizier ab und begann aufs neue, in Diagonalrichtung durch das

kleine Zimmer zu schreiten.

»Na, ich meine: was Sofja Petrowna betrifft . . .« Mutiger geworden trat

Ableuchow ein wenig aus der Ecke vor.

»Es handelt sich nicht um . . . nicht um . . . Sofja Petrowna,« schrie ihn der

Offizier an, »Sie haben mich vollständig mißverstanden!«

»Aber um was denn?«

»Das ist ja alles — nichts . . . Das heißt — nichts im Vergleich zu der Sache,

um die es geht . . .«

»Was meinen Sie damit?«

»Die Sache ist« — der Offizier blieb vor Ableuchow stehen und saugte sich

mit seinen blutangelaufenen Augen an die erschrockenen Augen seines Partners

fest . . . »die Sache ist, daß Sie nun eingesperrt sind . . .«

»Aber . . . warum bin ich eingesperrt?« Die Hand griff den Briefbeschwerer

fester . . .

»Warum ich Sie eingesperrt habe? Warum ich Sie sozusagen mit Gewalt

hierher gelockt habe? . . . Ha, ha, ha: Das steht in gar keiner Beziehung zum

Domino oder zu Sofja Petrowna . . .«

Durch Ableuchows Kopf ging es: »Er ist total verrückt; er hat alle

Zusammenhänge verloren, er folgt nur krankhaften Assoziationen: er hat, wie es

scheint, doch vor, mich . . .«

Als hätte Ssergeij Ssergeijewitsch seine Gedanken erraten, beeilte er sich, ihn

zu beruhigen, aber das klang eher wie Hohn oder boshafter Spott:

»Ich wiederhole: Sie sind hier in vollständiger Sicherheit. . . Nur der Rock

. . .«

»Der verhöhnt mich!« dachte Nikolai Apollonowitsch, und ein ebenfalls

wahnsinniger Gedanke flog durch sein Hirn: dem Offizier einen Hieb mit dem

Briefbeschwerer auf den Kopf zu versetzen; dem so Betäubten die Hände zu

binden und sich in dieser Weise das Leben zu retten, das er schon deswegen

braucht, weil . . . ja . . . weil ja . . . die Bombe . . . im Schreibtisch noch immer

. . . tickte . . . tickte . . .

»Also Sie werden von hier nicht weggehen . . . Ich aber werde mit einem Brief

von Ihnen, den ich diktiere — mit Ihrer Unterschrift . . . Ich werde dann in Ihre

Wohnung gehen und in Ihrem Zimmer nachsehen . . . Zwar war ich heute schon

dort, habe aber nichts gefunden . . . Ich werde alles durchsuchen, und wenn ich

nichts finde, dann warne ich Ihren Vater . . . denn« — er rieb sich die Stirn —

»es handelt sich nicht um Ihren Vater; es handelt sich um Sie: ja, ja, ja — es

handelt sich einzig und allein um Sie, Nikolai Apollonowitsch!«

Er bohrte sich mit dem knochigen Finger in die Brust und stand, eine

Augenbraue hochgezogen (nur eine Braue hochgezogen) da.

»Das wird nicht geschehen, Nikolai Apollonowitsch! Das wird nie und

nimmer geschehen!«

Und in dem glattrasierten, roten Gesicht spiegelte sich:

— ?

— — ?

Nein, der ist total verrückt!

Sonderbarerweise wurde aber Nikolai Apollonowitsch von diesem

Wahnsinnsdelirium in Spannung versetzt; er horchte auf: Ist es auch wirklich

Delirium? Es scheinen eher, Anspielungen zu sein, unzusammenhängend

ausgesprochene Anspielungen aus etwas; doch — worauf? Am Ende — auf . . .

auf . . . auf?

Ja, ja, ja . . .

»Aber Ssergeij Ssergeijewitsch, wovon reden Sie denn eigentlich?«

Sein Herz hörte auf zu schlagen; er hatte das Gefühl, als umspanne seine Haut

nicht einen Körper, sondern einen Kieselsteinhaufen; und an Stelle des Hirns

hatte er auch nur Kieselsteine.

»Wovon ich spreche? Aber von der Bombe . . .« — Äußerst verwundert trat

Ssergeij Ssergeijewitsch zwei Schritte zurück.

Der Briefbeschwerer entfiel Ableuchows Hand . . .

 

»Ich bin erstaunt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Wie konnten Sie glauben, daß ich

. . . daß ich . . . Wie konnten Sie annehmen, daß ich mich für eine solche

Schufterei hergeben werde . . . Ich bin doch — kein Schurke . . . Ich glaube

doch, kein gänzlich Verworfener zu sein, Ssergeij Ssergeijewitsch.«

Nikolai Apollonowitsch schien nicht weiter sprechen zu können; er wandte

sich ab; nach einer Weile kehrte er wieder sein Gesicht dem Offizier zu.

In der schattigen Ecke zeichnete sich stolz die gekrümmte Figur, — wie es

dem Offizier schien — aus fließenden Helligkeiten, ein schmerzhaft lächelnder

Mund, kornblumenblaue Augen; die flachsweißen Haare wie eine lichte Aureole

um den Kopf; die Stirn glänzend weiß und hoch; empört, beleidigt, schön, stand

er dort, gehoben durch den grellroten Fond der Tapete.

Der seidene Kragenschoner baumelte sehr unangebracht herunter und seinem

Rock fehlte — ach! — die eine Schoßhälfte . . .

So stand er: aus den tiefen Augenhöhlen blickte auf den Offizier eine kalte,

dunkle Leere; sie schmiegte sich an ihn, gab ihm die Empfindung des Eises.

Lichutin schien es, als wäre er mit all seiner physischen Kraft, seinem gesunden

Verstand (denn er glaubte gesunden Verstand zu besitzen), mit all seinem

Edelmut nur — ein Gespenst.

»Aber ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen« — verlegen fuchtelte Lichutin mit

den Händen.

»Ich habe eigentlich«, sagte er ganz beschämt, »gar nicht gezweifelt . . . Ich

muß mich wirklich schämen . . . Ich bin etwas aufgeregt . . . Mir erzählte meine

Frau . . . Man hat ihr einen Zettel aufgenötigt . . . Sie las ihn durch: sie hatte das

Kuvert aus Versehen aufgemacht« — log er dazu und errötete.

Ableuchow klammerte sich schadenfroh an das Gesagte:

»Gewiß: wenn Sofja Petrowna den an mich adressierten Zettel gelesen hat,

dann hatte sie« (er zuckte mit den Achseln) »wohl das Recht gehabt« (seine

Stimme klang hier sehr ironisch), »Ihnen den Inhalt mitzuteilen.« Ganz

hochmütig ließ er die letzten Worte fallen und trat aus der Ecke.

»Ich . . . ich . . . war etwas hitzig gewesen.« Des Offiziers Blick streifte den

abgerissenen Schoßteil.

»Was den Rock betrifft — haben Sie keine Sorge: ich nähe den Schoß selbst

wieder an.«

Aber mit kaum merklichem Lächeln sprach Nikolai Apollonowitsch, stolz und

etwas belehrend:

»Sie wußten nicht, was Sie taten.«

In den tiefblauen Augen lag eine unklare, geheimnisvolle Traurigkeit.

»Also gehen Sie doch, zeigen Sie mich an, wenn Sie mir nicht glauben.«

Und er wandte sich ab.

Die breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen . . . Nikolai

Apollonowitsch brach plötzlich in Weinen aus; aber: Nikolai Apollonowitsch,

der sich von seiner groben, tierischen Angst befreit hatte, gewann völlig Mut; ja

noch mehr: in diesem Augenblick wünschte er sogar, der Leidende zu sein. So

wenigstens empfand er jetzt sich selbst, er empfand sich als einen der Qual

überlieferten Helden; als einen, der vor aller Welt Leiden und Schmach erdulden

mußte; seinen Körper empfand er als — zerquälten Körper; seine Gefühle waren

zerrissen wie sein »Ich«; er erwartete, daß aus seinem zerrissenen »Ich« eine

blendende Helligkeit hervorsprühen und eine liebe Stimme — aus dem Inneren,

wie schon so oft früher — ihm zurufen wird:

»Du hast für mich gelitten: ich wache über dich.«

Aber die Stimme blieb aus. Auch die Helligkeit blieb aus. Es gab nur

Dunkelheit. Auf einmal begriff er, warum die versöhnende Stimme: »Du hast für

mich gelitten«, — ausblieb. Weil er für niemand gelitten hatte, weil er nur für

sich selbst gelitten hat . . . Weil er nur eine widerwärtige Suppe sozusagen, die er

sich selbst eingebrockt, auszulöffeln hatte. Deswegen kam die Stimme nicht und

blieb auch die Helligkeit aus. An Stelle des früheren »Ich« war Dunkelheit.

Deswegen konnte er nicht mehr standhalten: seine breiten Schultern begannen

auf und ab zu gehen.

Er wandte sich ab, er weinte.

»Wirklich,« ertönte hinter ihm eine friedliche, milde Stimme, »ich habe mich

geirrt, ich habe die Sache mißverstanden . . .«

Aber in der Stimme klang auch Ärger; Scham und Ärger. Ssergeij

Ssergeijewitsch biß sich fest auf die Lippen; in seinem Gesicht malte sich ein Kampf zwischen edelsten Gefühlen und häßlichen Erinnerungen; sein Gegner

aber wandte ihm den Rücken zu, weinte und ließ mit sehr unangenehmer

Stimme Worte fallen.

»Sie benutzten Ihre physische Übermacht, um mich . . . vor einer Dame . . .

dahinzuschleifen, wie . . . wie . . .«

Die edlen Gefühle haben die Oberhand gewonnen; mit ausgestreckter Hand

schritt Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin durch das Zimmer; aber Nikolai

Apollonowitsch, der sich umgewandt hatte, sagte mit einer Stimme voll

verhaltener Wut und — ach! — verspätetem Selbstgefühl:

»Wie . . . wie . . . einen Mehlsack . . .«

Hätte auch er die Hand ausgestreckt — Ssergeij Ssergeijewitsch wäre der

glücklichste Mensch, in seinem Gesicht würde sich Milde spiegeln; seine edle

Aufwallung hatte aber in dunkle Leere getroffen.

»Sie wollten sich überzeugen, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . . Daß ich — kein

Vatermörder bin? . . . Nein, nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie hätten sich vorerst

überlegen sollen . . . Sie aber haben mich . . . wie einen . . . einen Mehlsack . . .

Und haben mir den Rock zerrissen . . .«

»Den Rock kann man ausbessern!«

Und ehe Nikolai Apollonowitsch zu sich kam, lief Lichutin zur Tür:

»Marwruscha, einen schwarzen Faden! . . . Eine Nadel!«

Die aufgerissene Tür traf beinahe Sofja Petrowna, die dahintergestanden und

gehorcht hatte; ertappt sprang sie auf die Seite, doch — zu spät; nun stand sie da,

rot wie eine Pfingstrose und maß beide mit wütendem, vernichtendem Blick.

Auf dem Boden, zwischen den drei Dastehenden lag das abgerissene Stück

vom Rock.

»Du . . . Sonetschka . . .«

»Sofja Petrowna! . . .«

»Ich habe Sie gestört? . . .«

»Sieh mal, . . . Nikolai Apollonowitsch . . . hat ein Stück von seinem

Rockschoß verloren . . . Könnte man nicht . . .«

»Beunruhigen Sie sich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte, Sofja

Petrowna . . .«

»Könnte man nicht — ihm diesen annähen?«

Aber Nikolai Apollonowitsch, mit vor Verlegenheit verzerrtem Mund, begab

sich rasch in das Fuji-Jama-Zimmer; er griff nach seinem italienischen

Überwurf, und erst da bemerkte er, daß die Decke in diesem Zimmer beschädigt

war; aus Höflichkeit wandte er das verzerrte Gesicht Sofja Petrowna zu:

»Das Zimmer hat sich etwas verändert . . . An der Decke ist . . . Sie lassen

Reparaturen ausführen?«

»Das war ich, Nikolai Apollonowitsch . . . Ich habe an der Decke gearbeitet.«

Bei sich aber dachte er:

»So, so: in der Nacht ist mir das Erhängen mißlungen, jetzt die

Auseinandersetzung . . .«

Nikolai Apollonowitsch verließ humpelnd den Salon; sein Überwurf glitt ihm

auf einer Seite von der Schulter und zog sich wie eine phantastische Schleppe

hinter ihm her.

 

Von den Notabenen, Fragezeichen, Paragraphen, von der nun letzten Arbeit

erhob sich der kahle Kopf; dann sank er wieder; im Kamin prasselte und lohte

das Feuer; mit boshaft herausforderndem Lächeln und zusammengekniffenen

Augen starrte der kahle Kopf in den Kamin.

Was ist das?

Ein schmerzhaft lächelnder Mund, Augen von kornblumenblauer Farbe, Haare

wie eine lichte Aureole um den Kopf; der Senator erblickte in der Flamme des

Kamins eine Gestalt: Nikolai Apollonowitsch, gekreuzigt, leidend, von

Helligkeit schimmernd; er zeigte mit den Augen auf seine roten Wunden an den

Handflächen; von oben aber schüttete ein beflügelter Erzengel kühlende

Tautropfen über ihn, in die Glut des Kamins . . .

»Er weiß nicht, was er tut . . .«

Plötzlich begann es zu krachen, zu zischen, die Helligkeiten zerrissen und mit

den Funken zerstob die leidvolle Gestalt.

 

Eine Viertelstunde später befahl Apollon Apollonowitsch dem Kutscher,

anzuspannen; eine halbe Stunde danach bestieg er den Wagen und noch in einer

Viertelstunde danach wurde sein Wagen von einer gaffenden Menge im

Weiterfahren behindert; doch: war es wirklich eine nur gaffende Menge?

Es schien etwas vorgefallen zu sein.

Nur durch die dünne Wand des Wagens war Apollon Apollonowitsch von der

rebellischen Menge getrennt; durch die Scheibe sah er lauter Köpfe: Hüte,

Mützen und mandschurische Pelzmützen; ganz in der Nähe erblickte er ein Paar

zornblitzende Augen; er sah den weit aufgerissenen Mund des Lumpenkerls: der

Lumpenkerl sang. Der Lumpenkerl rief ihm zu:

»Steigen Sie nur aus, es gibt keine Durchfahrt mehr.«

Der Stimme des Lumpenkerls gesellten sich weitere von ebensolchen

Lumpenkerlen hinzu.

Da mußte Apollon Apollonowitsch seine Wagentür aufmachen; die

Lumpenkerle sahen, wie ein alter Mann, dessen Oberlippe zitterte, aus dem Wagen stieg und mit der behandschuhten Hand den Rand seines Zylinderhutes