Petersburg
Apollon Apollonowitsch
Apollon Apollonowitsch erholte sich von seinem Herzanfall; er schämte sich
seiner Angst — und trat in den Salon; alle erhoben sich bei seinem Erscheinen
von den Plätzen, und Lubow Aleksejewna ging ihm entgegen; der
Statistikprofessor bewegte sich ruhelos auf seinem Platze und stammelte:
»Ich hatte schon einmal die Ehre gehabt; ich wollte Sie, Apollon
Apollonowitsch, in einer Angelegenheit . . .«
Der Wirtin die Hand küssend, antwortete Apollon Apollonowitsch etwas
trocken:
»Ich bin im Departementsbureau zu sprechen.«
Zerstreut warf inzwischen die Wirtin ihrem Partner zu:
»Und was meinen Sie, bitte . . .«
Da trat ein Neuer ein: ein schweigsames, bewegliches Herrchen mit riesiger
Warze unter der Nase; er winkte wie aufmunternd dem Senator zu, lächelte und
rieb sich die Finger; mit zweideutig sanfter Miene führte er den Senator beiseite:
»Ja, sehen Sie, Apollon Apollonowitsch . . . Der Direktor des N.-
Departements trug mir auf . . . na, wie soll ich es sagen . . . an Sie eine etwas
heikle Frage zu richten . . .«
Weiter konnte man nichts hören; man sah nur, wie das kleine Herrchen etwas
in das blaßgrünliche Ohr flüsterte und plötzlich Apollon Apollonowitsch
ängstlich dazwischenwarf:
»Sprechen Sie also geradeheraus . . . mein Sohn?«
Wieder ein Flüstern; der Senator fragte:
»Der Domino, sagen Sie?«
»Der Domino — ebendieser dort.«
Mit diesen Worten zeigte das lebhafte Herrchen in den Nebenraum, wo der
ruhelose Domino in Rot über das spiegelnde Parkett tanzend dahinglitt.
Der Skandal
Nachdem sie den Brief übergeben hatte, schlich sich Sofja Petrowna von ihrem
Kavalier fort, kraftlos ließ sie sich auf ein weiches Taburett nieder; ihre Arme
und Beine versagten den Dienst.
Was hatte sie gemacht?
Sie sah, wie der rote Domino aus dem Tanzsaal in das Nebenzimmer lief, wie
er dort in einer Ecke das Briefchen entfaltete; um die kleine Schrift besser zu
lesen, schob er seine Maske auf die Stirn; die Spitzen des Bartes legten sich wie
schwarze, flatternde Flügel auf beide Seiten des Kopfes; aus den flatternden
Flügeln aber blickte ein wächsernes, unbewegliches Gesicht mit vorstehenden
Lippen; die Hand bebte, und auch der Brief, den die Finger hielten, zitterte;
kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn.
Der rote Domino sah nicht Madame Pompadour, die ihn aus der Ecke
beobachtete; er ging vollends im Lesen des Briefes auf; da trat plötzlich jemand
herein; der Domino verbarg mit nervöser Bewegung das Billett in den
Atlasfalten; die Maske aber vergaß er herunterzuziehen. Und so stand er da, mit
auf die Stirn geschobener Larve, halboffenem Munde und nichtssehendem Blick.
Vom Tanzen erhitzt, lief ein kleines Mädchen, Kühlung suchend, herein; sie
stieß beinahe in der Tür den liberalen Leiter der Kreisverwaltung um, eilte dann
zum Spiegel, richtete das Bändchen im Haar, schnürte das weiße, seidene
Schuhchen fester und begann mit ihrer Freundin Heimliches zu flüstern.
Umsehend gewahrte sie den roten Domino mit offenem Gesicht und rief:
»Sie sind es also? Guten Abend, Nikolai Apollonowitsch. Wer hätte es nur
gedacht!«
Sofja Petrowna sah, wie schmerzhaft Nikolai Apollonowitsch dem Mädchen
zulächelte; dann verließ er mit scharfem Ruck seinen Platz und ging eilig in den
Saal.
An herumstehenden Masken; und tanzenden Paaren vorbei rannte Nikolai
Apollonowitsch mit zitternden Beinen immer weiter, und hinter ihm her rauschte
der karminrote Atlas, bei dessen Anblick man unwillkürlich an Blut denken
mußte.
Diese Flucht des roten Dominos mit nach oben geschobener Maske, unter der
das Gesicht Nikolai Apollonowitschs zu sehen war, gestaltete sich zu einem
wahren Skandal; die Tanzenden verließen ihre Plätze, die Damen sahen ihm mit
weit aufgerissenen Augen nach. Der Leibhusar Sporyschow ergriff den
laufenden Ableuchow an der Hand und fragte flehend: »Um Gottes willen,
Nikolai Apollonowitsch, was ist geschehen?« — Doch wie ein gehetztes Tier sah
ihn dieser mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck an, versuchte zu lächeln, ohne
daß daraus ein Lächeln wurde, und stürzte, sich losreißend, weiter.
Dieser Zwischenfall im Tanzsaal lenkte auch die Aufmerksamkeit des Salons
auf sich; die schwerfälligen Salonbesucher drängten sich, beschienen vom
bläulichen Lichte, in die Tür, neugierige Blicke in den Tanzsaal richtend. Aus
dieser Gruppe hob sich des Senators kleine, vertrocknete Gestalt mit wie aus papiermachébleichem Gesicht, mit festeingezogenen Lippen und grünlichen,