Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 50 von 103

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Petersburg

Apollon Apollonowitsch

 

 

Apollon Apollonowitsch erholte sich von seinem Herzanfall; er schämte sich

seiner Angst — und trat in den Salon; alle erhoben sich bei seinem Erscheinen

von den Plätzen, und Lubow Aleksejewna ging ihm entgegen; der

Statistikprofessor bewegte sich ruhelos auf seinem Platze und stammelte:

»Ich hatte schon einmal die Ehre gehabt; ich wollte Sie, Apollon

Apollonowitsch, in einer Angelegenheit . . .«

Der Wirtin die Hand küssend, antwortete Apollon Apollonowitsch etwas

trocken:

»Ich bin im Departementsbureau zu sprechen.«

Zerstreut warf inzwischen die Wirtin ihrem Partner zu:

»Und was meinen Sie, bitte . . .«

Da trat ein Neuer ein: ein schweigsames, bewegliches Herrchen mit riesiger

Warze unter der Nase; er winkte wie aufmunternd dem Senator zu, lächelte und

rieb sich die Finger; mit zweideutig sanfter Miene führte er den Senator beiseite:

»Ja, sehen Sie, Apollon Apollonowitsch . . . Der Direktor des N.-

Departements trug mir auf . . . na, wie soll ich es sagen . . . an Sie eine etwas

heikle Frage zu richten . . .«

Weiter konnte man nichts hören; man sah nur, wie das kleine Herrchen etwas

in das blaßgrünliche Ohr flüsterte und plötzlich Apollon Apollonowitsch

ängstlich dazwischenwarf:

»Sprechen Sie also geradeheraus . . . mein Sohn?«

Wieder ein Flüstern; der Senator fragte:

»Der Domino, sagen Sie?«

»Der Domino — ebendieser dort.«

Mit diesen Worten zeigte das lebhafte Herrchen in den Nebenraum, wo der

ruhelose Domino in Rot über das spiegelnde Parkett tanzend dahinglitt.

 

Der Skandal

 

Nachdem sie den Brief übergeben hatte, schlich sich Sofja Petrowna von ihrem

Kavalier fort, kraftlos ließ sie sich auf ein weiches Taburett nieder; ihre Arme

und Beine versagten den Dienst.

Was hatte sie gemacht?

Sie sah, wie der rote Domino aus dem Tanzsaal in das Nebenzimmer lief, wie

er dort in einer Ecke das Briefchen entfaltete; um die kleine Schrift besser zu

lesen, schob er seine Maske auf die Stirn; die Spitzen des Bartes legten sich wie

schwarze, flatternde Flügel auf beide Seiten des Kopfes; aus den flatternden

Flügeln aber blickte ein wächsernes, unbewegliches Gesicht mit vorstehenden

Lippen; die Hand bebte, und auch der Brief, den die Finger hielten, zitterte;

kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Der rote Domino sah nicht Madame Pompadour, die ihn aus der Ecke

beobachtete; er ging vollends im Lesen des Briefes auf; da trat plötzlich jemand

herein; der Domino verbarg mit nervöser Bewegung das Billett in den

Atlasfalten; die Maske aber vergaß er herunterzuziehen. Und so stand er da, mit

auf die Stirn geschobener Larve, halboffenem Munde und nichtssehendem Blick.

Vom Tanzen erhitzt, lief ein kleines Mädchen, Kühlung suchend, herein; sie

stieß beinahe in der Tür den liberalen Leiter der Kreisverwaltung um, eilte dann

zum Spiegel, richtete das Bändchen im Haar, schnürte das weiße, seidene

Schuhchen fester und begann mit ihrer Freundin Heimliches zu flüstern.

Umsehend gewahrte sie den roten Domino mit offenem Gesicht und rief:

»Sie sind es also? Guten Abend, Nikolai Apollonowitsch. Wer hätte es nur

gedacht!«

Sofja Petrowna sah, wie schmerzhaft Nikolai Apollonowitsch dem Mädchen

zulächelte; dann verließ er mit scharfem Ruck seinen Platz und ging eilig in den

Saal.

An herumstehenden Masken; und tanzenden Paaren vorbei rannte Nikolai

Apollonowitsch mit zitternden Beinen immer weiter, und hinter ihm her rauschte

der karminrote Atlas, bei dessen Anblick man unwillkürlich an Blut denken

mußte.

Diese Flucht des roten Dominos mit nach oben geschobener Maske, unter der

das Gesicht Nikolai Apollonowitschs zu sehen war, gestaltete sich zu einem

wahren Skandal; die Tanzenden verließen ihre Plätze, die Damen sahen ihm mit

weit aufgerissenen Augen nach. Der Leibhusar Sporyschow ergriff den

laufenden Ableuchow an der Hand und fragte flehend: »Um Gottes willen,

Nikolai Apollonowitsch, was ist geschehen?« — Doch wie ein gehetztes Tier sah

ihn dieser mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck an, versuchte zu lächeln, ohne

daß daraus ein Lächeln wurde, und stürzte, sich losreißend, weiter.

Dieser Zwischenfall im Tanzsaal lenkte auch die Aufmerksamkeit des Salons

auf sich; die schwerfälligen Salonbesucher drängten sich, beschienen vom

bläulichen Lichte, in die Tür, neugierige Blicke in den Tanzsaal richtend. Aus

dieser Gruppe hob sich des Senators kleine, vertrocknete Gestalt mit wie aus papiermachébleichem Gesicht, mit festeingezogenen Lippen und grünlichen,