Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 23 von 103

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Petersburg

Der schlanke hübsche Trauzeuge

Es gab noch einen unter den Besuchern Sofja Petrownas; einen Offizier,

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; eigentlich war er ihr Gatte; er war irgendwo in

der Proviantverwaltung tätig; frühmorgens verließ er das Haus; vor Mitternacht

erschien er nie wieder; gleich sanft begrüßte er die Besucher und die sozusagen

Besucher; mit derselben Sanftheit sprach er aus Höflichkeit eine »Fifka« und

zahlte eine Münze; oder er nickte bescheiden bei den Worten Revolution —

Evolution, trank eine Tasse Tee und ging in sein Zimmer. Im Grunde genommen

wäre Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den Besuchern wie den sozusagen

Besuchern gern ferngeblieben. Im Grunde genommen hätte er gern die

Spiritistensitzungen bei der Baronin besucht; doch lag es ihm fern, seinen

bescheidenen Wunsch als Gatte geltend zu machen; denn er war kein Despot:

Sofja Petrowna liebte er mit der ganzen Kraft seiner Seele; ja, noch mehr: er

hatte vor zweieinhalb Jahren gegen den Willen seiner Eltern, steinreicher

sibirischer Gutsbesitzer, geheiratet; sein Vater verfluchte ihn deswegen und

entzog ihm das Geld; da trat er, unerwartet für alle, bescheiden in das

Gregorische Regiment ein.

Und noch ein Besucher war da: der schlaue Kleinrusse Lipantschenko; er war

ein sinnlicher Mensch und nannte Sofja Petrowna nicht Engel, sondern

Herzchen; doch hielt er sich in den Grenzen der Höflichkeit und durfte ins Haus

kommen.

Der gutmütige Gatte Sofja Petrownas verhielt sich mild gegen die

revolutionären Freunde seiner teuren Hälfte; gegen ihren mondänen

Bekanntenkreis verhielt er sich mit unterstrichenem Wohlwollen; den

Kleinrussen Lipantschenko aber duldete er bloß.

 

Der schlanke hübsche Trauzeuge

 

Schon am ersten Tage ihres sozusagen »Damendaseins«, während des

Mysteriums der Trauung, als Nikolai Apollonowitsch über dem Haupt ihres

Gatten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den hochfeierlichen Kranz hielt, wurde sie in

quälender Weise von dem hübschen schlanken Trauzeugen überrascht, von der

Farbe seiner unirdischen dunkelblauen Augen, von dem Weiß seines marmornen

Gesichts, von der Göttlichkeit seiner flachsweißen Haare. Nun und . . . Nikolai

Apollonowitsch kam ins Haus der Lichutins: erst einmal in vierzehn Tagen, dann

jede Woche ein-, zwei-, drei-, viermal, dann erschien er täglich. Bald merkte

aber Sofja Petrowna, daß das Gesicht, das gottähnliche, strenge, nur eine Maske war; Grimassen, zielloses Reiben der Hände, schließlich ein unangenehmer