Petersburg
Der schlanke hübsche Trauzeuge
Es gab noch einen unter den Besuchern Sofja Petrownas; einen Offizier,
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; eigentlich war er ihr Gatte; er war irgendwo in
der Proviantverwaltung tätig; frühmorgens verließ er das Haus; vor Mitternacht
erschien er nie wieder; gleich sanft begrüßte er die Besucher und die sozusagen
Besucher; mit derselben Sanftheit sprach er aus Höflichkeit eine »Fifka« und
zahlte eine Münze; oder er nickte bescheiden bei den Worten Revolution —
Evolution, trank eine Tasse Tee und ging in sein Zimmer. Im Grunde genommen
wäre Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den Besuchern wie den sozusagen
Besuchern gern ferngeblieben. Im Grunde genommen hätte er gern die
Spiritistensitzungen bei der Baronin besucht; doch lag es ihm fern, seinen
bescheidenen Wunsch als Gatte geltend zu machen; denn er war kein Despot:
Sofja Petrowna liebte er mit der ganzen Kraft seiner Seele; ja, noch mehr: er
hatte vor zweieinhalb Jahren gegen den Willen seiner Eltern, steinreicher
sibirischer Gutsbesitzer, geheiratet; sein Vater verfluchte ihn deswegen und
entzog ihm das Geld; da trat er, unerwartet für alle, bescheiden in das
Gregorische Regiment ein.
Und noch ein Besucher war da: der schlaue Kleinrusse Lipantschenko; er war
ein sinnlicher Mensch und nannte Sofja Petrowna nicht Engel, sondern
Herzchen; doch hielt er sich in den Grenzen der Höflichkeit und durfte ins Haus
kommen.
Der gutmütige Gatte Sofja Petrownas verhielt sich mild gegen die
revolutionären Freunde seiner teuren Hälfte; gegen ihren mondänen
Bekanntenkreis verhielt er sich mit unterstrichenem Wohlwollen; den
Kleinrussen Lipantschenko aber duldete er bloß.
Der schlanke hübsche Trauzeuge
Schon am ersten Tage ihres sozusagen »Damendaseins«, während des
Mysteriums der Trauung, als Nikolai Apollonowitsch über dem Haupt ihres
Gatten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den hochfeierlichen Kranz hielt, wurde sie in
quälender Weise von dem hübschen schlanken Trauzeugen überrascht, von der
Farbe seiner unirdischen dunkelblauen Augen, von dem Weiß seines marmornen
Gesichts, von der Göttlichkeit seiner flachsweißen Haare. Nun und . . . Nikolai
Apollonowitsch kam ins Haus der Lichutins: erst einmal in vierzehn Tagen, dann
jede Woche ein-, zwei-, drei-, viermal, dann erschien er täglich. Bald merkte
aber Sofja Petrowna, daß das Gesicht, das gottähnliche, strenge, nur eine Maske war; Grimassen, zielloses Reiben der Hände, schließlich ein unangenehmer