Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 70 von 103

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Petersburg

Er riß sich los und begann zu laufen

Die Stufen?

Sie sind mit Gurkenschalen, Straßenkotklumpen und Eierschalen reichlich

bedeckt . . .

 

Er riß sich los und begann zu laufen

 

Alexander Iwanowitsch Dudkin warf einen Blick auf die Treppe, auf den

Hausknecht und die Weibsperson, die sich gerade mit einem neuen

Federunterbett aus der Tür schob; und — merkwürdig: die alltägliche

Einfachheit der Treppe verwischte keinesfalls, was er diese Nacht hier erlebt

hatte; selbst jetzt bei Tageslicht, angesichts der Stufen mit den herumliegenden

Eierschalen, des Hausknechtes, der Weibsperson, der Katze, die auf dem

Fensterbrett das Eingeweide eines Huhns verzehrte, kehrte zu ihm die

überstandene Angst wieder: die Erlebnisse der vorigen Nacht waren —

Wirklichkeit! Und in der bevorstehenden Nacht wird dieses Wirkliche

wiederkehren: die Treppe wird dunkelschattig und schauerlich sein; wieder wird

eine schwarze Gestalt sich an seine Fersen heften; hinter der Tür mit der

Visitenkarte »Sakatilin« wird er wieder hören, wie jemand schmatzend seinen

Speichel schluckt (vielleicht nicht Speichel, sondern Blut) . . .

— Und er wird wieder das bekannte, unglaubliche Wort mit vollständiger

Deutlichkeit vernehmen:

»Ja — ja — ja . . . Ich bin es . . . Ich richte rettungslos zugrunde . . .«

Wo hat er es gehört?

 

Fort von hier! Auf die Straße! . . .

Er müsse weiterschreiten, immerzu schreiten, weit weg von hier sein; er

müsse schreiten bis zur vollständigen Erschöpfung, bis zum vollständigen

Einschlafen des Gehirns; er müsse sich dann vor ein Tischchen in der Schenke

niederlassen und dort schlafen, damit ihn nicht die bösen Träume aufsuchen.

Dann müsse er das Ganze von neuem beginnen: quer und kreuz durch Petersburg

schreiten, sich im Schilf und im hängenden Dunst der Ufer verbergen, in

Erstarrung alles von sich werfen und erst dann zu sich kommen, wenn in den

Vororten die düsteren Lichter angezündet sind.

Alexander Iwanowitsch Dudkin war schon im Begriff, die steinerne Treppe

hinunterzugehen, als er plötzlich stehenblieb; er bemerkte einen Menschen in

schwarzem italienischen Überwurf mit phantastisch gebogenem Hut auf dem

Kopf, der, drei Stufen auf einmal nehmend, das Gesicht gegen den Boden gerichtet einen schweren Stock in der Hand, mit dem er gewaltig fuchtelte, ihm

entgegenrannte.

Sein Rücken bildete einen Bogen.

Dieser seltsame Unbekannte mit dem schwarzen italienischen Überwurf lief in

seiner Eile direkt auf Alexander Iwanowitsch zu; beinahe hat er ihn mit dem

Kopf gegen die Brust gestoßen; als der Unbekannte aber endlich den Kopf

aufgerichtet hat, erblickte Alexander Iwanowitsch Dudkin direkt vor seiner Nase

die todblasse, mit Schweißtropfen bedeckte Stirn des — denken Sie nur! — des

Nikolai Apollonowitsch: er sah die Stirn mit der dicken, pulsierenden Ader; nur

an diesem charakteristischen Zeichen (der hüpfenden Ader) erkannte Alexander

Iwanowitsch Ableuchow; an den wild schielenden Augen sowie der seltsamen,

ausländischen Kleidung hätte er ihn sicher nicht wiedererkannt.

»Guten Tag! Ich bin es; ich komme zu Ihnen.«

Nikolai Apollonowitsch stieß diese Worte rasch, rasch hervor; und — was das

nur heißen sollte! — er stieß sie in drohendem Flüstertone hervor. Ah — ah!

Und wie er nach Luft schnappte! Ohne Alexander Iwanowitsch die Hand zu

reichen, sagte er eilig in drohendem Flüsterton:

»Ich muß Ihnen, Alexander Iwanowitsch, mitteilen, daß ich es — nicht tun

kann.«

»?«

»Sie haben hoffentlich verstanden, was ich nicht tun kann: ich kann nicht und

ich will nicht; kurz — ich tu es nicht.«

»!«

»Es ist eine Absage, eine unwiderrufliche. Das können Sie weiter ausrichten.

Und ich bitte, mich in Ruhe zu lassen . . .«

Auf dem Gesicht Alexander Iwanowitschs malte sich Verlegenheit, ja Angst.

Nikolai Apollonowitsch wandte sich um; seinen schweren Stock in der Hand

schwingend, begann er die Stufen hinunterzulaufen, als wolle er entfliehen.

»Aber warten Sie doch, warten Sie doch!« rief Alexander Iwanowitsch

Dudkin, ihm nacheilend, so daß die Stufen unter seinen Füßen knatternd nach

oben flogen.

»Nikolai Apollonowitsch!«

Im Flur erfaßte er Ableuchows Mantel, doch Nikolai Apollonowitsch riß sich

wieder los. Dann aber sah er sich um; mit leicht zitternder Hand schob er seinen

burschikos sitzenden Hut tiefer in die Stirn und stieß mit gekünstelter Festigkeit

halblaut hervor:

»Das ist sozusagen . . . ekelhaft! . . . Hören Sie?«

Und er rannte mit kleinen Schrittchen über den Hof weiter.

Alexander Iwanowitsch hielt sich einen Augenblick an der Tür fest. Alexander Iwanowitsch wurde von einem Unruhegefühl erfaßt: er wurde ohne