Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 76 von 103

PDF-Seiten

Petersburg

Fort, fort, Tomy!

Dreimaster des Lakaien durchschnitt plötzlich die schwarze, dichte Masse, aus

der lauter Gesang dem Wagen entgegenschlug.

Der Wagen hielt in der Menge.

 

Fort, fort, Tomy!

 

Mais j’espère . . .«

»Sie hoffen?«

»Mais j’espère que oui«, schallte des Ausländers Stimme hinter der Tür.

Die Schritte Alexander Iwanowitschs auf der Holzdiele der Terrasse tönten

absichtlich laut; Alexander Iwanowitsch liebte es nicht zu horchen. Die ins

Zimmer führende Tür war halb offen.

Es wurde immer dunkler — blauer.

Man achtete auf seine Schritte nicht. Alexander Iwanowitsch Dudkin

beschloß, nicht weiter zu horchen, und er überschritt die Schwelle des Zimmers.

Ein schwerer Duft erfüllte hier die Luft: eine Mischung von Parfüm und

scharfer Säure eines Medikamentes.

Soja Sacharowna Fleisch erging sich wie immer in Liebenswürdigkeiten. Sie

gab sich die größte Mühe, einen fremden Besucher zum Bleiben zu bewegen;

der Fremde wehrte aber dankend ab.

Es wurde immer dunkler — blauer.

»Ah, ich freue mich sehr, Sie zu sehen, sehr . . . Es ist furchtbar nett, daß ich

Sie sehe . . . Putzen Sie bitte die Füße ab, und nehmen Sie Ihren Überzieher ab.«

Alexander Iwanowitsch drückte kühl Sojas Hand.

»Ich hoffe, Sie haben einen sehr schönen Eindruck von Rußland gewonnen

. . . Nicht wahr? . . .« wandte sie sich wieder an den Fremden. — »Welcher

Aufstieg!«

Der Franzose trocken:

»Mais j’espère . . .«

Soja Sacharowna Fleisch rieb sich die vollen Händchen und sah mit ihrem

liebkosenden, doch etwas verlegenen Blick bald den Franzosen, bald Alexander

Iwanowitsch an; sie hatte runde Augen, die ihr aus den Augenhöhlen

hervorquollen. Soja Sacharowna mochte etwa an die Vierzig sein; Soja

Sacharowna war eine Brünette mit großem Kopf; ihre festen Wangen waren

emailliert, und der Puder fiel von ihnen herunter.

»Er ist noch nicht da . . . Sie kommen doch zu ihm?« fragte sie wie beiläufig Alexander Iwanowitsch; in dieser flüchtigen Frage verbarg sich eine gewisse

Unruhe; vielleicht verbarg sich darin Feindseligkeit; vielleicht sogar Haß; doch

die Unruhe, Feindseligkeit und der Haß verdeckte der Blick und das

liebenswürdige Lächeln; so verdeckt die klebrige Süßigkeit der Bonbons, die

allenthalben in den Läden verkauft werden, all den Schmutz der ungelüfteten

Räume, wo sie gemacht werden.

»Ich werde auf ihn warten.«

Alexander Iwanowitsch verneigte sich vor dem Franzosen, dann langte er

nach einer der Birnen, die in einer Fruchtschale auf dem Tisch standen; Soja

Sacharowna stellte darauf die Schale etwas weiter weg; Alexander Iwanowitsch

aß Birnen gar zu gern. Soja Sacharowna ließ inzwischen den Franzosen nicht

los:

»Ja, ja, ja: wir erleben Dinge von geschichtlicher Bedeutung . . . Überall Mut

und Jugend . . . Der zukünftige Geschichtsschreiber wird . . . Glauben Sie es

nicht? Besuchen Sie nur die Meetings . . . Hören Sie nur die Reden voll

überschwenglicher Gefühle; sehen Sie sich nur die Begeisterung an . . .«

Der Franzose schien keine Lust zur Fortsetzung des Gesprächs zu haben.

»Pardon, madame, monsieur viendrat il bientôt?«

Um dieses Gespräch, das sonderbarerweise sein nationales Gefühl verletzte,

nicht zu hören, trat Alexander Iwanowitsch ans Fenster, wobei er fast über einen

buschigen Bernhardiner stolperte, der auf dem Boden liegend gemächlich einen

Knochen bearbeitete.

Aus den Fenstern des kleinen Landhauses sah man das Meer: es wurde immer

dunkler — blauer.

Das Auge des Leuchtturms drehte sich im Kreise um; das Licht flimmerte —

eins, zwei, drei! — und es erlosch; der dunkle Mantel eines Passanten flatterte in

der Ferne; noch weiter sah man, wie sich die Wellen wiegten; die Lichter am

Ufer lagen wie verstreute Funkensplitter da; der vieläugige Strand borstete sich

mit seinem Schilf; weit, weit tönte eine Sirene.

Was für ein Wind!

»Bitte, da ist die Aschenschale . . .«

Die Aschenschale blieb vor Alexander Iwanowitschs Nase stehen; doch

Alexander Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch: er warf den

Zigarettenstummel in den Topf des Blumenstocks am Fenster, aus einem

Protestgefühl heraus.

»Wer singt denn da?«

Soja Sacharowna machte eine Geste, aus der hervorging, daß sie den

Fragenden als einen rückständigen Menschen betrachtete.

»So? Das wissen Sie nicht? . . . Ja, gewiß: Sie wissen es eben nicht . . . Also: es ist nämlich Schischnarfijew . . . was das aber heißt — hinter seinen vier

Wänden hocken . . . Schischnarfijew hat sich uns allen sehr angeschlossen . . .«

»Ich habe diesen Namen schon irgendwo gehört . . .«

»Schischnarfijew hat sehr viel Kunstsinn . . .«

Soja Sacharowna sagte die letzten Worte mit solcher Betonung, als hätte

Alexander Iwanowitsch an den künstlerischen Fähigkeiten des genannten

Sängers in unangebrachter Weise Zweifel geäußert. Doch Alexander

Iwanowitsch dachte gar nicht daran, die Talente des Künstlers zu bemäkeln.

Er fragte bloß:

»Ist er Armenier? Bulgare? Georgier?«

»Nein, ach nein . . .«

»Chorwate? Persier?«

»Ja, er ist ein Persier aus Schemacha; er war vor kurzem bei dem Aufruhr in

Ispaganj beinahe umgebracht worden . . .«

»Ah, so: er ist also ein Jungperser?«

»Selbstverständlich . . . Sie wußten es nicht? . . . Schämen Sie sich . . .«

Soja Sacharowna übergoß ihn mit einem verächtlichen Blick und wandte sich

wieder dem Franzosen zu:

Alexander Iwanowitsch hörte der Unterhaltung der beiden nicht zu,

natürlicherweise: er horchte aber auf die hoffnungslos zerrissene Baritonstimme;

der Held Jungpersiens sang eine tiefelegische Romanze, und tiefe Wehmut wehte

von ihr auf Alexander Iwanowitsch. Flüchtig ging es aber Alexander

Iwanowitsch nebenbei durch den Kopf, daß Soja Sacharownas Gesichtszüge den

verschiedensten schönen Frauen entnommen sein konnten: der einen die Nase,

der anderen der Mund, der dritten die Ohren. Zusammen ergaben die Züge

jedoch ein Gesicht, das keinesfalls angenehm wirkte und das nichts weniger als

schön war. Ihrem Typus nach gehörte aber Soja Sacharowna zu den üppigen

orientalischen Brünetten.

Die laut plappernde Stimme Soja Sacharownas drang indessen doch an

Dudkins Ohr:

»Es handelt sich wohl um das Geld?«

Schweigen.

»Das Geld aus dem Auslande wird man wohl benötigen.«

Zur Antwort eine unruhige Handbewegung.

»Nach der Zerstörung der Organisation in T. T. wäre es ratsamer für Ihren

Redakteur, nicht hierherzukommen . . .«

Der Franzose gab keinen Laut von sich.

»Denn es sind Dokumente entdeckt worden . . .«

Alexander Iwanowitsch hörte wieder das elegische Singen des Jungpersers. Inzwischen schien der Franzose die Geduld verloren zu haben. Etwas barsch

sagte er:

»Je serai bien triste d’avoir manqué l’occasion de parler à monsieur.«

»Sie können ebenso mit mir sprechen . . .«

»Excusez, dans certain cas je préfaire parler personnellement . . .«

Ein Busch schlug mit seinen Zweigen an das Fenster.

Zwischen den Zweigen sah man die weiße Gischt der Wellen schimmern,

dämmerig und blau schaukelte ein Segelboot auf den Wellen, und über den

Segeln verdichtete sich blau der Abend.

Die Segel schienen zu entschwinden in diesem dämmernden Blau.

Da hielt plötzlich vor der Gartentür eine Droschke, und ein korpulenter Herr

wälzte sich aus ihr herunter. Die ungelenken Finger der mit einem halben

Dutzend hin und her baumelnder Pakete beschwerten Hand suchten lange im

Portemonnaie herum; eine unterm Arm gehaltene Tüte rutschte dabei nach

unten, und flugs kullerten mehrere schöne Äpfel im Schmutz der Straße.

Der Herr beugte sich, um die Äpfel vom Boden aufzulesen; sein Mantel ging

ihm dabei auf, und er schien schwer zu keuchen; beim Schließen der Gartentür

wären ihm die Pakete beinahe wieder in den Schmutz gefallen.

Endlich schritt er auf dem gelben, von Sträuchern umsäumten Gartenweg dem

Hause zu; sofort verbreitete sich eine drückende Atmosphäre; der mit einer

Ohrenmütze bedeckte geierartige Kopf saß schwer auf den Schultern; die

tiefsitzenden Äuglein aber liefen diesmal nicht unruhig hin und her (wie sie es

immer taten, wenn ein fremder Blick sie traf); die tiefsitzenden Augen blickten

müde und fest zu den Fenstern des Hauses hinüber.

Alexander Iwanowitsch bemerkte sogar in diesen Augen eine besondere,

eigene Freude, zu der sich Müdigkeit und Traurigkeit gesellten — eine rein

tierische Freude, nach der Hetze des Tages bald ausruhen, sich erwärmen und in

ausgiebiger Weise seinen Hunger stillen zu können. So erscheint das Raubtier,

während es in seine Höhle zurückkehrt, zahm und mild und läßt die auch ihm

innewohnende Gutmütigkeit erblicken; es beschnuppert dann wohlwollend sein

Weibchen und leckt die freudig winselnden Jungen ab.

War das er?

Ja, das war er; und er sah diesmal harmlos und prosaisch aus; und doch: es

war er.

 

»Da kommt er auch!«

»Enfin . . .«

»Lipantschenko! . . .«

»Guten Tag . . .«