Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 53 von 103

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Petersburg

Sie vergaß das, was war

»Wer sind Sie doch?«

»Ihr alle verleugnet mich; ich aber folge euch allen. Ihr verleugnet mich, um

dann nach mir zu rufen . . .«

Die lichte Erscheinung half ihr in die Droschke; als sie ihm aber flehend die

zitternden Hände entgegenstreckte, legte er wieder den Finger auf die Lippen

und befahl ihr zu schweigen.

Der Wagen bewegte sich bereits: o, wäre er doch stehengeblieben! Oder wäre

er doch, o, zurückgekehrt — zu jener Stelle, wo soeben noch der Schlanke,

Traurige stand, wo jetzt aber niemand war und nur eine Laterne mit ihrem

grellen, trüben Auge in die Nacht blinkte.

 

Sie vergaß das, was war

 

Sofja Petrowna Lichutina vergaß das, was war. Ihre Zukunft verlor sich in der

schweren, dunklen Nacht. Das Nicht-mehr-gut-zu-Machende nahte sich ihr, das

Nicht-mehr-gut-zu-Machende erfaßte sie.

Mitsamt einem Stück ihrer nahen Vergangenheit löste sich der gestrige Tag

von ihrem Bewußtsein; Unannehmlichkeiten mit dem Gatten;

Unannehmlichkeiten mit Madame Farnoix: als sie tiefer gehen wollte und das

Bewußtsein befragte — da löste sich der gestrige Tag los, wie sich ein Stück

Erde manchmal loslöst; er löste sich los und versank in einer dunklen Tiefe. Man

hörte einen Laut, als würden Steine zerschlagen.

Vor ihr erstand ihre Liebe von diesem unglücklichen Sommer; und auch die

Liebe dieses unglücklichen Sommers löste sich wie alles andere und versank in

einem dunklen Abgrund; und wieder hörte man einen Laut, als würden Steine

zerschlagen. Es erstanden vor ihr, um gleich wieder zu versinken, ihre Gespräche

mit Nikolai Ableuchow; es erstanden — um wieder zu versinken — die Jahre

ihrer Ehe, ihre Brauttage, ihre Hochzeit: eine Leere verschlang diese Stücke ihrer

Erinnerungen, und es tönten Laute, als zerschlüge jemand Steine. Ihr ganzes

Leben flog an ihr vorbei, und dieses ganze Leben versank in einer Tiefe; als

wäre es nie gewesen; als wäre sie selbst — ein noch nicht geborenes

Seelenwesen. Hinter ihrem Rücken bereits begann diese Leere (denn alles war

dort versunken und sank in einen dunklen Grund) und setzte sich in die Ewigkeit

fort; und von den Ewigkeiten her tönte ein Schlag nach dem anderen: dort löste

sich ein Stück nach dem anderen von ihrem Leben und fiel, laut aufschlagend, in

einen dunklen Abgrund . . .

Plötzlich kam Sofja Petrowna zu sich: die Droschke überholend raste ein

Feuerwehrwagen vorbei; ein Helm und eine brennende Fackel blitzten vor ihr

für kurze Augenblicke auf; gleich darauf raste, klappernd und rasselnd, ein

ganzer Feuerwehrzug vorbei.

»Brennt es irgendwo?« wandte sich Sofja Petrowna an den Kutscher.

»Ja, Herrin, wie es scheint, auf den Inseln.«

Das Gefährt hielt nun vor ihrem Hause.

Sofja Petrowna erinnerte sich da an alles: alles stand erschreckend prosaisch

vor ihr. Die Masken erschienen ihr als einfache Spaßmacher; sicher waren es

Bekannte, die auch ihr Haus öfters aufsuchten; der Traurige, Schlanke war wohl

einer von ihren revolutionären Freunden (wie lieb es von ihm war, sie zur

Droschke zu bringen). Geärgert biß sie sich auf die Lippen: wie konnte sie so

ungeschickt ihn mit ihrem Gatten verwechseln? Und ihm sinnlose Bekenntnisse

ins Ohr flüstern über irgendeine Schuld? Jetzt wird dieser unbekannte Bekannte

allen Leuten den Unsinn überbringen, wird die Meinung verbreiten, sie fürchte

sich vor ihrem Manne. Und dieser Klatsch läuft dann durch die ganze Stadt . . .

Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie werden mir gleich für diese unnötige

Schmach bezahlen! . . .

Zornerfüllt stieß sie mit dem Füßchen gegen die Eingangstür; die Tür klappte

mit lautem Krachen hinter ihrem Rücken zu. Finsternis umfing sie, das

Unaussprechliche erfaßte sie wieder für einen Augenblick (so mußte es wohl im

ersten Augenblick nach dem Tode sein). Aber Sofja Petrowna dachte nicht an

den Tod, im Gegenteil, sie dachte an so einfache Dinge. Sie dachte daran, wie sie

Mawruscha gleich befehlen würde, den Samowar aufzutragen, wie sie

inzwischen ihrem Manne eine ordentliche Predigt halten würde (auf so was

verstand sie sich: vier Stunden konnte sie es, ohne Aufatmen, fortsetzen), und

wenn Mawruscha den Tee fertig serviert hatte — dann würde sie sich mit ihrem

Manne versöhnen.

Sofja Petrowna klingelte. Gleich mußte sie den eiligen Schritt Mawruschas

hinter der Tür vernehmen; aber sie hörte diesen eiligen Schritt nicht. Sofja

Petrowna fühlte sich beleidigt und klingelte zum zweitenmal.

Mawruscha schläft natürlich; Sofja Petrowna braucht nur aus dem Hause zu

gehen, da wirft sich die dumme Gans sofort ins Bett . . . Aber auch der Gatte,

Ssergeij Ssergeijewitsch ist großartig: er wartete natürlich seit Stunden voll

Ungeduld auf ihr Kommen, hörte das Läuten und merkte, daß die Bediente

schlief. Und doch rührte er sich nicht! Der Herr ist beleidigt! Na, warte nur!

Du bleibst ohne Versöhnung und ohne Tee! . . .

Sofja Petrowna begann heftig zu läuten, einmal nach dem anderen, die Glocke

prasselte nur so . . . Nichts, niemand! Sie neigte sich mit dem Ohr gegen das Schlüsselloch; und wie sie ihr Ohr lauschend am Schlüsselloch hatte, hörte sie