Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 51 von 103

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Petersburg

Wie aber wenn . . .?

abstehenden Ohren: genau so war er kürzlich auf dem Titelblatt eines

humoristischen Straßenblättchens dargestellt gewesen.

 

Wie aber wenn . . .?

 

Sofja Petrowna Lichutina blieb mitten im Saale stehen.

Erst jetzt wurde ihr ihre furchtbare Rache klar; erst jetzt verstand sie deutlich

den Inhalt des Briefchens: begriff, daß der Brief Nikolai Apollonowitsch

aufforderte, die mit einem Uhrmechanismus versehene Bombe, die sich

angeblich in seinem Schreibtisch befand, gegen — dies war kaum

mißzuverstehen — gegen den Senator zu werfen (denn Apollon Apollonowitsch

wurde allgemein der Senator genannt).

Sofja Petrowna stand verloren mit leicht zur Seite geneigter Taille unter den

Masken und bemühte sich, das Ganze zu begreifen; gewiß, es war ein boshafter

und gemeiner Scherz von jemand, und von ihrer Seite die Lust, ihn durch diesen

Scherz zu erschrecken: er war ja doch . . . der schuftige Feigling. Wie aber, wenn

. . . Nikolai Apollonowitsch wirklich in seinem Tische einen so furchtbaren

Gegenstand liegen hat? Und wenn man das erfährt? Und ihn jetzt gleich

festnehmen wird? . . . Verloren stand Sofja Petrowna unter den Masken, mit

himmelblauer Taille und silbergrauen, üppigen Locken.

Überall hörte man ein Flüstern, ein Murmeln.

»Nein, haben Sie es gesehen? Verstehen Sie es? Was?«

»Ich habe es immer gesagt, ma chère: sein Sohn wird ein Schuft. Und auch

Tante Lise und Mimi und Niklas — sie alle sagten es ebenfalls.«

»Arme Anna Petrowna: ich verstehe sie! . . .«

»Ach, wir verstehen sie alle.«

»Da kommt er selbst, da kommt er . . .«

»Er hat schreckliche Ohren . . .«

»Es heißt, er wird Minister . . .«

»Er wird das Land zugrunde richten . . .«

»Man muß es ihm sagen . . .«

 

Wie aber, wenn . . . wenn Nikolai Apollonowitsch in seinem Schreibtisch eine

Bombe liegen hat? Das kann ja bekannt werden; er kann ja auch selbst einmal

gegen den Tisch stoßen . . . Abends sitzt er vielleicht an diesem Tische vor

einem Buche. Eine Bombe — das ist etwas Rundes, was nicht berührt werden darf. Sofja Petrowna fuhr zusammen. Einen Augenblick lang sah sie deutlich

Nikolai Apollonowitsch vor sich, wie er bei ihr, sich die Hände reibend, vor dem

Teetisch sitzt; auf dem Tisch steht das Grammophon und schleudert gegen sie

leidenschaftliche, italienische Liebeslieder; ach, warum mußten sie sich zanken!

Wozu die alberne Geschichte mit dem Brief, dem Domino und alles andere? . . .

Wie aber, wenn . . . der Brief kein Scherz war, wenn er . . . wirklich verurteilt

ist . . . Nein, nein, nein! Solche Schrecknisse gibt es nicht in der Welt; nicht

einmal unter Tieren fänden sich solche, die einen wahnsinnigen Sohn zwingen

würden, gegen den Vater die Hand zu erheben. Das waren Albernheiten der

Freunde. Wie dumm war sie doch — vor einem einfachen Spaß zu erschrecken!

Aber: auch ihn erschreckte der Scherz der Freunde; er war doch ganz einfach ein

Feigling: auch damals, am Kanal, lief er nicht vor dem Signal des Polizisten

davon?

Er benahm sich damals nicht wie ein Held: er rutschte aus, fiel hin, und so

prosaisch lugte unter dem Atlas die gewöhnliche, graue Hose hervor . . . Und

auch jetzt: er lachte nicht über den naiven Scherz der revolutionären Freunde, er

erkannte die Überbringerin nicht; er rannte durch den Saal ohne Maske, machte

sich zum Lachobjekt aller Herren und Damen. Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch

mußte diesem Feigling eine Lektion erteilen! Ssergeij Ssergeijewitsch muß den

Feigling herausfordern . . .

Der Leutnant! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Leutnant Ssergeij

Ssergeijewitsch führte sich seit dem gestrigen Abend in unanständigster Weise

auf; er brummte sich etwas in den Bart und ballte die Faust; er wagte es, in

bloßer Unterhose zu ihr ins Schlafzimmer zu treten, und wagte es dann, hinter

ihrer Wand bis zum frühen Morgen auf und ab zu schreiten.

Undeutlich fiel ihr das gestrige wahnsinnige Schreien, fielen ihr die

blutangelaufenen Augen ein, die auf den Tisch donnernde Faust: ist Ssergeij

Ssergeijewitsch am Ende vom Wahnsinn befallen worden? Er schien ihr schon

seit langem verdächtig: verdächtig schien ihr seine Schweigsamkeit in den

letzten drei Monaten; verdächtig schien ihr dieser dienstliche Eifer. Ach, sie war

so einsam und arm: und jetzt brauchte sie so sehr eine feste Stütze; wie wünschte

sie, ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hätte sie wie ein Kind in seine

Arme genommen und von hier weggetragen . . .

Sofja Petrowna fuhr zusammen, da sie sich der Geste erinnerte, mit der er ihr

gestern den Abendmantel gereicht und die Tür devot geöffnet hatte. Wie mochte

er hinter ihrem Rücken dann gestanden haben! Wie verächtlich aber hatte sie

ihm ins Gesicht gelacht, und wie sie dann mit leicht gerafftem Panierrock

knicksend an ihm vorbeigegangen war (ach, warum hatte sie nicht auch bei der

Übergabe des Briefes vor Nikolai Apollonowitsch einen Knicks gemacht: das Knicksen stand ihr doch sehr gut!), wie sie sich dann in der Tür umgedreht und