Petersburg
Wie aber wenn . . .?
abstehenden Ohren: genau so war er kürzlich auf dem Titelblatt eines
humoristischen Straßenblättchens dargestellt gewesen.
Wie aber wenn . . .?
Sofja Petrowna Lichutina blieb mitten im Saale stehen.
Erst jetzt wurde ihr ihre furchtbare Rache klar; erst jetzt verstand sie deutlich
den Inhalt des Briefchens: begriff, daß der Brief Nikolai Apollonowitsch
aufforderte, die mit einem Uhrmechanismus versehene Bombe, die sich
angeblich in seinem Schreibtisch befand, gegen — dies war kaum
mißzuverstehen — gegen den Senator zu werfen (denn Apollon Apollonowitsch
wurde allgemein der Senator genannt).
Sofja Petrowna stand verloren mit leicht zur Seite geneigter Taille unter den
Masken und bemühte sich, das Ganze zu begreifen; gewiß, es war ein boshafter
und gemeiner Scherz von jemand, und von ihrer Seite die Lust, ihn durch diesen
Scherz zu erschrecken: er war ja doch . . . der schuftige Feigling. Wie aber, wenn
. . . Nikolai Apollonowitsch wirklich in seinem Tische einen so furchtbaren
Gegenstand liegen hat? Und wenn man das erfährt? Und ihn jetzt gleich
festnehmen wird? . . . Verloren stand Sofja Petrowna unter den Masken, mit
himmelblauer Taille und silbergrauen, üppigen Locken.
Überall hörte man ein Flüstern, ein Murmeln.
»Nein, haben Sie es gesehen? Verstehen Sie es? Was?«
»Ich habe es immer gesagt, ma chère: sein Sohn wird ein Schuft. Und auch
Tante Lise und Mimi und Niklas — sie alle sagten es ebenfalls.«
»Arme Anna Petrowna: ich verstehe sie! . . .«
»Ach, wir verstehen sie alle.«
»Da kommt er selbst, da kommt er . . .«
»Er hat schreckliche Ohren . . .«
»Es heißt, er wird Minister . . .«
»Er wird das Land zugrunde richten . . .«
»Man muß es ihm sagen . . .«
Wie aber, wenn . . . wenn Nikolai Apollonowitsch in seinem Schreibtisch eine
Bombe liegen hat? Das kann ja bekannt werden; er kann ja auch selbst einmal
gegen den Tisch stoßen . . . Abends sitzt er vielleicht an diesem Tische vor
einem Buche. Eine Bombe — das ist etwas Rundes, was nicht berührt werden darf. Sofja Petrowna fuhr zusammen. Einen Augenblick lang sah sie deutlich
Nikolai Apollonowitsch vor sich, wie er bei ihr, sich die Hände reibend, vor dem
Teetisch sitzt; auf dem Tisch steht das Grammophon und schleudert gegen sie
leidenschaftliche, italienische Liebeslieder; ach, warum mußten sie sich zanken!
Wozu die alberne Geschichte mit dem Brief, dem Domino und alles andere? . . .
Wie aber, wenn . . . der Brief kein Scherz war, wenn er . . . wirklich verurteilt
ist . . . Nein, nein, nein! Solche Schrecknisse gibt es nicht in der Welt; nicht
einmal unter Tieren fänden sich solche, die einen wahnsinnigen Sohn zwingen
würden, gegen den Vater die Hand zu erheben. Das waren Albernheiten der
Freunde. Wie dumm war sie doch — vor einem einfachen Spaß zu erschrecken!
Aber: auch ihn erschreckte der Scherz der Freunde; er war doch ganz einfach ein
Feigling: auch damals, am Kanal, lief er nicht vor dem Signal des Polizisten
davon?
Er benahm sich damals nicht wie ein Held: er rutschte aus, fiel hin, und so
prosaisch lugte unter dem Atlas die gewöhnliche, graue Hose hervor . . . Und
auch jetzt: er lachte nicht über den naiven Scherz der revolutionären Freunde, er
erkannte die Überbringerin nicht; er rannte durch den Saal ohne Maske, machte
sich zum Lachobjekt aller Herren und Damen. Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch
mußte diesem Feigling eine Lektion erteilen! Ssergeij Ssergeijewitsch muß den
Feigling herausfordern . . .
Der Leutnant! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Leutnant Ssergeij
Ssergeijewitsch führte sich seit dem gestrigen Abend in unanständigster Weise
auf; er brummte sich etwas in den Bart und ballte die Faust; er wagte es, in
bloßer Unterhose zu ihr ins Schlafzimmer zu treten, und wagte es dann, hinter
ihrer Wand bis zum frühen Morgen auf und ab zu schreiten.
Undeutlich fiel ihr das gestrige wahnsinnige Schreien, fielen ihr die
blutangelaufenen Augen ein, die auf den Tisch donnernde Faust: ist Ssergeij
Ssergeijewitsch am Ende vom Wahnsinn befallen worden? Er schien ihr schon
seit langem verdächtig: verdächtig schien ihr seine Schweigsamkeit in den
letzten drei Monaten; verdächtig schien ihr dieser dienstliche Eifer. Ach, sie war
so einsam und arm: und jetzt brauchte sie so sehr eine feste Stütze; wie wünschte
sie, ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hätte sie wie ein Kind in seine
Arme genommen und von hier weggetragen . . .
Sofja Petrowna fuhr zusammen, da sie sich der Geste erinnerte, mit der er ihr
gestern den Abendmantel gereicht und die Tür devot geöffnet hatte. Wie mochte
er hinter ihrem Rücken dann gestanden haben! Wie verächtlich aber hatte sie
ihm ins Gesicht gelacht, und wie sie dann mit leicht gerafftem Panierrock
knicksend an ihm vorbeigegangen war (ach, warum hatte sie nicht auch bei der
Übergabe des Briefes vor Nikolai Apollonowitsch einen Knicks gemacht: das Knicksen stand ihr doch sehr gut!), wie sie sich dann in der Tür umgedreht und