Petersburg
So geschieht’s immer
»Na ja, und . . . in einem Mantel . . .«
»Alle kommen in Mänteln . . .«
»Ja, aber mit aufgeschlagenem Kragen . . .«
Etwas erleuchtete den Diener.
»Ah, Sie sprechen von dem, der . . .«
»Na ja, von dem . . .«
»Einmal war so einer hier . . . er kam zum jungen Herrn: aber es ist schon
lange her; ja, jawohl . . . der kommt schon hie und da . . .«
»Wie denn?«
»Jawohl, ja!«
»Mit Schnurrbärtchen?«
»Ganz richtig!«
»Mit schwarzem?«
»Mit schwarzem Schnurrbärtchen!«
»Und einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen?«
»Ganz richtig . . .«
Apollon Apollonowitsch stand einen Augenblick wie angewurzelt da, dann
plötzlich ging Apollon Apollonowitsch weiter.
Die Treppe war mit grauem Plüschteppich bedeckt; die Treppe war —
naturgemäß — von schweren Wänden begrenzt; diese Wände waren mit grauen
Plüschteppichen bespannt. An den Wänden blinkten die Ornamente
altertümlicher Waffen, unter einem rostgrünen Schild glänzte das Gold einer
litauischen Mütze; es funkelte der kreuzförmige Griff eines Ritterschwertes; hier
rosteten Schwerter; dort neigten sich, schwer übereinander, Hellebarden; bunt in
seinem Matt zeichnete sich der vielringelige Panzer; und mit dem Sechserlauf
nach unten hing da eine alte Pistole.
Oben über der Treppe befand sich eine Balustrade; eine weiße Niobe hob hier
auf einem Sockel aus mattweißem Alabaster ihre alabasternen Augen gen
Himmel.
Sich mit der knochigen Hand auf den geschliffenen Kristallgriff stützend,
öffnete Apollon Apollonowitsch mit Nachdruck die Tür; kalt klangen in dem
riesigen, übermäßig in die Länge gezogenen Saal seine Schritte.
So geschieht’s immer
Über den leeren Petersburger Straßen schwebten arm beschienene
Undeutlichkeiten; jagend überholten einander abgerissene Wolkenflocken.
Ein phosphoreszierender Fleck flog matt und tot am Himmel; in
phosphoreszierendem Glanz lag neblig des Firmamentes Tiefe, und davon
durchglänzt war das Eisen der Dächer und Rauchfänge. Da floß das grüne
Wasser des Moikakanals, und an einem seiner Ufer erhob sich das dreistöckige
Haus mit seinen fünf weißen Säulen. Dort auf dem lichten Fond des lichten
Gebäudes schritt langsam ein Kürassier Ihrer Majestät: ein goldener, glitzernder
Helm saß auf seinem Kopfe.
Und die silberne Taube über dem Helm breitete weit ihre Flügel aus.
Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, ging, gehüllt in Pelz, über die
Moika; sein Kopf war in den Mantel gesunken, und seltsam leuchteten die
Augen; in der Seele erhoben sich Schauer — die keinen Namen besaßen; in ihr
sang etwas Banges, Süßes.
Er dachte: dies da — ist dies auch Liebe? Er erinnerte sich: es war eine
neblige Nacht, er rannte aus jenem Vestibül dort heraus und lief über die eiserne
Petersburger Brücke, um dort auf der Brücke . . .
Er erbebte.
Eine Lichtgarbe flog an ihm vorüber: ein schwarzer Hofwagen raste vorbei;
an den leuchtenden Fenstervertiefungen jenes Hauses glitten seine roten, wie
blutunterlaufenen Laternen vorbei; in die schwarze, strömende Mainacht gossen
diese Laternen für kurze Augenblicke Spiel hinein und Glanz; der
gespensterhafte Abriß vom Dreimaster des Lakais und der Abriß von flatterndem
Uniformkragen huschten zugleich mit dem Licht aus dem Nebel, um sich im
Nebel zu verlieren . . .
Nikolai Apollonowitsch stand kurze Zeit nachdenklich vor dem Haus; wild
schlug das Herz in seiner Brust — plötzlich verschwand er im wohlbekannten
Vestibül.
In früherer Zeit trat er jeden Abend hier ein; jetzt hat er über zweieinhalb
Monate diese Schwelle nicht betreten; und nun überschritt er sie wie ein Dieb.
Die Entreetür öffnete sich vor ihm, und als sie zufiel, schlug ihn der Laut von
diesem Zuschlagen in den Rücken; Finsternis umfing ihn, als wäre hinter ihm
alles in einen Abgrund versunken (so ist’s wohl im ersten Augenblick nach dem
Tode, wenn von der Seele der Tempel des Körpers in den Abgrund des
Verwesens hinabsinkt); doch an den Tod dachte jetzt Nikolai Apollonowitsch
nicht — fern war der Tod; auf die kalten Stufen setzte er sich hin, vor die Tür
einer Wohnung, das Gesicht vergraben in den Pelz, und horchte auf das Klopfen
seines Herzens; schwarze Leere lag hinter seinem Rücken; schwarze Leere
breitete sich vor ihm.
So saß Nikolai Apollonowitsch im Dunkel.
Ein weiblicher Schatten, das Gesicht im kleinen Muff vergraben, lief über die
Moika und näherte sich ebendemselben Haus, wo auf der kalten Stufe hinter der
Tür Nikolai Apollonowitsch saß. Die Tür ging auf und schlug hinter ihr zu;
Finsternis umfing sie, als wäre alles hinter ihr in einen Abgrund versunken; die
kleine schwarze Dame dachte an so einfache, irdische Dinge, nun wird sie gleich
die Teemaschine auftragen lassen; sie führte schon die Hand an die Glocke, und
da — sah sie: eine Gestalt, wie es schien, eine Maske erhob sich vor ihr von den
Stufen.
Als die Wohnungstür aufging und in das Dunkel des Stiegenhauses sich für
einen Augenblick eine Lichtwelle ergoß, bestätigte der Schrei des
Stubenmädchens die Wunderlichkeit der Erscheinung. In der hellen Beleuchtung
erschien ein Bild von unbeschreiblicher Seltsamkeit, und die schwarze Gestalt
der kleinen Dame rannte durch die geöffnete Tür.
Hinter ihrem Rücken aber erhob sich im Dunkel seidenrauschend ein
dunkelflammenroter Bajazzo mit bärtigem, zappelndem Lärvchen.
Lautlos und langsam glitt von den Schultern über den rauschenden Atlas der
Pelzmantel hinunter, zwei rote Arme streckten sich sehnsüchtig gegen die Tür.
Aber die Lichtgarbe zerschneidend, schloß sich die Tür und stieß das
Stiegenhaus zurück in die Leere, ins Dunkel.
Eine Sekunde später lief Nikolai Apollonowitsch auf die Straße hinaus; aus den
Falten seines Mantels quoll ein Stück roter Seide hervor; die Nase in den
Studentenmantel vergraben, galoppiert Nikolai Apollonowitsch Ableuchow in
die Richtung der Brücke.
Ende des ersten Kapitels.