Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 18 von 103

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Petersburg

So geschieht’s immer

»Na ja, und . . . in einem Mantel . . .«

»Alle kommen in Mänteln . . .«

»Ja, aber mit aufgeschlagenem Kragen . . .«

Etwas erleuchtete den Diener.

»Ah, Sie sprechen von dem, der . . .«

»Na ja, von dem . . .«

»Einmal war so einer hier . . . er kam zum jungen Herrn: aber es ist schon

lange her; ja, jawohl . . . der kommt schon hie und da . . .«

»Wie denn?«

»Jawohl, ja!«

»Mit Schnurrbärtchen?«

»Ganz richtig!«

»Mit schwarzem?«

»Mit schwarzem Schnurrbärtchen!«

»Und einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen?«

»Ganz richtig . . .«

Apollon Apollonowitsch stand einen Augenblick wie angewurzelt da, dann

plötzlich ging Apollon Apollonowitsch weiter.

Die Treppe war mit grauem Plüschteppich bedeckt; die Treppe war —

naturgemäß — von schweren Wänden begrenzt; diese Wände waren mit grauen

Plüschteppichen bespannt. An den Wänden blinkten die Ornamente

altertümlicher Waffen, unter einem rostgrünen Schild glänzte das Gold einer

litauischen Mütze; es funkelte der kreuzförmige Griff eines Ritterschwertes; hier

rosteten Schwerter; dort neigten sich, schwer übereinander, Hellebarden; bunt in

seinem Matt zeichnete sich der vielringelige Panzer; und mit dem Sechserlauf

nach unten hing da eine alte Pistole.

Oben über der Treppe befand sich eine Balustrade; eine weiße Niobe hob hier

auf einem Sockel aus mattweißem Alabaster ihre alabasternen Augen gen

Himmel.

Sich mit der knochigen Hand auf den geschliffenen Kristallgriff stützend,

öffnete Apollon Apollonowitsch mit Nachdruck die Tür; kalt klangen in dem

riesigen, übermäßig in die Länge gezogenen Saal seine Schritte.

 

So geschieht’s immer

 

Über den leeren Petersburger Straßen schwebten arm beschienene

Undeutlichkeiten; jagend überholten einander abgerissene Wolkenflocken.

Ein phosphoreszierender Fleck flog matt und tot am Himmel; in

phosphoreszierendem Glanz lag neblig des Firmamentes Tiefe, und davon

durchglänzt war das Eisen der Dächer und Rauchfänge. Da floß das grüne

Wasser des Moikakanals, und an einem seiner Ufer erhob sich das dreistöckige

Haus mit seinen fünf weißen Säulen. Dort auf dem lichten Fond des lichten

Gebäudes schritt langsam ein Kürassier Ihrer Majestät: ein goldener, glitzernder

Helm saß auf seinem Kopfe.

Und die silberne Taube über dem Helm breitete weit ihre Flügel aus.

Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, ging, gehüllt in Pelz, über die

Moika; sein Kopf war in den Mantel gesunken, und seltsam leuchteten die

Augen; in der Seele erhoben sich Schauer — die keinen Namen besaßen; in ihr

sang etwas Banges, Süßes.

Er dachte: dies da — ist dies auch Liebe? Er erinnerte sich: es war eine

neblige Nacht, er rannte aus jenem Vestibül dort heraus und lief über die eiserne

Petersburger Brücke, um dort auf der Brücke . . .

Er erbebte.

Eine Lichtgarbe flog an ihm vorüber: ein schwarzer Hofwagen raste vorbei;

an den leuchtenden Fenstervertiefungen jenes Hauses glitten seine roten, wie

blutunterlaufenen Laternen vorbei; in die schwarze, strömende Mainacht gossen

diese Laternen für kurze Augenblicke Spiel hinein und Glanz; der

gespensterhafte Abriß vom Dreimaster des Lakais und der Abriß von flatterndem

Uniformkragen huschten zugleich mit dem Licht aus dem Nebel, um sich im

Nebel zu verlieren . . .

Nikolai Apollonowitsch stand kurze Zeit nachdenklich vor dem Haus; wild

schlug das Herz in seiner Brust — plötzlich verschwand er im wohlbekannten

Vestibül.

In früherer Zeit trat er jeden Abend hier ein; jetzt hat er über zweieinhalb

Monate diese Schwelle nicht betreten; und nun überschritt er sie wie ein Dieb.

Die Entreetür öffnete sich vor ihm, und als sie zufiel, schlug ihn der Laut von

diesem Zuschlagen in den Rücken; Finsternis umfing ihn, als wäre hinter ihm

alles in einen Abgrund versunken (so ist’s wohl im ersten Augenblick nach dem

Tode, wenn von der Seele der Tempel des Körpers in den Abgrund des

Verwesens hinabsinkt); doch an den Tod dachte jetzt Nikolai Apollonowitsch

nicht — fern war der Tod; auf die kalten Stufen setzte er sich hin, vor die Tür

einer Wohnung, das Gesicht vergraben in den Pelz, und horchte auf das Klopfen

seines Herzens; schwarze Leere lag hinter seinem Rücken; schwarze Leere

breitete sich vor ihm.

So saß Nikolai Apollonowitsch im Dunkel.

Ein weiblicher Schatten, das Gesicht im kleinen Muff vergraben, lief über die

Moika und näherte sich ebendemselben Haus, wo auf der kalten Stufe hinter der

Tür Nikolai Apollonowitsch saß. Die Tür ging auf und schlug hinter ihr zu;

Finsternis umfing sie, als wäre alles hinter ihr in einen Abgrund versunken; die

kleine schwarze Dame dachte an so einfache, irdische Dinge, nun wird sie gleich

die Teemaschine auftragen lassen; sie führte schon die Hand an die Glocke, und

da — sah sie: eine Gestalt, wie es schien, eine Maske erhob sich vor ihr von den

Stufen.

Als die Wohnungstür aufging und in das Dunkel des Stiegenhauses sich für

einen Augenblick eine Lichtwelle ergoß, bestätigte der Schrei des

Stubenmädchens die Wunderlichkeit der Erscheinung. In der hellen Beleuchtung

erschien ein Bild von unbeschreiblicher Seltsamkeit, und die schwarze Gestalt

der kleinen Dame rannte durch die geöffnete Tür.

Hinter ihrem Rücken aber erhob sich im Dunkel seidenrauschend ein

dunkelflammenroter Bajazzo mit bärtigem, zappelndem Lärvchen.

Lautlos und langsam glitt von den Schultern über den rauschenden Atlas der

Pelzmantel hinunter, zwei rote Arme streckten sich sehnsüchtig gegen die Tür.

Aber die Lichtgarbe zerschneidend, schloß sich die Tür und stieß das

Stiegenhaus zurück in die Leere, ins Dunkel.

 

Eine Sekunde später lief Nikolai Apollonowitsch auf die Straße hinaus; aus den

Falten seines Mantels quoll ein Stück roter Seide hervor; die Nase in den

Studentenmantel vergraben, galoppiert Nikolai Apollonowitsch Ableuchow in

die Richtung der Brücke.

 

Ende des ersten Kapitels.