Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 85 von 103

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Petersburg

Ich gehe einfach so . . . und störe niemand

»Gehe . . .«

»Begehe keine Sünden . . .«

 

Nein, er wird keine Antwort bekommen.

Gewiß, er wird keine Antwort von dem Traurigen bekommen, denn es gibt

jetzt noch keine Antwort: die Antwort wird später kommen — in einer Stunde

vielleicht, in einem Jahr, in fünf Jahren; vielleicht noch später — in hundert, in

tausend Jahren; aber eine Antwort wird kommen! Jetzt aber würde der Traurige

und Schlanke, den er nie vorher im Traum gesehen, der ein Unbekannter, doch

kein einfacher Unbekannter, sondern ein geheimnisvoller Unbekannter war —

jetzt würde dieser Traurige und Schlanke ihn nur ansehen und den Finger auf

den Mund legen. Ohne sich umzusehen, ohne stehenzubleiben würde er weiter

durch den Straßenschmutz gehen . . .

Und würde in dem Straßenschmutz verschwinden . . .

 

Aber ein Tag wird kommen.

Und all das wird sich in einem kurzen Augenblick ändern. Und alle

unbekannten Passanten — alle, die im Augenblick der tödlichen Gefahr

aneinander vorbeigegangen waren (irgendwo in einem schmalen Gäßchen), alle,

deren unaussprechliche Blicke von diesem kommenden Augenblick gesprochen

hatten und die dann in der Unermeßlichkeit verschwunden waren — alle, alle

werden sie sich finden!

Die Freude dieser Begegnung wird ihnen niemand nehmen.

 

Ich gehe einfach so . . . und störe niemand

 

Was ist das mit mir?« dachte Nikolai Apollonowitsch, »ich versank zu sehr

unrechter Zeit in Träumereien.«

Es war keine Zeit zu verlieren . . . Die Zeit vergeht, inzwischen tickt die

Sardinenbüchse noch immer. Das beste wäre: an den Schreibtisch zu gehen, das

Ganze in ein Papier einschlagen, in die Tasche stecken und dann — zur Newa

. . .

Er wandte bereits die Augen von dem Riesenbau, vor dem unter den

steinernen Balkons der Unbekannte mit aufgespanntem Regenschirm stand;

wieder ergoß sich der dicke Körperbrei mit den vielen Füßen an ihm vorbei —

der Brei aus menschlichen Körpern, der hier immer floß, im Frühling, im

Sommer, im Winter: der Brei aus immer gleichen Körpern.

Aber er hielt es nicht aus und sah wieder hin.

Der Unbekannte hatte sich nicht vom Platz gerührt; er wartete offenbar,

ebenso wie Nikolai Apollonowitsch; wartete, bis der Regen aufhört; plötzlich

rührte er sich, plötzlich schloß er sich dem Menschenstrom an; den Paaren und

den Gruppen; er verschwand hinter einem blanken, lackierten Dreimaster; nur

sein Regenschirm ragte hilflos hervor.

»Du solltest dich abwenden und weitergehen! Hol’ ihn der Kuckuck, den

Unbekannten, was geht er dich an?«

Kaum hatte er es gedacht, tauchte die Schirmmütze, die ihn so gefesselt hatte,

hinter dem blanken Dreimaster und den sich rasch vorbeiziehenden Schultern

wieder auf; in Gefahr, unter eine Droschke zu kommen, lief der Unbekannte quer

über die Straße; komisch streckte er seinen Regenschirm vor, den der Wind ihm

aus der Hand zu reißen drohte.

Wie sollte er sich jetzt abwenden? Wie jetzt fortgehen?

»Was will er?« dachte Nikolai Apollonowitsch und war, unerwartet für sich

selbst, darüber verwundert.

»Ah, so sieht er also aus!«

In der Nähe verlor der Unbekannte sehr an Interesse; aus der Entfernung hatte

er imposanter ausgesehen; geheimnisvoller, trauriger; seine Bewegungen waren

langsamer.

»He! bitte: er sieht ja ganz idiotisch aus! Diese Mütze, nein diese Mütze! Wie

er auf seinen Kranichbeinen dahintrippelt! Die Schöße des schäbigen

Mäntelchens flattern hin und her, der Schirm mit Löchern, und die

Gummischuhe sind viel zu groß . . .«

Nikolai Apollonowitsch empfand etwas wie Feindseligkeit gegen den

Fremden; erst wollte er ihn vorbeilassen, dann änderte er seine Taktik und rührte

sich nicht vom Platz, um dem anderen nicht etwa den Weg frei zu, machen; so

stießen sie direkt aufeinander; Nikolai Apollonowitsch machte eine erstaunte

Miene, der andere zeigte sich gleichgültig; sonderbar: die durchfrorene, große

Hand (mit Gänsehaut bedeckt) berührte die Mütze; eine hölzerne, heisere

Stimme hämmerte entschlossen:

»Ni—ko—lai A—pol—lo—no—witsch!! . . .«

Da erst merkte Nikolai Apollonowitsch, daß der Unbekannte, der ihn fast

überrannt hatte (offensichtlich ein gewöhnlicher Kleinbürger), um den Hals

einen Verband trug (wahrscheinlich eines, Furunkels wegen, die ja gewöhnlich

dort ihren Sitz nehmen, wo sie am meisten störend empfunden werden: am Hals,

am Schulterblatt oder an einer nicht näher zu bezeichnenden Stelle! . . .).

Doch seine Betrachtungen über die tückischen Eigenschaften der Furunkel

wurden unterbrochen:

»Sie scheinen mich nicht zu erkennen!«

(Ei, ei!)

»Mit wem hab’ ich die Ehre?« hatte schon Nikolai Apollonowitsch mit etwas

beleidigter Miene begonnen, aber er sah aufmerksamer den Unbekannten an, riß

dann plötzlich den Hut vom Kopfe und rief mit entstelltem Gesicht:

»Nein . . . Sind Sie es wirklich? . . .«

Gewiß, in dem zufälligen Passanten, der wie ein Bettler aussah, war nicht

leicht Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin zu erkennen; denn erstens war jetzt

Lichutin in Zivilkleidung, die ihm ungefähr so paßte wie der Kuh ein Sattel; und

dann — sieh mal einer her! — war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin bartlos.

Das war die Hauptsache: an Stelle des welligen runden Bartes trat ein

unangebrachtes, ein wenig unsauberes Nichts hervor; und — was ist nur mit dem

Schnurrbart geworden? Diese haarlose Stelle zwischen Nase und Lippe war es

eben, die das wohlbekannte Gesicht zu einem völlig fremden, zu einem

unangenehmen Nichts machte.

Das Verschwinden des eigens Lichutin gehörenden Bartes, des eigens Lichutin

gehörenden Schnurrbartes verlieh dem Leutnant den erschütternden Ausdruck

eines Idioten:

»Nein, entweder versagen meine Augen . . . oder . . . Sie scheinen, Ssergeij

Ssergeijewitsch . . .«

»Ganz richtig: ich bin in Zivil . . .«

»Das mein’ ich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Das nicht . . . Nicht das

erstaunt mich . . . es ist aber immerhin etwas erstaunlich . . .«

»Was ist erstaunlich?«

»Sie haben sich ganz verwandelt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte Sie

vielmals um Verzeihung . . .«

»Das sind Kleinigkeiten . . .«

»O, gewiß . . . Ich sage es nur so . . . Ich wollte nur sagen, daß Sie sich den

Bart abgenommen haben . . .«

»Was ist dabei?« sagte etwas gereizt Lichutin, »Den Bart abgenommen!

Warum auch nicht? . . . Ja, ich habe mir den Bart abgenommen . . . Diese Nacht

habe ich nicht geschlafen . . . Warum dürfte ich mir da nicht den Bart

wegrasieren? . . .«

In der Stimme des Leutnants Lichutin klang seltsamerweise eine gewisse

Erbostheit, eine Rauheit, die mit dem bartlosen Gesicht wenig harmonierte.

»Ja, ich habe mich rasiert . . .«

»Natürlich, natürlich . . .«

»Hol’s der Kuckuck!« regte sich noch immer Lichutin auf, »Ich quittiere eben

den Dienst . . .«

»Warum quittieren Sie? . . . Wieso? . . .«

»Aus privaten Gründen, die nur mich allein angehen . . . Uns gehen diese

Lappalien nichts an, Nikolai Apollonowitsch . . . Uns gehen unsere privaten

Angelegenheiten nichts an . . .«

Hier rückte Leutnant Lichutin näher an Ableuchow heran.

»Übrigens gibt es Angelegenheiten, die . . .«

Mit dem Rücken die Vorübergehenden stoßend, begann Nikolai

Apollonowitsch zurückzuweichen.

»Es gibt Angelegenheiten, Ssergeij Ssergeijewitsch, die . . .?«

»Angelegenheiten, die, mein Herr . . .«

In der heiseren Stimme des Leutnants merkte Nikolai Apollonowitsch deutlich

unheimliche Noten; es schien ihm, als bemühte sich der Offizier, seine Hand zu

erhaschen.

»Sie sind erkältet?« änderte Ableuchow brüsk das Thema und stieg vom

Trottoir herunter; zur Erklärung seiner Worte berührte Ableuchow seinen

eigenen Hals und deutete damit auf den Halsverband des Offiziers hin, auf eine

mögliche Halsentzündung oder Grippe.

Ssergeij Ssergeijewitsch aber wurde rot, sprang schnell vom Trottoir herunter

und bemühte sich um jeden Preis, an Ableuchow heranzukommen, um . . . um

. . . um . . . Ein paar Passanten blieben stehen und sahen zu:

»Ni—ko—lai Apol—lono—witsch! . . .«

»?«

»Ich habe Sie wahrhaftig nicht deswegen eingeholt, damit Sie — von dem

Hals . . . und weiß der Teufel wovon reden . . .«

Es blieb ein dritter, dann ein fünfter, ein zehnter Passant stehen, wohl in der

Meinung, daß ein Taschendieb gefangen wurde.

»Das gehört gar nicht zur Sache . . .«

Ableuchows Aufmerksamkeit war aufs äußerste geschärft, er dachte bei sich:

»So—so—so? . . . Was gehört denn eigentlich zur Sache?«

Lichutin ausweichend, befand er sich nun wieder auf dem Trottoir.

»Um was handelt es sich also?«

Wo war nur sein Gedächtnis?

Die Angelegenheit mit dem Offizier schien ernst zu werden. Ja: der Domino!

Zum Teufel! Er hatte die Geschichte mit dem Domino gänzlich vergessen; jetzt

erst fiel sie ihm wieder ein.

»Es gibt was, es gibt was . . .«

Sofja Petrowna Lichutina hat sicher über den Vorfall im dunklen Entree und

vorher am Kanal geplaudert.

Das ist wohl die Angelegenheit, mit der ihn Lichutin jetzt bedrängte.

»Das hatte noch gefehlt . . . Ach, zum Teufel, auch das noch jetzt, auch das

noch . . .«

Plötzlich wurde alles ganz trüb.

Der Hutstrom wurde dunkel; rachsüchtig glänzten die Zylinder; wieder sprang

die Kleinbürgermasse überall vor; in Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen,

Hahn- und Hühnernasen, grünliche, blaurote und mit Warzen geschmückte;

ausdruckslose, eilige, große Nasen.

Vor Lichutins Blick ausweichend überflog Nikolai Apollonowitsch sie alle mit

den Augen und wandte sich dann dem Schaufenster zu.

Inzwischen hatte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin sich Ableuchows Hand

bemächtigt und hielt sie, halb drückend, halb knetend, in der seinen; während

sich allmählich ein Kreis von Neugierigen um sie versammelt hatte, trommelte

seine hölzerne Fistel unaufhaltsam weiter:

»Ich . . . ich . . . ich . . . erlaube mir, Ihnen zu versichern, daß ich . . . Sie schon

seit dem Morgen . . .«

»?«

»Ich suche Sie . . .«

»War schon überall — auch in Ihrer Wohnung . . . Wurde in ihr Zimmer

geführt . . . Bin dort lange gesessen . . . habe einen Zettel hinterlassen . . .«

»Ach, wie ärgerlich . . .«

»Aber«, unterbrach ihn der Offizier, »die Angelegenheit ist sehr wichtig, ein

unaufschiebbares, geschäftliches Gespräch . . .«

»So? Nun beginnt es«, hüpfte es durch Ableuchows, Kopf, und er erblickte

zugleich im großen Fenster sein Spiegelbild zwischen Schirmen, Stöcken,

Handschuhen und allerlei ähnlichen Dingen.

Inzwischen heulte und tanzte durch den Newskij-Prospekt der kalte Wind, und

die Regentropfen fielen wie Schrotkerne auf die Schirme, auf die ernst

gebeugten Rücken, raunten und flüsterten und übergossen die Haare und die

erstarrten Hände der Kleinbürger, der Arbeiter, der Studenten mit ihrem kalten

Naß.

»Ich habe eine Angelegenheit mit Ihnen . . . Ich will sagen — eine Sache, die

keine Verzögerung duldet, die aufgeklärt werden muß; ich forschte überall nach,

wo ich Sie treffen könnte; zu diesem Zwecke besuchte ich auch . . . wie heißt sie

nur? . . . unsere gemeinsame Bekannte — Warwara Ewgrafowna . . .«

»Ssolowjowa? . . .«

»Ganz richtig . . . Mit Warwara Ewgrafowna hatte ich eine sehr unangenehme

Auseinandersetzung — Ihretwegen . . . Sie verstehen mich? . . . Um so

schlimmer . . . Wovon sprach ich aber? . . . Ja, diese Warwara Ewgrafowna

Ssolowjowa (die habe ich übrigens eingesperrt) gab mir die Adresse eines Ihrer Freunde . . . Dudkin, glaube ich. Es ist übrigens gleich . . . Ich ging nun nach

dieser Adresse; aber gerade während ich den Hof betreten hatte, sah ich Sie aus

dem Hause kommen. Sie liefen eilig weiter, und Sie waren nicht allein; mit

Ihnen war ein mir unbekannter Herr . . . Lassen Sie es: Nomina sunt odiosa . . .

Sie sahen sehr erregt aus, der Herr aber . . . der Herr . . . Nomina sunt odiosa . . .

sah kränklich aus . . . Ich wollte Ihre Unterhaltung mit dem Herrn nicht stören

. . . Verzeihung, Sie können den Namen des Herrn durchaus für sich behalten

. . .«

»Ssergeij Ssergeijewitsch, ich . . .«

»Warten Sie! . . . Ich traute mich nicht, Ihre Unterhaltung zu stören, obwohl

ich Sie — aufrichtig gestanden — mit solcher Mühe gefunden hatte . . . Nun

also, ich folgte Ihnen; natürlich in gewisser Distanz, um nicht zufällig

Ohrenzeuge Ihres Gesprächs zu werden: ich liebe es nicht, die Nase in fremde

Angelegenheiten zu stecken, Nikolai Apollonowitsch . . . Aber davon später . . .«

Hier wurde Lichutin nachdenklich, er sah sich, weiß Gott warum, um und

verlor sich mit dem Blick in der Ferne des Newskij-Prospektes.

»Ich verfolgte Sie . . . bis zu dem Platz dort . . . Sie unterhielten sich immerzu

miteinander . . . Ich folgte Ihnen und ärgerte mich ein wenig, offen gesagt . . .«

— »Halt!« — unterbrach er plötzlich seinen Worterguß — »hören Sie nichts?«

»Nein . . .«

»Tsss . . . Horchen Sie . . .«

»Aber was eigentlich? . . .«

»Ein Ton . . . Ein U-Ton . . . Dort . . . Von dort kommt er . . .«

Nikolai Apollonowitsch wandte den Kopf; merkwürdig: wie eilig die

Droschken plötzlich vorbeirasten, und alle in eine Richtung; die Fußgänger

beschleunigten die Schritte (und stießen die beiden immerfort); manche drehten

sich um und sahen zurück; sie stießen dabei auf die Entgegenkommenden; das

Gleichgewicht des Verkehrs war gestört worden. Nikolai Apollonowitsch sah auf

alle Seiten und hörte Lichutin gar nicht zu.

»Sie blieben dann schließlich allein und lehnten gegen eine Vitrine; da begann

es auch zu regnen . . . Ich lehnte mich auch auf der anderen Seite der Straße

gegen eine Vitrine . . . Sie sahen mich fest an, taten aber, als merkten Sie mich

nicht.«

»Ich erkannte Sie nicht . . .«

»Ich grüßte Sie aber . . .«

»Also,« dachte geärgert Ableuchow, »er verfolgt mich . . . Er will mich . . .«

Was wollte er?

Vor etwa zweieinhalb Monaten hatte Nikolai Apollonowitsch von Lichutin ein

Briefchen bekommen, in dem dieser ihn sehr eindringlich bat, die Ruhe seiner heißgeliebten Gattin nicht zu stören. Das geschah nach der Szene an der Brücke;

einige Sätze in diesem Briefchen waren zweimal unterstrichen, und auf dem

Ganzen lag ein ernster Hauch, ein Zugwind aus Worten, könnte man sagen,

wobei es nicht an dem Inhalt der Worte lag, sondern überhaupt . . . Und in seiner

Antwort hatte Nikolai Apollonowitsch zugesagt . . .

Er hatte ein Versprechen gegeben und es — gebrochen.

Was ist das nur?

Zusammengedrängt blieben auf einmal die Passanten auf den Trottoirs stehen;

auf dem breiten Prospekt war plötzlich keine Droschke zu sehen; weder das

eilige Klatschen der Gummiräder noch das helle Aufschlagen der Pferdehufe

aufs Pflaster war zu hören; die vorübergesausten Droschken bildeten am Ende

der Straße, in der Ferne, eine unbewegliche schwarze Masse, während sie hier

eine holzgepflasterte Leere hinterließen, in die der pfeifende Wind kaskadenartig

hüpfende Schwärme rastloser Tropfen schleuderte.

»Sehen Sie doch nur hin!«

»Wie merkwürdig, wie merkwürdig! . . .«

Aus der Ferne des Prospektes, von dort, wo er leer und rein war, zwischen den

zwei schwarz wimmelnden Trottoirs, durch die jetzt ein anwachsendes,

tausendstimmiges Summen (ähnlich wie in einem Wespennest) kam, sauste eine

Droschke heran; in gebückter, halb sitzender Stellung hielt dort ein bartloser

Herr, ohne Hut, mit zerzausten Haaren, eine lange, schwere Stange mit den

Händen umklammert; ein an der Stange befestigtes großes rotes Tuch

durchschnitt mit leichtem Pfeifen die Luft; indem es sich in der kalten weiten

Leere wellenförmig wand, krümmte und seine zungenartigen Enden vorstreckte;

merkwürdig war dieser Flug der roten Flagge durch den leeren Prospekt; als aber

der Wagen mit dem fliegenden roten Tuch vorüber war, gerieten die steifen Hüte,

Dreimaster, Zylinder, Schirmmützen, Federhüte und die buschigen,

mandschurischen Mützen auf den Trottoirs in Bewegung; es entstand ein Wogen,

ein Stampfen von Füßen, ein Stoßen von Ellbogen, und plötzlich ergoß sich die

schwarze Menge von den Trottoirs auf die Mitte des Prospektes; aus den

zerrissenen Wolken sandte die blasse Sonnenscheibe für einen Augeblick

gelbliches Licht auf die Häuser, die Spiegelscheiben, die lackierten

Schirmmützen; der Sturm war mit seinem tollen Tanz zu Ende. Der Regen hatte

ausgeweint.

Die Menge riß auch Ableuchow und Lichutin mit sich; sie wurden vom

Trottoir geschoben und durch ein paar kräftige Ellbogen voneinander getrennt;

Nikolai Apollonowitsch wollte die Gelegenheit benutzen, um eine Droschke zu

erreichen und nach Hause zu fahren, ohne auf die Auseinandersetzung mit

Lichutin einzugehen: denn zu Hause lag noch immer . . . die Bombe im Schreibtisch und . . . tickte! Solange sie noch nicht in der Newa lag, konnte er ja

nicht ruhig sein!

Er wurde fortwährend von den Dahinstürmenden gestoßen: aus den

Geschäften, den Friseurläden, Häusern, aus den Querstraßen ergossen sich

immer neue Bäche in den Menschenstrom; und immer wieder fluteten Teile

dieses Stromes in die Häuser, Läden, Friseurläden, Querstraßen zurück, ein

Heulen, Brüllen, Stoßen: mit einem Wort — eine Panik; über den Köpfen in der

Ferne breitete sich plötzlich etwas wie Blut: aus den schwarzen Massen erhoben

sich kochend rote Zungen, wie Flammen und wie Hirschgeweih.

Und nun — ach wie ärgerlich!

Durch zwei — drei Schultern von ihm getrennt erblickte er die verhaßte

Mütze und zwei besorgte Augen, die nach ihm spähten; Leutnant Lichutin hat

ihn auch im Gedränge nicht aus den Augen gelassen; gerade als sich Ableuchow

von ihm befreit glaubte, suchte dieser ihn durch die Menge wieder zu erreichen.

»Daß wir uns nicht verlieren, Nikolai Apollonowitsch; ich werde mich

übrigens schon an Sie halten.«

»Natürlich,« dachte nun vollständig überzeugt Nikolai Apollonowitsch, »der

verfolgt mich; ich werde mich von ihm nie mehr frei machen können . . .«

Und er suchte sich durchzudrängen, um nur einen Wagen zu erreichen.

Hinter der Menge her, über den Köpfen und dem Stimmengewirr flatterten die

Fahnen wie fließende Zungen und wie fließende Helligkeiten; plötzlich aber

blieb alles — Fahnen, wehende Flammen — still, alles erstarb; es ertönte

Gesang, deutlich und klar.

Nikolai Apollonowitsch erreichte endlich eine Droschke; schon hatte er den

Fuß auf das Trittbrett gesetzt und war im Begriff, dem Kutscher zuzurufen, so

rasch als es die Menge erlaubte, wegzufahren, als er an der Schulter über eine

fremde Schulter hinweg, von einer Hand gefaßt wurde; es war der Offizier; wie

angewurzelt blieb Ableuchow stehen; Gleichgültigkeit simulierend, sagte er mit

gezwungenem Lächeln:

»Eine Manifestation! . . .«

»Ganz einerlei: ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen . . .«

»Ich . . . wissen Sie . . . Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden . . . Wir müssen

etwas miteinander erledigen . . .«

Plötzlich kam von irgendwoher ein zerrissenes Knattern; in einzelne Teile

zerrissen fiel dieses Knattern in der Ferne, aber sofort begannen die über den

Köpfen flatternden Helligkeiten hin und her zu schwanken; der rote

Fahnenwirbel geriet in heftige Bewegung, und bald sah man die roten Zungen

vereinzelt an verschiedenen Stellen zaghaft zappeln.

»Dann wollen wir in ein Café, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Sie haben doch nichts gegen ein Café?«

»Wieso in ein Café?« entrüstete sich Lichutin.

»Ich bin nicht gewohnt, an solchen Orten ernste Besprechungen zu haben . . .«

»Aber wo denn, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . .«

»Ich denke . . . Sie wollten ja eine Droschke nehmen, dann fahren wir

zusammen in meine Wohnung . . .«

Der Ton dieser Worte war offensichtlich geheuchelt; Nikolai Apollonowitsch

biß sich fast bis zum Bluten auf die Lippen.

Nach Hause, nach Hause . . . Wie konnte er das? Das hieße ja unter vier

Augen dem Offizier über sein Benehmen gegen Sofja Petrowna Rechnung

geben; das hieße dem beleidigten Gatten vielleicht sogar in Anwesenheit Sofja

Petrownas wegen des Wortbruches Genugtuung geben . . . Es war klar: es konnte

sich nur um eine Falle handeln . . .

»Ich glaube aber, Ssergeij Ssergeijewitsch, daß aus Gründen, die uns beiden

bekannt sind, ein Besuch bei Ihnen für mich nicht ganz passend ist . . .«

»Ach was, lassen wir das!«

Nikolai Apollonowitsch war vernünftig genug, sich nicht weiter zu sträuben.

»Ich bin bereit«, sagte er ergeben. Er verhielt sich auch ganz ruhig; sein

Unterkiefer bebte nur ein wenig — das war alles.

»Als gebildeter und humaner Mensch, Ssergeij Ssergeijewitsch, werden Sie

mich verstehen . . . Kurz . . . kurz . . . was Sofja Petrowna betrifft . . .«

Weiter kam er nicht.

Sie stiegen nun in die Droschke. Und — es war auch höchste Zeit: denn wo

noch soeben die vielen Fahnen flatterten, war jetzt keine einzige mehr zu sehen;

aber von dort her, wo das Knattern in zerrissenen Teilen durch die Luft geflogen

war, stürzte ein so fest zusammengeknäulter Menschenstrom, daß die

Droschken, die hier in einem Rudel gestanden, sich im raschesten Tempo in die

entgegengesetzte Richtung davonmachten und den Teil des Newskij-Prospektes

zu erreichen suchten, wo die Zirkulation schon wiederhergestellt wurde und nur

graue Polizeihauptmänner zu Fuß neben berittener Gendarmerie zu sehen waren.

Die Droschke mit Lichutin und Ableuchow bewegte sich.

Nikolai Apollonowitsch sah, wie sich der menschliche Vielfüßler

gewohnheitsgemäß vorwärts bewegte, als wäre nichts geschehen; er bewegte

sich, wie er sich schon vor Jahrhunderten bewegt hatte, die Zeiten flossen dort

oben dahin, über den Menschen; auch den Zeiten war eine Grenze bestimmt; für

den menschlichen Vielfüßler gab es aber keine Grenze; wie bisher bewegt er sich

und wird sich in allen Ewigkeiten weiterbewegen . . .

Plötzlich verschwand alles: sie verließen den Prospekt.

Tief über den Häusern hingen bauschige Wolken, von einem dunklen, wassergesättigten Streifen beschwert, vom Himmel herunter; Nikolai

Apollonowitsch knickte unter dieser unerwarteten schweren Last zusammen; die

bauchige Wolke kroch näher heran; und als der dunkelblaue Streifen allmählich

grau geworden, sie zudeckte, begannen geschäftige Tropfen zu klappern und zu

lispeln und bildeten in den glucksenden Pfützen kalte Luftblasen; ganz

zusammengekauert, mit dem Gesicht in den italienischen Überwurf eingehüllt,

saß Nikolai Apollonowitsch im Wagen; er vergaß für einen Augenblick, wohin

es ging; es blieb nur ein dunkles Gefühl in ihm zurück, er werde gegen seinen

Willen gefahren.

Die unglückliche Verkettung von Umständen wälzte sich wieder an ihn heran.

Die unglückliche Verkettung von Umständen — kann man so die Pyramide

von Geschehnissen bezeichnen, die sich in den letzten vierundzwanzig Stunden

wie Felsen übereinander aufgetürmt hatten? Eine Felsenpyramide, die Seelen

zermalmt; ja — eine Pyramide! . . .

An einer Pyramide liegt etwas, was die Macht der menschlichen Vorstellung

übersteigt; die Pyramide ist ein Delirium der Geometrie, das heißt, sie ist ein

Delirium, für das es kein Maß gibt; die Pyramide ist ein von Menschen

geschaffener Begleiter des Planeten; sie ist auch gelb und tot wie der Mond. Die

Pyramide ist ein durch Zahlen meßbares Delirium.

Es gibt ein Grauen der Zahl, ein Grauen, das aus dreißig aneinandergereihten

Ziffern besteht, wobei jede Ziffer eine Null ist; dreißig Nullen neben einem

Einser — das ist ein Grauen; streichen Sie den Einser aus — und die dreißig

Nullen versinken in ein Nichts.

Dann gibt’s nur eine — Null.

In dem Einser liegt das Grauen nicht; an sich ist ein Einser ein

Imponderabilium; er ist eben nur — ein Einser! . . . Aber ein Einser plus dreißig

Nullen bildet das Ungetüm einer Pentallion: die Pentallion — oh, oh, oh! —

hängt an einem schwarzen dünnen Stäbchen; der Einser der Pentallion

wiederholt sich mehr als eine Milliarde mal Milliarde Milliarden.

Sie zieht sich durch Unermeßlichkeiten.

So zieht sich der Mensch durch den Kosmos aus urewigen in urewige Zeiten.

Ja —

— als menschlicher Einser, das heißt als dürres Stäbchen, lebte bis jetzt

Nikolai Apollonowitsch im Kosmos, seinen Lauf aus urewigen Zeiten nehmend

—

— in Adamgestalt war Nikolai Apollonowitsch nur ein Stäbchen; sich seiner

Dürre schämend, hat er nie zusammen mit einem anderen gebadet —

— seit urewigen Zeiten!

Und nun fiel auf die Schultern dieses dürren Stäbchens das Ungetüm einer Pentallion; zum unansehnlichen Etwas seines Inneren gesellte sich das