Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 84 von 103

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Petersburg

Die Kraniche

In nassem Glanz blinkten die Fenster, die Vitrinen, die Wasserrinnen; die

graubraune Nässe der Trottoirs glänzte; Gummiräder spritzten Kot auf alle

Seiten. In der dunstigen Nässe verschwand Nikolai Apollonowitsch unter den

aufgespannten Regenschirmen der Passanten; es war, als schöben sich die

Riesenkörper der Häuser aus dem Luftraum in einen anderen, unbekannten

Raum; es blinkten von dort ihre Konturen herüber, die ineinander verwobenen

Karyatiden, Spitzen, Mauern.

 

Die Kraniche

 

Nikolai Apollonowitsch wünschte sich in die Heimat zurück, in die Kindheit,

denn auf einmal begriff er es: er war — ein kleines Kind.

Er mußte alles, alles von sich abstreifen, vergessen; er mußte alles, alles,

wieder lernen, wie man es in der Kindheit einmal lernt; die alte vergessene

Heimat — jetzt hört er sie wieder. Und — schon, schon hörte er überall die

Stimme der traurigen, aber doch lieben Kindheit, die lange nicht mehr

erklungene Stimme, die nun zu klingen begann.

Jener Stimme Laut?

Wie man in der Stadt den Schrei der Kraniche nicht hört, so hört man auch

diese Stimme nicht: hoch oben schweben die Kraniche; in dem Gepolter der

Stadt hören sie die Städter nicht; sie aber fliegen, fliegen, über die Stadt dahin —

die Kraniche! . . . An irgendeiner Stelle, vielleicht auf dem Newskij-Prospekt,

bleibt im Lärm der dahinsausenden Droschken, unter dem Schrei der

Zeitungsverkäufer, in vorabendlicher Stunde zur Frühlingszeit ein Mann wie

angewurzelt auf dem Trottoir stehen, ein Bewohner der Felder, der zufällig in die

Stadt gekommen war; er bleibt stehen — neigt den struppigen Kopf mit dem

bärtigen Gesicht auf die Seite und redet dich an:

»Tsss! . . .«

»Was ist’s?«

Aber er, der Bewohner der Felder, der zufällig in die Stadt gekommen war,

schüttelt zur Antwort den struppigen Kopf und lächelt schlau-schlau:

»Hören Sie nicht?«

»?«

»Horchen Sie doch! . . .«

»Aber was? Aber was denn?«

Er aber seufzt:

»Dort . . . rufen die . . . Kraniche . . .«

Du horchst auch hin.

Erst hörst du rein nichts; dann aber hörst du von oben, aus den Fernen: ein

lieber, vergessener Laut — ein besonderer Laut . . .

Dort schreien die Kraniche.

Ihr wendet beide die Köpfe nach oben. Ein dritter, ein vierter, ein fünfter

wendet den Kopf nach oben.

Erst sind alle von den kosmischen Fernen geblendet; nichts außer Luft . . .

Doch nein: es ist etwas da, außer der Luft . . . Durch das gänzlich leere Blau

sieht man etwas ziehen, etwas immerhin Bekanntes: nach dem Norden . . .

fliegen . . . die Kraniche . . .

Ein ganzer Ring von Neugierigen; alle Köpfe sind nach oben gewendet, das

Trottoir ist von Menschen versperrt; langsam schiebt sich der Gorodowoi heran;

und — o nein, er bemeistert seine Neugierde nicht: bleibt stehen, wirft den Kopf

nach oben; er schaut.

Ein Murmeln:

»Kraniche! . . .«

»Sie kehren wieder zurück . . .«

»Die Lieben . . .«

Über den verfluchten Petersburger Dächern, über dem Holzpflaster, über der

Menge — dieses Vorfrühlingsbild, diese bekannte Stimme! . . .

 

Ebenso — die Stimme der Kindheit!

Man hört sie nicht; aber — sie sind da; der Ruf der Kraniche über den Straßen

von Petersburg: plötzlich hört man ihn einmal! Ebenso die Stimme der Kindheit.

So etwas wie diese Stimme vernahm auf einmal Nikolai Apollonowitsch.

Wie wenn ein trauriger Jemand, den Nikolai Apollonowitsch noch nie gesehen

hatte, um seine Seele einen lichten, durchdringenden Kreis beschrieben hätte und

dann in seine Seele eingedrungen wäre; durch die Seele drang das helle Licht

seiner Augen hindurch. Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen; es dehnte sich

etwas in seiner Seele, was bis dahin ganz zusammengeschrumpft darin gelegen

war; leicht floß dieses Etwas in die Unermeßlichkeit hinüber; ja, die

Unermeßlichkeit war selbst da und sprach:

»Ihr verjagt mich alle! . . .«

»Was, was, was?« versuchte Nikolai Apollonowitsch zu horchen; die

Unermeßlichkeit sprach unentwegt:

»Ich folge euch allen . . .«

So sprach sie.

Nikolai Apollonowitsch sah sich verwundert um, als erwarte er, den Sprecher

vor sich zu erblicken; er erblickte aber etwas anderes, und zwar: eine schwimmende Masse von Hüten, Schnurrbärten, Kinnen; weiter zog sich nur

einfach der Prospekt hin; und in ihm schwammen Blicke, wie alles jetzt

schwamm.

Der neblige Prospekt erschien ihm auf einmal lieb und bekannt; ah — ah —

ah! — wie traurig war jetzt der Prospekt; und der Strom der Hüte mit den

Gesichtern? Alle an ihm vorbeiziehenden Gesichter — wie waren sie

nachdenklich und unaussprechlich traurig.

Den aber, der gesprochen hatte, erblickte er nicht.

 

Aber wer ist denn dort? Dort, auf der anderen Seite? Neben jenem Riesenhause?

— unter den Steinmassen der Balkons?

Ja, dort steht jemand.

Genau so wie er selbst; auch vor dem Schaufenster eines Ladens; er steht

unter dem aufgespannten Regenschirm, einfach so . . . Ja, einfach so: oder

betrachtet er etwas? . . . Es scheint so — sein Gesicht ist nicht zu sehen. Was ist

daran Besonderes? Steht er doch, Nikolai Apollonowitsch, auf dieser Seite,

einfach so, zu seinem eigenen Vergnügen . . . Jener steht nun auch so: wie er,

Nikolai Apollonowitsch, wie die anderen Passanten; er ist ja auch nur ein

Passant; und er ist auch lieb und traurig (wie alle jetzt); er betrachtet etwas mit

ganz unbefangener Miene: ich bin nichts weiter als ein einfacher Jemand, mit

einem Schnurrbart! . . . Nein — glattrasiert . . . Seine Gestalt in dem

Wintermantel erinnert — doch an wen? Winkt er nicht?

Einfach jemand mit einer Schirmmütze auf dem Kopf.

Wo war es doch nur früher schon einmal gewesen?

Sollte er nicht an ihn näher herankommen, an den lieben Eigentümer der

Schirmmütze? Der Prospekt gehört ja der Allgemeinheit, wahrhaftig! Auf

diesem öffentlichen Prospekt ist für jeden Platz . . . Er konnte einfach hingehen

— sich die Sachen dort im Schaufenster ansehen. Dazu ist jeder berechtigt.

Er konnte unbefangen neben dem anderen stehenbleiben, dann zufällig einen

flüchtigen, wie zerstreuten, dabei aber aufmerksamen Blick werfen —

— auf ihn!

Um sich zu vergewissern: wer er denn eigentlich sei?

Nein, nein, nein! . . . Um seine — sicher erstarrten — Finger zu berühren und

zu weinen vor dummem Glücksgefühl! . . .

Sich aufs Trottoir platt hinstrecken!

»Ich bin — krank, taub, belastet . . . Beruhige mich, Meister, beschütze mich

. . .«

Und die Antwort zu bekommen:

»Steh auf . . . und . . .«