Petersburg
Die Kraniche
In nassem Glanz blinkten die Fenster, die Vitrinen, die Wasserrinnen; die
graubraune Nässe der Trottoirs glänzte; Gummiräder spritzten Kot auf alle
Seiten. In der dunstigen Nässe verschwand Nikolai Apollonowitsch unter den
aufgespannten Regenschirmen der Passanten; es war, als schöben sich die
Riesenkörper der Häuser aus dem Luftraum in einen anderen, unbekannten
Raum; es blinkten von dort ihre Konturen herüber, die ineinander verwobenen
Karyatiden, Spitzen, Mauern.
Die Kraniche
Nikolai Apollonowitsch wünschte sich in die Heimat zurück, in die Kindheit,
denn auf einmal begriff er es: er war — ein kleines Kind.
Er mußte alles, alles von sich abstreifen, vergessen; er mußte alles, alles,
wieder lernen, wie man es in der Kindheit einmal lernt; die alte vergessene
Heimat — jetzt hört er sie wieder. Und — schon, schon hörte er überall die
Stimme der traurigen, aber doch lieben Kindheit, die lange nicht mehr
erklungene Stimme, die nun zu klingen begann.
Jener Stimme Laut?
Wie man in der Stadt den Schrei der Kraniche nicht hört, so hört man auch
diese Stimme nicht: hoch oben schweben die Kraniche; in dem Gepolter der
Stadt hören sie die Städter nicht; sie aber fliegen, fliegen, über die Stadt dahin —
die Kraniche! . . . An irgendeiner Stelle, vielleicht auf dem Newskij-Prospekt,
bleibt im Lärm der dahinsausenden Droschken, unter dem Schrei der
Zeitungsverkäufer, in vorabendlicher Stunde zur Frühlingszeit ein Mann wie
angewurzelt auf dem Trottoir stehen, ein Bewohner der Felder, der zufällig in die
Stadt gekommen war; er bleibt stehen — neigt den struppigen Kopf mit dem
bärtigen Gesicht auf die Seite und redet dich an:
»Tsss! . . .«
»Was ist’s?«
Aber er, der Bewohner der Felder, der zufällig in die Stadt gekommen war,
schüttelt zur Antwort den struppigen Kopf und lächelt schlau-schlau:
»Hören Sie nicht?«
»?«
»Horchen Sie doch! . . .«
»Aber was? Aber was denn?«
Er aber seufzt:
»Dort . . . rufen die . . . Kraniche . . .«
Du horchst auch hin.
Erst hörst du rein nichts; dann aber hörst du von oben, aus den Fernen: ein
lieber, vergessener Laut — ein besonderer Laut . . .
Dort schreien die Kraniche.
Ihr wendet beide die Köpfe nach oben. Ein dritter, ein vierter, ein fünfter
wendet den Kopf nach oben.
Erst sind alle von den kosmischen Fernen geblendet; nichts außer Luft . . .
Doch nein: es ist etwas da, außer der Luft . . . Durch das gänzlich leere Blau
sieht man etwas ziehen, etwas immerhin Bekanntes: nach dem Norden . . .
fliegen . . . die Kraniche . . .
Ein ganzer Ring von Neugierigen; alle Köpfe sind nach oben gewendet, das
Trottoir ist von Menschen versperrt; langsam schiebt sich der Gorodowoi heran;
und — o nein, er bemeistert seine Neugierde nicht: bleibt stehen, wirft den Kopf
nach oben; er schaut.
Ein Murmeln:
»Kraniche! . . .«
»Sie kehren wieder zurück . . .«
»Die Lieben . . .«
Über den verfluchten Petersburger Dächern, über dem Holzpflaster, über der
Menge — dieses Vorfrühlingsbild, diese bekannte Stimme! . . .
Ebenso — die Stimme der Kindheit!
Man hört sie nicht; aber — sie sind da; der Ruf der Kraniche über den Straßen
von Petersburg: plötzlich hört man ihn einmal! Ebenso die Stimme der Kindheit.
So etwas wie diese Stimme vernahm auf einmal Nikolai Apollonowitsch.
Wie wenn ein trauriger Jemand, den Nikolai Apollonowitsch noch nie gesehen
hatte, um seine Seele einen lichten, durchdringenden Kreis beschrieben hätte und
dann in seine Seele eingedrungen wäre; durch die Seele drang das helle Licht
seiner Augen hindurch. Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen; es dehnte sich
etwas in seiner Seele, was bis dahin ganz zusammengeschrumpft darin gelegen
war; leicht floß dieses Etwas in die Unermeßlichkeit hinüber; ja, die
Unermeßlichkeit war selbst da und sprach:
»Ihr verjagt mich alle! . . .«
»Was, was, was?« versuchte Nikolai Apollonowitsch zu horchen; die
Unermeßlichkeit sprach unentwegt:
»Ich folge euch allen . . .«
So sprach sie.
Nikolai Apollonowitsch sah sich verwundert um, als erwarte er, den Sprecher
vor sich zu erblicken; er erblickte aber etwas anderes, und zwar: eine schwimmende Masse von Hüten, Schnurrbärten, Kinnen; weiter zog sich nur
einfach der Prospekt hin; und in ihm schwammen Blicke, wie alles jetzt
schwamm.
Der neblige Prospekt erschien ihm auf einmal lieb und bekannt; ah — ah —
ah! — wie traurig war jetzt der Prospekt; und der Strom der Hüte mit den
Gesichtern? Alle an ihm vorbeiziehenden Gesichter — wie waren sie
nachdenklich und unaussprechlich traurig.
Den aber, der gesprochen hatte, erblickte er nicht.
Aber wer ist denn dort? Dort, auf der anderen Seite? Neben jenem Riesenhause?
— unter den Steinmassen der Balkons?
Ja, dort steht jemand.
Genau so wie er selbst; auch vor dem Schaufenster eines Ladens; er steht
unter dem aufgespannten Regenschirm, einfach so . . . Ja, einfach so: oder
betrachtet er etwas? . . . Es scheint so — sein Gesicht ist nicht zu sehen. Was ist
daran Besonderes? Steht er doch, Nikolai Apollonowitsch, auf dieser Seite,
einfach so, zu seinem eigenen Vergnügen . . . Jener steht nun auch so: wie er,
Nikolai Apollonowitsch, wie die anderen Passanten; er ist ja auch nur ein
Passant; und er ist auch lieb und traurig (wie alle jetzt); er betrachtet etwas mit
ganz unbefangener Miene: ich bin nichts weiter als ein einfacher Jemand, mit
einem Schnurrbart! . . . Nein — glattrasiert . . . Seine Gestalt in dem
Wintermantel erinnert — doch an wen? Winkt er nicht?
Einfach jemand mit einer Schirmmütze auf dem Kopf.
Wo war es doch nur früher schon einmal gewesen?
Sollte er nicht an ihn näher herankommen, an den lieben Eigentümer der
Schirmmütze? Der Prospekt gehört ja der Allgemeinheit, wahrhaftig! Auf
diesem öffentlichen Prospekt ist für jeden Platz . . . Er konnte einfach hingehen
— sich die Sachen dort im Schaufenster ansehen. Dazu ist jeder berechtigt.
Er konnte unbefangen neben dem anderen stehenbleiben, dann zufällig einen
flüchtigen, wie zerstreuten, dabei aber aufmerksamen Blick werfen —
— auf ihn!
Um sich zu vergewissern: wer er denn eigentlich sei?
Nein, nein, nein! . . . Um seine — sicher erstarrten — Finger zu berühren und
zu weinen vor dummem Glücksgefühl! . . .
Sich aufs Trottoir platt hinstrecken!
»Ich bin — krank, taub, belastet . . . Beruhige mich, Meister, beschütze mich
. . .«
Und die Antwort zu bekommen:
»Steh auf . . . und . . .«