Petersburg
Die Karyatide
Mensch, gehört einer solchen Schule an; die Experimentalschule würde Ihren
Alpdruck durch zielbewußte Arbeit in gesetzmäßige Harmonie verwandeln,
indem sie den Rhythmus, die Bewegungen, die Pulsation studieren und das
nüchterne Bewußtsein in die Empfindungen einführen würde, zum Beispiel in
das Gefühl der Ausbreitung . . . Übrigens stehen wir noch immer da und
plaudern . . . Sie müssen nach Hause eilen und die Blechbüchse ins Wasser
werfen; und bleiben Sie ja zu Hause, keinen Schritt hinaus (Sie werden sicher
beobachtet); bleiben Sie zu Hause sitzen, trinken Sie Brom, und lesen Sie die
Apokalypse: Sie sind ja sehr abgespannt . . . Übrigens lassen Sie lieber das
Brom; Brom stumpft das Bewußtsein ab; wer Brom mißbraucht hat, der taugt zu
nichts mehr . . . Und ich muß nun eilen, in Ihrer Sache.«
Alexander Iwanowitsch drückte rasch Ableuchows Hand und tauchte in den
Strom schwarzer Hüte unter; erst aber drehte er sich wieder um und rief:
»Vergessen Sie nicht — die Blechbüchse in den Fluß!«
Seine Schulter klebte nun an anderen Schultern, und rasch schleifte ihn der
Vielfüßler mit sich fort.
Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: in der Blechbüchse brodelte ja
inzwischen das Leben; auch in diesem Augenblick war der Uhrenmechanismus
an der Arbeit; geschwind nach Hause, geschwind; er wollte gleich eine Droschke
nehmen; zu Hause werde er sie in die Tasche stecken, und dann in die Newa mit
ihr!
Nikolai Apollonowitsch fühlte plötzlich wieder, wie er sich zu dehnen begann;
zugleich fühlte er: es rieselt.
Die Karyatide
Dort hinter der Kreuzung gähnte wie ein dunkler Schlund die Straße; steinern
erhob sich in ihr vor einem Portal die Karyatide.
Es war das Amt; jenes Amt, in dem Apollon Apollonowitsch Ableuchow
unbeschränkt herrschte.
Der Herbst hat seine Zeitgrenze; und der Winter hat seine Zeitgrenze; zyklisch
verlaufen selbst die Zeitperioden. Die bärtige Karyatide aber erhob sich über die
Zyklen: halsbrecherisch stemmte sie ihren steinernen Huf gegen die Mauer; man
glaubte: gleich würde sie sich losreißen und als Steinmasse auf die Straße
stürzen.
Und doch — sie stürzt nicht hinunter.
Was sie über sich sieht, ist wie das Leben veränderlich, unerklärlich, unfaßbar:
Wolken ziehen dahin; die weißen Schäfchen wandeln sich in weiße
Unfaßlichkeiten; oder — es rieselt; es rieselt — so wie jetzt, wie gestern, wie
vorgestern.
Das, was sie zu ihren Füßen sieht, ist ebenso unveränderlich wie sie selbst:
unveränderlich ist der Zug des menschlichen Vielfüßlers auf dem erleuchteten
Trottoir; oder wie im Augenblick, bei der trostlosen Feuchtigkeit: das tödlich
eintönige Schlürfen der dahineilenden Füße; und ewig grün sind die Gesichter;
nein, an ihnen sieht man nicht, daß große Ereignisse im Gange sind.
Wer den dahinziehenden Strom von Hüten beobachtete, hätte nicht gesagt, daß
schon im Theater in Kutais aus dem Publikum vor kurzem der Ruf ertönte:
»Staatsbürger! . . .«, daß der Polizeihauptmann in Tiflis eine Bombenfabrik
entdeckt hat, daß in Odessa die Bibliothek geschlossen wurde; daß an zehn
Universitäten Rußlands Meetings abgehalten wurden — an ein und demselben
Tag, zu ein und derselben Stunde; daß zur gleichen Zeit Tausende überzeugter,
jüdischer Revolutionäre zu Versammlungen zogen; daß die Bewohner von Perm
rumorten; daß im selben Augenblick die von Kosaken umzingelte Stahlfabrik in
Reval die rote Flagge gehißt hat.
Wer den dahinziehenden Hutstrom beobachtete, hätte nicht gesagt, das von
überallher neues Leben hervorsprudelte; daß schon auf der Strecke Moskau —
Kasan der Streik der Eisenbahner begonnen hat; daß auf vielen anderen Strecken
die Arbeit eingestellt wurde; daß die Arbeiter in den Bahnhöfen die Fenster
einschlugen, die Eisenbahnschuppen zerstörten; daß Zehntausende vom
Starrkrampf getroffene Waggons überall stillstanden, daß der Verkehr allmählich
erstarb. Angesichts dieses Hutstroms hätte niemand gesagt, daß in Petersburg die
Ereignisse in vollem Gange waren, daß sich die Setzer aller Zeitungen vereint
und eigene Delegierte gewählt haben; daß an den Riesenwerken bei Petersburg
gestreikt wurde und überall in den Vororten die mandschurischen Mützen zu
sehen waren; daß jeder einzelne — er und doch wieder nicht er war; daß der
Strom nicht nur einfach dahinzog, sondern dahinzog mit dem Gefühl der Unruhe
in sich; daß jeder die Empfindung hatte, sein Kopf sei ein »Idiotenkopf mit
offenen Schädelnähten«, daß dieser Kopf jeden Augenblick von einem Säbel
oder sogar von einem einfachen Holzknüppel gespalten werden konnte. Hätte da
einer sein Ohr auf den Boden gedrückt und gelauscht — er hätte ein liebliches
Gemurmel vernommen: ein Revolverknattern, das sich von Archangelsk bis zur
Krim, von Libau bis Blagoweschtensk ausbreitete.
Doch war die Zirkulation noch ungestört: monoton, langsam, leblos zog noch
der Hutstrom zu den Füßen der Karyatide dahin.
Die graue Karyatide beugte sich vornüber und blickte auf die sich immer
gleichbleibende Menge zu ihren Füßen; unendlich war die Verachtung, die sich
im alten Stein der Augen ausdrückte; unendlich war der Überdruß, unendlich die
Verzweiflung.
Und — o, hätte sie doch die Kraft!
Wie hätten sich die muskulösen Arme über die steinernen Schultern gereckt;
und der von dem Meißel zerhauene Nacken — wie flöge er wild nach oben; in
einem lauten, verzweifelten, langgezogenen Brüllen risse sich der Mund auf; du
hättest gesagt: »Es ist das Brüllen des Sturmes« (so brüllten die schwarzen
Tausende von Mützen der Huligans während der Pogrome). Wie aus einer
Lokomotive würde sich auf die Straße ein Dampfstrom ergießen; die von der
Straße losgerissene Balkonbalustrade würde erstaunt auf das Pflaster
aufschlagen und in laut tönende, feste Steine zerfallen (so fielen bald darauf die
Steine gegen die Fenster der Regierungsgebäude); zu einem Steinhagel würde
dieses Meißelwerk werden, während es erst in der trüben Luft einen ebenso
trüben wie blendenden Bogen bilden würde; und als blutige Splitter würden
diese Hagelkerne auf den erschreckten Hüten der hier monoton, langsam, leblos
Vorüberziehenden liegenbleiben . . .
An diesem grauen Petersburger Tage flog auf einmal die schwere, prächtige Tür
auf; der graue, glattrasierte Lakai mit Goldtressen auf dem Revers sprang heraus,
um dem Kutscher das Zeichen zu geben; die Pferde zogen wild an und rollten
pfeilschnell den lackierten Wagen an das Portal heran; der graue Lakai mit dem
glattrasierten Gesicht streckte sich mit dümmster Miene in Positur, während
Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit vorgebeugtem Rücken, unrasiert, mit
krankhaft aufgedunsenem Gesicht und herabhängender Unterlippe seine schwarz
behandschuhte Hand an den Rand des glänzend schwarzen Zylinders führte.
Apollon Apollonowitsch warf einen kurzen, von Gleichgültigkeit erfüllten
Blick auf den Lakai, auf den Wagen, auf den Kutscher, auf die schwarze Brücke,
auf die gleichmäßige Fläche der Newa, in der sich die dumpfe, vielschlotige
Ferne zeichnete, während sich hinten aschgrau die Wassiljewski-Insel breitete
mit den vielen Tausenden von Streikenden, die sie beherbergte.
Der stramme Diener schlug die Wagentür zu, die das alte Wappen, einen
Ritter, von einem Einhorn durchbohrt, trug; der Wagen stürmte in den
schmutzigen Nebel hinein, an der mattdunklen Riesensilhouette des Issakijdoms,
an dem Reiterdenkmal des Kaisers Nikolaus vorbei, auf den Newskij, wo die
Massen sich stauten, wo sich mit leichtem Säuseln der rote flatternde Stoff über die Straße spannte; die schwarzen Konturen des Wagens, die Silhouette vom