Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 75 von 103

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Petersburg

Die Karyatide

Mensch, gehört einer solchen Schule an; die Experimentalschule würde Ihren

Alpdruck durch zielbewußte Arbeit in gesetzmäßige Harmonie verwandeln,

indem sie den Rhythmus, die Bewegungen, die Pulsation studieren und das

nüchterne Bewußtsein in die Empfindungen einführen würde, zum Beispiel in

das Gefühl der Ausbreitung . . . Übrigens stehen wir noch immer da und

plaudern . . . Sie müssen nach Hause eilen und die Blechbüchse ins Wasser

werfen; und bleiben Sie ja zu Hause, keinen Schritt hinaus (Sie werden sicher

beobachtet); bleiben Sie zu Hause sitzen, trinken Sie Brom, und lesen Sie die

Apokalypse: Sie sind ja sehr abgespannt . . . Übrigens lassen Sie lieber das

Brom; Brom stumpft das Bewußtsein ab; wer Brom mißbraucht hat, der taugt zu

nichts mehr . . . Und ich muß nun eilen, in Ihrer Sache.«

Alexander Iwanowitsch drückte rasch Ableuchows Hand und tauchte in den

Strom schwarzer Hüte unter; erst aber drehte er sich wieder um und rief:

»Vergessen Sie nicht — die Blechbüchse in den Fluß!«

Seine Schulter klebte nun an anderen Schultern, und rasch schleifte ihn der

Vielfüßler mit sich fort.

Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: in der Blechbüchse brodelte ja

inzwischen das Leben; auch in diesem Augenblick war der Uhrenmechanismus

an der Arbeit; geschwind nach Hause, geschwind; er wollte gleich eine Droschke

nehmen; zu Hause werde er sie in die Tasche stecken, und dann in die Newa mit

ihr!

Nikolai Apollonowitsch fühlte plötzlich wieder, wie er sich zu dehnen begann;

zugleich fühlte er: es rieselt.

 

Die Karyatide

 

Dort hinter der Kreuzung gähnte wie ein dunkler Schlund die Straße; steinern

erhob sich in ihr vor einem Portal die Karyatide.

Es war das Amt; jenes Amt, in dem Apollon Apollonowitsch Ableuchow

unbeschränkt herrschte.

Der Herbst hat seine Zeitgrenze; und der Winter hat seine Zeitgrenze; zyklisch

verlaufen selbst die Zeitperioden. Die bärtige Karyatide aber erhob sich über die

Zyklen: halsbrecherisch stemmte sie ihren steinernen Huf gegen die Mauer; man

glaubte: gleich würde sie sich losreißen und als Steinmasse auf die Straße

stürzen.

Und doch — sie stürzt nicht hinunter.

Was sie über sich sieht, ist wie das Leben veränderlich, unerklärlich, unfaßbar:

Wolken ziehen dahin; die weißen Schäfchen wandeln sich in weiße

Unfaßlichkeiten; oder — es rieselt; es rieselt — so wie jetzt, wie gestern, wie

vorgestern.

Das, was sie zu ihren Füßen sieht, ist ebenso unveränderlich wie sie selbst:

unveränderlich ist der Zug des menschlichen Vielfüßlers auf dem erleuchteten

Trottoir; oder wie im Augenblick, bei der trostlosen Feuchtigkeit: das tödlich

eintönige Schlürfen der dahineilenden Füße; und ewig grün sind die Gesichter;

nein, an ihnen sieht man nicht, daß große Ereignisse im Gange sind.

Wer den dahinziehenden Strom von Hüten beobachtete, hätte nicht gesagt, daß

schon im Theater in Kutais aus dem Publikum vor kurzem der Ruf ertönte:

»Staatsbürger! . . .«, daß der Polizeihauptmann in Tiflis eine Bombenfabrik

entdeckt hat, daß in Odessa die Bibliothek geschlossen wurde; daß an zehn

Universitäten Rußlands Meetings abgehalten wurden — an ein und demselben

Tag, zu ein und derselben Stunde; daß zur gleichen Zeit Tausende überzeugter,

jüdischer Revolutionäre zu Versammlungen zogen; daß die Bewohner von Perm

rumorten; daß im selben Augenblick die von Kosaken umzingelte Stahlfabrik in

Reval die rote Flagge gehißt hat.

Wer den dahinziehenden Hutstrom beobachtete, hätte nicht gesagt, das von

überallher neues Leben hervorsprudelte; daß schon auf der Strecke Moskau —

Kasan der Streik der Eisenbahner begonnen hat; daß auf vielen anderen Strecken

die Arbeit eingestellt wurde; daß die Arbeiter in den Bahnhöfen die Fenster

einschlugen, die Eisenbahnschuppen zerstörten; daß Zehntausende vom

Starrkrampf getroffene Waggons überall stillstanden, daß der Verkehr allmählich

erstarb. Angesichts dieses Hutstroms hätte niemand gesagt, daß in Petersburg die

Ereignisse in vollem Gange waren, daß sich die Setzer aller Zeitungen vereint

und eigene Delegierte gewählt haben; daß an den Riesenwerken bei Petersburg

gestreikt wurde und überall in den Vororten die mandschurischen Mützen zu

sehen waren; daß jeder einzelne — er und doch wieder nicht er war; daß der

Strom nicht nur einfach dahinzog, sondern dahinzog mit dem Gefühl der Unruhe

in sich; daß jeder die Empfindung hatte, sein Kopf sei ein »Idiotenkopf mit

offenen Schädelnähten«, daß dieser Kopf jeden Augenblick von einem Säbel

oder sogar von einem einfachen Holzknüppel gespalten werden konnte. Hätte da

einer sein Ohr auf den Boden gedrückt und gelauscht — er hätte ein liebliches

Gemurmel vernommen: ein Revolverknattern, das sich von Archangelsk bis zur

Krim, von Libau bis Blagoweschtensk ausbreitete.

Doch war die Zirkulation noch ungestört: monoton, langsam, leblos zog noch

der Hutstrom zu den Füßen der Karyatide dahin.

Die graue Karyatide beugte sich vornüber und blickte auf die sich immer

 

gleichbleibende Menge zu ihren Füßen; unendlich war die Verachtung, die sich

im alten Stein der Augen ausdrückte; unendlich war der Überdruß, unendlich die

Verzweiflung.

Und — o, hätte sie doch die Kraft!

Wie hätten sich die muskulösen Arme über die steinernen Schultern gereckt;

und der von dem Meißel zerhauene Nacken — wie flöge er wild nach oben; in

einem lauten, verzweifelten, langgezogenen Brüllen risse sich der Mund auf; du

hättest gesagt: »Es ist das Brüllen des Sturmes« (so brüllten die schwarzen

Tausende von Mützen der Huligans während der Pogrome). Wie aus einer

Lokomotive würde sich auf die Straße ein Dampfstrom ergießen; die von der

Straße losgerissene Balkonbalustrade würde erstaunt auf das Pflaster

aufschlagen und in laut tönende, feste Steine zerfallen (so fielen bald darauf die

Steine gegen die Fenster der Regierungsgebäude); zu einem Steinhagel würde

dieses Meißelwerk werden, während es erst in der trüben Luft einen ebenso

trüben wie blendenden Bogen bilden würde; und als blutige Splitter würden

diese Hagelkerne auf den erschreckten Hüten der hier monoton, langsam, leblos

Vorüberziehenden liegenbleiben . . .

 

An diesem grauen Petersburger Tage flog auf einmal die schwere, prächtige Tür

auf; der graue, glattrasierte Lakai mit Goldtressen auf dem Revers sprang heraus,

um dem Kutscher das Zeichen zu geben; die Pferde zogen wild an und rollten

pfeilschnell den lackierten Wagen an das Portal heran; der graue Lakai mit dem

glattrasierten Gesicht streckte sich mit dümmster Miene in Positur, während

Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit vorgebeugtem Rücken, unrasiert, mit

krankhaft aufgedunsenem Gesicht und herabhängender Unterlippe seine schwarz

behandschuhte Hand an den Rand des glänzend schwarzen Zylinders führte.

Apollon Apollonowitsch warf einen kurzen, von Gleichgültigkeit erfüllten

Blick auf den Lakai, auf den Wagen, auf den Kutscher, auf die schwarze Brücke,

auf die gleichmäßige Fläche der Newa, in der sich die dumpfe, vielschlotige

Ferne zeichnete, während sich hinten aschgrau die Wassiljewski-Insel breitete

mit den vielen Tausenden von Streikenden, die sie beherbergte.

Der stramme Diener schlug die Wagentür zu, die das alte Wappen, einen

Ritter, von einem Einhorn durchbohrt, trug; der Wagen stürmte in den

schmutzigen Nebel hinein, an der mattdunklen Riesensilhouette des Issakijdoms,

an dem Reiterdenkmal des Kaisers Nikolaus vorbei, auf den Newskij, wo die

Massen sich stauten, wo sich mit leichtem Säuseln der rote flatternde Stoff über die Straße spannte; die schwarzen Konturen des Wagens, die Silhouette vom