Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 40 von 103

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Petersburg

Der zweite Raum des Senators

erscheinen, wird sie dort den ekelhaften Domino sehen, dann ist alles verloren:

die Ehre der Frau, seine Ehre als Offizier, alles.

»Sehen Sie, nach all dem, was Sie mir sagten, muß es Ihnen klar sein, daß Sie

sich mit ihm nicht treffen dürfen, daß dies eine Schande, eine Schande wäre;

endlich gab ich das Wort, daß Sie nicht hingehen würden. Haben Sie Erbarmen

mit sich, Sophie, mit mir und auch . . . mit ihm, denn sonst . . . ich, ich weiß

nicht . . . ich bürge für nichts . . .«

Doch Sofja Petrowna empörte sich immer mehr über die freche Einmengung

dieses fremden Offiziers; eines Offiziers noch dazu, der es gewagt hatte, in

ihrem Schlafzimmer in einem so unanständigen Aufzug zu erscheinen: sie hob

irgendein Kleidungsstück vom Fußboden auf (sie hatte erst jetzt bemerkt, daß sie

selbst im vollständigen Neglige war) und warf es über sich, darauf drückte sie

sich in eine Ecke; und von dort aus dem Halbdunkel sagte sie entschlossen, das

Köpfchen bewegend:

»Vielleicht wäre ich auch nicht hingefahren, aber jetzt, nachdem Sie sich so

eingemengt haben, gehe ich hin, gehe ich gerade hin!«

»Nein, das werden Sie nicht!!!«

»Was ist es?« Es schien ihr, als krachte im Zimmer ein betäubender Schuß;

gleichzeitig tönte ein unmenschlicher Schrei: eine dünne, heisere Fistelstimme

schrie etwas Unverständliches; ein eichener Mann sprang in die Höhe; ein Sessel

fiel krachend um, und ein Faustschlag schlug das billige Tischchen entzwei,

dann flog krachend die Tür ins Schloß, und alles war ruhig . . .

Die Masurka oben brach ab, Schritte und Stimmen wurden hörbar; schließlich

begann der beunruhigte Nachbar mit einem Besenstiel am Boden zu klopfen, um

damit von oben in gebildeter Weise seinem Protest Ausdruck zu geben.

Sofja Petrowna Lichutina saß zusammengekauert in der Ecke und weinte: zum

erstenmal im Leben stand sie vor solchem Wutausbruch; der Mensch, der soeben

vor ihr stand . . . das war kein Mensch, das war . . . nicht einmal ein Tier. Vor ihr

hatte soeben ein wütender, toller Hund geheult.

 

Der zweite Raum des Senators

 

Das Schlafzimmer Apollon Apollonowitschs war einfach und klein: vier graue

perpendikuläre Wände und ein einziger Fensterausschnitt mit weißen

Spitzengardinen; ebenso weiß waren die Bettlaken, Handtücher und

Kissenüberzüge; vor dem Schlafengehen des Senators spritzte der Kammerdiener die Bettlaken mit einem Pulverisator ein.

Apollon Apollonowitsch gebrauchte nur das Eau de Cologne des Petersburger

Chemischen Laboratoriums.

Weiter stellte der Kammerdiener ein Glas mit Zitronenlimonade auf das

Nachttischchen und entfernte sich dann, Apollon Apollonowitsch entkleidete

sich selbst.

Mit großer Korrektheit zog er seinen Schlafrock aus, mit ebensolcher

Korrektheit faltete er ihn zusammen und warf ihn geschickt über die Lehne des

Stuhles; mit größter Korrektheit zog er dann auch Sakko und Hose aus; in

gestrickter, fest anliegender, weißer Unterhose und im Hemd pflegte er vor dem

Schlafengehen seine gymnastischen Übungen zu machen.

Diese nützlichen Übungen machte er besonders eifrig an jenen Tagen, an

denen er an Hämorrhoiden litt.

Nach den nützlichen Übungen zog er die Decke über sich, um sich der

friedlichen Ruhe hinzugeben und die Reise zu beginnen: denn der Schlaf (das

fügen wir von uns hinzu) ist eben nichts anderes als eine Reise.

Das alles vollführte Apollon Apollonowitsch auch heute. Bis zum Kopf in die

Decke gehüllt, schwebte er bereits in der zeitlosen Leere.

Aber da werden wir unterbrochen, und man fragt uns: »Wieso Leere? Und die

Wände, der Boden? Und . . . so weiter? . . .«

Wir antworten:

Apollon Apollonowitsch sah immer zwei Räumlichkeiten vor Augen: eine

war die materielle (die Zimmerwände, die Wände des Wagens usw.), die andere

— nicht gerade die geistige . . . (die materielle aber keinesfalls) . . . Also, über

seinem Kopf sah der Senator Ableuchow sonderbare Strömungen: funkelnde,

gleißende, aber auch neblige, irisierende Flecke, aus sich drehenden Zentren

hervorgehend, im Halbdämmer die Grenzlinien der materiellen Flächen

verschleiernd; so schwirrte Raum im Raum, und letzterer, alles andere

verdeckend, verband sich mit dem Unermeßlichen der sich bewegenden, sich

biegenden Perspektiven, deren Inhalt aus . . . so etwas wie Tannennadeln,

Sternchen, Fünkchen, Flämmchen bestand. Apollon Apollonowitsch pflegte vor

dem Einschlafen die Augen zu schließen und sie dann wieder zu öffnen; wobei

sich folgendes ergab: die Flämmchen, Nebelflecke, Fäden und Sternchen fügten

sich wie aufsteigender heller Schaum brausender, übergroßer Dunkelheiten

plötzlich zu wahrnehmbaren, deutlichen Bildern (für eine Viertelsekunde nur):

zu einem Kreuz, zu einem Brillanten, zu einem Vieleck, zu einem Schwan, zu

einer lichterfüllten Pyramide. Dann zerstob alles. —

Apollon Apollonowitsch besaß ein seltsames Geheimnis: die Welt der

mathematischen Figuren, der Konturen, der Zitterigkeiten, der absonderlichen physischen Empfindungen — kurz: ein All der Seltsamkeiten. Dieses All

entstand immer vor dem Schlafengehen und entstand so, daß Apollon

Apollonowitsch in diesem Augenblick alle früheren Unvernehmbarkeiten,

Geräusche, kristallographischen Figürchen, goldene, im Finstern sich tummelnde

chrysanthemenartige Sterne auf vielfüßigen Strahlen wahrnahm (manchmal

übergoß ein solcher Stern des Senators Schädel mit flüssigem Gold, dann lief es

ihm kalt über den Schädel); kurz, er erinnerte sich alles dessen, was er am Tage

vorher gesehen hatte und dessen er sich folgenden Morgen wohl nicht mehr

erinnerte.

Manchmal (nicht immer) merkte Apollon Apollonowitsch beim

Schlafengehen, in den letzten Momenten seines Tagesbewußtseins, daß alle

Fäden, alle Sterne, einen kochenden Wirbel bildend, aus sich einen Korridor

bauten, der ins Unendliche lief; und (was das Seltsamste war) er fühlte, daß

dieser Korridor seinen Anfang im Senatorkopfe hatte, daß er, der Korridor —

eine unendliche Fortsetzung des Kopfes selbst sei, seines Kopfes, dessen

Scheitel sich öffnete, um eine Fortsetzung zum Unermeßlichen zu bilden; und so

gewann der alte Senator vor dem Einschlafen den höchst sonderbaren,

eigentümlichen Eindruck, als sähe er nicht mit den Augen, sondern mit dem

Zentrum seines Kopfes, das heißt, als sei er, Apollon Apollonowitsch, nicht er,

sondern ein Etwas, das in seinem Hirn saß und von dort aus alles ansah; wurde

der Scheitel geöffnet, konnte jenes Etwas frei und ohne Hemmung über den

Korridor bis zu dem in unendlich weiter Ferne liegenden Abgrundsrand laufen.

Das war die zweite Räumlichkeit des Senators — das Land seiner

allnächtlichen Reisen; und nun genug davon . . . ja.

Den Senatorkopf in die Decke gehüllt, schwebte er bereits über der zeitlosen

Leere, der lackierte Fußboden löste sich schon von den Beinen des Bettes, und

dieses stand sozusagen im Unbekannten — als des Senators Ohren sonderbare

Laute vernahmen, ähnlich denen aufschlagender Hufe.

»Tra — ta — ta . . . Tra — ta — ta . . .«

Die Laute kamen näher.

Seltsam, höchst seltsam: der Senator schob ein Ohr aus der Decke hervor —

ja: es scheint richtig — aus dem Spiegelsaal kam das Geräusch.

Apollon Apollonowitsch schob den Kopf hervor.

Die Laute klangen noch immer: Apollon Apollonowitsch sprang auf und lief

in den Korridor.

Der Mond beschien die stillen Zimmer.

Mit bloßen Beinen, mit brennender Kerze in der Hand spazierte der Senator

durch die Räume. Die plötzlich aufgetauchte Bulldogge folgte ihrem

beunruhigten Herrn und wedelte wohlwollend mit dem abgehackten, halben Schwanze.

Wie ein flacher Holzdeckel wiegte sich keuchend die haarige Brust, während

das blaßgrüne Ohr lauschte. Zufällig fiel der Blick des Senators in einen Spiegel;

der zeigte ein seltsames Bild: seine Arme, Beine und Brust waren mit

dunkelblauem Atlas überzogen.

Apollon Apollonowitsch schöpfte Atem und lief in den Saal: von woher die

Laute drangen.

»Tra — ta — ta . . . Tra — ta — ta . . .«

Schimpfend hallte des Senators Stimme:

»Nach welchem Paragraphen des Gesetzes?«

Dies rufend sah er, daß die gleichmütige Bulldogge, friedlich und verschlafen,

neben ihm herlief. Doch — welche Frechheit! — Aus dem Saal erwiderte eine

Stimme:

»Auf Grund einer außerordentlichen Verfügung.«

Über die freche Antwort empört, lief der blaue Ritter in den Saal, und Apollon

Apollonowitsch sah jetzt: die Laute waren nichts anderes als das

Zungenschnalzen eines elenden, tanzenden Mongolen: eines dicken Mongolen,

dessen Physiognomie er in Tokio gesehen hatte (der Senator war einmal nach

Tokio geschickt worden) —, und dieser dicke Mongole eignete sich das Gesicht

des Nikolai Apollonowitsch an; eignete es sich an, sagte ich, denn er war nicht

Nikolai Apollonowitsch, sondern ein gewöhnlicher Mongole, den der Senator

früher in Tokio gesehen hatte. Dies zu begreifen, weigerte sich der Senator, mit

den Fäustchen die erstaunten Augen reibend. Der Mongole aber (Nikolai

Apollonowitsch) näherte sich ihm in eigennütziger Absicht.

Da rief der Senator zum zweitenmal:

»Nach welchem Gesetz? Und nach welchem Paragraphen?«

Und die Räumlichkeit antwortete ihm:

»Es gibt jetzt schon keine Paragraphen und keine Gesetze.«

Plötzlich der Schwere beraubt, ja selbst des Empfindens der Körperlichkeit, ganz

Gesicht und Gehör, von jedem anderen Gefühl befreit, hob er die Stellen der

Augen (denn die Augen waren nicht mehr: jede Körperlichkeit war ja

entschwunden!) in die Richtung seines eigenen Scheitels und merkte, daß kein

Scheitel mehr existierte, denn dort, wo sonst das Hirn von festen Knochen

gehalten wurde, war jetzt eine runde Öffnung, die zur dunkelblauen Ferne

strahlte, und über dieser Öffnung hing ein rotierendes Rad aus tanzenden,

sprühenden Funken; im Augenblick, als Apollon Apollonowitsch den Mongolen

an seinen kraftlosen Körper heranschleichen fühlte — im selben Augenblick

begann ein Etwas, das wie der Wind im Schornstein heulte und pfiff, das

Bewußtsein Apollon Apollonowitschs in die unendlichen Sternfernen

emporzuziehen.

Hier geschah ein Skandal (das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs

konstatierte, daß schon einmal ein ähnlicher Fall vorgekommen war: wo, wann

— dessen erinnerte er sich nicht) — hier geschah ein Skandal: der Wind blies

das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs aus Apollon Apollonowitsch. Durch

die runde, strahlende Öffnung flog er hinaus in das Blau der Gestirne als

goldener, federleichter Stern; als er genügend hoch über seinem eigenen Kopfe

schwebte (der ihm als Planet erschien); zerstob der goldene Stern, einer Rakete

gleich, lautlos in Luft . . .

 

Ende des dritten Kapitels.