Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 83 von 103

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Petersburg

Unermeßlichkeiten

 

Wir verließen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als Alexander

Iwanowitsch Dudkin, verwundert über den aus Ableuchows Lippen plötzlich

hervorgebrochenen Redestrom, ihm die Hand drückte und in der schwarzen

Kopfbedeckungsflut untergetaucht war, während Nikolai Apollonowitsch da

wieder fühlte, daß er sich zu dehnen begann.

Wir verließen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als die peinliche

Verkettung von Umständen sich unerwartet glücklich gelöst hatte.

Bis zu diesem Augenblick hatten sich vor ihm wie Felsenblöcke allerlei

Visionen und gedankliche Ungetüme getürmt; ganze Gaurissankare von

Geschehnissen drohten über ihn niederzustürzen, und das alles hatte sich im

Laufe von vierundzwanzig Stunden vollzogen: das Warten im Sommergarten

und die unruhigen Schreie der Krähen; die Verkleidung in rote Seide; der Ball,

das heißt: die gestreiften, glöckchenbehängten Harlekine, die flammend roten

Narren, der gelbbucklige Pierrot und der sinnlos betrunkene, den Mädchen

Angst einflößende Bajazzo — diese ganze Harlekinade, die wie ein Schreck

durch die Säle dahingesaust war; die unbekannte himmelblaue Maske, die

knicksend getanzt und ihm knicksend ein Zettelchen zugesteckt hatte; und dann

— dann seine schmachvolle Flucht aus dem Saal, fast bis zum Abort an den

Zaun, wo ihn das kleine räudige Männchen abgefangen hatte; endlich Pépp,

Péppowitsch, Pépp, das heißt, die Sardinenbüchse furchtbaren Inhalts, die . . .

noch immer . . . tickte . . .

Die Sardinenbüchse furchtbaren Inhalts, geeignet, die ganze Umgebung in

einen einzigen blutigen Schlamm zu verwandeln.

Wir verließen Nikolai Apollonowitsch bei dem Schaufenster eines Ladens;

wir verließen ihn, weil zwischen uns und dem Senatorsohn Regentropfen

niederzufallen begonnen hatten; ein rieselndes Regennetz hatte sich zu spinnen

begonnen; hinter diesem Netz verloren alle schweren Gegenstände, die

Häuserkanten und Vorsprünge, die Karyatiden, Portale, die Karniese der

steinernen Balkons ihre deutlichen Konturen, verwischten sich allmählich und

traten kaum, kaum hervor.

Man spannte Regenschirme auf.

Nikolai Apollonowitsch stand vor der Auslage und dachte daran, daß es

keinen Namen für diese Gemeinheit gebe; einer Gemeinheit, die vierundzwanzig Stunden andauerte oder achtzigtausendsechshundert in der Tasche

dahinhüpfende Sekunden: achtzigtausend Augenblicke bedeuten ebenso viele

Punkte in der Zeitlichkeit; kaum war ein Augenblick eingetreten, als schon über

ihn Sekunden, Augenblicke, Punkte, hüpfend, im Kreise verteilt, herannahten

und sich langsam in eine dehnbare kosmische Kugel verwandelten; die Kugel

zersprang immer wieder; der Fuß glitt in die kosmischen Leeren über: der durch

die Zeit Wandernde fiel in unbekannte Tiefen, vielleicht in die kosmischen

Räume, bis zu . . . einem neuen Augenblick; so waren vierundzwanzig Stunden

dahingegangen, achtzigtausend in der Tasche hüpfende Sekunden; jede von

ihnen verpuffte: der Fuß glitt in Unermeßlichkeiten hinüber.

Nein, es gibt keinen Namen für diese Gemeinheit, nein!

Es war besser, nicht zu denken; aber — irgendwo dachte es; vielleicht kamen

die Gedanken aus dem aufgequollenen Herzen; Gedanken, die nicht im Kopfe,

wohl aber im Herzen hausten; das Herz dachte; das Hirn aber fühlte.

Ganz von selbst entstand vor ihm der scharfsinnige, bis in Einzelheiten

ausgearbeitete Plan; ein für den Urheber verhältnismäßig ungefährlicher Plan,

aber ein um so gemeinerer, ja gemeinerer!

Wer hat diesen Plan ausgeheckt? Hätte er, Nikolai Apollonowitsch, so etwas

zustande gebracht?

Nämlich:

In all diesen Stunden hüpften vor seinen Augen, unabhängig von ihm selbst,

nadelscharfe Gedankensplitter, die in allen möglichen Farben irisierten, wie

Sternfunken und wie das lustige Klimbim des Weihnachtsbaumes schimmerten:

unaufhörlich versanken, flogen sie durch die einzige vom Bewußtsein

erleuchtete Stelle und versanken wieder: aus dem Dunkel ins Dunkle; bald wand

sich vor ihm die Gestalt eines Clowns, bald galoppierte der zitronengelbe Narr

Petruschka durch die erleuchtete Stelle des Bewußtseins dahin — aus dem

Dunkel in das Dunkle — das Bewußtsein aber beschien unparteiisch alle sich

überstürzenden Bilder; und wenn sie miteinander verschmolzen, verlieh ihnen

das Bewußtsein einen erschütternden, unmenschlichen Sinn; Nikolai

Apollonowitsch spuckte beinahe vor Ekel.

»Ideenarbeit?«

»Es war ja gar keine Ideenarbeit . . .«

»Es war nur feige Angst und tierische Empfindungen, das Bestreben, die

eigene Haut zu retten . . .«

»Ja, ja, ja . . .«

»Ich bin ein vollendeter Schuft . . .«

Wir hatten schon gesehen, daß auch der verehrte Herr Vater seinerzeit zu

genau demselben Schluß gekommen war.

Er war — ein ausgemachter Schuft!

Nachdem er das begriffen, war sein erstes, auf die Wassiljewski-Insel zu eilen,

in die 18. Linie; eine schäbige Droschke fuhr ihn dahin; mit keuchender,

wuterfüllter Stimme flüsterte er hinter dem Rücken des Kutschers:

»Ha! . . . So etwas! . . . Heuchler . . . Lügner . . . Mörder . . . Einfach für die

eigene Haut . . .«

Auf dieses laut empörte Flüstern wandte sich der Kutscher um und fragte

etwas geärgert:

»Was ist?«

»Nichts . . . Gar nichts . . .«

Der Kutscher dachte:

»Ein sonderbarer Herr, wahrhaftig . . .«

Nikolai Apollonowitsch pflegte, wie Apollon Apollonowitsch, mit sich selbst

zu reden.

Die Winde echoten:

»Vatermörder!«

»Lügner!«

Völlig außer sich sprang Nikolai Apollonowitsch aus der Droschke; an den

Holzstapeln vorbei durchflog er den asphaltierten kleinen Hof und gelangte an

die Hintertreppe, um über die Stufen hinaufzurennen . . . weswegen — das

wußte er allerdings nicht; wahrscheinlich aus Neugierde; um demjenigen in die

Augen zu blicken, der die ganze Sache — durch die Übergabe des Pakets —

verschuldet hatte.

Hier stieß er auf Alexander Iwanowitsch; alles andere wissen wir ja nun.

 

Es gibt keinen Namen für diese Schändlichkeit, nein!

Ja, — doch sein Herz, von all dem Geschehenen erwärmt, begann langsam zu

schmelzen; das eisigkalte Herzklümpchen wurde allmählich wieder ein Herz;

erst hatte es sinnlos gepocht; jetzt pochte es mit bestimmtem Sinn; auch pochten

in ihm die Gefühle; diese Gefühle erbebten ganz plötzlich in ihm; diese kleinen

Erschütterungen erschütterten und verwandelten jetzt seine ganze Seele.

Soeben noch türmte sich jenes Ungeheuer von einem Hause als ein

Massenhaufen steinerner Balkons über der Straße; wäre er über die gepflasterte

Straße gelaufen, dann hätte er mit der Hand seine steinerne Ecke fassen können;

aber es fing zu regnen an, und in dem Nebel begann diese steinerne Ecke zu

schwimmen.

So schwamm jetzt auch alles andere.

Es begann zu rieseln, und das Ungeheuer aus ineinandergreifenden Steinen begann sich aufzulösen; nun erhebt es schon, aus dem Regen heraus — in den

Regen hinein, seine leichten Spitzenkonturen, seine kaum merklichen Linien: ein

wahrhaftiges Rokoko: das Rokoko verschwindet dann in einem Nichts.

In nassem Glanz blinken die Fenster, die Vitrinen; aus den Dachrinnen schießt

ein Wasserstrahl hervor; auf die bleichen Trottoirs fielen von oben dichte, lange

Tropfen, die tödliche Trockenheit des Trottoirs nahm eine dunkelbraune Farbe

an; ein vorbeisausendes Gummirad spritzte Kot nach beiden Seiten.

Und so ging es und ging es weiter . . .

Nikolai Apollonowitsch verschwand unter den aufgespannten Regenschirmen

der Passanten: die Prospekte schwammen in Dunst; es war, als schöben sich die

Riesenkörper der Häuser aus dem Luftraum in irgendeinen anderen,

unbekannten Raum; dumpf blinken von dort ihre Konturen herüber, der

ineinander verworrenen Karyatiden, Spitzen, Mauern. Es schwindelte ihn: er

lehnte sich gegen ein Schaufenster; etwas zersprang in ihm, flog auseinander;

und — vor ihm erstand ein Stück seiner Kindheit.

 

Er sieht seinen Kopf auf dem Schoß der Gouvernante, der alten Nokkert, ruhen;

beim Lampenlicht liest die Alte:

»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind . . .«

 

Plötzlich heulte der Sturm hinter den Fenstern auf; sicher wird das Kind dort

verfolgt; an der Wand zittert der Schatten der Gouvernante.

Und wieder . . .

Apollon Apollonowitsch — klein, alt, grau — lehrt Kolenka das französische

Contre-Danse; gleitend bewegt er sich, zählt seine Schrittchen und schlägt mit

den Handflächen den Takt; er schreitet bald rechts, bald links; er schreitet bald

vorwärts, bald rückwärts; an Stelle der begleitenden Musik rezitiert er laut und

schnell:

»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind . . .«

Dann richtet er seine haarlosen Augenbrauen auf Kolenka:

»Wie ist also, mein Lieber, die erste Figur der Quadrille?«

Alles andere war Nacht und Wind gewesen, denn die Verfolger hatten ihn

eingeholt: hatten das Kind aus den Armen des Vaters gerissen:

»In seinen Armen das Kind war tot . . .«

Das ganze Leben nach jenem Augenblick erwies sich als ein Spiel der Nebel.

Das Stück Kindheit verschwand.