Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 31 von 103

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Petersburg

Eine Persönlichkeit

 

Mit dem Erscheinen des Senators im Hause wurde der Unbekannte von

Nervosität ergriffen; seine bis dahin glatt fließende Sprache wurde holprig:

wahrscheinlich die Wirkung des Alkohols; überhaupt schien sein

Gesundheitszustand bedenklich; die Gespräche, die er mit sich selbst und mit

anderen führte, lösten in ihm ein sündhaftes Gefühl aus und wirkten quälend auf

sein Rückenmark; er empfand einen sonderbaren, düsteren Ekel vor seinen

interessierenden Gesprächen; dieser Ekel übertrug sich dann auf ihn selbst; diese

äußerlich harmlosen Unterhaltungen schwächten ihn sehr; doch am

unangenehmsten war der Umstand, daß, je mehr er sprach, um so

unwiderstehlicher sich in ihm das Bedürfnis regte, noch weiterzusprechen; er

konnte nicht mehr Einhalt tun und erschöpfte sich mehr und immer mehr;

manchmal ging dies so weit, daß er dann vom Verfolgungswahn befallen ward;

in Träumen setzten sich diese Anfälle fort: er hatte furchtbare Träume; der

Albdruck kehrte oft dreimal in einer Nacht wieder.

All das fiel Alexander Iwanowitsch ein, und er schüttelte die Achseln: als

hätte die Rückkehr des Senators seine Seele wieder in Aufruhr gebracht; ein

fremder Gedanke beunruhigte ihn. Zuweilen näherte er sich der Tür und horchte

auf kaum vernehmbare, ferne Schritte: die Schritte des Senators, der sich in

seinem Zimmer bewegte.

»Nun hören Sie meinem Geschwätz weiter zu, Nikolai Apollonowitsch: in all

den Worten über die Selbstbehauptung meiner Persönlichkeit liegt ja wiederum

Krankhaftigkeit. Ich spreche mit Ihnen, debattiere — aber nicht mit Ihnen

debattiere ich, sondern mit mir, nur mit mir selbst. Der Partner bedeutet für mich

gar nichts: ich spreche ebenso mit Wänden, mit Laternenpfahlen, mit

vollendeten Idioten. Ich höre nicht auf fremde Gedanken, das heißt ich höre nur

davon das, was mich selbst, was das meine betrifft. Ich kämpfe, Nikolai

Apollonowitsch: die Einsamkeit ist der Angreifer; ich sitze stunden-, tage-,

wochenlang in meiner Mansarde und rauche. Dann beginnt es mir zu scheinen,

als wäre alles nicht das Eigentliche. — Kennen Sie das?«

»Ich kann es mir nicht deutlich vorstellen. Ich hörte, so was kommt bei

Herzschwäche vor. Beim Anblick von leeren Flächen, in deren Nähe sich nichts

befindet . . . Das versteh’ ich eher.«

»Ich aber nicht; doch wenn ich so allein sitze . . . da sag’ ich mir: warum bin

ich — ich? Und da scheint es mir: ich bin es eben gar nicht. Oder: da steht vor

dir ein Tischchen. Weiß der Teufel: ist das ein Tischchen, oder ist es keines? Und

ich sage mir: was hat doch das Leben aus dir gemacht? Aber glauben Sie: ich bin nur allein krank? Oho: auch Sie, Nikolai Apollonowitsch, sind es. Fast alle sind

— krank. Lassen Sie, ich weiß alles, was Sie sagen wollen, und doch: ha—ha—

ha! — Fast alle Ideenarbeiter in der Partei sind in derselben Weise krank; nur bei

mir tritt es deutlicher hervor. Ich hab’ auch in früherer Zeit, wissen Sie, die

Parteiarbeiter gern beobachtet: eine gefüllte Versammlung; Geschäfte, Rauch,

Gespräche — über lauter Erhabenes, Edles; mein Genosse ist voll Aufregung;

dann aber lädt er mich ein, mit ihm ins Restaurant zu gehen.«

»Nun, und was dann?«

»Nun, da erscheint natürlich Wodka und dergleichen; ein Glas hübsch nach

dem anderen; ich beobachte nun: zeigte sich nach dem Wodka um den Mund

meines Partners so ein Schmunzeln (welches es ist, kann ich Ihnen nicht sagen),

dann wußte ich: auf diesen Ideenarbeiter ist kein Verlaß; seinen Worten und

seinem Tun ist kein Glauben zu schenken; dein Partner ist krank — an

Willensschwäche, an Neurasthenie; und nichts, glauben Sie mir, nichts in der

Welt schützt ihn vor Gehirnerweichung: dieser Partner ist nicht nur fähig, in

schwieriger Situation sein Wort zu brechen (Nikolai Apollonowitsch fuhr

zusammen): er ist auch fähig zum ganz einfachen Diebstahl und Verrat. Und sein

Verbleiben in der Partei ist Provokation, Provokation. Seither lernte ich die

Bedeutung solcher, wissen Sie, Fältchen um den Mund, kleiner Schwächen,

eines Auflachens, einer Grimasse verstehen; und wohin ich meine Augen wende,

überall, überall stoße ich auf Zerrüttung des Gehirns — eine allgemeine,

schleichende, nicht zu fassende Provokation — versteckt hinter einem solchen,

wissen Sie, kurzen Auflachen; welcher Art — könnte ich Ihnen nicht sagen, aber

ich erkenne es mit unfehlbarer Sicherheit — ich habe es auch bei Ihnen

erkannt.«

»Dann sind aber auch Sie ein Provokateur. Nehmen Sie es mir nicht übel, ich

meine es in idealem Sinne.«

»Ich — ja, ja, ja. Ich bin ein Provokateur. Aber meine ganze Provokation

betätigt sich im Namen einer großen, heimlich aus Fernen rufenden Idee;

eigentlich nicht einer Idee, sondern einer Strömung.«

Die Erregung des Unbekannten übertrug sich auf Ableuchow; die bläulichen

Tabakwellen und die zwölf zerknüllten Zigarettenstummel machten ihn durchaus

nervös. Als wäre ein unsichtbarer Dritter zwischen sie getreten.

»Warten Sie, ich geh’ mit Ihnen; mir brummt der Schädel. Wir können

draußen ungestört weiterreden.«

»Ein vorzüglicher Gedanke.«

Ein scharfes Pochen an die Tür unterbrach ihn, und ehe Nikolai

Apollonowitsch fragen konnte, wer da sei, öffnete der halbberauschte Alexander

Iwanowitsch die Tür. Hart vor ihm, fast an seine Stirn stoßend, befand sich ein nackter Schädel mit großen, allzu großen Ohren. Der Unbekannte sprang zurück

und sah zu Nikolai Apollonowitsch hinüber; doch was er erblickte, war nur . . .

eine Friseurladenpuppe: ein blasses, schönes Wachsgesicht mit unangenehmem

Lächeln auf dem bis zu den Ohren gehenden Munde.

In der offenen Tür stand Apollon Apollonowitsch, eine riesige Melone unterm

Arm . . .

»So—o—o, so—o—o. Ich habe, scheint es, gestört . . . Ich brachte dir dieses

Melonchen da, Kolenka . . .«

Es war Tradition des Hauses, daß Apollon Apollonowitsch, wenn er in der

Herbstzeit vom Dienst nach Hause fuhr, eine Astrachaner Melone mitbrachte, für

die beide, sowohl er wie sein Sohn, eine Passion hatten.

Alle drei bewahrten einen Augenblick Schweigen; während dieses

Augenblicks empfand jeder von ihnen ganz offen eine tierische Angst.

»Mein Universitätskollege, Vater . . . Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .«

»So—o—o . . . Sehr angenehm.«

Apollon Apollonowitsch reichte zwei Finger: jene Augen — ohne den

schrecklichen Blick; war es in Wahrheit jenes Gesicht, das ihn auf der Straße

anblickte? Apollon Apollonowitsch sah vor sich einen schüchternen,

offensichtlich von Not bedrückten Menschen.

Doch drei Herzen pochten laut; drei Augenpaare vermieden es, einander zu

begegnen. Nikolai Apollonowitsch rannte hinaus, um sich umzuziehen.

Inzwischen knüpfte Apollon Apollonowitsch mit dem Unbekannten ein

Gespräch an. Die Unordnung im Zimmer des Sohnes, der Kognak, die

Zigarettenstummel machten einen peinlichen Eindruck auf den Senator; aber die

Antworten des Unbekannten beruhigten ihn: diese waren völlig

zusammenhanglos. Alexander Iwanowitsch errötete immer wieder und gab

zufällige Antworten. Er sah vor sich nur gutmütige Fältchen, und aus diesen

gutmütigen Fältchen blickten gutmütige Augen: die Augen eines Gehetzten; und

die knisternde Stimme formte sich zu Worten, die Alexander Iwanowitsch kaum

hörte; nur die Endworte der Sätze fing sein Ohr auf:

»Wissen Sie . . . schon als Gymnasiast liebte Kolenka alle Vögel . . . Er war

wißbegierig . . . Jetzt ist er ganz anders: hat alles verworfen . . . Und geht nicht

zu den Kollegs . . .«

So redete im Schreiton Apollon Apollonowitsch, der achtundsechzigjährige

Greis; etwas wie Mitgefühl regte sich im Herzen des Unbekannten . . .

Nikolai Apollonowitsch trat wieder ein.

»Wo gehst du hin?«

»Ich muß geschäftlich wohin, Vater . . .«

»Zusammen mit . . . Alexander . . . mit Alexander . . .«

»Mit Alexander Iwanowitsch . . .«

»So—so . . . Also mit Alexander Iwanowitsch.« Bei sich dachte Apollon

Apollonowitsch: »Am Ende ist es vielleicht am besten: vielleicht waren die

Augen nur Einbildung . . .« Weiter dachte Apollon Apollonowitsch, daß — Not

keine Schande sei . . . Warum nur der Kognak? (Apollon Apollonowitsch haßte

Alkohol.)

»Ja, wir gehen geschäftlich . . .«

Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort:

»Vielleicht essen wir erst zu Mittag? Alexander Iwanowitsch könnte mit uns

speisen . . .«

Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr:

»Übrigens ich will nicht stören.«

»Auf Wiedersehen, Vater . . . .«

»Adieu . . .«

 

Während sie über den helltönenden Korridor schritten, stand der kleine Apollon

Apollonowitsch hinten in der Korridorhalbdämmerung und blickte neugierig den

beiden nach.

Und doch, und doch . . . Gestern erblickten ihn diese Augen: Haß und Angst

waren in ihnen; und diese Augen: — sie gehörten ihm. — Und eine

Zickzackbewegung mit der Hand . . . eine höchst unangenehme — oder war alles

gar nicht — war es überhaupt nicht?

»Alexander Iwanowitsch Dudkin, Student . . .«

Apollon Apollonowitsch schritt hinter ihnen weiter.

 

Im prunkvollen Vorraum blieb Nikolai Apollonowitsch vor dem alten Diener

stehen und suchte nach dem Wort, das er sagen wollte.

»Ja—aa . . . aa . . .«

»Zu dienen!«

»Aha . . . das Mäuschen!«

»Jawohl! . . .«

»Bitte, was haben Sie damit gemacht?«

»Mit dem Mäuschen? Auf dem Kai in Freiheit gesetzt . . .«

»Ist es auch richtig?«

»Gewiß doch, gnädiger Herr: wie immer.«

Nikolai Apollonowitsch empfand besondere Zärtlichkeit gegen diese kleinen

Bestien.

Beruhigt über das Schicksal der Maus schritt er neben Alexander Iwanowitsch weiter.