Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 90 von 103

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Petersburg

Du wirst wie geistesgestört sein

Ein Herr mit wallendem Backenbart in tadellos zugeknöpftem Amtsrock, mit

blendend weißen Manschetten und dem Annastern an der Brust, kam

ehrfurchtsvoll, vom Diener angeführt, die Treppe herauf; auf dem

Silbertablettchen in den zitternden Händen des alten Ssemjonytsch lag eine

Visitenkarte, die eine Adelskrone aufwies.

Hinter der steinernen Niobe stand Apollon Apollonowitsch, schlug mit

geschäftiger Miene die Schöße seines Morgenrockes übereinander und sah dem

würdigen Gast mit dem gut gepflegten Bart entgegen.

Wahrhaftig er sah wie eine Maus aus.

 

Du wirst wie geistesgestört sein

 

Petersburg — das ist ein Traum.

Wenn du einmal im Traum Petersburg besucht hast, dann kennst du zweifellos

dieses mächtige Vestibül: die eichenen Türen sind schwer, und die

Spiegelscheiben blitzen; die Vorübergehenden sehen nur die Spiegelscheiben;

nie waren sie hinter ihnen.

Hinter der Spiegelscheibe blitzt immer der kupferschwere Kopf des

Schweizerstabes.

Die gebogene achtzigjährige Schulter hinter der Scheibe: von ihr träumt der

zufällige Passant lange, von ihm, dem alles nur ein Traum ist und der selber ein

Traum ist; auf die gebogene Schulter des greisen Schweizers fällt schwer der

dunkle Dreimaster; seine Silbertressen blinken und erinnern an Angestellte der

Bestattungsbureaus, wenn sie ihres Amtes walten.

Unverändert bleibt es.

Der schwere Kupferkopf ruht friedlich auf der achtzigjährigen Schulter eines

Schweizers; und jahraus, jahrein der mit einem Dreimaster gekrönte Schweizer

über dem »Börsenkurier«. Dann erhebt er sich wohl einmal und öffnet die Tür.

Am Tage, am Morgen, gegen Abend, wann du an der Eichentür vorbeigehst, am

Tage, am Morgen oder gegen Abend — immer erblickst du den kupfernen

Stabkopf; immer erblickst du die Silbertressen; immer erblickst du den dunklen

Dreimaster.

Verwundert bleibst du vor dieser Vision stehen. Dasselbe hattest du bei

deinem vorigen Hiersein gesehen. Fünf Jahre waren vorübergegangen: dumpfe

Wellen von Ereignissen waren dahingerollt; China war erwacht; Port Arthur war

gefallen; die Gelben hatten unser Amurgebiet überschwemmt; es sind die alten

Märchen von den eisernen Reitern des Dschingis-Khan wieder lebendig geworden.

Aber die Visionen der alten Zeiten bleiben unverändert; eine achtzigjährige

Schulter, ein Dreimaster, eine Silbertresse, ein Bart.

In dem Augenblick, in dem sich der weiße Bart hinter der Spiegelscheibe

bewegen, der schwere Kupferkopf des Schweizerstabes hinter der Tür blitzen

und silbrig wie das Rinnenwasser, das dem Kellerbewohner Cholera und Typhus

bringt, die weißen Tressen schimmern — und wo dennoch von den alten Zeiten

nichts mehr sein wird, — in diesem Augenblick wirst du wie ein

Geistesgestörter durch die Petersburger Prospekte rennen.

Wenn dort hinter der blinkenden Glastür der schwere Kupferstab seinen Platz

verlassen hätte, dann würde sicher, sicher hier weniger von Typhus und Cholera

zu merken sein; China würde nicht so voll Unruhe gären; Port Arthur wäre nicht

gefallen; unser Amurgebiet wäre nicht von Zöpfen überflutet und die Reiter des

Dschingis-Khan nicht aus ihren vielhundertjährigen Gräbern auferstanden.

Aber höre nur, horch: ein Stampfen von Schritten . . . Aus den Uralsteppen

kommt es. Es kommt immer näher, das Stampfen.

Das sind — die eisernen Reiter.

 

Was für ein Tag!

Schon am frühen Morgen hatten die Tröpfchen zu flüstern, zu klatschen, zu

klappern begonnen; von der Meeresküste her türmten sich die nebligen

Filzflecken; paarweise erschienen die Schreiber; der Schweizer mit dem

Dreimaster machte ihnen auf; sie hängten ihre Hüte wie ihre feuchten

Überkleider an die Haken, liefen die mit rotem Tuch belegten Stufen hinauf,

liefen durch das weißmarmorne Vestibül, hoben die Augen zu dem Porträt des

Ministers und gingen in ihre ungeheizten Säle — an ihre kalten Arbeitstische.

Aber die Schreiber schrieben nicht: sie hatten nichts zu schreiben; aus dem

Direktorzimmer kamen keine Papiere; das Direktorzimmer war leer; wohl

brannten im Kamin lohend Holzscheite. Aber über dem massiven Eichentisch

neigte sich nicht der kahle Kopf mit den geschwollenen Adern an den Schläfen,

die tiefsitzenden Augen wandten sich nicht gegen den Kamin, wo in lustiger

Kornblumenschar giftige Rauchwölkchen emporringelten. Das Direktorzimmer

war leer.

An diesem Tag war Apollon Apollonowitsch nicht in sein Arbeitszimmer

geschritten.

Das Warten wurde bereits langweilig; ein bescheidenes, fragendes Flüstern

ging von Tisch zu Tisch; Gerüchte schoben sich von einem zum anderen;

Gespenster huschten durch die Luft; im Zimmer des Vizedirektors knatterte die

Telephonglocke.

»Noch nicht herausgekommen? . . . Unmöglich! . . . Sagen Sie, wird dringend

erwartet . . . nicht möglich . . .«

Zum zweiten Male knattert das Telephon:

»Haben Sie ausgerichtet? . . . Noch immer beim Frühstück? . . . Sagen Sie,

Exzellenz wird dringendst verlangt . . .«

Der Vizedirektor stand mit bebendem Unterkiefer vor dem Telephon; er

machte mit den Armen Gesten des vollständigen Unbegreifens; er wartete eine,

anderthalb Stunden; dann setzte er seinen überhohen Zylinder auf und stieg die

teppichbelegte Treppe hinunter. Die Haustür flog auf vor ihm; er bestieg einen

Wagen . . .

Zwanzig Minuten später betrat er das Vestibül des gelben Hauses und

erblickte mit Erstaunen seinen Vorgesetzten, Apollon Apollonowitsch

Ableuchow, im Morgenrock von widerwärtiger, mausgrauer Farbe, mit unruhig

auf ihn gerichteten: Blick hinter der Statue der Niobe stehen.

»Apollon Apollonowitsch!« rief der grauhaarige Ritter des Annaordens und

richtete hierbei eilig seinen Halsorden unter der Krawatte zurecht. Er erblickte

hinter der Niobe das unrasierte, mit Haarstoppeln bedeckte Kinn.

»Apollon Apollonowitsch, da sind Sie? Und ich, wir warteten und warteten;

telephonierten immer wieder.«

»Ich . . . mm—mmä . . . ordnete meine Bibliothek . . . Verzeihen Sie,

Väterchen, daß ich Sie . . . so . . . empfange.«

Er zeigte mit den Händen auf seinen Morgenrock.

»Was haben Sie, krank? A—a—a: Sie scheinen etwas aufgedunsen. Das ist

sicherlich die Wassersucht?« — und er berührte ehrfurchtsvoll den mit Staub

bedeckten Finger des Vorgesetzten.

Apollon Apollonowitsch ließ den Staublappen auf das Parkett niedergleiten.

»Daß Sie gerade jetzt krank wurden! . . . Ich komme mit Neuigkeiten . . . Ich

muß Ihnen zu — einem Generalstreik in Merowetrinsk gratulieren . . .«

»Woher nehmen Sie? . . . Ich . . . mm—mmä . . . bin gesund . . .« Das Gesicht

des Alten verzog sich in Falten. (Die Nachricht vom Generalstreik nahm er

gleichgültig auf; er schien sich nicht mehr über etwas wundern zu können.) —

»Bitte nur einzutreten; so viel Staub, wissen Sie . . .«

»Staub?«

»Da hab’ ich mit dem Lappen . . .«

Der Vizedirektor mit dem wallenden Backenbart verneigte sich ehrfurchtsvoll

vor der gekrümmten Ruine und bemühte sich immerfort, auf das wichtige Papier

zu kommen, das er im Salon auf ein Perlmuttertischchen vor sich hinlegte.

Doch Apollon Apollonowitsch unterbrach ihn wieder:

»Staub, wissen Sie, der enthält Mikroorganismen, die verschiedene Krankheiten hervorrufen. Ich habe ihn deswegen mit dem Staublappen . . .«

Plötzlich sprang die graue Ruine aus dem Empiresessel auf und stieß, sich mit

der einen Hand auf die Lehne stützend, mit der anderen gegen das Papier.

»Was ist das?«

»Wie ich Ihnen, Exzellenz, soeben mitteilte . . .«

»Nein, gestatten Sie . . .« Apollon Apollonowitsch bückte sich rasch über das

Papier: er wurde auf einmal jünger, sein Gesicht wurde weiß und rosig (rot

konnte es nicht mehr werden).

»Warten Sie! . . . Aber sie sind dort alle verrückt geworden! . . . Man braucht

meine Unterschrift? Neben dieser Unterschrift?!«

»Apollon Apollonowitsch! . . .«

»Ich gebe meine Unterschrift nicht.«

»Aber es ist eine Revolte!«

»Setzen Sie Iwantschenko ab . . .«

»Iwantschenko ist schon abgesetzt: haben Sie es vergessen?«

»Ich gebe meine Unterschrift nicht . . .«

Mit verjüngtem Gesicht latschte er in seinen Pantoffeln auf und ab durch den

Salon, die Hände auf dem Rücken, mit unanständig geöffnetem Morgenrock, die

Glatze tief nach vorn gebeugt; er näherte sich dem erstaunten Gast und begann

auf ihn mit Speichel zu spritzen:

»Wie konnten die dort sich das nur denken? Etwas anderes ist eine — feste

administrative Gewalt, und wieder etwas anderes ist eine direkte Verletzung der

gesetzlichen Regeln . . .«

»Apollon Apollonowitsch« — versuchte der Beamte den Alten zur Vernunft

zu bringen, »Sie sind ein Mann von festem Willen, Sie sind ein Russe . . . Wir

hofften . . . Nein, Sie werden doch sicherlich unterschreiben.«

Apollon Apollonowitsch drehte einen Bleistift zwischen zwei knöchernen

Fingern; er blieb stehen, sah mit scharfem Blick in das Papier hinein und:

knisternd brach der Bleistift in zwei Stücke; erregt band er darauf die

Gürtelschnur seines Morgenrockes fest, seine Kinnladen zitterten vor Zorn.

»Ich gehöre, Väterchen, zur Schule Plehwe . . . Ich weiß, was ich tue . . . Das

Huhn geht nicht zu den Eiern in die Lehre . . .«

»Mmä—mä . . . Ich — gebe — meine — Unterschrift — nicht . . .«

Schweigen.

»Mmä—mm—mä . . . Mä—ä—mmä . . .«

Und er blies seine Wangen auf . . .

Der Herr mit dem wallenden Backenbart stieg mit bedenklicher Miene die

Treppe hinunter; es war ihm klar: die Karriere des Senators Ableuchow, an der er

lange Jahre gebaut hatte, ist nun zu Staub geworden. Nachdem der Vizedirektor gegangen war, schritt Apollon Apollonowitsch lange zornig auf und ab, im Salon

zwischen den Empirestühlen. Dann verließ er den Raum und erschien gleich

wieder mit einer riesigen Mappe unterm Arm, die er auf das Perlmuttertischchen

legte. Dann läutete er und befahl dem Diener, ein Feuer im Kamin zu machen.

Ein toter Kopf blickte über die Notabene, die Fragezeichen, Gedankenstriche,

Paragraphen, über die nun letzte Arbeit, zum Kaminfeuer hinüber; die Lippen

murmelten:

»Macht nichts . . . So—so . . .«

Mit boshaftem Lächeln und zusammengekniffenen Augen dachte der kahle

Senatorenkopf an den vollendeten Karrieristen, der soeben das Haus verlassen

hatte, der es gewagt hatte, ihm, Ableuchow, den Vorschlag zu machen, sein

bisher reines Gewissen durch eine Konzession zu beflecken und der jetzt

sicherlich sprühend vor Wut durch die schmutzigen Straßen raste . . .

»Ich bin, meine Herrschaften, einer aus der Schule Plehwe . . . Ich weiß, was

ich tue . . . Ja, ja, meine Herrschaften . . .«

Der scharf gespitzte Bleistift hüpfte zwischen den Fingern; der scharf

gespitzte Bleistift fiel als kleine Splitter auf das Papier nieder; das ist ja seine

letzte Arbeit; in einer Stunde wird diese Arbeit gemacht sein; in einer Stunde

wird er sich mit dem Hohen Amt telephonisch verbinden lassen und ihm die mit

dem Geiste kaum zu fassende Nachricht überbringen.

 

Der Wagen raste an die Karyatide des Portals heran; die Karyatide rührte sich

nicht; er rührte sich nicht, der bärtige Alte, der das Portal des Hohen Amtes

stützte.

Das Jahr achtzehnhundertundzwölf hatte ihn aus den Wäldern befreit;

achtzehnhundertfünfundzwanzig stürmten die Dezembertage an ihm vorbei.

Vorüber sind diese Stürme! Vorüber sind auch die jüngsten Stürme von

neunzehnhundertundfünf!

Mann mit dem steinernen Bart!

Alles hatte er gesehen, was um ihn geschah, und was zu geschehen aufgehört

hatte. Doch wird er niemals davon erzählen.

Er erinnert sich der zwei Vollblutrosse, die der Kutscher mit festem Zug an

der Leine vor dem Portal anhielt; von den schweren Gruppen stieg der Dampf in

Wolken auf; ein General mit Dreimaster auf dem Kopfe, in einem Mantel mit

Biberkragen, sprang graziös aus dem Wagen und lief unter lauten »Hurras« zur

Glastür, die sich ihm öffnete.

Dasselbe »Hurra« klang ihm entgegen, als der General später auf den Balkon

hinaustrat. Der bärtige Mann unter dem Balkon kennt diesen Namen noch heute.

Aber er nennt ihn niemandem.

Er wird niemandem von der Dirne erzählen, die heute nacht unten auf den

Stufen des Portals gekauert und geweint hatte.

Er wird niemandem von dem Minister erzählen, der, bis vor kurzem, hier

täglich zu erscheinen pflegte: er trug einen Zylinder auf dem Kopf; in seinen

Augen lag eine grünliche Tiefe; wenn er aus dem leichten Schlitten heraustrat,

glättete er seinen gepflegten graumelierten Bart mit der grau behandschuhten

Hand.

Er ging mit hastigen Schritten durch die Glastür, um dann in Nachdenklichkeit

versunken an den Fenstern stehenzubleiben.

Dort, an jenem Fenster, sah man das blasse, blasse Gesicht an die Scheibe

gedrückt; der zufällige Passant würde in dem blassen Fleck an der Scheibe wohl

kaum das Gesicht des Mannes vermutet haben, der von da aus die Schicksale

Rußlands lenkte.

Der bärtige Alte kannte ihn; und er erinnert sich seiner, niemals und nie wird

er von ihm erzählen! . . .

Und — Ruhe seiner Asche . . .

Auch der Schweizer mit dem Stab, der über dem »Börsenkurier«

schlummerte, auch er kannte das leiddurchzogene Gesicht gut. Wetscheslaw

Konstantinowitsch hat, Gott sei Dank, noch niemand im Hohen Amt vergessen;

aber an, seligen Angedenkens, Kaiser Nikolaus Pawlowitsch erinnert sich keiner

mehr: man erinnert sich nur der weißen Säle, der Säulen, der Balustraden.

Der bärtige Alte aber, er erinnert sich seiner.

Aus der Unzeit her, wie über der Linie der Zeit schweben, steht er gebeugt da:

über der pfeilgeraden Straße oder — über der bitteren, salzigen, fremden

menschlichen Träne?

 

Der kahle Kopf hebt sich empor, der mephistophelische, greisenhaft welke Mund

lächelt; rötliche Flämmchen zucken durch das Gesicht; Flämmchen blinken in

den Augen, aber es sind steinerne Augen; blau in grünlichen Höhlen; kalte,

erstaunte Blicke, und — kalt, kalt. Gespenstisch entflammen Zeit, Sonne, Licht.

Das ganze Leben nichts als — ein Gespenst. Lohnt es sich? Nein, es lohnt sich

nicht:

»Ich bin, meine Herrschaften, aus der Schule Plehwe . . . Ich, meine

Herrschaften . . . Ich—mmä—mmä«

Der kahle Kopf senkt sich.

 

Im Hohen Amt hüpfte ein Flüstern von Tisch zu Tisch; plötzlich ging die Tür

auf; ein Beamter mit kalkweißem Gesicht sprang ans Telephon: