Petersburg
Als klagte jemand
»Pas — de — quatre, s’il vous plait!«
Und hinter ihm her flog willenlos das engelhafte Geschöpf.
Rauchwolken von Zigaretten stiegen im Rauchzimmer auf; Rauchwolken
stiegen im Vorzimmer auf. Hier streifte ein kleiner Kadettenschüler seinen
Handschuh von der Hand und fächelte sich mit ihm Luft zu; zwei kleine
Mädchen, eng umschlungen, flüsterten hier einander Geheimnisse, die vielleicht
soeben aufgetaucht waren; die Schwarzhaarige sagte es der Blonden, und die
Blonde kicherte und knapperte erregt an ihrem duftigen Batisttüchlein.
Im Vorzimmer stehend, konnte man auch einen Blick in das von Gästen
vollgestopfte Speisezimmer werfen; dort wurden Butterbrote, Früchte in großen
Schalen, Wein und Brauselimonade herumgereicht.
In dem grell erleuchteten Saal blieb jetzt der Tapeur ganz allein zurück; er
legte seine Noten zurecht, trocknete sich sorgfältig die heißen Finger, fuhr mit
einem weichen Läppchen über die Tasten, legte die Notenhefte säuberlich
übereinander und ging, einem langbeinigen, schwarzen Vogel gleich, ein wenig
unentschlossen — während die Diener ungeachtet seiner Anwesenheit im Saal
die Fenster zum Lüften öffneten — in die Richtung des lackierten Vorzimmers.
Dort weiter irrte auch der Professor der Statistik einher, der bis dahin (wie auf
Kohlen) im Salon gesessen war; er stieß jetzt auf den liberalen Leiter einer
Kreisverwaltung, der einsam und gelangweilt im Durchgang stand, erkannte ihn,
lächelte ihm freundlich zu, und wie geängstigt, daß dieser ihm davonlaufe,
ergriff er mit zwei Fingern einen Knopf dessen Rockes, gleichsam als
Rettungsanker; und nun hörte man:
»Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Der jährliche Salzverbrauch eines
normalen Holländers . . .«
Und wieder hörte man:
»Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Spaniers . . .«
»Nach den Ergebnissen der Statistik . . .«
Als klagte jemand
In diesem Augenblick sprang ein zehnjähriges Mädchen aus dem Mittelzimmer
heraus; es sah in den soeben noch vollen, jetzt durch Leere schimmernden,
verlassenen Saal. Am Eingang des Vorraumes ging leise die Tür auf; der
geschliffene, diamantensprühende Türgriff bewegte sich geheimnisvoll, und in
den schmalen Raum zwischen Tür und Wand schob sich vorsichtig eine
schwarze Maske herein; zwei glänzende Funken leuchteten durch die Augenausschnitte derselben.
Das zehnjährige Kind gewahrte diese Maske mit den zwei bös funkelnden
Punkten in den Ausschnitten, dann einen wallenden schwarzen Spitzenbart und
schließlich einen atlasrauschenden, faltenreichen Domino; erschreckt führte das
Kind die Finger zu den Augen, dann aber lächelte es freudig, klatschte mit den
Händchen und lief mit dem Schrei: . . . »Die Masken sind angekommen!« durch
die Flucht der Zimmer, in deren bauschigen Tabaksrauchwolken sich die Gestalt
des Professors mit seinen Elefantenbeinen nebelhaft zeichnete.
Der Kreisverwaltungsbeamter, der inzwischen festen Fuß gefaßt hatte, sah
verwundert den Domino an und faßte sich aus Verlegenheit wieder an den Bart;
der Domino aber flehte ihn gleichsam stumm an, ihn nicht aus dem Hause in den
Schmutz der Petersburger Straßen, in den bösen, dicken Nebel zu jagen.
»Sagen Sie, bitte, sind Sie eine — Maske?«
Schweigen.
Die Maske flehte; schweigend irrte sie durch den Saal.
Aus der Ferne kam inzwischen eine zwitschernde Schar, um den Domino zu
sehen; doch bei seinem Anblick verstummte das lustige Gezwitscher und ging in
ein hauchendes Flüstern über; endlich verstummte auch das Flüstern; eine
schwere Stille trat ein.
Der arme Domino: als wäre er bei einem Vergehen ertappt — er neigte sich
vor, und sein vorgestreckter roter Arm flehte gleichsam alle an, ihn nicht aus
dem Hause in den Petersburger Straßenschmutz, in den bösen, feuchten Nebel zu
jagen.
»Sag, Domino, bist du es am Ende, der durch die Petersburger Straßen
herumläuft?«
»Meine Herrschaften, haben Sie heute die ‚Tagesneuigkeiten‘ in der Zeitung
gelesen?«
»Warum?«
»Aber da steht wieder etwas über den roten Domino.«
»Meine Herrschaften, das ist alles Unsinn.«
So rief über die bunten Köpfchen der jungen Mädchen der kleine Kadett
hinweg und richtete, sicher zielend, eine Papierschlange gegen den Domino.
Einen Augenblick schwebte der papierene Bogen in der Luft; als sein Ende mit
leichtem Knistern die Maske erreichte, schrumpfte der Bogen zusammen und
fiel schlaff auf den Boden; diesen Scherz ließ der Domino unbeantwortet und
streckte nur flehend die Arme vor.
»Gehen wir, meine Herrschaften.«
Und die Schar lief davon.