Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 46 von 103

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Petersburg

Als klagte jemand

»Pas — de — quatre, s’il vous plait!«

Und hinter ihm her flog willenlos das engelhafte Geschöpf.

Rauchwolken von Zigaretten stiegen im Rauchzimmer auf; Rauchwolken

stiegen im Vorzimmer auf. Hier streifte ein kleiner Kadettenschüler seinen

Handschuh von der Hand und fächelte sich mit ihm Luft zu; zwei kleine

Mädchen, eng umschlungen, flüsterten hier einander Geheimnisse, die vielleicht

soeben aufgetaucht waren; die Schwarzhaarige sagte es der Blonden, und die

Blonde kicherte und knapperte erregt an ihrem duftigen Batisttüchlein.

Im Vorzimmer stehend, konnte man auch einen Blick in das von Gästen

vollgestopfte Speisezimmer werfen; dort wurden Butterbrote, Früchte in großen

Schalen, Wein und Brauselimonade herumgereicht.

In dem grell erleuchteten Saal blieb jetzt der Tapeur ganz allein zurück; er

legte seine Noten zurecht, trocknete sich sorgfältig die heißen Finger, fuhr mit

einem weichen Läppchen über die Tasten, legte die Notenhefte säuberlich

übereinander und ging, einem langbeinigen, schwarzen Vogel gleich, ein wenig

unentschlossen — während die Diener ungeachtet seiner Anwesenheit im Saal

die Fenster zum Lüften öffneten — in die Richtung des lackierten Vorzimmers.

Dort weiter irrte auch der Professor der Statistik einher, der bis dahin (wie auf

Kohlen) im Salon gesessen war; er stieß jetzt auf den liberalen Leiter einer

Kreisverwaltung, der einsam und gelangweilt im Durchgang stand, erkannte ihn,

lächelte ihm freundlich zu, und wie geängstigt, daß dieser ihm davonlaufe,

ergriff er mit zwei Fingern einen Knopf dessen Rockes, gleichsam als

Rettungsanker; und nun hörte man:

»Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Der jährliche Salzverbrauch eines

normalen Holländers . . .«

Und wieder hörte man:

»Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Spaniers . . .«

»Nach den Ergebnissen der Statistik . . .«

 

Als klagte jemand

 

In diesem Augenblick sprang ein zehnjähriges Mädchen aus dem Mittelzimmer

heraus; es sah in den soeben noch vollen, jetzt durch Leere schimmernden,

verlassenen Saal. Am Eingang des Vorraumes ging leise die Tür auf; der

geschliffene, diamantensprühende Türgriff bewegte sich geheimnisvoll, und in

den schmalen Raum zwischen Tür und Wand schob sich vorsichtig eine

schwarze Maske herein; zwei glänzende Funken leuchteten durch die Augenausschnitte derselben.

Das zehnjährige Kind gewahrte diese Maske mit den zwei bös funkelnden

Punkten in den Ausschnitten, dann einen wallenden schwarzen Spitzenbart und

schließlich einen atlasrauschenden, faltenreichen Domino; erschreckt führte das

Kind die Finger zu den Augen, dann aber lächelte es freudig, klatschte mit den

Händchen und lief mit dem Schrei: . . . »Die Masken sind angekommen!« durch

die Flucht der Zimmer, in deren bauschigen Tabaksrauchwolken sich die Gestalt

des Professors mit seinen Elefantenbeinen nebelhaft zeichnete.

Der Kreisverwaltungsbeamter, der inzwischen festen Fuß gefaßt hatte, sah

verwundert den Domino an und faßte sich aus Verlegenheit wieder an den Bart;

der Domino aber flehte ihn gleichsam stumm an, ihn nicht aus dem Hause in den

Schmutz der Petersburger Straßen, in den bösen, dicken Nebel zu jagen.

»Sagen Sie, bitte, sind Sie eine — Maske?«

Schweigen.

Die Maske flehte; schweigend irrte sie durch den Saal.

Aus der Ferne kam inzwischen eine zwitschernde Schar, um den Domino zu

sehen; doch bei seinem Anblick verstummte das lustige Gezwitscher und ging in

ein hauchendes Flüstern über; endlich verstummte auch das Flüstern; eine

schwere Stille trat ein.

Der arme Domino: als wäre er bei einem Vergehen ertappt — er neigte sich

vor, und sein vorgestreckter roter Arm flehte gleichsam alle an, ihn nicht aus

dem Hause in den Petersburger Straßenschmutz, in den bösen, feuchten Nebel zu

jagen.

»Sag, Domino, bist du es am Ende, der durch die Petersburger Straßen

herumläuft?«

»Meine Herrschaften, haben Sie heute die ‚Tagesneuigkeiten‘ in der Zeitung

gelesen?«

»Warum?«

»Aber da steht wieder etwas über den roten Domino.«

»Meine Herrschaften, das ist alles Unsinn.«

So rief über die bunten Köpfchen der jungen Mädchen der kleine Kadett

hinweg und richtete, sicher zielend, eine Papierschlange gegen den Domino.

Einen Augenblick schwebte der papierene Bogen in der Luft; als sein Ende mit

leichtem Knistern die Maske erreichte, schrumpfte der Bogen zusammen und

fiel schlaff auf den Boden; diesen Scherz ließ der Domino unbeantwortet und

streckte nur flehend die Arme vor.

»Gehen wir, meine Herrschaften.«

Und die Schar lief davon.