Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 6 von 103

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Petersburg

Quadrate, Parallelepipede, Kuben

Bürger sozusagen) sah sich geängstigt um; er sah in die graue, abgeschlissene

Straße; er zirkulierte durch die Endlosigkeit der Straßen, überwand, ohne

Murren, diese Endlosigkeit, im endlosen Fluß ebensolcher Subjekte wie er, unter

dem Rennen, Rasseln, Klappern der Droschken, fern von sich die melodischen

Stimmen der Automobilrouladen und des anwachsenden Geräusches (das dann

allmählich wieder verhallte) der gelbroten Trambahnen, unter ununterbrochenem

Rufen der Zeitungsverkäufer.

An diesem düsteren Petersburger Morgen flogen die schweren Flügeltüren des

prunkvollen gelben Hauses auf: das gelbe Haus blickte mit all seinen Fenstern

auf die Newa. Ein Lakai mit rasiertem Gesicht, mit Goldtressen an den

Reversen, sprang aus dem Entresol hervor, um dem Kutscher ein Zeichen zu

geben. Die grauen, scheckigen Pferde zogen an und rollten zum Vestibül den

Wagen heran, der ein altes Adelswappen trug: ein Einhorn, einen Ritter

durchbohrend.

Als Apollon Apollonowitsch Ableuchow in grauem Mantel und Zylinder mit

steinernem, einem Briefbeschwerer ähnlichem Gesicht, im Gehen den schwarzen

Wildlederhandschuh anziehend, rasch im Vestibül erschien und noch rascher die

Wagenstufe betrat, wurde der Gesichtsausdruck eines gerade vorübergehenden

braven Polizisten im Nu noch dümmer, und er streckte sich starr in Positur.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow warf einen flüchtigen, verlorenen Blick

auf den Polizisten, auf den Wagen, den Kutscher, auf die große schwarze

Brücke, auf den Newaspiegel, hinter dem sich neblige, vielschlotige Fernen

zeichneten und von wo her ängstlich die Wassiljewski-Insel hervorblickte.

Der graue Lakai schlug eilig die Wagentür zu. Der Wagen rannte in den Nebel

hinein: der zufällig vorübergehende Polizist, erschüttert von allem Gesehenen,

blickte lange, lange über die Schulter in den schmutziggrauen Nebel dem

fortgerasten Wagen nach; dann seufzte er und ging weiter; bald verschwanden

im Nebel auch die Schultern des Polizisten wie alle Schultern, Rücken, alle

grauen Gesichter und alle schwarzen, nassen Regenschirme in diesem Nebel

verschwanden. In dieselbe Richtung warf auch der würdige Lakai einen Blick; er

blickte dann nach rechts, nach links, auf die Brücke, zuletzt auf die weite Fläche

der Newa . . .

 

Quadrate, Parallelepipede, Kuben

 

He, he . . .«

So schrie der Kutscher . . .

Und die Räder spritzten auf alle Seiten Straßenkot.

Der Wagen raste auf den Newskij-Prospekt. Apollon Apollonowitsch

Ableuchow wiegte sich auf dem Atlaspolster des Sitzes; von dem Dreck der

Straße war er durch vier perpendikuläre Wände getrennt; war auch von den

vorbeiflutenden Menschenmengen getrennt, von den trübselig nassen, roten

Umschlägen der Gassenblättchen, die an der Straßenkreuzung dort verkauft

wurden.

Die Regelmäßigkeit und Symmetrie beruhigten die Nerven des Senators, die

durch Unebenheiten des häuslichen Lebens und dem hilflosen Kreisen unseres

Staatsrades erregt waren.

Harmonische Einfachheit war das Kennzeichen seines Geschmacks.

Am meisten liebte er die geradlinige Straße; diese Straße mahnte ihn an den

Fluß der Zeit, zwischen zwei Punkten des Lebens.

Nasse, glitschrige Straßen: Häuser in Kubusform als regelmäßige fünfstöckige

Reihen; von der Linie des Lebens unterscheiden sich dieselben nur in einer

Beziehung: diese Reihen hatten weder Ende noch Anfang. Begeisterung erfüllte

jedesmal die Seele des Senators, wenn sein lackierter Kubus wie ein Pfeil die

Linie des Newskij durchschnitt. Dort hinter den Fensterscheiben liefen die

Nummern der Häuser vorbei, eine Zirkulation ging dort vor sich; dort

schimmerten an klaren Tagen von weit, weit her blendend: die goldene Spitze1),

die Wolken, der rote Strahl des Sonnenuntergangs; und dort sah man an nebligen

Tagen — nichts, niemand.

Weiter aber waren die Linien der Newa, der Inseln.

Apollon Apollonowitsch liebte diese Inseln nicht: die Bevölkerung dort waren

Fabrikarbeiter, roh; ein vieltausendköpfiger Menschenschwarm wälzte sich dort

morgens zu den vielschlotigen Fabriken; er wußte, jetzt zirkulierte dort der

Browning. Und noch an etwas anderes dachte Apollon Apollonowitsch: Die

Bewohner der Inseln zählen zu der Bevölkerung des Russischen Reiches; auch

dort ist die allgemeine Volkszählung durchgeführt: auch sie haben numerierte

Häuser, Polizeireviere, Staatsinstitute; der Insulaner ist: Advokat, Schriftsteller,

Arbeiter, Polizeibeamter; er hält sich für einen Bürger Petersburgs, doch ist er

Bürger des Chaos, er bedroht des Reiches Residenz aus herannahender Wolke

. . . Apollon Apollonowitsch wollte nicht weiter denken: voll Unruhe sind diese

Inseln — niederstampfen, niederstampfen! Durch das Eisen einer riesigen

Brücke an den Boden festschmieden und in alle Richtungen durch Straßenpfeile

durchbohren . . . Und so verträumt blickend in die Endlosigkeit der Nebel,

wuchs der Staatsmann aus dem schwarzen Kubus seines Wagens heraus, dehnte

sich auf alle Seiten und reckte sich in die Höhe empor; er wünschte, sein Wagen möge vorwärts rasen, daß die Straßen ihm entgegen flögen — eine Straße nach