Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 55 von 103

PDF-Seiten

Petersburg

Der Brief

beinahe in den Spiegel hineingerannt.

Apollon Apollonowitsch wandte dem Spiegel den Rücken zu; und — dort,

dort: im Zimmer, zwischen Saal und Salon, sah Apollon Apollonowitsch den

widerlichen Domino (den Bastard), der in das Lesen eines (sicher widerlichen)

Briefes (sicher unanständigen Inhalts) vertieft war. Apollon Apollonowitsch

hatte nicht den Mut, den Sohn zur Rede zu stellen.

Bald vernahm Apollon Apollonowitsch ein Murmeln und Flüstern und merkte

da und dort ein spöttisches Lächeln; er bemerkte auch, daß das konvulsivische

Tanzen plötzlich aufgehört hat; das beruhigte für einen Augenblick sein

aufgewühltes Gemüt. Aber dann ging es wieder mit erschreckender Klarheit

durch seinen Kopf: sein Sohn sei ein ganz miserabler Kerl; denn nur ein ganz

miserabler Kerl konnte sich in so abscheulicher Weise aufführen: einige Tage

hintereinander einen roten Domino anziehen, einige Tage hintereinander eine

Maske vors Gesicht binden; einige Tage hintereinander die jüdische Presse in

Aufregung halten . . .

Apollon Apollonowitsch gedachte jetzt auf seinen Posten verzichten zu

müssen: er konnte den Posten nicht annehmen, ehe er die Schmach

weggewaschen hatte, die seinem Geschlecht durch das Benehmen des Sohnes

(immerhin ein Ableuchow) zugefügt wurde . . .

Mit diesen trüben Gedanken reichte er den Anwesenden seinen Finger und

lief, von Wirt und Wirtin geleitet, aus dem Salon. Und als er in seinem Lauf

durch den Tanzsaal angsterfüllt gegen die Wände blickte — dabei fand er den

hellerleuchteten Saal viel zu groß —, sah er deutlich, wie ein Häufchen grauer

Matronen miteinander tuschelte.

An Apollon Apollonowitschs Ohr gelangte nur das Wort — Hühnchen.

Apollon Apollonowitsch haßte die Hühnchen, die mit weggeschnittenen

Köpfen in den Basaren verkauft werden.

 

Der Brief

 

Nikolai Apollonowitsch befand sich in einem dunklen Traum, im dunkelsten

Naßkalt der Straße, in das die Laterne hartnäckig einen rötlichen Fleck

hineinzuleuchten bemüht war.

Nach ein paar Schritten bemerkte Nikolai Apollonowitsch mit Gleichmut, daß

ihm die Beine fehlten; unordentlich patschten durch den Schmutz weiche

Körperteile; vergeblich bemühte er sich, diese weichen Körperteile in gewünschter Richtung zu bewegen; sie weigerten sich, ihm zu gehorchen; sie

hatten wohl äußerlich die Form von Beinen: aber Beine waren es nicht;

unwillkürlich ließ sich Nikolai Apollonowitsch auf eine Stufe vor dem

Nachbarhause nieder; so saß er, gehüllt in seinen Wintermantel, wohl eine

Minute lang.

Das war ganz natürlich in seiner Lage (sein ganzes Benehmen war durchaus

natürlich); ebenso natürlich war es, daß er den Mantel aufschlug, in den Taschen

suchte und das Briefchen hervorzog; wieder und wieder las er es, bemüht, darin

eine Spur von Scherz oder Spott zu entdecken; aber nichts davon gelang ihm . . .

»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages teilen wir Ihnen mit,

daß der Würfel nun auf Sie fiel. Sie haben unverzüglich an die Sache zu gehen

— und« . . . hier konnte Nikolai Apollonowitsch nicht lesen, denn da stand der

Name seines Vaters — doch weiter: »Das nötige Material in der Gestalt der

Bombe mit dem Uhrmechanismus wurde Ihnen seinerzeit übergeben; Eile ist

geboten; es ist erwünscht, daß die Angelegenheit schon in den nächsten Tagen

erledigt ist . . .« Weiter folgte — die Parole: Nikolai Apollonowitsch kannte die

Parole wie die Schrift gut. Es war die Schrift des »Unbekannten«. Er hatte schon

öfters Briefe von dem »Unbekannten« erhalten.

Zweifel waren ausgeschlossen.

Nikolai Apollonowitsch bemühte sich, nicht zu denken, nicht zu verstehen:

denken, verstehen . . . konnte man denn so etwas verstehen; das kam einfach und

zwang und würgte . . . darüber denken hieß sich ins Wasser stürzen . . . Zu

denken gab es da nichts, denn . . . das war . . . Na, wie war es nur zu bezeichnen?

. . .

Nein, niemand vermochte hier etwas zu denken.

Nikolai Apollonowitsch suchte sich an Äußeres zu klammern: da ist die

Karyatide an der Einfahrt; nichts weiter: eine Karyatide . . . Doch — nein, nein!

Gar keine Karyatide: er hatte eine solche noch nie gesehen: sie hängt gerade

über einer Flamme. Und dort ist — ein Haus: nichts weiter — ein Haus.

Nein, nein, nein!

Es ist kein einfaches Haus, wie alles andere nicht einfach ist: alles in ihm hat

sich verschoben, hat sich von den Wurzeln losgelöst, er selbst hat sich von

seinen eigenen Wurzeln losgelöst und sieht von irgendwoher (für ihn ganz

unbekannt), wo er noch nie gewesen, seine Umgebung.

Da sind nun auch Beine — nichts weiter — Beine . . . Nein, nein! Es sind

keine Beine, es sind ganz weiche, unnötig baumelnde Körperteile.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich schwer von der Stufe. Nikolai

Apollonowitsch trat in ein leeres Gäßchen.

Das Gäßchen war leer, wie alles: wie dort oben die Ferne; so leer, wie die menschliche Seele sein kann. Für einen Augenblick bemühte sich Nikolai

Apollonowitsch, an die transzendenten Dinge zu denken; daran, daß die

Geschehnisse dieser vergänglichen Welt nicht im geringsten das unsterbliche

Zentrum berühren und daß selbst das denkende Hirn nur ein

Bewußtseinsphänomen sei; daß, soweit er, Nikolai Apollonowitsch, in dieser

Welt handelte, er — nicht er sei; sondern nur — vergängliche Materie; sein

wirklicher, beschauender Geist kann ihm noch immer den Weg erleuchten;

erleuchten trotz diesem; beleuchten — selbst . . . dieses . . . Doch dieses umgab

ihn, umgab ihn von allen Seiten wie ein Zaun; zu seinen Füßen sah er nur eine

Pfütze.

Und nichts leuchtete.

Das Bewußtsein Nikolai Apollonowitschs bemühte sich vergeblich zu

leuchten; es leuchtete nicht. Die furchtbare Dunkelheit blieb, wie sie war. Sich

ängstlich umsehend, erreichte er mit schleichenden Schritten den hellen

Laternenfleck. Er begann wieder zu lesen. Die Gedanken entflogen dem

Bewußtseinszentrum wie eine Schar betäubter, vom Sturm gepeitschter Vögel;

aber auch dieses Zentrum gab es nicht mehr: es gab nur noch ein düsteres Loch,

vor dem Nikolai Apollonowitsch verloren stand, wie vor einem tiefen Brunnen.

Wann und wo war er schon einmal so gestanden? Er suchte sich dessen zu

entsinnen, aber es gelang ihm nicht. Und wieder begann er:

»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages«, las er und wollte

einen Punkt entdecken, den er beanstanden konnte; doch er fand keinen.

»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages« . . . Er hatte in der Tat

den Vorschlag gemacht, aber er hatte ihn später vergessen; wohl fiel er ihm

nachträglich wieder ein, aber dann folgten die Ereignisse der allerletzten Zeit,

folgte der Domino; verwundert blickte Nikolai Apollonowitsch auf diese

Vergangenheit zurück; er fand sie einfach albern; eine Dame mit hübschem

Gesichtchen füllte sie aus; nichts weiter — eine Dame, eine Dame, eine Dame!

. . .

»Wir teilen Ihnen mit, daß der Würfel auf Sie fiel«, las Nikolai

Apollonowitsch, als er hinter seinem Rücken Schritte vernahm; er wandte sich

um und ging dem Herannahenden entgegen; er erblickte Hut, Mantel, Stock, ein

kleines Vollbärtchen und eine Nase: das alles ging an ihm vorbei, ohne ihn zu

beachten (er hörte nur die Schritte und das sich überschlagende Pochen des

Herzens).

Er wandte sich wieder dem Brief zu.

»Das nötige Material in Gestalt einer mit Uhrmechanismus versehenen

Bombe ist Ihnen seinerzeit übergeben worden« . . . Es war ihm nichts übergeben

worden, nein, nichts! Es tauchte etwas wie eine Hoffnung in ihm auf, alles wäre nur — Spaß . . . Eine Bombe? Nein, er hatte keine Bombe! Ja, ja — keine!!