Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 72 von 103

PDF-Seiten

Petersburg

Die helfende Hand

»Wie kann ich es aber wissen! . . .«

Nikolai Apollonowitsch richtete die nichtsehenden Augen auf Alexander

Iwanowitsch; dann blickte er die Straße an: wie sich die verändert hat!

»Weiß ich’s denn? Mir ist damit nicht geholfen . . . Ich schlief diese Nacht

nicht . . .«

Eine Droschke mit aufgestelltem Dach sauste den Fahrdamm hinauf: wie sich

dieser verändert hat, wie haben die rauhen Tage auch ihn mitgenommen!

Ein Windstoß kam von der Bucht her: die letzten Blätter fielen herunter; es

wird keine mehr bis zum Mai geben; wie viele werden im Mai nicht mehr sein!

Diese heruntergefallenen Blätter sind, wahrlich — die letzten. Alexander

Iwanowitsch wußte alles genau, was kommen wird: es werden blutige, ja blutige,

grauenvolle Tage kommen; dann wird alles versinken; zieht nur, zieht hin, ihr

letzten, unvergleichlichen Tage!

O, windet euch, weht durch die Luft, ihr letzten Blätter! Wieder ein müßiger

Gedanke . . .

 

Die helfende Hand

 

Er war also auf dem Ball?«

»Ja, er war dort . . .«

»Er sprach mit Ihrem Vater?«

»Ja, und er erwähnte auch Ihren Namen . . .«

»Dann trafen Sie ihn im Gäßchen? . . .«

»Und er führte mich ins Restaurant . . .«

»Und nannte sich?«

»Morkowin . . .«

»Teufelsspuk!«

 

Als sich Alexander Iwanowitsch von dem Anblick der wehenden Blätter

losgerissen hatte und zur Wirklichkeit zurückgekehrt war, merkte er, daß Nikolai

Apollonowitsch mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, sogar ein paar Schritte

vorauseilend, redete; er gestikulierte; senkte das Profil mit dem unangenehmen,

langgezogenen Mund; er erinnerte an eine tragische antike Maske, die mit der

Beweglichkeit einer Eidechse kein einheitliches Ganzes darzustellen vermochte:

kurz, er sah aus wie ein Heupferdchen mit starr-unbeweglichem Antlitz.

Alexander Iwanowitsch machte nur hier und da eine Bemerkung:

»Und dabei sprach er von der Polizei?«

»Ja, er drohte mit der Polizei . . .«

»Und behauptete, eine solche Drohung wäre im Sinne der Partei, und die

Partei billige so etwas? . . .«

»Na ja, sie billige es . . .« Nikolai Apollonowitsch sagte es etwas gereizt und

versuchte einzuwenden:

»Sie werden sich erinnern, daß auch Sie seinerzeit sagten, die Vorurteile der

Partei . . .«

»Was hab’ ich gesagt?« rief lebhaft und streng Dudkin.

»Soweit ich mich erinnere, meinten Sie, die Vorurteile der unteren

Parteischichten werden von den oberen nicht geteilt . . .«

»Unsinn!« Dudkins ganzer Körper zuckte, und er beschleunigte den Schritt.

Nikolai Apollonowitsch suchte seine Hand aufzufangen; er antwortete wie ein

Schuljunge auf Dudkins Fragen und lächelte unnatürlich. Dann fuhr er fort zu

erzählen, was alles in dieser Nacht geschehen war: von dem Ball, von den

Masken, von der Flucht aus dem Ballsaal, von der Begegnung am Tor, von dem

Zettel und endlich von dem stinkenden Restaurant.

Es waren vollständige Fieberphantasien.

Der Teufelsspuk hat alles durcheinander gebracht; alle wären sie schon längst

wahnsinnig geworden, wenn dasjenige, was rettungslos zugrunde richtet,

wirklich existierte.

 

Schwarze Menschenschwärme wälzten sich ihnen entgegen: Hunderte von

schwarzen Hüten hoben und senkten sich wie Wellen. Ihnen entgegen schoben

sich lackierte Zylinder; wie Dampferschornsteine erhoben sie sich über den

Wellen; eine Straußfeder schäumte vor ihnen auf; Tellermützen lächelten sie an:

blaue, gelbe und rote Mützen.

Von überall her lugten zudringliche Nasen.

Nasen schoben sich in Mengen daher: Adlernasen, Hahn-, Enten- und

Hühnernasen; und so weiter, und so weiter; dort wieder eine auf die Seite

gebogene Nase; dann wiederum eine, die nicht gebogen war: grünliche, grüne,

blasse, weiße und rote Nasen.

All das wälzte sich ihnen entgegen auf der Straße: sinnlos, eilend, massenhaft.

Nikolai Apollonowitsch, der mit bittenden Gesten Dudkin folgte, kaum

imstande, ihn einzuholen, konnte sich noch immer nicht entschließen, mit der

Hauptfrage hervorzutreten, die sich aus der Tatsache: der Schreiber des

schrecklichen Briefes konnte unmöglich im Auftrage der Partei gehandelt haben,

ergab; das war es aber, was ihn jetzt ausschließlich beschäftigte: diese Frage war

ja für ihn von äußerster Wichtigkeit — seiner praktischen Konsequenzen wegen; und sie füllte sein ganzes Hirn aus.

»Sie glauben also — Sie glauben also, es hat sich in das Ganze ein Irrtum

eingeschlichen?«

Nachdem er diesen zögernden Versuch gemacht hatte, an die ihn

beschäftigende Frage heranzugehen, fühlte Nikolai Apollonowitsch, wie

brennende Ameisen über seinen Körper zu kriechen begannen: wie, wenn das

alles nur ein Verstellungsspiel war? dachte er, und die Angst packte ihn von

neuem.

»Sie sprechen von dem Brief?« hob Alexander Iwanowitsch die Augen,

nachdem er sich von dem Strom von Köpfen, Hüten, Schnurrbärten losgerissen

hatte.

»Selbstverständlich — nicht nur ein Irrtum . . . Es ist nicht nur ein Irrtum: es

ist ein niederträchtiger Schwindel in der ganzen Sache. Das Unsinnige ist

tadellos durchgeführt und verrät ein sicher gestecktes Ziel: sich in die

Beziehungen zweier eng miteinander verknüpften Menschen zu drängen, sie

verwirrt zu machen und so in einem Chaos die Parteiaktion zu ertränken.«

»Dann helfen Sie mir aus der . . .«

»Eine unglaubliche Verhöhnung,« unterbrach ihn Dudkin, »ein Hineinziehen

von Klatsch und Schauermärchen . . .«

»Dann flehe ich Sie an, raten Sie mir . . .«

»Und zu all dem mengte sich Verrat; es riecht nach Verhängnis, nach

Grauenhaftem . . .«

»Ich weiß nicht . . . Ich bin ganz verwirrt . . . Ich . . . ich habe diese Nacht

nicht geschlafen . . .«

»All das ist ein Schauermärchen . . .«

Von Mitleid übermannt, streckte Alexander Iwanowitsch Ableuchow die Hand

entgegen; dabei merkte er, daß Nikolai Apollonowitsch viel kleiner war als er

(Nikolai Apollonowitsch war eben nicht mit Größe gesegnet).

»Versuchen Sie Ihre ganze Kaltblütigkeit zu bewahren . . .«

»Mein Gott! Sie haben leicht von Kaltblütigkeit reden; ich habe diese Nacht

nicht geschlafen . . . ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll . . .«

»Warten Sie . . .«

»Werden Sie zu mir kommen?«

»Ich sage Ihnen: warten Sie; ich werde Ihnen aus der Sache heraushelfen.«

Er sagte es so überzeugt und sicher, ja, fast feierlich, daß sich Ableuchow

sofort beruhigte; aber die Wahrheit gesagt, überschätzte Alexander Iwanowitsch

in seiner Aufwallung von Mitleid, die Möglichkeit für ihn zu helfen, in hohem

Grade . . . In der Tat: in welcher Weise konnte er helfen? Er war ein Einsamer,

durch die konspirative Stellung von der Außenwelt Abgesonderter; die Konspiration schnitt ihm den Weg selbst zur Parteitätigkeit ab; dem Komitee